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Jährlich erkranken rund 300 000 Menschen an Demenz

Strategien gegen das Vergessen

Schubs mich in die Weser, sobald es so weit ist!“ Das sagte ein etwa 50-jähriger Mann zu seiner Frau, in der Pause einer Veranstaltung zum Thema Demenz in Rinteln. Die Umstehenden nickten bestätigend und äußerten sich ähnlich: Nichts könne schlimmer sein, als im Alter völlig zu verblöden; man müsse es irgendwie schaffen, sich vorher das Leben zu nehmen; Alzheimer sei so schrecklich, dass es richtig schwer falle, länger darüber nachzudenken. Zuvor hatte ein Mann im Publikum gefragt, ob es Möglichkeiten gäbe, sich gegen Demenz-Erkrankungen zu schützen. „Nein!“, hieß die Antwort von Dr. Wilmut Wolf, dem Vorsitzenden der Alzheimergesellschaft Hameln. Der mit Abstand größte Risikofaktor für eine Demenz sei das Alter. „Und alt werden, das wollen wir doch alle.“

veröffentlicht am 04.06.2014 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 29.05.2017 um 17:26 Uhr

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Wie seltsam dagegen, mit jemandem wie Ralf Ober zu sprechen, dem Leiter des Seniorenheimes vom Reichsbund Freier Schwestern in Rinteln, und mit der Pflegedienstleiterin Marina Heise. „Lieber Demenz als zum Beispiel einen Schlaganfall“, sagt Ralf Ober. Und Martina Heise: „Wenn ich nun mal schwer erkranken muss im Alter, dann wähle ich die Demenz.“ In einem Umfeld, das sich auf diese Art der Erkrankung eingestellt habe, könne man als Mensch mit Demenz durchaus glücklich und zufrieden sein. „Ja, Orientierungsfähigkeit, Gedächtnis, Denkvermögen, das alles geht immer mehr verloren“, so Ralf Ober. „Doch die Gefühle überleben bis zuletzt. Und dafür, dass es überwiegend gute Gefühle sind, kann man eine ganze Menge tun.“

Fast könnte man meinen, die beiden machten mit solchen Aussagen Werbung für ihr Seniorenheim, das zum allergrößten Teil demenzerkrankte Bewohner beherbergt, nicht anders übrigens als fast alle anderen Seniorenheime auch: Je älter die Bevölkerung insgesamt wird, desto häufiger werden Krankheiten wie Alzheimer, von denen in Deutschland gegenwärtig etwa 1,4 Millionen Menschen betroffen sind. Jedes Jahr kommen, so gibt es die deutsche Alzheimergesellschaft bekannt, 300 000 Neuerkrankungen dazu. Fast 16 Prozent aller über 80-Jährigen, über 40 Prozent der über 90-Jährigen sind betroffen. Liegt es vielleicht daran, dass Fachleute wie Ralf Ober und Marina Heise lieber „gut Wetter“ machen als Angst zu schüren?

Der Hamelner Dr. Wilmut Wolf, Internist im Ruhestand, der sich in seinem Berufsleben vornehmlich mit alten Patienten und deren besonderen Anliegen beschäftigte, er kann beides: Mit großer Nüchternheit über eine in der Tat schreckenerregende Krankheit referieren und zugleich dazu ermutigen, sich vor allem als Angehörige erkrankter Menschen umfassend über den Charakter der Demenz kundig zu machen. „Wer nicht weiß, dass es sich bei der Demenz um eine unwiderrufliche Erkrankung des Gehirns handelt, bei der Nervenzellen und die Verbindungen zwischen Nervenzellen zugrunde gehen, der läuft meistens in eine schlimme Falle, nämlich den Erkrankten verändern, gewissermaßen therapieren zu wollen, damit er sich wieder normal benehmen soll“, sagt er. Das habe dann aufreibende, zur Verzweiflung treibende und völlig sinnlose Streitigkeiten zur Folge.

Es nützt nichts, auf

Schwächen oder böse Absicht hinzuweisen

Deshalb zeigt er Angehörigen, die in die Demenzsprechstunde der Alzheimer-Gesellschaft Hameln-Pyrmont kommen, zu allererst Aufnahmen eines erkrankten Gehirns, auf denen deutlich zu sehen ist, dass es weitgehend zerstört ist. Vor allem Koordinations- und Gedächtnisfähigkeiten sind von dieser Zerstörung betroffen. „Wenn ein Erkrankter Lebensmittel im Kleiderschrank deponiert, oder einfach scheinbar unverschämt vom Teller seines Nachbarn im Restaurant nascht, oder zum zehnten Mal fragt, ob man Zucker zum Kaffee wünsche, dann nützt es nichts, ihn genervt auf diese Schwächen hinzuweisen oder gar, ihm böse Absicht, zumindest kränkende Gleichgültigkeit zu unterstellen“, sagt er. „Die Realität eines Demenzkranken ist nicht mehr dieselbe wie die von gesunden Menschen. Und sie finden auch nicht mehr dahin zurück.“

Dieses Wissen darum, dass es sich bei einer Demenz eher um die Folgen einer organischen Erkrankung handelt, denn um den Ausdruck eines individuellen Willens, dass man also nicht im Sinne einer gleichberechtigten Beziehung reagieren sollte, sondern im Bewusstsein, einem kranken Menschen gegenüberzustehen, ob das ein Trost ist?

Wilmut Wolf immerhin bringt eine Reihe von Beispielen an, aus denen deutlich wird: Nur wer aus diesem Wissen heraus reagiert, hat eine Chance, etwas Gutes im Umgang mit erkrankten Menschen zu sehen. „Den Verwirrten auszuschimpfen, sich mit ihm zu streiten, ihm klarmachen zu wollen, dass er sich irrt, wird alles nur noch schlimmer machen“, sagt er. „Menschen mit Demenz bewegen sich in einer Rätselwelt. Sie verstehen nicht, warum sie mit dem, was sie tun, ständig anecken. Was sie eigentlich suchen ist – Geborgenheit.“

Das bestätigen auch Ralf Ober und Marina Heise. „Bis vor vielleicht 20 Jahren galt ein im Nachhinein geradezu katastrophales Konzept für den Umgang mit demenzkranken Menschen, das sogenannte ,Realitäts-Orientierungstraining‘“, so der Seniorenheimleiter. Wie verloren sich ein Kranker fühlen muss, der „nach Hause“ will, und dann erklärt man ihm immer wieder neu, er habe kein Zuhause mehr, seine Verwandten seien alle tot oder wollten ihn nun mal nicht sehen, das ergäbe ein sich geradezu unendlich wiederholendes Leid, so, als würde jemand täglich zum ersten Mal erfahren, dass er ganz allein dastehe in der Welt. „Dabei ist das ,Zuhause‘, nachdem die alten Menschen sich sehnen, sowieso meistens das längst vergangene Zuhause aus der Kindheit, eine Welt, in der es, zumindest in der Erinnerung, irgendwie stimmig und richtig zuging. Worum es geht: Ein derartiges Gefühl des Zuhauseseins zu vermitteln.“

Das Handwerkszeug dazu kann auch jeder Angehörige bis zum gewissen Grad erlernen. „Validation“ heißt hier das Zauberwort. Ursprünglich bedeutet dieser Begriff, die Gültigkeit einer Aussage zu bestätigen, sie für „wert“, also richtig und angemessen zu halten. Im Rahmen der Pflege von demenzkranken Menschen könnte man ihn mit dem Begriff „Wertschätzung“ übersetzen, Wertschätzung dessen, was der Kranke zum Ausdruck bringt, verbunden mit dem Versuch, sich in seine Gefühlslage einzufühlen und auf diese Gefühle einzugehen. „Es geht darum, die Gefühle, die hinter einer Handlung stehen, als real anzusehen, wertzuschätzen, zu bestätigen, dass man sie anerkennt“, sagt Martina Heise. „Das ist fast die einzige Ebene, auf der man dem kranken Gegenüber das Gefühl des Verstandenwerdens geben kann.“

Deshalb auch nehme die Biografiearbeit in der Pflege eine so wichtige Stellung ein. „Je mehr wir vom Leben eines Kranken wissen, desto besser können wir auf ihn eingehen, also auf die Kindheit zu sprechen kommen, die Eltern, den Ehemann und wie ein Paar sich kennenlernte. Es ist dann leichter, auf Gefühle wie Wut, Traurigkeit oder Sehnsucht zu reagieren, nämlich indem man die Realität der Gefühlswert bestätigt und dann zu etwas Positivem aus der Vergangenheit überlenkt“, erklärt sie. Das Prinzip der „Validation“ sei so erfolgreich, dass sie sich über die Demenzerkrankten selbst kaum Sorgen mache. „Viel schwerer ist es für die Angehörigen, diese Art der Wertschätzung durchzuhalten.“ So sieht es auch Dr. Wilmut Wolf. „Viele meinen zunächst, es sei geradezu verlogen, den dementen Menschen nicht in dem, was er sagt, ernst zu nehmen“, meint er. „Manche reiben sich lieber in ewigem Streit auf, statt zu akzeptieren, dass man nicht mehr derselben Persönlichkeit wie immer gegenübersteht.“ Sein Rat für Angehörige: Hilfe suchen!

Zuhause ist dort,

wo man nicht ständig an Grenzen stößt

Drei Möglichkeiten liegen da nahe: Sich einer Selbsthilfegruppe anzuschließen und im Austausch mit anderen nicht nur hilfreiche Tipps zu erhalten, sondern vor allem zu erfahren, dass auch andere den manchmal ziemlich verrückten Alltag mit einem Demenzkranken kennen und durchstehen; einen der vielen ehrenamtlichen, speziell geschulten Seniorenbegleiter zu engagieren, und sich damit eine Aus- und Erholungszeit zu gestatten; und schließlich die Unterbringung in einem Heim einzuleiten. „Das ist weniger schlimm, als es sich zunächst anhört“, sagt er. „Zu Hause hat eben bei den meisten kaum noch etwas mit Geografie zu tun, sondern mit einer Umwelt, in der man nicht ständig an Grenzen stößt.“

Auch Ralf Ober und Pflegedienstleiterin Marina Heise halten einen guten Rat parat für alle, die Angst davor haben, selbst im Alter an Demenz zu erkranken. „Ich lege schon jetzt ein Biografiebuch an, als Hilfe für diejenigen, die mich einmal betreuen werden“, sagt Marina Heise. Und Ralf Ober: „Niemand weiß, ob er selbst mal Alzheimer bekommt. Also sage ich: Lebe gut und so, dass wenigstens die Jahre vor der Krankheit schön waren.“

Immer mehr Menschen leiden unter Demenz. Die Krankheit kann jeden treffen, und sie beschäftigt nicht nur die Angehörigen von Erkrankten. Kann man der vielleicht kommenden Demenz schon frühzeitig etwas entgegensetzen? Manche legen sich in dieser Vorausschau ein sogenanntes Biografiebuch gegen das Vergessen an.



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