weather-image
21°
×

Beliebt zu mancher Gelegenheit – der Kürbis macht vor allem eines: den Anbauern viel Arbeit

Spätsommer in Orange

Kürbisse gehören zu den ältesten Kulturpflanzen der Welt und sie sind inzwischen auch Teil unzähliger Rezeptvorschläge. Auch deshalb werden heute rund 800 verschiedene Sorten gezüchtet. Der Kürbisanbau aber funktioniert nicht mit großen Maschinen, hier ist viel Handarbeit nötig.

veröffentlicht am 03.09.2015 um 13:26 Uhr
aktualisiert am 13.01.2017 um 14:02 Uhr

ri-cornelia2-0711

Autor

Reporterin zur Autorenseite

Wenn Krähen die Kürbisfelder erst entdeckt haben, ist es meist zu spät. Dann fängt für die Kürbisbauern alles von vorne an.

Diese Krähen! Diese unverschämten Räuber! Sie lauern auf die Kürbissamen. Ganz genau beobachtet der Schwarm, wie August Beißners Trecker Vertiefungen in den Ackerboden setzt und seine Familie hinter dem Traktor hergeht, um per Hand die Kürbiskerne hineinzulegen – einen in jedes Loch. Kaum ist die Arbeit getan, da fliegen die klugen Vögel heran und kratzten die Löcher auf, um die leckeren Samen zu rauben. „So was haben wir noch nie erlebt“, sagt Bärbel Beißner. „Wir haben richtig Panik bekommen.“

Sorge muss man immer ein bisschen haben, ob mit dem Kürbiswachstum alles gutgeht. Die Beißners besitzen einen Hof in Westendorf, zu dem die „Kürbisscheune“ gehört, wo alljährlich ein großes Kürbisfest gefeiert wird. Auf zwei Hektar Land rund um den Hof pflanzen sie die Früchte an. Hoffentlich bekommen sie den Mehltaubefall in den Griff, fürchten die Beißners manchmal. Und diese hungrigen Feldmäuse, die nur zu gern die halbreifen Kürbisse anknabbern. Auch die Unkrautpflanze „Melde“ kann Ärger bereiten, jedenfalls wenn sie, wie in diesem Jahr, so hoch wächst, dass einem beim Ernten ständig der juckende Melde-Samen in die Gummistiefel fällt. Aber das sind alles Dinge, die man in den Griff bekommt. „Anfangs brauchen die Kürbisse sehr viel Wasser, aber wenn sich dann die Blätter über der Frucht geschlossen haben, kann kaum noch was passieren“, sagt Bärbel Beißner. Diese verdammten Krähen allerdings, das geht wirklich zu weit!

In höchster Eile bestellten die Beißners neuen Kürbissamen und die Aussaat ging noch einmal von vorne los. Vorsichtshalber legten sie diesmal mehrere Samen in die einzelnen Vertiefungen. Zu ihrem Kürbisfest am 13. September kommen schließlich Hunderte Besucher von nah und fern. Die wissen, dass sie dort eine wahre Kürbis-Pracht erwartet, die kleinen bunten Zierkürbisse ebenso wie die köstlichen tieforangen Hokkaido, die „Bischofsmützenkürbisse“, die wirklich so aussehen, als hätten Bischöfe ihre großen Mützen abgelegt, oder die eigenartigen „Drachenkürbisse“, aus denen man essbare Drachen basteln kann, mit gebeugtem langen Hals. Nur die Organisatoren des Kürbismarktes in Polle, der zeitgleich am 19. September auf der Burg Polle stattfindet, hätten von einer geschlossenen „Kürbisscheune“ vielleicht einen Vorteil gehabt: noch mehr Besucher.

Es ging dann aber doch alles gut mit dem Anbau einer der ältesten Kulturpflanzen der Welt. Archäologische Funde legen nahe, dass die Ureinwohner Südamerikas bereits vor 10 000 Jahren Kürbisse anbauten, wobei zunächst wohl nur die Samen gegessen wurden, da wilder Kürbis wegen seiner vielen Bitterstoffe ungenießbar ist. Die Entdecker Amerikas brachten den kultivierten Kürbis nach Europa, wo man bis dahin höchstens den Flaschenkürbis aus Afrika kannte.

Fünf essbare Kürbisarten gibt es weltweit. Etwa 800 Sorten werden gezüchtet, von denen an die 200 auch in Deutschland erhältlich sind. Inzwischen kann man sogar die meisten Zierkürbisse essen, weil die Bitterstoffe herausgezüchtet wurden.

Während die Laienspielgruppe in Polle, die den jährlichen Kürbismarkt auf der Burg organisiert, ihre Kürbisse zunächst aus Süddeutschland bezog und dann einen Züchter in NRW fand, haben die Beißners von Anfang an vor Ort mit dem Kürbisanbau experimentiert. Ein Geschenkkorb mit Zierkürbissen aus dem Elsass hatte sie so fasziniert, dass sie im nächsten Jahr die französischen Samen aussäten. „Na ja, dabei kamen allerdings höchst seltsame Dinger heraus, das war einfach unkontrollierbar“, erzählt Bärbel Beißner.

Auch als sie dann Züchtersamen einkauften, gab es noch so viel zu lernen. „Ich dachte, es sei sinnvoll, die Pflanzen in Töpfen vorzuziehen und dann erst rauszusetzen. Aber entweder verbrannten sie in der Sonne oder sie verschlammten in zu feuchter Erde.“ Die beste Methode war tatsächlich, die Samen direkt in den Boden zu legen, mithilfe der selbst erfundenen Maschine von August Beißner, die über eine Rolle, die der Uralt-Trecker zieht, entsprechende Vertiefungen macht. Nur alle vier Jahre kann dasselbe Feld wieder mit Kürbissen bepflanzt werden.

Es ist eine altmodisch anmutende Arbeit, der Kürbisanbau. Familie, Freunde und Verwandte helfen mit, um das Unkraut mit der Hacke zu entfernen und gegen Ende August mit der Ernte zu beginnen. Die Stimmung erinnert an die privaten Weinernten in Süddeutschland, wo man gemeinsam arbeitet, sich zu Picknickmahlzeiten in den Schatten setzt, isst, trinkt, plaudert, lacht und sehr stolz ist, die Schufterei gut zu überstehen. Man muss sehr genau darauf achten, ob die zu erntenden Kürbisse auch wirklich reif sind. Klingt es nicht hohl, wenn man sie beklopft, und ist der Stiel nicht grün und gut ausgeprägt, dann faulen sie schnell. Macht man aber alles richtig, dann können die 40 Sorten der Beißners bis Ende Oktober angeboten werden.

Nicht nur die Hokkaido sind besonders beliebt – sie eignen sich sowohl zum Zubereiten köstlicher Gerichte als auch für all den Spaß rund um das Schnitzen von Kürbisköpfen und -laternen. Auch die sogenannten Zierkürbisse haben es in sich. „Die meisten sind sehr gut essbar, und wir haben auch jede Menge Rezeptvorschläge dafür“, sagt Bärbel Beißner.

Der faustgroße „Mikrowellenkürbis“ sei was „für den schnellen Koch“. Er wird tatsächlich in der Mikrowelle gegart und dann ausgelöffelt. Andere höhlt man vorher aus und füllt sie zum Beispiel mit Mett. „Man muss nur auf seinen Bauch hören, dann fällt einem schon was Leckeres ein.“ Die neuen Hokkaido-Sorten stellt man ausgehöhlt und mit Weißbrot, Käse und Sahne gefüllt aufs Backblech. „Sehr köstlich, und da kann man gar nichts falsch machen.“

Was nun die Bedeutung der Kürbisse für „Halloween“ betrifft, so waren es ursprünglich gar nicht Kürbisse, sondern die Runkelrüben, die so gruselig zurechtgeschnitzt wurden, dass sie die bösen Geister aus der „Anderwelt“ abschrecken konnten. Als diese wahrscheinlich von den Iren stammende Tradition sich in Amerika verbreitete, wählte man dort den für Schnitzereien viel leichter zu handhabenden Riesenkürbis aus. Von da aus kam der „Big Pumpkin“, vor dem auch Charlie Brown und seine Peanuts-Freunde so viel Angst haben, nach Deutschland, zusammen mit dem Brauch, dass Kinder finster verkleidet an Haustüren klingeln und „Süßes oder Saures“ verlangen.

Süß oder sauer können auch die Kürbismahlzeiten sein. Die Amerikaner lieben ihren Kürbiskuchen zum Thanksgiving-Fest: Kürbismarmelade, Kürbis-Tiramisu, Kürbis-Bananensuppen, unzählbar sind längst die Dessert-Rezepte, in denen der Kürbis die Hauptrolle spielt. Süß-sauer eingelegter Kürbis gehörte schon immer zu den winterlichen Gemüsebeilagen. Wenn man darauf achtet, dass die Kürbisstücke nicht matschig werden, erst recht aber nicht zu hart bleiben, ist der eingelegte Kürbis eine wunderbare Ergänzung von Fleischgerichten oder Käseplatten. Was Bärbel Beißner auch empfiehlt: die Kürbis-Bowle. Sie schmeckt so ähnlich wie eine Pfirsichbowle und wird mit Mineralwasser, Sekt oder Wein aufgegossen.

Ohne August und Bärbel Beißners kürbisbegeisterte und erfindungsreiche Tochter Alexandra Backhaus wäre es kaum möglich, die „Kürbisscheune“ zu führen. Sie gehörte von Beginn an zum Kürbis-Team dazu und weiht bereits die Enkeltochter in die Geheimnisse des gelingenden Kürbisanbaus ein. Jetzt, wo die Krähen den Hof entdeckt haben und sicher schon auf das nächste Frühjahr und die nächste große Kürbiskern-Mahlzeit warten, kommt eine neue Aufgabe auf alle zu: die Kürbissamen retten.

Wahrscheinlich wird ein schützender Vlies über die Aussaat gelegt. Feldmäuse werden das gar nicht so schlecht finden, aber egal, die holen sich eh immer ihren Teil. Hauptsache, die wirklich frechen Räuber werden in die Schranken verwiesen.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2021
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige