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Sortenvielfalt – nur ein zartes Pflänzchen?

Die Brennnessel, eine wilde und doch so nützliche Pflanze, hat es der Rintelner Biologin Birgit Brinkmann angetan. Gerne würde sie ganze Brennnesselfelder anlegen, deren Ernte unter anderem in der Schaumburger Gastronomie als Salat auf den Teller käme. Dürften aber Landwirte Brennnesseln anbauen und sowohl Saatgut als auch Ernte verkaufen? „Ja“, heißt es aus dem Bundessortenamt, der Anbau von Wildpflanzen unterliege keiner gesetzlichen Regelung. Bei den meisten Kulturpflanzen in der Landwirtschaft allerdings gelten strenge Auflagen. Saatgut muss sich erst beweisen, bevor es vermarktet werden darf. Aktuell nun deutet sich an, dass sich die Gesetzeslage ändern könnte.

veröffentlicht am 13.02.2012 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 24.01.2019 um 15:01 Uhr

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Viele ökologisch ausgerichtete Landwirte und auch Vereinigungen von Landwirten, Gärtnern, Imkern und Naturschützern laufen schon seit Jahren Sturm gegen die europäische Rechtsprechung in Bezug auf den Sortenschutz von Nutzpflanzen. Sie befürchten, dass alte Pflanzensorten aussterben werden und die große Vielfalt des in 1000 Jahren Landwirtschaft entwickelten Saatguts sich immer weiter auf relativ wenige zugelassene Sorten beschränken wird. Gemüse und Getreide, das nicht in offizielle Sortenkataloge eingetragen ist, darf nicht gehandelt werden, weder das entsprechende Saatgut noch der Ernteertrag. In den Sortenkatalog aufgenommen aber werden nur Hochleistungspflanzen.

„Nun, das hat seine Geschichte und seine Berechtigung“, so Dr. Axel Goeritz, Laborbereichsleiter in der Hamelner Landwirtschaftlichen Untersuchungs- und Forschungsanstalt (LUFA) und dort zuständig für die Saatgutprüfung. „Heutzutage erscheint es uns hier in Deutschland, in Europa als Selbstverständlichkeit, dass die Bevölkerung mit ausreichend Nahrung versorgt ist, dass die Äcker gute Erträge bringen, dass die Qualität gleichbleibend hoch ist. Doch damit genau das garantiert wird, gibt es Saatgutprüfungen. Die Landwirtschaft will und muss wissen, was sie sät und was sie ernten wird.“

In der LUFA prüft man, ob Saatgut eindeutig von bereits bestehenden Sorten unterscheidbar ist; ob die Sorte beständig immer wieder dieselben Merkmale aufweist und ob die einzelnen Früchte untereinander hinreichend homogen sind, kurz: Man verlangt, dass die Käufer des Saatgutes sicher sein können, nach der Aussaat keine bösen Überraschungen zu erleben. Schließlich ist es im Interesse aller, dass der angepriesene Ernteertrag auch wirklich erreicht wird und die landwirtschaftlichen Ressourcen auf pragmatische Weise genutzt werden. Dass unter solchen Umständen alte Sorten, die nicht auf eine derartige Rentabilität und Homogenität ausgelegt sind, keine Chance auf Anerkennung haben, liegt auf der Hand.

Vereine wie „Dreschflegel“ oder „VEN – Verein zur Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt“, deren Ziel es ist, so viele bewährte alte Sorten wie möglich zu bewahren, sie betonen durchaus, dass das „Saatgutverkehrsgesetz“ ursprünglich dem guten Sinn einer Qualitätssicherung diente. Doch kritisieren sie im Rahmen der „Saatgutkampagne Zukunft sähen – Vielfalt ernten“, eine „restriktive Gesetzgebung“ rund um den Sortenschutz, die den Erhalt und die Förderung von Vielfalt blocke.

„Viele Sorten, die für Kleingärtner interessant sind, entsprechen nicht den ökonomischen Interessen des kommerziellen Anbaus und werden deshalb aus dem EU-Sortenkatalog gestrichen. Doch nur die dort aufgeführten Sorten dürfen gehandelt werden!“, heißt es in einer Verlautbarung.

Dass es so nicht unbedingt bleiben muss, legt der Verlauf eines aktuellen Prozesses am Europäischen Gerichtshof nahe. Das französische Netzwerk zur Saatguterhaltung „Kokopelli“ war zu einer hohen Geldstrafe verurteilt worden, weil es „illegale“ Sorten in Vertrieb gebracht hatte. Gegen dieses Vermarktungsverbot für nicht eingetragene Sorten strengte „Kokopelli“ einen Prozess an, und tatsächlich fordert die Generalanwältin beim Europäischen Gerichtshof Juliane Kokott, das Vermarktungsverbot aufzuheben, mit der Begründung, es sei „nicht gültig“.

Das gegenwärtig noch bestehende Vermarktungsverbot für bäuerliches Saatgut sei eine völlig überzogene Maßnahme, die keinen Bestand haben könne, da nicht nur die genetische Pflanzenvielfalt eingeschränkt werde, sondern man damit auch die Interessen aller schädige, die aus anderen als nur Produktivitätsgründen nicht zugelassene Sorten züchten wollen. „Zugleich wird die Auswahl der Verbraucher begrenzt“, heißt es in ihrer umfangreichen Begründung. „Sie erhalten weder Zugang zu Lebensmitteln oder anderen Produkten aus Sorten, die nicht den Zulassungsbedingungen entsprechen, noch können sie sie selber – etwa in ihren eigenen Gärten – anbauen.“

Sollte der Europäische Gerichtshof ein Grundsatzurteil in diesem Sinne fällen, dann würden die entsprechenden Regelungen in der europäischen Gesetzgebung rund um den Saatgutverkehr hinfällig. Auch könnten dann alte Sorten bundesweit gehandelt werden, wo sie bisher nur begrenzt und in eng umrissenen Gebieten für den Verkauf angepflanzt werden durften. Zudem entfielen kostspielige Tests, die sich bei Sorten, die niemals zur Massenware taugen, finanziell nicht rechnen. Kein Wunder, dass die Saatgutkampagne „Zukunft säen – Vielfalt ernten“ diesen nicht unwahrscheinlichen Urteilsspruch als Sieg ihres Anliegens betrachten würde.

Saatgutprüfer Dr. Axel Goeritz dagegen ist ganz und gar nicht euphorisch. „Ich sehe die Gefahr, dass die hohe Qualität der Zucht dann nachlassen könnte“, sagt er. „Landwirte würden sich möglicherweise mit günstiger einzukaufenden Sorten begnügen, während die Zuchtbetriebe nicht mehr genug Geld zur Verfügung hätten, um es in langjährige Zuchtreihen zu investieren. Problematisch wäre auch, dass der Wegfall eines verpflichtenden Zulassungsverfahrens zu Duplikaten führen könnte: Landwirte kopieren Saatgut, das nicht mehr hinreichend von anderem unterschieden sein muss, und ersparen sich die Entwicklungskosten für ein Qualitätsprodukt.“

Auch Dr. Josef Steinberger, Leiter der Abteilung „Wertprüfung“ im Bundessortenamt Hannover blickt skeptisch auf diese mögliche Gesetzesänderung. „Man kann über die Konsequenzen bisher nur spekulieren“, sagt er. „Doch sollte auf staatliche Prüfung eines Saatgutes verzichtet werden dürfen, ich sähe da nur Nachteile.“ So sei es bisher der Fall, dass jede neue Sorte, die eingeführt werden soll, nachweislich besser sein muss, als eine ähnliche bereits existierende Sorte. „Das sind Anreize, die zu hohen Leistungen anspornen. Zusammen mit der Gewährleistung über die Qualität des Saatgutes, profitieren Käufer von den strengen Anforderungen für die Aufnahme in den Sortenkatalog.“

Für die Sortenvielfalt, um die es doch eigentlich gehe, brächte das Urteil nichts, meint er. „Wir haben doch schon unzählige Sorten, eine unglaubliche, jedem zur Verfügung stehende Vielfalt wie nie zuvor. Allein 4500 Maissorten verzeichnet der Katalog und 2000 Sorten vom Winterweizen. Dass nur ein Bruchteil davon tatsächlich angebaut wird, hat wirtschaftliche Gründe, die für einen Biobauern, meine ich, ebenso bedeutsam sind wie für die konventionelle Landwirtschaft.“ Man dürfe den Aspekt der biologischen Vielfalt nicht nur mit dem Blick zurück verbinden, sondern sehen, dass die moderne Landwirtschaft die Ernährung der Bevölkerung auf nie da gewesene Weise sicher könne.

Genau an diesem Punkt knüpft der Antrag von Generalanwältin Kokott an. Ohne die Errungenschaften moderner Landwirtschaft infrage zu stellen, beharrt sie auf den Rechten von solchen „Wirtschaftsteilnehmer(n), deren Interesse sich nicht vorrangig auf Produktivität richtet (...)“. Es gehe nicht darum, den Sortenschutz generell aufzugeben, sondern darum, das Vermarktungsverbot alter Sorten, die nicht den Kriterien der Sortenlisten entsprächen, zu streichen – und, so schlägt sie vor, entsprechende Kennzeichnungen von Saatgut verpflichtend zu machen. Das neue Sortenschutzgesetz habe zudem ähnliche Voraussetzungen wie die bisherige Zulassung von Sorten für den Saatgutkatalog. „Daher ist der professionelle Saatgutsektor kaum darauf angewiesen, vor der Konkurrenz durch nicht zugelassene Sorten geschützt zu werden.“

Biologin Birgit Brinkmann mit ihrem besonderen Interesse an essbaren Wildpflanzen wie unter anderem der Brennnessel, sie braucht sich für ihr Anliegen um keine alten oder neuen Gesetze zu kümmern. Ihre Zukunftsvision: „Dass eine Anreicherung unserer täglichen Nahrung mit essbaren Wildpflanzen und ihren wertvollen Inhaltsstoffen unsere Agrar- und Lebensmittelindustrie in eine neue, naturverträgliche Richtung lenken kann.“

Auch Wildpflanzen müssen geschützt und gehütet werden, wenn sie inmitten hoch technisierter Landwirtschaft nicht untergehen sollen. Eine bunte Wiese als Nutzgarten trägt auf eigene Weise zur Pflanzenvielfalt bei, sagt Birgit Brinkmann.

Das Saatgut für die meisten Kulturpflanzen in der Landwirtschaft unterliegt strengen Auflagen. Landwirte, Gärtner, Imker und Naturschützer laufen seit Jahren Sturm gegen die Rechtsprechung beim Sortenschutz von Nutzpflanzen. Sie sehen die Pflanzenvielfalt bedroht und befürchten das Verschwinden alter Sorten. Möglicherweise sind diese Bedenken bald hinfällig.



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