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„Ich bin in der schönsten Gegend der Welt!“

So schwärmten und fluchten Dichter und Poeten über das Weserbergland

„Worte zu dem zu finden, was man vor Augen hat – wie schwer kann das sein“, schrieb Walter Benjamin. Hameln fand seine Wort-Künstler, die aus dem, was ihnen Stadt und Land augenscheinlich boten, ein poetisches Relief formten. Das Bilder-Kabinett hätte nicht unterschiedlicher ausfallen können: hell und düster, ernst und heiter. Lösen wir die Initialen der Meister auf: B. wie Busch, G. wie Goethe, J. wie Jünger.

veröffentlicht am 18.03.2018 um 11:38 Uhr

Max-und-Moritz-Dichter Wilhelm Busch fertigte diese Zeichnung von der Hamelner Altstadt an. Quelle: Archiv

Autor:

Guido Erol Hesse-Öztanil
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Im Sommer des Jahres 1801 befindet sich der Geheime Rat Goethe auf Kur-Reise nach Pyrmont. Damals tummelten sich dort die gekrönten Häupter halb Europas, lustwandelten durch barocke Alleen zu den sprudelnden Heilquellen oder flanierten auf den hohen Wällen des Schlosses, das „mit seinen alten Türmen und Türmchen, seinen grauen, moosigen Mauern, seinen Spitzbogenfenstern und Rundbogenfenstern“ wie ein „Zauberschloss“ wirkte. So hat es Wilhelm Raabe, der Chronist auch und vor allem des Weserberglandes in seiner historischen Erzählung vom „Heiligen Born“ beschrieben.

Doch nicht nur Könige, Fürsten und Grafen, auch literarischer Hochadel war vertreten, und dem sprudelten zuweilen im Überschwang der Begeisterung die Worte nur so über. Herder beispielsweise schreibt seiner in Bückeburg schmachtenden Verlobten: „Ich bin jetzt in der schönsten, kühnsten, deutschesten und romantischsten Gegend der Welt!“ Diese Hymne dürfte zu den meistzitierten Sätzen aus dem nicht gerade schmalen Werk des Klassikers gehören, empfehlen doch die Pyrmonter ihren Kurgästen noch heute die Herder-Eloge als Postkartentext.

Doch zurück zu Goethe, der sich inzwischen mit seiner Kutsche auf der Grohnder Fähre befindet, die seit Jahrhunderten an dieser Stelle die malerischen Weserufer miteinander verbindet. Langsam schiebt sich das jenseitige Ufer mit dem alten Forstamt und Tor-Turm näher, während der Abstand zum Fährhaus wächst. Zwar ist uns Goethe eine direkte literarische Verarbeitung dieser kurzen Wasserfahrt schuldig geblieben, doch dürfte das Fähren-Erlebnis den Faust-Dichter zur dialektischen Einsicht verholfen haben, dass – wie es später im „Wilhelm Meister“ heißt – „es wohl auch drüben nicht anders sein wird als hier“. Ist schließlich nur alles eine Frage des Standpunkts und der ist relativ. Am Abend, in Pyrmont, notiert sich der Poet im kerzenerhellten Zimmer die Reise-Eindrücke: „Die Sprache fast alles platt, z. B. In Büber mut mae nits senken – einem Bauern muß man nichts schenken. Was saegt hae da dau. Was sagst du dazu. Dielmissen. Mittag. Schlechter Weg nach Hajen. Bei Grohnde über die Weser, schönes Schloß und Garten. Durch einen Eichenwald von einer Anhöhe herunter nach Wisa (Welsede), an welchem Dorf die Emmer vorbeifließt, im Emmertale hinauf, rechts liegen schöne, mit Wald bewachsene Berge, das Tal der Emmer ist sehr fruchtbar.“

War in Hameln außerordentlich unglücklich: Karl Philipp Moritz. Quelle: Archiv
  • War in Hameln außerordentlich unglücklich: Karl Philipp Moritz. Quelle: Archiv
Ging jeden Morgen in der Weser baden: Wilhelm Busch. Quelle: Archiv
  • Ging jeden Morgen in der Weser baden: Wilhelm Busch. Quelle: Archiv

Dem Dichterkollegen Schiller dagegen blieb das Weserbergland mit dem glitzernden Strom stets eine terra incognita. Das brachte ihn eines Tages gehörig in die Bredouille, denn der Dramatiker plante eine Bestandsaufnahme sämtlicher deutscher Wasserstraßen von Rang. So kam er nicht umhin, seinen poetischen Nachen auch auf die Weser zu lenken – und hier erlitt Schiller Schiffbruch. Denn was ihm da als Zweizeiler im lyrisch geknüpften Netz hängen blieb, ein großer Fisch war’s wahrlich nicht: „Die Weser. Leider von mir ist gar nichts zu sagen: auch zu dem kleinsten Epigramme, bedenkt, geb‘ ich der Muse nicht Stoff.“ Hungrigen Mägen hingegen wurde reichlich Nahrung geboten, und so hätte Schiller wenigstens aus der Anekdote, dass die Hamelner Knechte und Mägde bei ihrer Einstellung die Bedingung stellten, nicht mehr als zweimal wöchentlich Lachs essen zu müssen, literarisch Kapital schlagen können. Doch der Schwabe war eben nie in einem der zahlreichen Gasthöfe in den Uferdörfern eingekehrt, wo ihn ein präparierter Lachskopf von der Stubenwand herab hätte anstarren und der Wirt ihm die typische Mahlzeit hätte auftischen können – die mit Sicherheit mehr gewogen haben dürfte als das so inhaltslose eine epische Gramm.

Getrunken wurde regelmäßig und methodisch: einmal in der Woche war Kneipe im ‚Bremer Schlüssel‘.

Ernst Jünger, Schriftsteller

Was über die Jahrhunderte hinweg an sagenhaftem Treibgut ans Weserufer gespült wurde, lieferte Stoff für zahlreiche Romane und Erzählungen, wie auch jenen, aus dem in London Weltliteratur gewebt wurde. Im Jahre 1726 sah der Dichter Jonathan Swift am englischen Hof eine von Kurfürst Georg I. aus Hameln importierte Attraktion: den Wilden Peter, eine Art Kaspar Hauser, den ein Hamelner Ackerknecht zwei Jahre zuvor in freier Natur am Klüt aufgefunden hatte. „Der Stadtphysikus, den man in aller Hast vom Stammtisch geholt hatte, mußte das haarige, stinkende Etwas untersuchen und stellte fest, es sei dies wirklich ein Menschenwesen und habe solches die Gestalt eines zwölfjährigen Knaben.“ Swift interessierte sich für das Hamelner Wolfskind, weil sich ihm hier die rational nicht kontrollierbare Seite der menschlichen Natur offenbarte. Was Freud später „das Unbewußte“ und „triebhafte Es“ nannte und in Stevensons berühmter Erzählung als „Mr. Hyde“ bekannte Ich-Spaltung des „Dr. Jekyll“ auftritt, das hat schon bei Swift seine satirische Premiere mit dem Unterschied, dass bei ihm die beiden Naturen des Menschen zwar gleichzeitig, jedoch säuberlich getrennt herumspazieren und nicht – wie bei Stevenson – in einem Bewusstsein beheimatet sind. Den vernunftbetonten Part übernehmen bei Swift die sogenannten „Houyhnhnms“, die tierhaften „Yahoos“, wobei es sich – vom Autor ironisch auf den Kopf gestellt – bei Erstgenannten um Tiere, nämlich Pferde, und bei Letzteren um Menschen handelt. Für Swift war nicht der Wilde von der Weser das Tier, sondern die so vermeintlich vernünftigen Menschen. „Grundsätzlich hasse und verabscheue ich das Tier namens Mensch, obgleich ich Hans, Peter, Thomas usw. herzlich liebe...“ Bleibt noch der Titel des Romans zu nennen, in dem das nachzulesen ist: „Gullivers Reisen“, 1726 erschienen und ein Jahr später bereits ins Deutsche übersetzt. Und so kam Peter auch wieder zurück nach Hameln als unsterbliche Figur, als „Yahoo“ – ein Name, der dem Grad der sprachlichen Verballhornung, durch die sich der wirkliche Peter auszeichnete, in nichts nachsteht. „Das deutlichste Gestammel, welches ihm entlockt werden konnte, waren die Wörter: Petr, Ki-Scho (King George) und Qui-Ca (Queen Caroline).“

Kinder haben ihre eigene Logik, die Erwachsenen zuweilen so merkwürdig wie das Grinsen der Cheshire-Katze in Alices Wunderland erscheint. Aus gutem aufklärerischen Grund erschien deshalb 1786 in Berlin der „Versuch einer kleinen praktischen Kinderlogik welche auch zum Theil für Lehrer und Denker geschrieben ist“. Der Verfasser laborierte selbst an den Folgen einer unglücklichen Kindheit: „In seiner frühesten Jugend hat er nie die Liebkosungen zärtlicher Eltern geschmeckt, nie nach einer kleinen Mühe ihr belohnendes Lächeln. Wenn er in das Haus seiner Eltern trat, so trat er in ein Haus der Unzufriedenheit, des Zorns, der Tränen und der Klagen.“

Hameln gebührt die zweifelhafte Ehre, Kulisse dieser düsteren Kindheit gewesen zu sein. Der Knabe sollte sie nie vergessen, diese „ersten Töne“ und „ersten Eindrücke“, die er in dieser Stadt empfing. Sie prägten sein Dasein, machten aus seiner Seele „Sammelplätze schwarzer Gedanken“, die „sich durch keine Philosophie verdrängen“ ließen. Zwischen Geburt und Tod drängt sich ein Leben voller Selbstzweifel, gekennzeichnet von Minderwertigkeitsgefühlen, hypochondrischen Anwandlungen – und literarischen Ausbrüchen. Nur 36 Jahre später erlischt diese „in jedem Augenblick lebend“ sterbende Existenz, die sich selbst die Lebensgeschichte unter dem Titel „Anton Reiser“ (1785) von der Seele schrieb und damit den ersten psychologischen Roman der deutschen Literatur schuf, „ein Buch“ – so Arno Schmidt – „wie es kein anderes Volk der Erde besitzt“. Die Rede ist von Karl Philipp Moritz, der 1756 in Hameln als Sohn eines Militär-Oboisten geboren wurde, dort in ärmlichen Verhältnissen die ersten fünf Jahre seines Lebens zubrachte und dann mit der Familie nach Hannover zog. Wo sein Geburtshaus stand, ist nicht bekannt; dunkel bleiben die Jahre in Hameln, die Moritz in seiner Autobiographie nur kurz abhandelt. Die Stadt wird kein einziges Mal erwähnt, doch ist zu Beginn seines Romans von „P.“ die Rede, was als Pyrmont aufzulösen ist.

Haus Numero 11 an der Fischpfortenstraße beherbergt einen Genius loci, der seine Kraft aus ganz anderen Quellen als denen des düsteren Moritz bezieht und deshalb zum volkstümlichen, jedermann jederzeit zitierbaren Geist avancieren konnte. Dem Moritz stellte er den Max zur Seite und schon war das berühmte Lausbubengespann geboren, mit deren in Wort und Bild geschilderten Streichen zahlreiche Generationen von Kindern groß wurden. „Ach, das war ein schlimmes Ding, wie es Max und Moritz ging! Drum ist hier, was sie getrieben, abgemalt und aufgeschrieben.“ Und gemalt und geschrieben hat er, der eigenbrötlerische Wilhelm Busch aus dem hannoverschen Wiedensahl, auch in Hameln. Zeichnungen mit Ansichten von der Marktkirche mit der Emmernstraße, der Weser mit der alten Pfortmühle oder des Adam-und-Eva-Steins bewahrt heute das Heimatmuseum auf. Im von Buschs Onkel bewohnten Fachwerkhaus an der Fischpfortenstraße kehrte der Maler-Poet ein, wenn er das „alte Rattennest“ besuchte. Wie sich Busch während seiner Aufenthalte in der Weser-Stadt die Zeit vertrieb, darüber gibt ein Brief von 1856 an seinen Freund, den Hamelner Heraldiker Friedrich Wamecke, Auskunft: „Jeden Morgen um 6 Uhr nahm ich bei den Mühlen auf dem Werder ein Wellenbad. Um 10 Uhr morgens, auch abends zuweilen ging ich regelmäßig ins Brauhaus, sog begierig einige Schoppen Bier und besah mir die Hameln’schen Philister; die übrige Tageszeit wurden die alten Häuser inwendig und auswendig gezeichnet.“ So läßt sich’s leben.

Man kann in Hameln aber auch auf andere Gedanken kommen; zum Beispiel auf den, bei einem Trödler in der Innenstadt einen sechsschüssigen Revolver zu erstehen, ein Billett im Bahnhof zu lösen und mit einem dicken Afrika-Schmöker im Gepäck und der Sehnsucht nach dem Abenteuer im Kopf dem „friedlich im Wesertale schlummernden Städtchen“ den Rücken zu kehren. Auf diese Weise verabschiedete sich der damals 18-jährige Ernst Jünger an einem dunklen Wintertage im Jahre 1913, um den „ersten Schritt aus der Ordnung in das Ungeordnete zu tun“.

Die öde und langweilige Ordnung – das war vor allem die Schiller-Schule, die der Pennäler Jünger nur noch in geistiger Absentia ertrug: „Wenn eine Frage an mich gerichtet wurde, mußte ich erst all jene Wüsten und Meere überwinden, bevor ich ein Lebenszeichen gab. Ich war im Grunde nur als Stellvertreter eines fernen Reisenden anwesend. Auch liebte ich es, ein plötzliches Unwohlsein vorschützend, das Klassenzimmer zu verlassen, um unter den Bäumen des Schulhofes spazierenzugehen. Dort sann ich über die Einzelheiten meines Planes nach.“ Dieser führte ihn zwar von Hameln weg, aber nicht unter Nordafrikas Sonne, wo Jüngling Jünger als Fremdenlegionär seinen Mann stehen wollte. Der Vater beendete die Flucht, holte seinen Sohn wieder heim nach Hannover. Hameln und Jünger – eine Liaison war’s nicht, eher eine Zweck-Ehe auf Zeit im Schatten dionysischer Abende: „Getrunken wurde regelmäßig und methodisch: einmal in der Woche war Kneipe im ,Bremer Schlüssel‘.“

Später ließ sich Jünger „regelmäßig“ die Schrapnells feindlicher Artillerie auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs um die Ohren pfeifen, um darüber mit „methodischer“ Präzision zu schreiben – der „Kampf als inneres Erlebnis“. War leider mal wieder Frieden, konnte sich Jünger an jenen schönen Spruch halten, den er auf einem Tanztee-Fächer in Hameln hinterließ: „In vino veritas.“



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