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Experten warnen: In Niedersachsen setzen Gülle und Mais dem Trinkwasser zu

Stille Wasser sind tief

Marlies Albers ist Geschäftsführerin der Wasserversorgung Wallenhorst, die die 25 000-Einwohner-Gemeinde mit Trinkwasser versorgt. Vor nicht allzu langer Zeit hatte sie ein Problem: Ein Trinkwasserbrunnen musste aufgegeben werden, weil die Nitratwerte zu hoch waren. In Niedersachsen ist jede fünfte Grundwasser-Messstelle so hoch mit Nitrat belastet, dass sie als Quelle für Trinkwasser unbrauchbar ist. Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) hat für sich auch schon die Verursacher ausgemacht: Niedersachsen beheimatet etwa die Hälfte aller Masthühnerställe Deutschlands. Und tatsächlich leben hierzulande mehr als vier Mal so viele Masthühner (36,5 Millionen) wie Einwohner (7,9 Millionen) – Tendenz steigend.

veröffentlicht am 15.11.2013 um 00:00 Uhr

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Autor:

von elmar stephan, maresa lohmann Und Lars Lindhorst

„Das ist ein Riesenproblem in Niedersachsen“, sagt Florian Schöne, Agrarexperte beim Naturschutzbund Deutschland. Das Land zwischen Ems und Elbe sei die „Spitze des Eisbergs“, was die zunehmende Belastung des Trinkwassers mit dem gesundheitsschädlichen Nitrat betreffe. Der Forschung zufolge gebe es eine Reihe von Faktoren, die „diesen bedenklichen Trend anheizen“. Durch die großen Massentierställe komme viel Gülle aufs Feld. Dann werde verstärkt Mais angebaut, der viel Dünger vertrage. Hinzu komme der anhaltende Verlust von Weideflächen, Grünlandumbruch genannt. Auf den früheren Weideflächen werde jetzt vor allem Mais angebaut, und das meist ohne andere Zwischenfrüchte, die den Dünger aufnehmen könnten, bevor er vom Regen ausgewaschen und tiefer in den Boden bis zum Grundwasser gelange, sagt Schöne. Dünger enthält Stickstoff, der schließlich durch Umwandlungen zu Nitrat wird.

Konzentration unter Grenzwert – durch

große Anstrengungen

In Hameln liegt der aktuelle Nitratgehalt des Trinkwassers bei 24,8 Milligramm pro Liter und damit unter dem zugelassenen Grenzwert von 50 Milligramm pro Liter. Im Juni wurde den Stadtwerken Hameln zufolge festgestellt, dass die Überwachung des Grundwassers in den Brunnen und Gütemessstellen zeige, „dass die Nitratgehalte nicht ansteigen“. Die Werte, die die Stadtwerke Rinteln und die Stadtwerke Schaumburg-Lippe in Bückeburg auf ihren Internetseiten veröffentlichen, deuten ebenfalls nicht auf eine zu hohe Nitratkonzentration im Trinkwasser hin. Beispiel Rinteln: Dort hatte eine Trinkwasserprobe (Stand 2012) einen Nitratwert von 21,4 Milligramm pro Liter. In Bückeburg wurde ein Nitratwert von 24,9 Milligramm pro Liter ermittelt – beide Proben liegen auch hier deutlich unter dem geltenden Grenzwert.

Die heimische Region als Insel der Glückseligen?

Trinkwassergewinnung in Hameln: Hier sind nach Aussage der Stadtwerke alle Werte in Ordnung.

Nicht unbedingt: Dass es ein landesweites Problem ist, das sieht auch einer der großen Wasserversorger in Niedersachsen, der Oldenburgisch-Ostfriesische Wasserverband (OOWV), so. Das Trinkwasser ist noch in Ordnung. Aber es sei nur eine Frage der Zeit, wann der jetzt bodennah ermittelte Nitratgehalt in der Tiefe der Förderbrunnen ankomme, sagt Verbandssprecher Lutz Timmermann. Im Wasserschutzgebiet Thülsfelde im Kreis Cloppenburg sei durch Wasserschutzbemühungen die Konzentration von 96 Milligramm im Jahr 2001 auf 63 Milligramm im Jahr 2006 erreicht worden. „2011 waren wir wieder bei 90 Milligramm angelangt“, sagt Timmermann. Die Nitratfrachten, die heute in den Boden eindringen und erst in 10 bis 50 Jahren die tieferen Bereiche der Grundwasserleiter erreichten, bereiteten dem OOWV Sorge. „Diese Hypothek dürfen wir nachfolgenden Generationen nicht aufbürden“, meint Timmermann.

Auch aus diesem Grund

stellen die heimischen Wasserversorger seit Jahren große Anstrengungen an, den Nitratgehalt in den Böden zu reduzieren. Im Wesertal bei Großenwieden, einem der größten Trinkwasser-Gewinnungsgebiete hierzulande, wurde der Nitratwert über 20 Jahre hinweg knapp halbiert. Mehr noch: Dort werden nach Angaben der Stadtwerke Schaumburg-Lippe mittels etlicher Messstellen Bereiche identifiziert, die besonders zur Nitratbelastung im Grundwasser beitragen. So könne der Weg des Grundwassers zu den Förderbrunnen nachvollzogen werden, darüber hinaus könne die Tiefenverteilung des Nitrats in den einzelnen Stromkanälen des Grundwassers bestimmt werden. Das Projekt liefert Ergebnisse, mit denen die Versorger für das Wasserschutzgebiet Großenwieden viel anfangen können: Lehmige Böden weisen nur einen geringen Nitrat-Austrag vor. Lehmig sind gut 80 Prozent der Böden im Bereich Großenwieden. Heißt aber auch: Die Nitratfreisetzung kann in den humusreichen Auenböden in der Weserniederung deutlich höher sein als die der höher gelegenen Lößböden. Zudem spiele die Art der landwirtschaftlichen Nutzung eine große Rolle im Hinblick auf die Nitratkonzentration im Grundwasser. Während extensiv genutztes Grünland eine Nitratkonzentration von etwa fünf Milligramm pro Liter hervorrufe, weise Ackerland dagegen schon rund 48 Milligramm pro Liter auf.

Dennoch warnt auch der Niedersächsische Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) vor einem Nitratanstieg. 2009 seien an 193 Messstellen Nitratwerte oberhalb des Grenzwertes von 50 Milligramm pro Liter Wasser überschritten worden, 2012 an 202 Messstellen. An Trinkwasserbrunnen sei aber nicht gemessen worden. Das Trinkwasser in Niedersachsen sei noch von einwandfreier Qualität. „Im Mittel liegt die Konzentration von Nitrat im Trinkwasser bei etwa zehn Milligramm pro Liter.“

Die Politik habe das Problem erkannt, sagt Nabu-Experte Schöne. Es müsse massiv gegengesteuert werden, sonst ließen sich EU-Vorgaben zur Wasserqualität nicht einhalten. Schon die alte Landesregierung unter Agrarminister Gert Lindemann (CDU) hatte an einer Verschärfung der Gülleverordnung gearbeitet. Seitdem müssen Landwirte ihre Güllemengen zweimal jährlich der Landwirtschaftskammer melden.

Die mittlerweile rot-grüne Landesregierung will mit einigen Maßnahmen das Problem in den Griff kriegen. Geplant ist zum Beispiel ein Güllekataster im nächsten Jahr oder ein landesweites Nährstoffmanagement. „Weitere Anpassungen der Düngeverordnung sind für die Zukunft geplant“, heißt es beim NLWKN.

„Die Landwirte sind sich des Problems bewusst“, sagt die Sprecherin des Bauernverbands Landvolk, Gabi von der Brelie. Die Bauern bemühten sich, dass die Gülle entsprechend den Umwelt- und Trinkwasserschutzbestimmungen auf die Felder gebracht werde.

Die Versorger aus den Trinkwassergebieten zwischen Hameln, Hessisch Oldendorf, Rinteln, Bückeburg und Bad Pyrmont haben sich zu einer Kooperation zusammengeschlossen (IG Weser). Gemeinsam versorgen sie rund 200 000 Menschen mit Wasser, unterhalten 23 Wasserwerke und über 50 Tiefenbrunnen und Quellen. Die Interessengemeinschaft setzt dabei auf eine enge Kooperation mit den Landwirten in der Region – auch mit dem Ziel, die Nitratkonzentration in den Böden durch spezielle Düngemittel zu reduzieren.

Niedersachsen gehört zu den größten Agrarländern Deutschlands. Aber der Boom bei der Massentierhaltung und den Biogasanlagen hat eine Schattenseite: Die Werte von gesundheitsschädlichem Nitrat im Grundwasser steigen – so warnen Experten. Ein prüfender Blick in unsere Region.



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