weather-image
26°
×

So kann auch eine kleine Mühle überleben

Zügig brummt das Gespann von Landwirt Wilhelm Siekmann die B1 entlang. Im Schlepp hat er zwei große Anhänger, die mit Roggen beladen sind. Diese Strecke mag für manchen Landwirt aus dem Raum Hameln unbekannt sein, Siekmann hat sie schon einige Male absolviert: „Man ist schneller wieder zu Hause, als man denkt. In der Eickernmühle vor Lemgo muss man sich nicht hinten in einer Schlange der Anlieferer anstellen.“ Außerdem, so Siekmann, überzeuge die direkte und schnelle Abrechnung. Nächstes Jahr wird er diese Strecke noch häufiger fahren, denn er hat sich im Anbau auf die Bedürfnisse der Eickernmühle und ihrer Kunden eingestellt.

veröffentlicht am 19.10.2012 um 00:00 Uhr

Autor:

Die Eickernmühle, ein Betrieb mit jahrhundertealter Tradition, zählt zu den etwa 250 Mühlen, die es in Deutschland noch gibt – Tendenz sinkend, wie auch die angekündigte Schließung der Wesermühle in Hameln zeigt. Mit ihrem Jahresdurchsatz von etwa 10 000 Tonnen Roggen, Weizen und Dinkel zählt die Mühle zu den kleineren Betrieben. „Wir schaffen hier im Jahr etwa so viel wie die Wesermühle in einem Monat“, macht der Müller, Dr. Bernd Nagel-Held, die Größenverhältnisse deutlich. „Aber wir überleben seit Jahren durch unsere regionale Stärke und das konsequente Besetzen von Nischen wie der Produktion von Bio-Mehl“, erläutert der Müller sein Wirtschaftskonzept, das sich vor allem auf regionale Wertschöpfung, Stärkung des heimischen Handwerks und das Netzwerk „Lippequalität“ stützt, dessen Gründungsinitiator Nagel-Held vor zehn Jahren war. Den Handwerksbäckern, die er beliefert, bietet Nagel-Held die einzigartige Möglichkeit, dem Endkunden die regionale Herkunft des Produkts und die Wertschöpfung vom Acker bis zum Brot in einer kurzen Kette anzubieten.

Und wenn ein Bäcker es wünscht, liefert ihm die Eickernmühle sogar das Mehl eines individuell zu bestimmenden Biobauern, wenn nicht sogar das von einem bestimmten Feld stammende Mehl oder Schrot. „Der Kunde will inzwischen wissen, wo das wächst, was er einkauft. Wenn Bäcker sich profilieren wollen, brauchen sie die Verbindung zum Acker.“ Von den Bäckern des Weserberglandes, besonders aber von deren Kunden, wünscht sich Nagel-Held, „dass sie den Schatz dieser Lieferkette Bauer-Mühle-Bäcker entdecken, damit die Wertschöpfung weiter vor Ort stattfindet und nicht in Bremen oder Hamburg.“ Natürlich gehe es ihm auch ums Geld und den Erhalt der Mühle, räumt Nagel-Held ein, „aber mir liegen die Handwerksbäckereien am Herzen, denn diese sind eine ganz wichtige deutsche Handwerkstradition. Da geht es doch inzwischen um das Bewahren einer ganzen handwerklichen Kulturlandschaft“, sorgt sich der Müller.

„Hier wächst Ihr Brot“, könne ein werbewirksames Schild in der Landschaft signalisieren, meint Nagel-Held. „Denn regionale Herkunft ist mittlerweile wichtiger als die Herkunftsbezeichnung Bio“, schätzt er die Marktlage ein. „Das hängt mit den anonymen Bioprodukten zusammen, die heute in den Supermärkten aus aller Welt angeboten werden. Wir wollen stattdessen Konsumenten, Bäcker, Müller und Bauern in die gegenseitige Pflicht nehmen.“ Das sei auch Klimaschutz durch kurze Wege, statt Autobahnen für Getreide und Mehl mit langen Fahrten zu belasten. „Deshalb habe ich auch ganz überwiegend Lieferanten, die in einem Umkreis von 30 Kilometern ihre Landwirtschaft betreiben.“ Auch von seinen Abnehmern wünscht er sich, dass ihre Betriebe nicht weit von der Eickernmühle entfernt sind. So zählen zu seinen Kunden beispielsweise auch „Aerzener Brot“ und der Hamelner Bäcker Wegener, aber auch ganz konventionelle Handwerksbäckereien und andere Backwarenhersteller. Besonders die Ausweitung des heimischen Roggenanbaus ist ein aktuelles Thema. Der Bedarf nach Roggenprodukten wächst in der Eickernmühle. „Wir können mit einer größeren Nachfrage nach heimischem Roggen auch den Grundwasserschutz rund um Hameln und die Erntesicherheit der Landwirtschaft erhöhen.“

2 Bilder

Was es dabei mit dem Roggen auf sich hat, erläutert Nagel-Held: „Roggen benötigt wenig Stickstoffdünger, womit die Nitratbelastung sinkt. Und er verträgt Frost und Trockenheit besser als Weizen. Eine Situation wie im letzten Winter, als der Winterweizen erfror und als zweite Saat Sommerweizen ausgebracht werden musste, wäre mit Roggen nicht entstanden.“ Zusammen mit Partnern aus dem Backgewerbe kann man sich in Lemgo auch innovative Modelle bezüglich der Abrechnung und Börsenabsicherung vorstellen, um Preisschwankungen auch beim Roggen beherrschbarer zu machen.

Eines ist Nagel-Held im Gespräch besonders wichtig: „Wir setzen auf Mehle und Schrote als reine Naturprodukte, ohne Zusätze. Damit können unsere Kunden sauber deklarieren und zusätzlich die Sicherheit der Herkunft bieten. Denn wer sieht, wo es wächst, und wer mahlt und backt, der kann zu Recht Vertrauen haben.“

Doch auch nicht konventionelle Landwirte wie Wilhelm Siekmann kennen den schnellen Weg nach Lippe. Auch Helmut Sobottka ist froh, dass es die Eickernmühle überhaupt gibt. „Der nächste Biomüller wäre mindestens 300 Kilometer entfernt“, erklärt der Biolandwirt aus Esperde. „Das würde die Transporte erheblich verteuern.“ Und eine eigene Vermarktung lohne sich wegen des hohen Arbeitsaufwandes nicht. Bis zu 50 Kilometer Entfernung sei die Mühlenbelieferung noch ganz gut zu schaffen, wenn nötig auch mal mit einer Spedition.

Für den Bisperöder Landwirt Andreas Voß ist die Eickernmühle trotzdem keine Alternative. „Ich verkaufe mein Getreide ab Hof an Agravis. Nach Voßheide zu liefern, wäre für mich nicht wirtschaftlich.“ Deshalb werde er auch die Wesermühle nicht vermissen. Dorthin habe er nur geliefert, wenn der Hof nicht ausgelastet gewesen sei. Und sowohl bei ihm wie auch bei einem Teil seiner Kollegen habe sich die Begeisterung über die Arbeitsweise der Wesermühle außerdem in Grenzen gehalten.

Regional erzeugte Produkte gewinnen gegenüber anonymen Bioprodukten an Bedeutung. Der Müller Bernd Nagel-Held in Voßheide bei Lemgo setzt genau auf dieses Konzept. Mit

seiner kleinen Mühle und gefragten

Nischenprodukten behauptet er sich im Wettbewerb und will die Tradition deutscher Handwerkskultur für die Zukunft

sichern.

Kreuzjochplansichter werden diese tonnenartigen Mühlengeräte genannt. Es sind Siebmaschinen, die das Mahlgut von fremden Bestandteilen trennen.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2021
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige