weather-image
11°

Steinhuder Meer: Warum Fischer sich Ottern beugen müssen

Vor knapp drei Jahren haben Tierschützer von einer Sensation am Steinhuder Meer gesprochen: Der Fischotter hatte sich wieder angesiedelt. Seit Jahrzehnten galt „Lutra Lutra“, wie sich der Fischotter im Lateinischen nennt, am Steinhuder Meer als ausgestorben. Dann tappte ein Exemplar des selten gewordenen Wassermarders im Mai 2010 in die Fotofalle der Ökologischen Schutzstation Steinhuder Meer (ÖSSM). Seither gibt es etliche weitere Foto-Beweise über die Existenz des Fischotters an Niedersachsens größtem Binnensee.

veröffentlicht am 01.02.2013 um 14:57 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 13:23 Uhr

270_008_6151565_hi_otter2.jpg
Lars Lindhorst

Autor

Lars Lindhorst Reporter zur Autorenseite

Doch seit sich der Fischfresser das Steinhuder Meer als Lebensraum zurückerobert hat, stehen Tierschützer und Fischerei-Vertreter im Dauerstreit. Naturschutzverbände betrachten insbesondere die Reusen der Fischer als gefährliche Todesfalle für die bedrohten Otter. Die Fischer wiederum klagen an: Wegen des großen Appetits von Lutra Lutra schwinden ihre Fänge.

Der Konflikt ist festgefahren: Von ihren Positionen abweichen will offenkundig niemand der Parteien. Bei der zuständigen Unteren Naturschutzbehörde, der Region Hannover, im niedersächsischen Umweltministerium und auch im Landwirtschaftsministerium bemühen sich Behördenvertreter um eine einvernehmliche Lösung zwischen Naturschützern und Fischern. Erreicht hat man in drei Jahren jedoch nicht viel.

Gestern landete der Fall vor dem Verwaltungsgericht in Hannover: Der Verband „Aktion Fischotterschutz“ mit Sitz im niedersächsischen Hankensbüttel hat den verpflichtenden Einsatz von sogenannten Otterkreuzen in den Fischerreusen gefordert. Geklagt hatte der Verband gegen die Region Hannover und die Fischereibetriebe. „Der Fischotter hat erfreulicherweise am Steinhuder Meer wieder Fuß gefasst“, sagt Mark Ehlers, Vorsitzender der „Aktion Fischerotterschutz“. „Diese bedrohte und hochgradig geschützte Tierart muss aber vor der intensiven Reusenfischerei geschützt werden.“

Seit 2010 ist der Fischotter wieder am Steinhuder Meer zu Hause. Wie groß die Population derzeit ist, lässt sich nicht genau sagen. Foto: rnk

Die speziellen Otterkreuze, die der Verband nun den Fischern auferlegen will, sind im Hankensbütteler Otterzentrum entwickelt worden. Sie verhindern, dass die Otter in die Reusen gelangen, aus denen sie nicht wieder herauskommen und ertrinken. Tierschützer Ehlers macht deutlich: Man wolle die Reusenfischerei am Steinhuder Meer ja gar nicht gänzlich verbieten, lediglich durch Otterkreuze verhindern, dass die Tiere in die Netze hinein schwimmen, weil die Öffnungen durch die Gitter verengt würden.

Die bis zu 550 Reusen, die zu den Fangzeiten im Steinhuder Meer ausgeworfen werden, sind ein „Tischlein deck dich“ für die Fischotter. Das gibt auch Ehlers unumwunden zu. Klar, das gehe auf Kosten der Fischer und ihrer Fangzahlen.

Völlig unverständlich für Ehlers aber ist, dass das Steinhuder Meer zwar auch beliebtes Naherholungsgebiet für Wassersportler, Wanderer und Radfahrer ist, dennoch als europäisches FFH-Schutzgebiet ausgewiesen worden ist. Der Fischotter gehört seit Ende der 90er Jahre ebenfalls europaweit zu einer schützenswerten Tierart nach FFH-Richtlinien. Und demnach sei alles zu tun, um die Lebensräume des Otters zu schützen. „Ein Tier, das derartigen Schutzstatus genießt, muss dann auch tatsächlich geschützt werden“, meint der Otterschutz-Vorsitzende.

Aus Sicht der Fischer haben die Otterkreuze einen entscheidenden Nachteil: Der verengte Reuseneingang verhindere eben auch, dass sich Fischarten wie Karpfen, Brassen oder Hechte in den Reusen sammeln. Sie sind zu groß, um durch die Gitter hindurch zu schwimmen. Der Einsatz der Otterkreuze sei deshalb nicht praktikabel, argumentiert der Landesfischereiverband Niedersachsen. Dass die Fischotter durch Ertrinken in den Reusen in ihrem Bestand bedroht seien, erkennt der Fischereiverband wiederum nicht an. Studien hätten gezeigt, dass viele Otter eher durch den Straßenverkehr ums Leben kommen, als in Reusen zu ertrinken. Medienberichten zufolge hatte Carsten Brauer, Vorsitzender des Landesfischereiverbandes, im letzten Sommer sogar angeboten, die Reusen weit entfernt von den Uferzonen aufzustellen, in den sich die Fischotter gewöhnlich aufhalten. Eine Einigung zwischen Fischern und Naturschützern hat es trotzdem nicht gegeben. „Wir eiern seit Jahren herum“, sagt Mark Ehlers zur Klage vor dem Verwaltungsgericht. „Jetzt muss mal eine Lösung her.“

Nach dem gestrigen Urteil ist zumindest eines klar: Die Fischotter dürfen nicht mehr ungehindert in die Fischreusen schwimmen. Das hat das Verwaltungsgericht untersagt. Ob die von den Tierschützern favorisierten Otterkreuze dabei eingesetzt werden, ist noch offen.Das Gericht schreibt lediglich irgendeine technische Schutzvorrichtung vor.

Wie groß die Fischotter-Population am Steinhuder Meer tatsächlich ist, können Experten nicht genau sagen. Zwar gibt es laut Thomas Brandt, wissenschaftlicher Leiter der ÖSSM, unzählige Bildnachweise, doch: „Wir können nicht genau sagen, wie viele einzelne Fischotter wir fotografiert haben“. Nach Schätzungen des Naturschutzbunds Nabu leben in Deutschland etwa 1200 Fischotter, überwiegend an Uferbereichen von Flüssen und Seen und im flachen Wasser. Die Population am Steinhuder Meer sei nicht sehr groß, meint Brandt, aber Weibchen, die mit ihren Jungen gesichtet worden waren, belegten eindeutig, dass sich die Tiere vermehren.

Die 2010 entdeckten Wassermarder vom Steinhuder Meer sind laut Brandt die „ersten Nachweise nach über 40 Jahren“ gewesen. Davor waren die Wassermarder als Fischdiebe so verhasst, dass die Population in weiten Teilen Europas schrumpfte. Noch heute fallen die Fischotter unter das Jagdrecht, weil sie aber unter Artenschutz stehen, müssen sie ganzjährig vom Abschuss verschont bleiben.

Für Thomas Brandt ist eindeutig, dass sich die Fischer nur schwerlich dem Naturschutz beugen wollen. Das hat Tradition am Steinhuder Meer. Streitigkeiten zwischen Naturschützern und Fischerei-Vertretern keimen immer wieder auf. Die Auseinandersetzung um den Fischotterschutz ist ein sich zwar schon lange hinziehender, aber nur weiterer Teil eines fortlaufenden Konflikts zwischen Ökologie und Ökonomie.

Als der Hauptfischereipächter des Meeres, ein Betrieb aus Emden in Ostfriesland, vor mehr als einem Jahrzehnt ein Fischverarbeitungs-Gebäude am Hagenburger Kanal bauen wollte, fand man sich schon einmal vor Gericht zusammen. Damals hatte der Naturschutzbund Nabu gegen die Baugenehmigung geklagt, die der Landkreis Schaumburg erteilt hatte. Die Naturschützer unterlagen; das Gericht entschied, dass die Baugenehmigung rechtskräftig sei. Gebaut wurde das Gebäude dann allerdings nicht. Heute wird der Fang aus dem Steinhuder Meer per Lkw zur Verarbeitung nach Emden gefahren.

Vor drei Jahren dann ein erneuter Rechtsstreit: Diesmal ging es um einen anderen Fischfresser, der den Fischern ein Dorn im Auge war – der Kormoran. Fischer hatten vor dem Verwaltungsgericht geklagt, die Kormorane gezielt abschießen zu dürfen. Die Region Hannover hatte den Fischern zuvor die Genehmigung verweigert, im Uferbereich des Steinhuder Meeres im Zeitraum von August bis März monatlich 23 Kormorane zu töten. Die Fischer machten die Kormorane dafür verantwortlich, dass ihr Fischertrag in den vergangenen Jahren deutlich zurückgegangen sei.

Bis März, wenn die Fischereisaison wieder losgeht, müssen sich die Fischer nun geeignete Maßnahmen für ihre Reusen einfallen lassen. Derzeit sind Otterkreuze die einzig erprobte und Erfolg versprechende Variante. Den Fischern wird das nicht gefallen. Aber inzwischen wird mit finanzieller Unterstützung des Umweltministeriums im Otterzentrum Hankensbüttel an anderen Lösungen geforscht, die die Otter vor dem Reusentod bewahren sollen. Laut Mark Ehlers könnten das auch Reusen mit einem „Notausstieg“ für die Otter sein. „Es gibt Entwicklungen mit einer federgestützten Klappe, durch die die Otter wieder hinausschwimmen können oder Modelle mit einer Reißnaht“, erklärt Ehlers. Doch welches Modell am Ende auch immer das Rennen macht: Um weitere Diskussionen, ob die Fischotter denn die Fangzahlen der Fischer einschränken würden, werden die Beteiligten auch in Zukunft nicht herumkommen.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2019
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare
    Kontakt
    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt