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Sommerboten in Gefahr

Früher, vor gut 100 Jahren, war die Welt für Rauch- und Mehlschwalben noch in Ordnung: In den Dörfern gab es damals etliche bewirtschaftete Bauernhöfe, in deren Viehställen und Scheunen Rauchschwalben ihre aus Lehm und Gras gefertigten, napfförmigen Nester in Deckenhöhe an die Wände kleben konnten. Nicht selten waren es gleich mehrere Dutzend Brutpaare, die auf diese Weise zusätzliches Leben auf die Gehöfte brachten, während die in ähnlichen Größenordnungen ebenfalls gesellig lebenden Mehlschwalben ihre – bis auf das Einflugloch geschlossenen – Lehmnester unmittelbar unter den Dachüberständen an die Außenwände bauten.

veröffentlicht am 05.08.2011 um 00:00 Uhr

Obwohl Mehlschwalben „nur“ auf der Vorwarnliste der „Roten Liste“ geführt werden, blickt auch diese Art

Autor:

Michael Werk

Das für diese kleinen architektonischen Kunstwerke nötige Baumaterial fanden sie an den zahlreichen Pfützen, von denen die Höfe, Straßen und Feldwege „geziert“ wurden, sowie an den Rändern der zum Dorf- und Landschaftsbild gehörenden Tümpel und Teiche. Und Insekten, die die rasanten Flieger nach Schwalbenart ausschließlich in der Luft erbeuten, gab es in jener Zeit, in der Misthaufen auf den Bauernhöfen ein alltäglicher Anblick und kein stinkendes Ärgernis und die industrialisierte Landwirtschaft ein Fremdwort waren, ebenfalls noch in Hülle und Fülle.

Ideale Bedingungen also, um reichlich Schwalbennachwuchs zu produzieren, aber leider weitgehend Geschichte. Heute sieht die Welt für Rauch- und Mehlschwalben nämlich gar nicht mehr so rosig aus: „In den vergangenen 100 Jahren haben die Populationen von Rauch- und Mehlschwalbe bundesweit um mehr als 50 Prozent abgenommen“, sagt Thomas Brandt, Diplombiologe und ehrenamtlicher Geschäftsführer des Kreisverbands Schaumburg des Naturschutzbundes Deutschland (Nabu). Dabei gelten Rauchschwalben vom Schutzstatus her als „gefährdet“, während Mehlschwalben immerhin schon auf der Vorwarnliste der „Roten Liste der in Deutschland gefährdeten Brutvogelarten“ geführt werden. Zur Erklärung: Auf der Vorwarnliste stehen diejenigen Arten, die bei anhaltendem Bestandsrückgang schon bald gefährdet sein werden.

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Die gefährdete Rauchschwalbe unterscheidet sich von der noch etwas häufigeren Mehlschwalbe durch ihren rostroten Stirn- und Kehlfleck und ihren längeren und tiefer gegabelten Schwanz.

Als Grund dafür macht der Experte eine ganze Reihe von Faktoren aus: So haben etwa die Modernisierung und Intensivierung der Landwirtschaft und der starke Wettbewerbsdruck durch die Nahrungsmittelindustrie zum Verschwinden vieler kleinbäuerlicher Betriebe geführt, womit auch die Anzahl geeigneter Nistgelegenheiten abgenommen hat. Und in der sich auf relativ wenige Großbetriebe konzentrierenden modernen, industrieartigen Massentierhaltung mit ihren strengen Hygienevorschriften bleiben die Türen und Fenster für Rauchschwalben gleich ganz zu. Auf das Konto der Intensivierung der Landwirtschaft und des starken Wettbewerbsdrucks geht außerdem die Verarmung der Fauna und Flora der Felder und Wiesen. Zum einen wegen des großflächigen Einsatzes von Pestiziden gegen sogenannte Schadinsekten und Herbiziden gegen unerwünschte Wildkräuter, aber auch wegen des ebenso großflächigen Anbaus von Nutzpflanzen, der kaum noch Platz für die Natur, geschweige denn für Teiche und Tümpel lässt. Hinzu kommt die Befestigung der Feldwege mit Schotter, Betonsteinen oder gar Asphalt, die zwar die großen, schweren landwirtschaftlichen Maschinen besser vorankommen lässt, auf denen Schwalben aber keine lehmigen Pfützen mehr vorfinden.

Ein kleines Beispiel, das die neuzeitlichen Schwierigkeiten der Schwalben in Sachen Nestbau veranschaulicht: Im Naturschutzgebiet Meerbruchswiesen am Steinhuder Meer, das Brandt als wissenschaftlicher Leiter der Ökologischen Schutzstation Steinhuder Meer fachlich betreut, hat er sich noch im vergangenen Jahr mit einem kleinen Trupp Mehlschwalben befasst, der an einem der dort neu angelegten Tümpel Lehm aufgenommen hat und damit zu einem rund sieben Kilometer entfernt gelegenen Wohnhaus geflogen ist, um dort seine Nester an die Hauswand zu bauen. „Das muss man sich mal vorstellen: Da fliegen diese armen Tiere insgesamt 14 Kilometer, nur um einen Schnabel voll Matsch zu holen – und das tagelang, bis das Nest irgendwann fertig ist“, berichtet er. Die Folgen: Der mit solchen unnötigen Anstrengungen einhergehende Energieverbrauch wirkt sich negativ auf die Reproduktionsrate der Vögel aus, indem sie weniger Eier legen und nach Ende der Brutsaison nicht mehr stark genug für den Zug in ihre südlichen Winterquartiere sind. Und das bei einer Art, deren Vertreter im Schnitt ohnehin nur zwei Jahre alt werden.

Darüber hinaus haben nach Auskunft des Diplombiologen aber auch die Menschen selbst Anteil am Rückgang der Schwalben. Denn während sich früher kaum jemand daran gestört hat, dass Mehlschwalben außen am Haus ihre Nester bauen, gelten die kleinen Kolonien dieser Vögel mittlerweile oftmals als Ärgernis, weil sich unter den Nestern im Laufe der mehrmonatigen Brutsaison halt auch einiges an Vogeldreck ansammelt. „Damals habe man das so hingenommen und einfach eine alte Zeitung oder ein Brett zum Sammeln des Drecks dorthin gelegt, heute versucht man, die Ansiedelung der Mehlschwalben um jeden Preis zu verhindern oder entfernt die Nester sogar, was zur Brutzeit jedoch ganz klar gesetzlich verboten ist“, berichtet der Naturschützer. „Dabei würde schon ein kleines Holzbrett, das man unterhalb eines Nestes an die Wand schraubt, genügen, um den herunterfallenden Kot der Vögel aufzufangen. Und am Ende der Saison könnte man das Brett dann einfach reinigen, damit wieder alles seine Ordnung hat.“

Doch damit nicht genug: Auch die Hausgärten sind ein Grund dafür, dass die Bestände von Rauch- und Mehlschwalben in den vergangenen Jahrzehnten stark abgenommen haben. Großflächige Zierrasen, Thuja- und Kirschlorbeerhecken sowie sonstige exotische Gartenpflanzen bieten heimischen Insekten nämlich keine Lebensgrundlage, auch wenn solche Gärten in den Augen ihrer Besitzer „schön“ anzusehen sind. Denn auch wenn die Zierpflanzen bunt blühen, heißt das noch lange nicht, dass sie hoch spezialisierten Insekten und deren Larven auch als Nahrung dienen. Insofern setzt sich die Artenarmut auf den landwirtschaftlich genutzten Flächen im häuslichen Umfeld fort, mit der Folge, dass die Schwalben auch hier immer weniger Beutetiere fangen können.

Dabei hätten die nützlichen Frühlingsboten durchaus mehr Aufmerksamkeit verdient, wirbt der Nabu-Kreisgeschäftsführer für den Schutz von Rauch- und Mehlschwalben. Allein schon deshalb, weil deren Speisezettel wissenschaftlichen Untersuchungen nach zu ungefähr einem Drittel aus schwärmenden Blattläusen besteht, die damit den Großteil der von den Vögeln pro Tag verzehrten Menge an Insekten ausmachen. Der Rest sind Fliegen, Mücken, Käfer, schwärmende Ameisen und andere Kleininsekten, zu denen eben auch viele vom Menschen zu „Schädlingen“ erklärte Arten zählen.

Rauch- und Mehlschwalben haben es schwer. Ein vom Menschen gemachter Nahrungsmangel und „Wohnungsnot“ setzen ihnen zu. Nicht ohne Grund wurde beiden Vogelarten bereits vor einigen Jahren die fragliche Ehre zuteil, vom Nabu zum „Vogel des Jahres“ gekürt zu werden, der damit auf die Gefährdung des wendigen Fliegers hinweisen wollte.



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