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Teil 4: Unsere Zeitung feiert 20. Online-Geburtstag – wir erinnern uns an besondere Momente und Situationen

Skurriles aus 20 Jahren Internet

Das Geräusch begann mit einem Piepen, steigerte sich zu einem Kreischen und wurde schließlich zu einem Gurgeln. Es war der Sound meines Modems am PC in meiner Studentenbude. Das war 1998. In diesem Jahr starteten auch die Webseite dewezet.de und die Partnerverlage szlz.de und ndz.de ins World Wide Web. Genau 20 Jahre ist das her, ein schöner Anlass, um auf solche überraschenden, witzigen und skurrilen Momente zurückzublicken, die wir nicht vergessen konnten.

veröffentlicht am 02.02.2018 um 13:48 Uhr

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Tomas Krause

Autor

Tomas Krause Onlineredakteur zur Autorenseite
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Penisbilder per WhatsApp

Seit 2015 haben wir WhatsApp im Einsatz. Eine wunderbare Art, um mit unseren Lesern in Kontakt zu treten. Wir schicken Nachrichten raus, von unseren Leser bekommen wir dafür überwiegend tolles Feedback: Das können nette Grüße sein, verträumte Animation, Frage zum Wetter, zu Artikeln, manchmal auch Irrläufer, die an die Familie gerichtet waren. Doch dann gibt es da noch diese Schattenseite. Diese dunkle Schmuddelecke, vor der wir uns mit mitleidigem Unverständnis augenrollend abwenden. Achtung, da ist schon wieder eins im Postfach! Knopfdruck, Löschen. Hin und wieder schicken uns verwirrte Seelen Penisbilder. Meist sehr hässliche und in jedem Fall unappetitlich. Wir würden sie auch lieber gleich löschen, aber leider kann man im Vorfeld nicht sehen, was uns da erreicht, bis – nun ja, bis es zu spät ist. Zum Glück ist das aber die Ausnahme. Und in jedem Fall sperren wir den User sofort. „Wurst mit Bömkes“ braucht hier keiner und solche Teilnehmer auch nicht – und um ganz ehrlich zu sein: das alles schockt uns auch nicht mehr. PS: Es sind übrigens nicht nur die Herren, die uns mit solchem Inhalt „beglücken“, der eine oder andere Busenwackler war auch schon dabei.

Ansturm auf Hannover 96-Tickets

Hameln als Austragungsort internationalen Fußballs ist möglich. Ein besonderes Spiel bleibt sowohl den Mitarbeitern im Dewezet-Ticketshop in Erinnerung als auch der Redaktion. Hannover 96 hatte für den 24. Juli 2003 den damals frisch gekürten UEFA-Cup-Sieger FC Porto eingeladen. Der Austragungsort sollte das Weserberglandstadion in Hameln sein. Das Interesse für diese Premiere war gigantisch, Karten gab es bei den „Roten“ allerdings nicht zu kaufen. Also verlinkte der Verein kurzerhand und ohne Ankündigung auf die Webseite der Dewezet und trat damit eine Welle los. Die Zugriffszahlen rasten ohne ersichtlichen Grund in die Höhe, der Ticketschalter konnte sich vor Anfragen kaum retten. Erst später konnte geklärt werden, wie es zudem Ansturm kam. 8000 Fußball-Fans sahen zwar keine Tore – dafür aber einen frechen Bundesligisten, der den Favoriten aus Portugal mächtig ärgerte. Und einer war so richtig angefressen: Trainer José Mourinho. Zwar hatte er seinen Spielern in der letzten Phase der Vorbereitung ein Sexverbot erteilt, richtig in Gang kamen seine Mannen auf dem extra auf 3,5 Zentimeter gestutzten Rasen aber trotzdem nicht.

Der virale Hit bleibt ein Überraschungsgast

Kann man einen viralen Hit planen? Ach, es wäre zu schön, wenn es dafür ein Rezept gebe. Eins, über das nur man selbst verfügt. Bis es aber soweit ist, bleibt er ein gern gesehener Überraschungsgast. Zwei solcher Momente hat es auf dewezet.de gegeben. Es muss einer der ersten Pyrmonter Marathonläufe gewesen sein. Ein freier Mitarbeiter hatte ein Video gedreht. „Nichts Großes“, dachte sich die Redaktion und stellte das Video ohne Erwartungen auf dewezet.de ein. Ein mächtiger Fehler. Wenige Tage später hatte das Video 24 000 Aufrufe. Eine unglaubliche Zahl. Woher sie kamen, ist bis heute ein Rätsel.

Nur eine Vermutung: Vermutlich wurde das Video in einen Laufblog verlinkt – der Pyrmonter Marathon gilt unter Läufern als anspruchsvolle Strecke – und bescherte so die vielen Zugriffe. Deutlich vorhersehbarer, aber nichtsdestotrotz überraschend, war in jüngster Zeit der Erfolg des Videos über Sofie Thomas. Die 10-Jährige aus Hehlen hatte gerade die 2017er Staffel von „The Voice Kids“ gewonnen, da wurde sie auch schon an ihrer Schule mit einem Empfang überrascht. Unseren YouTube-Beitrag schauten sich bis heute 401 499 Menschen an. Absoluter Wahnsinn – hier haben Zutaten und Verkoster gepasst.

Schüler befüllen das Netz

Lange bevor das Internet in großen Teilen automatisiert wurde und Journalisten zu Experten im Online- und Zeitungsmachen geschult wurden, war das Netz noch echte Handarbeit (von Laien). Damals, das war Ende der neunziger Jahre, Anfang 2000, dachte noch niemand an kanalspezifisches Schreiben. Heute ist es wichtig, seinen Leser unterschiedlich anzusprechen. Der Tabletleser will es lang und multimedial, der Smartphone-Leser braucht kurze Texte, am besten das Geschehen in Stichworten. Der Facebook-Nutzer rezipiert wieder anders: Er will Videos sehen und teilen. Ja, und der Twitter-Follower, dem reichen trotz Erweiterung nach wie vor seine geliebten 140 Zeichen, um sich mitzuteilen und um sich informiert zu fühlen. Dies ist aber nur eine kleine Auswahl der Wünsche und Erwartungen, denen sich unsere Redaktion bei der Aufbereitung der digitalen Inhalte täglich stellt.

Das war – und nun komme ich zurück an den Anfang dieses Beitrags und zum eigentlichen Clou – Anfang der 2000er Jahre anders.

Das Internet war als Markt für Nachrichten und Werbung noch wenig kultiviert. Entsprechend „frei“ waren die Wege, wie Inhalte ins Netz gelangten. Dass die Zeitungsartikel auf dewezet.de zu lesen waren, dafür waren Schüler zuständig. Sie kamen am Abend in die Redaktion, um per „copy“ und „paste“ Texte und Fotos auf die Webseiten zu heben. Einer arbeitet heute noch im Unternehmen, ist aber längst kein Schüler mehr. 2006 war dann Schluss mit dem beliebten Schüler-Job und eine echte Online-Redaktion übernahm das Geschäft. An dieser Stelle passt folgender Fun-Fact: Die allererste Blitz-Meldung – als solches war sie extra mit einem farbigen Kasten hinterlegt –, die von der Redaktion exklusiv fürs Internet geschrieben wurde, gab es schon sehr früh. Am 25. Oktober 2001 lautete die Überschrift auf dewezet.de: „Bombenleger von der Eugen-Reintjes-Schule gefasst“ – ein Meilenstein.

Als uns der Hass in die Knie zwang

Mit Hatespeech in den Social-Media-Kanälen haben wir fast täglich zu tun. In der Regel hilft es als Redaktion, mitzuargumentieren, objektive Fakten zu schaffen oder auf einen vernünftigen Umgangston hinzuweisen. Manchmal schlägt aber auch das fehl. Als letztes Mittel bleibt dann nur, den Nutzer für unsere Seite zu sperren – natürlich nach mehrfachem Hinweis. Bei Volksverhetzung bekommt der Staatsanwalt sofort Post. Eigentlich funktioniert das ganz gut. Und mein Eindruck ist, dass sich der Ton grundsätzlich gebessert hat (– vielleicht liegt es auch nur an den Themen). Seit wir bei Facebook gestartet sind – Himmel, das liegt schon unglaubliche neun Jahre zurück – haben uns Hass-Kommentare nur ein einziges Mal in die Knie gezwungen. Als im Januar 2015 ein junger Hamelner aus dem 7. Stock des Amtsgerichts Hameln stürzte und es anschließend zu Tumulten vor dem Sana-Klinkum kam, überfluteten innerhalb weniger Stunden mehrere Hundert Mordaufrufe, Hass-Tiraden, rassistische Beleidigungen und übelste Beschimpfungen unseren Facebook-Post. Dagegen gab es kein Ankommen, am Ende mussten wir den Eintrag von unserer Pinnwand löschen. Das war kein schöner Moment – aber die Geburtsstunde unserer Netiquette, die seitdem das Miteinander auf unserer Seite regelt.

Server auf zwei Regalböden

Zeitungsproduktion, Anzeigengestaltung, Kundendaten erfassen, Druckdaten versenden, archivieren. Ganze Server-Schränke beziehungsweise leistungsstarke Micro-Systeme sind heute notwendig, um das täglich entstehende Datenvolumen zu bewältigen. Es wird mit Cloud-Lösungen gearbeitet und auf externen Servern in aller Welt gespeichert. Die Datensicherung ist das Platz- und somit auch Kostenproblem des 21. Jahrhunderts. Diese Sorgen musste man sich zu Beginn der Dewezet-Online-Ära nicht machen. Mit einer für damalige Verhältnisse beachtlichen 2-Megabit-Leitung ging das Verlagshaus der Deister- und Weserzeitung ans Netz. Der hauseigene Server hatte bequem auf zwei Regalbrettern Platz, war aber immerhin schon so teuer wie ein heutiger Mittelklassewagen. So teuer sogar, dass das Stammkapital der Medien-Tochter als Sicherung nicht ausreichte – die Dewezet musste als Bürge einspringen. Aus heutiger Sicht kaum vorstellbar, denn der PC hatte nicht annähernd die Rechenleistung eines Smartphones. Passenderweise war das gute Stück dann auch in einem Büro mit starken Rauchern geparkt – auch das gehört der Vergangenheit an.

Ebenso wie die damaligen Zugriffszahlen. Etwa 100 000 Nutzer besuchten 2001 pro Monat die Internetseiten der Dewezet und seiner Partnerverlage. Heute sind es rund 3 Millionen.


Im Raucherbüro: Die Server passen auf zwei Regalbretter. Foto: Böker

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