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Die Geschichte eines Betroffenen aus dem Weserbergland

So ist das Leben als Heroinsüchtiger

Diacetylmorphin trennt im Finale bei fast jedem Buchstabier-Wettbewerb die Profis von den Amateuren. Dabei gibt es eine viel einfachere Schreibweise: Heroin. Das Mittel, egal, ob geschnupft, geraucht oder direkt in die Vene gespritzt, ist besonders gefährlich. Weil es etwas verspricht, was alle wollen: Glück. Für ein paar Stunden hält es Wort. Dann folgt die Hölle der Abhängigkeit.

veröffentlicht am 07.08.2016 um 13:30 Uhr

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Michael (Name geändert) lebt im Weserbergland und nimmt seit mehr als 15 Jahren Drogen. Nach Hasch und Koks kam schließlich auch das Heroin hinzu. Heute hat er sein Leben fast wieder im Griff. Er ist auf die Ersatzdroge Methadon umgestiegen, die auch von Ärzten an Suchtpatienten ausgegeben wird. Damit, sagt er, hat er zumindest seine Sucht im Griff. Und die Schmerzen. Geheilt ist er aber nicht. Er kennt das Gefühl der Droge, das Gefühl auf der Straße. Das Gefühl in der Szene in Hameln. Auch er war Teil der Hamelner Drogenstraßen.

Sie sitzen am Busbahnhof, warten in der Gasse zur Fischpfortenstraße, schlafen am Werder und auf dem Markt. Bier ist immer dabei, auch mal ein Hund oder zwei. Die Mitglieder der Szene fallen auf. Weil sie laut sind und versuchen, so gut wie möglich ihr eigenes Ding zu machen. Viele konsumieren unterschiedliche Mittel, erzählt Michael. Heroin ist in Hameln allerdings sehr weit verbreitet. Es kommt aus den Großstädten Hamburg und Hannover, vor allem aber aus den Niederlanden.

Der Rausch dauert normalerweise sechs Stunden, dann braucht der Süchtige den nächsten Schuss. „Es gibt Leute, die finden es ekelhaft oder kommen gar nicht damit klar. Ich war leider nicht so einer“, sagt Michael. Sein Dealer hatte ihm nach dem Kauf der nächsten Kokain-Ladung auch Heroin angeboten. Michael griff zu.

Und wie ist es, Heroin zu nehmen? „Es fühlt sich an wie in einer Hängematte liegend, umgeben von tausend Rosen. Absolut entspannt. Alles ist schön.“ Das Erlebnis sei mit keiner anderen Droge zu vergleichen. Süchtig macht nicht direkt das Mittel, sondern die Sehnsucht nach dem Gefühl, das es vermittelt. „Du wirst psychisch abhängig.“

Michael hat trotzdem weiter gearbeitet, Geld verdient, Drogen genommen – hat funktioniert. Er hatte eine Ausbildung abgeschlossen, war verlobt. Den Namen seiner Verlobten schrieb er auf das Toten-Plakat im Café Inkognito – sie ist vor zehn Jahren gestorben. „Hat auch Heroin genommen. Das war furchtbar“, erinnert er sich. Sein Körper ist heute gezeichnet von seiner Sucht.

Gespritzt hat er sich das Heroin nur relativ kurze Zeit. Aber lange genug, um an Armen und Beinen tiefe Narben davonzutragen. Nicht immer, sagt er, sind es schmutzige Nadeln, die zu Infektionen führen.

Der Stoff ist schon seit den 1980er Jahren, als die Droge in Massen nach Deutschland kam, nicht mehr rein. Sie wird gestreckt und gepanscht. Mit Mitteln, die viele Menschen nur mit Handschuhen anfassen würden. Säuren, Lösungsmittel, Verdünner. Sie greifen das Gewebe an, verletzen es dauerhaft. Die Venen ziehen sich zurück, entzünden sich. Die Spritze braucht aber ein Ziel. Bis der Körper übersät ist mit vernarbter Haut, Schwellungen und Entzündungen.

In Hannover, erzählt Michael, gab es ein Pilotprogramm. Dort wird statt Methadon tatsächlich reines Heroin ausgegeben. Kontrolliert und unter der Aufsicht eines Arztes. Auch Michael wäre fast dort gelandet. Heute ist er froh, dass er nicht zu Heroin zurückgekehrt ist. Zu sehr hat ihn die Droge aus der Bahn geworfen.

Denn nach dem Spritzen begann er, das Mittel zu rauchen. Das Problem: Die Wirkung setzt später ein und es braucht eine größere Menge. Überhaupt, sagt Michael, braucht es mit der Zeit eine immer größere Menge Heroin, um die gewünschte Wirkung zu erzeugen. Das geht auf Dauer auch aufs Geld. Michael wurde kriminell und klaute. „Das habe ich dann getauscht, gegen Drogen“, sagt er.

Das Verhalten ist typisch. Michael kennt die Szene. Es wird geklaut und sich gegenseitig beklaut. Die Polizei im Landkreis Hameln-Pyrmont war in Drogensachen im vergangenen Jahr mehr als 600-mal im Einsatz. Im ersten Halbjahr 2016 waren es schon 266 Einsätze. 58-mal wurden Dealer beim Handeln und Anbau erwischt.

Doch auch das Gewaltpotenzial ist nach Angaben von Michael riesig. Allerdings blieben die Auseinandersetzungen fast immer in der Szene. „Es wird sich untereinander gestritten und beklaut. Vor allem, wenn viel Alkohol getrunken wird – zusammen mit den anderen Drogen“, sagt Michael. Die Stimmung sei dann aufgeheizt, die Geduld bei vielen Drogensüchtigen nicht sehr ausdauernd. Erst vor wenigen Wochen kam es zum Beispiel an der Fischpfortenstraße zu einer Messerstecherei von zwei Männern, die der Drogenszene zugehören. Einer von ihnen schwebte kurze Zeit sogar in Lebensgefahr.

Dass viele ihre Drogensucht nicht überleben, zeigt auch die jährliche Aktion der Drogenberatungsstelle aus Hameln zum „Tag der Drogentoten“. Auch in diesem Jahr wurden dazu wieder die Namen der Verstorbenen von den Angehörigen auf ein Plakat geschrieben. Außerdem wurden Luftballons in den Hamelner Himmel entlassen.

„Es werden jedes Jahr mehr“, meint Michael. Auch er war am Infostand auf dem Pferdemarkt dabei und hat die Akteure unterstützt. Er besucht regelmäßig das Café Inkognito am Thiewall als Treff- und Anlaufpunkt der Drogenszene. Nicht, um zu beschaffen, sondern um Kontakte zu knüpfen und an einer Welt ohne Stigmatisierung teilzunehmen.

Nach einem Verkehrsunfall lebt Michael inzwischen von Rente. Zwar auf Zeit, aber die Verletzungen waren erheblich genug, um eine Verlängerung zu beantragen. Das ist auch der Grund, warum er seiner Drogensucht nicht komplett absagt. Das Methadon wirke als Schmerzmittel. Den Rausch von Heroin aber vermisse er nicht. Zu viel habe seine Sucht angerichtet, zu viele habe sie zerstört und zu viele liebe Menschen habe sie ihm genommen.

Laut Bundeskriminalamt sind im Jahr 2015 1226 Menschen an den Folgen ihres Drogenkonsums gestorben. Ein Anstieg um fast 20 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Eng verknüpft damit sind auch die steigenden Zahlen derjenigen, die viel häufiger zu harten Drogen wie Kokain oder eben Heroin greifen. Ebenfalls auf dem Vormarsch ist die Droge Crystal Meth. In Hameln scheinen die blauen Kristalle allerdings noch nicht angekommen zu sein, meint Michael. Er hat das „Billig-Heroin“ noch nicht selber ausprobiert – und hat es auch nicht vor. „Das ist ein Teufelszeug.“

Das erste Mal auf Methadon gewechselt ist Michael schon vor 20 Jahren. Seit elf Jahren nutzt er die Substitution dauerhaft. Während dieser Zeit hat er auch zahlreiche Entzugsversuche hinter sich. „Das ist die Hölle, einfach die Hölle“, erinnert er sich. Krämpfe und Schmerzen am ganzen Körper, tagelang. Mehrfach war Michael dazu stationär in Entzugskliniken.

Ein paar Mal hat er es auch Zuhause ausprobiert. „Das dauert mehrere Tage und ist kaum auszuhalten. Zuhause ist das wirklich nicht zu empfehlen“, sagt er. Aus dem Gröbsten sei er allerdings heraus. Der Wille sei da. Dass er einmal wieder komplett auf den grünen Zweig kommt, glaubt er allerdings nicht. Aber es geht ihm gut, sagt er.

Die Geschichte des Heroins

Vor 150 Jahren gehörte der Genuss von Opium zum guten Ton. Wer in der Gesellschaft etwas von sich hielt, spritzte, aß oder rauchte Betäubungsmittel. Der englische Chemiker Charles Romley Alder Wright war es schließlich, der den halbchemischen Stoff schließlich, wie so oft in der Chemie, zufällig entdeckte. Er kombinierte Morphin mit verschiedenen Säuren. Später kam der deutsche Chemiker Felix Hoffmann und die Bayer-Werke hinzu und schafften ein künstlich reproduzierbares Mittel. In einer groß angelegten Werbekampagne wurde es gegen Morphin und Opium gestellt – und schließlich Heroin genannt. Das „heldenhafte“ Mittel. Frei von Nebenwirkungen sei es ein wunderbares Mittel gegen Schmerzen und Husten. Ganz ohne die Suchtgefahr von Morphin und Co. Leider war das aber ein Irrglaube, denn Heroin machte in Wirklichkeit noch deutlich schneller abhängig als alle anderen Mittel auf dem „Markt“. Ausgerechnet Rassismus führe zum Ende von Heroin. Weil immer mehr opiumrauchende Chinesen die Vereinigten Staaten von Amerika bevölkerten, wurde der Konsum dieser Drogen nach und nach stigmatisiert. Bis zu diesem Zeitpunkt wurde Opium übrigens geschluckt. Erst später erkannten die Konsumenten, dass sich das Mittel auch „wunderbar“ rauchen oder spritzen lässt – und die Wirkung damit drastisch zunimmt. Erst 1931 nahm Bayer Heroin vom Markt. Der politische Druck war zu groß. In Deutschland gab es die Ampullen noch bis 1958 zu kaufen. Seit 1971 ist Heroin offiziell komplett verboten. Inzwischen wird es aber wieder – streng kontrolliert – als Arznei entdeckt. Heroin wird künstlich hergestellt, Ausgangssubstanz ist das Morphin. Gewonnen wird es als Extrakt aus Rohopium, dem getrockneten Milchsaft aus den Samenkapseln des Schlafmohns. Zur Herstellung von Heroin wird Morphin mittels Essigsäureanhydrid oder Essigsäurechlorid acetyliert und verflüssigt. Angebaut und hergestellt wird der Grundstoff Opium vor allem in Afghanistan, Pakistan und im Iran. Auch Thailand, Mexiko und die Türkei gehören dazu. Erst in Europa wird das Morphin in Heroin verwandelt.



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