weather-image
19°
×

Langjähriger Dewezet-Chefredakteur Dr. Hermann A. Griesser mit beeindruckendem Roman

Späte Passion des Morgenwanderers

Wie fast jeden Morgen wandert Dr. Stefan Oppenberg durch die am Rand des Wienerwalds gelegenen Weinberge zum Grab seiner Frau auf dem Neustifter Friedhof. Sinnlicher, auch einfühlsamer kann ein Roman, der zum Großteil in Wien spielt, nicht beginnen. Denn tauscht man bei Wien die beiden inneren Vokale, entsteht auch ohne Kelterkunst Wein. Und Tod und Friedhof haben in der so geschichtsträchtigen Donaumetropole schon immer einen besonderen Platz beansprucht.

veröffentlicht am 25.11.2016 um 15:13 Uhr

Autor:

„Erst wann’s aus wird sein, mit aner Musi und mit’n Wein“, heißt es in einem Wienerlied. Stefan Oppenberg, Pensionär und seit einem Jahr von Hannover, wo er eine Rechtsanwaltskanzlei betrieb, wieder in seiner Heimatstadt Wien in die Villa seiner Eltern, die schon vor langer Zeit gestorben waren, zurückgekehrt. Dann ließ er auch seine Frau, die bei einem Flugzeugabsturz tragisch ums Leben gekommen war, umbetten und besucht sie nun als „Der Morgenwanderer“ fast täglich.

An diesem herbstlichen Tagesbeginn beobachtet er einen ebenfalls älteren Herrn, nur zwei Grabreihen entfernt. Neugierig geworden, sucht er, als der Besucher gegangen war, die Grabstätte und liest auf dem Stein den Namen Christoph v. Hellendorf, ein Freund seiner Internatszeit in der Stella Matutina, einem Jesuiten-Internat in einem Vorort von Feldkirch in Vorarlberg. Oppenberg ist sich nicht ganz sicher, da der Grabstein ausschließlich den Namen, aber keine Daten nennt. Tage später, wieder ist der ältere Herr, der sich als Dr. Bürger, einst Richter und Universitätsprofessor, herausstellt, wieder an Hellendorfs Grab. Er bestätigt Dr. Oppenberg, dass es sich tatsächlich um den Freund aus längst vergangenen Tagen handelt. Denn auch Dr. Bürger war Freund des Verstorbenen, der bei einer Gebirgswanderung im Parseier-Gebiet in Tirol ums Leben gekommen war. Die beiden Männer verabreden sich. Treffen sich in der Villa von Dr. Bürger.

Damit beginnt eine ebenso spannende wie anrührende Geschichte, die tief eintaucht in menschliche Schicksale und die verworrenen Szenarien unserer so dramatisch verlaufenen Geschichte. Vom diktatorischen Ständestaat Österreichs über die Zeit der Nazi-Diktatur und deren gerichtliche Aufarbeitung – auch Versäumnissen – bis in DDR-Zeiten. Ein faszinierendes Zeitpanorama.

4 Bilder
Hermann A. Griesser hat den Roman „Der Morgenwanderer“ geschrieben. HAG

Was den Roman „Der Morgenwanderer“ für Hameln zusätzlich spannend macht: Der Autor ist der langjährige Chefredakteur der Dewezet, Dr. Hermann A. Griesser. Unvergessen als Leitartikler, durch unzählige Features und schließlich seine wöchentliche Kolumne „Meine Woche“. Hamelner, die diese Zeit bewusst erlebt haben, erinnern mit Griesser sicher einen blendenden Stilisten und Journalisten, der allemal eindeutig Stellung bezog. Auch gegen Trends und Zeitgeist.

Nun sind journalistische „Schreibe“ und das, was Literatur ausmacht, zwei Formen, die sich nur allzu selten vereinen lassen. Griesser beherrscht beides, wie er in seinem gut 670 Seiten umfassenden Werk jetzt so eindrücklich beweist. Kommt dazu, dass Griesser ein überaus geschickter Dramaturg seiner Geschichte ist, Erinnerungen liebevoll nachzeichnet, die dann über dramatische Ereignisse in eine Art atemlos spannenden Thriller münden, und schließlich schafft, was heute so selten geworden ist in der Literatur: Dass er einen ergreift, Teil werden lässt einer Erzählung, die von tiefster Menschlichkeit geprägt ist. Dabei ganz unsentimental.

Ein Mann, Pensionär, macht sich auf die Suche nach seinem einstigen Freund, um dessen ungeklärten, ominösen Tod im Gebirge, der nie bewiesen wurde, nachträglich aufzuklären. Was Oppenberg antreibt, der mit Christoph Hellendorf, seit der die Stella Matutina wegen eines disziplinarischen Vergehens kurz vor der Maturaklasse verlassen musste, keinen Kontakt mehr hatte: ein letzter Freundesdienst. Auch Wiedergutmachung – und wird so die späte Passion des Rechtsanwalts, die ihn immer tiefer nicht nur in die Geschichte seines Landes hineinzieht. Schmerzlich recherchieren lässt.

Hellendorfs Vater, ein Minister des Ständestaats, wird von fanatischen Nazi-Anhängern, noch vor dem Anschluss an Deutschland, auf dem Heimweg erschlagen. Christophs Mutter, mit ihm gerade schwanger, überlebt die Geburt nicht. So kommt er zu seinem Onkel nach Oberösterreich, auf eines der größten landwirtschaftlichen Güter des Landes. Christoph fühlt sich, fast schon fanatisch, der Gerechtigkeit verpflichtet. Als Oppenberg, zwölfjährig und Stellaner-Neuling zwischen zwei rivalisierende Buben-Gruppen gerät, verleumdet wird, ist Christoph zur Stelle, beendet den Spuk. Es ist der Beginn ihrer Freundschaft. Doch schon jetzt beschäftigt Chris – wie ihn Oppenberg nennt und seinerseits der Steffl ist – die Mörder seines Vaters zu finden. Stößt dabei auch auf tragische Verstrickungen seines Onkels mit den Nazis.

Oppenberg erweist sich bei seiner Suche als ebenso fantasievoller wie unbeirrbarer Rechercheur. Knüpft unzählige Verbindungen, um dem Schicksal seines Freundes auf die Spur zu kommen und sein Verschwinden aufzuklären. Meisterhaft, wie es Griesser versteht, in der scheinbar heilen, von Geheimnissen geprägten Welt, nach und nach die Wahrheit aufzuspüren. Verschwiegene Liebschaften, Abhängigkeiten, Erpressungen. Eine verwirrend-verworrene Geschichte – auch als Chronik eines Jahrhunderts, das von zwei Weltkriegen und sozialen Umbrüchen geprägt ist.

Griessers Erzählstil: ein breiter sprachlicher Strom, der dahinfließt, unbeirrbar, alles mitnimmt. Auch den Leser, den er in seine Geschichte hineinzieht, nicht mehr loslässt. Das Finale als ein zutiefst anrührender und gleichzeitig spannender Höhepunkt. Dabei variiert Griesser virtuos Naturschilderungen – da steht Oppenberg „vor einer Garde dauerdunkler Tannenbäume“ –, erweist sich als profunder Kenner der politischen Zeitebenen, beherrscht den Dialog, die Pointe und besitzt die Gabe, die vielen Dreh- und Angelpunkte seiner Geschichte so überraschend wie zufällig zu platzieren.

Stellt sich, wie so oft in Romanen, die Frage – und hier besonders: wie weit sie Biografie sind. Und zweifelsohne: In Stefan Oppenberg ist sicher viel Griesser – und vermutlich gibt es auch für eine Reihe anderer Figuren im „Morgenwanderer“ konkrete Vorbilder. Aber auch hier – selbst in den Erinnerungen an die Internatszeit, erfindet Griesser eine Geschichte, in der allerdings das Ambiente ganz real beschrieben sein dürfte.

Ein wunderbarer Roman, der an so vielen Stellen wie Morgenstern und Abendstern, die immer wieder eine Rolle spielen, glänzt. Ein bisschen Venus auch und tief verwurzelt: Stella Matutina.

Das Buch: Der Morgenwanderer von Hermann A. Griesser, 670 Seiten, Books on Demand, ISBN: 978-3-7412-4334-9 für 20,99 Euro, auch als E-Book erhältlich.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2020
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Kontakt
    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt