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So lustig wurde früher geworben

Wie hat man wohl 1849 mitgeteilt, dass man Vater geworden ist? Natürlich mit einer Zeitungsanzeige. Wir haben uns die Anzeigenteile und die Werbung im Zeitungsarchiv angeschaut – und viele erstaunliche Dinge gefunden.

veröffentlicht am 28.03.2018 um 11:29 Uhr

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Jens

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Jens Rathmann Redakteur zur Autorenseite
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Man steht davor und möchte auf Zeitreise gehen: Alte Zeitungsbände der Dewezet wecken die Sehnsucht nach Zeiten, die lange vorbei sind. Und die, so glaubt man zumindest heute, vielleicht irgendwie besser und schöner gewesen sein müssen. Ist man von den Nachrichten, Fotos, Berichten und Kommentaren im redaktionellen Teil auch noch so gefesselt – Aufmerksamkeit erregen oft die kleinen und großen Anzeigen aus Stadt und Land.

Schon in den ersten Zeitungsausgaben ließen Hamelner ihre Mitbürger per Anzeige an ihrem Glück teilhaben: „Heute morgen, dreieinhalb Uhr, wurde meine Frau von einem derben Jungen glücklich entbunden, welches ich Freunden, Bekannten und Verwandten hiermit zur Anzeige bringe“, freute sich Daniel Mietling am 5. Oktober 1849 auf der letzten Zeitungsseite. Einige Zeilen weiter empfahl der Klempner Friedrich Vogel „dem hiesigen und auswärtigen Publikum alle in sein Fach schlagenden Arbeiten, als: sehr gut gearbeitetes Kochgeschirr, Lampen, Lampengläser und Glasputzer und Dochte von allen Sorten.“ Er versprach prompte, billige Bedienung“ und bat „um geneigten Zuspruch“. Bilder und Grafiken waren zu diesem Zeitpunkt in Zeitungen noch nicht zu finden, und so konzentrierten sich die Anzeigen ganz auf die Formulierung des Angebots oder die Mitteilung.

Anders Anzeigen, in denen 20 Jahre später Mittel zur Behandlung fast sämtlicher Krankheiten und Wehwehchen feilgeboten wurden. Beliebtestes Motiv: ein gezeichnetes Gesicht mit geschwollener Wange, dick mit Mullbinden umwickelt. „Nervöses Zahnweh wird augenblicklich geteilt durch Dr. Gräfström’s schwedische Zahntropfen“, stand zu lesen oder: „Die heftigen Zahnschmerzen beseitigen augenblicklich unfehlbar die berühmten Tooth-Ache-Drops.“ Beliebt waren 1868 Anzeigen für „pr. White’s Augenwasser“ und „pr. patterson’s Gichtwatte“ sowie für Mittel „zur Rettung von Trunksucht“. In den Kleinanzeigen finden sich ähnliche Wünsche und Angebote wie heute. Da sind Stellenangebote wie die Anzeige von Frau Warnecke aus der Osterstraße („Ich suche zu Ostern ein accurates, tüchtiges Mädchen“), Geldangebote, Verkäufe, Wohnungsangebote und Kaufgesuche. An Stelle eines Automarktes standen um 1870 Angebote wie das des Händlers Rosenstern: „Sonntag, den 19. des Monates bekomme ich einen großen Transport bester dänischer Pferde zu Hause und halte solche zu geneigter Abnahme empfohlen.“

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Selbstverständlich waren Angebote wie die aufwendig gestaltete Anzeige von Georg Knaak: „Garantiert eingeschossene Revolver Calieber 7 mm (6 Mark), 9 mm (9 Mark), Teschin-Gewehre ohne lauten Knall“, bot der „Lieferant aller Jagd und Schützenvereine“ an im Januar 1893 und versprach 25 Schuß und Verpackung gratis zu jeder Waffe.

Mit Beginn des neuen Jahrhunderts wurde der Anzeigenteil umfangreicher, zahlreiche kleine Inserate waren zu finden, dazu häufiger Anzeigen größerer Firmen oder Kaufhäuser. Neben Gezeichnetem gewann Gereimtes an Bedeutung. Zweizeiler wie „Der Bauer lobt den Erdal-Putz, der’s Leder schützt vor Näss und Schmutz“ lockten zum Kauf von Schuhcreme, ein hannoversches Unternehmen warb mit „Und wird Dir jeder Weg zu lang, weil Du nicht mehr jung bist und schlank, dann laß die Reu‘, beend‘ die Klag‘, und kauf Dir einen Hanomag!“

Weltkrieg und Wirtschaftskrise zogen auch am Anzeigenteil der Dewezet nicht spurlos vorbei. Die Veröffentlichung von Heilmittelanzeigen und Familien-Todesanzeigen wurde verboten, Anzeigen für den An- und Verkauf von Gegenständen des täglichen Bedarfs wurden per Verordnungen aus den Anzeigenspalten verbannt. Papier-Ratioierung und stark ansteigende Papierpreise führten dazu, dass trotz des geschmolzenen Auftragsvolumens die Anzeigen kleiner wurden. Teilweise verwendeten die Setzer kleinere Schriften, Anzeigenkunden wurden aufgefordert, die Inserate möglichst klein zu gestalten, um dem Leser eine Auswahl verschiedener Angebote präsentieren zu können.

Nicht viel anders die Situation im Zweiten Weltkrieg: Sofort nach Kriegsausbruch wurde die Papierzuteilung erheblich beschnitten, im Verlauf des Krieges die Zahl der Zeitungsseiten drastisch reduziert. Für den Anzeigenteil gab es ähnliche Anweisungen wie für die redaktionellen Teile, gedruckt werden durfte nur, was den Anweisungen der Nationalsozialisten nicht zuwiderlief.

ln der Nachkriegszeit begann die Anzeigenwerbung noch einmal dort, wo auch die deutsche Wirtschaft wieder begann: ungefähr bei der Jahrhundertwende. Erst nach und nach schalteten Geschäftsleute Anzeigen, nur langsam wuchsen Stellenmarkt und Immobilienteil. „Die Vielfalt der Anzeigen und Inserate entwickelte sich zu Beginn der 1950er Jahre erst langsam“, erinnerte sich einst Hermann Spohr, langjähriger Mitarbeiter in der Anzeigenabteilung des Verlages C.W. Niemeyer. Unter den damaligen Inserenten waren zahlreiche Handwerksbetriebe und Geschäfte, die ihren Kunden nach dem Krieg vor allem eines zeigen wollten: „Wir sind wieder für Sie da.“ Als Anfang der 1960er Jahre die größste Nachfrage befriedigt war und der Konkurrenzdruck unter Geschäftsleuten und Firmen größer wurde, veränderte sich auch die Anzeigenwerbung. Überraschende Fotos und humorvolle Überschriften lösten fantasievoll Anzeigen ab, die teilweise nicht mehr sagten als „Es gibt wieder Sunlicht-Seife.“

Als „Urknall der modernen Werbung in Deutschland“ gilt bis heute eine Anzeige, mit der Volkswagen im Jahr 1962 große Erfolge feierte: „Es gibt Formen, die man nicht verbessern kann“, texteten die Wolfsburger und setzten den Satz über das Foto eines Käfers, der zwar aussah wie ein Ei, in Wirklichkeit aber ein Volkswagen war. Blättert man weiter in den Ausgaben der 1960er Jahre, so kann man schon recht umfangreiche Anzeigenteile feststellen, die bereits die Merkmale der heutigen Zeitung tragen: Die regelmäßigen Großanzeigen der Geldinstitute, Markenfirmen, Kaufhäuser und Einzelhändler, die über Neuerungen und besondere Angebote informieren und die Klein- und Familienanzeigen, die als „Gespräch von Leser zu Leser“ über Freudiges wie Trauriges berichten. „Anzeigenlesen ist eine Art Poesie des Alltags, aber auch ein Mittel, eigene Fantasie und Wünsche anzuregen“, sagte einst Herbert Kallmayer, lange Jahre Anzeigenleiter der Dewezet, zur Geschichte der Anzeigen. Und in einem Punkt war sich Kallmayer ganz sicher: „Es gibt Leser, die sich in der Dewezet – mag der Textteil auch noch so interessant sein – am liebsten mit den Anzeigen beschäftigen.“

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