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Sieben Wochen ohne faule Ausreden?

Sieben Wochen lang darauf zu verzichten, sich in allerlei Alltagssituationen herauszureden. Einfach sagen, was Sache ist. „Ich war’s! 7 Wochen ohne Ausreden“ – so lautet das diesjährige Thema der Evangelischen Kirche in Deutschland für die Fastenzeit zwischen Aschermittwoch und Ostersonntag. Wo immer man sich umhört, reagieren die Menschen zunächst fasziniert. Kein Wunder, hatte doch die Frage, ob und wie man zu seinen Fehlern stehen sollte, gerade die ganze Nation bewegt, im Fall Karl-Theodor zu Guttenberg, dem es so schwer fiel, einzugestehen, dass er sich in seiner Dissertation mit fremden Federn schmückte.

veröffentlicht am 11.03.2011 um 19:22 Uhr

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Kann man mit dem ehrlichen „Ich war’s“ durch den Alltag kommen? Im Landkreis herumgefragt, wer sich diesem Fasten-Experiment stellen würde, ergab: So gut wie niemand lässt sich auf das Thema ein.

Dabei wird überall in den evangelischen Kirchengemeinden gefastet, teils in Gruppen, teils als individuelles Projekt. In Exten treffen sich täglich einige Frauen, um sich über ihre Fastenerfahrungen auszutauschen. In Lauenau und dem Auetal tun sich Menschen zusammen, um eine ganze Woche das konsequente Heilfasten nach Buchinger durchzuhalten.

Pastor Jan-Uwe Zapke aus Bückeburg und seine Konfirmanden sprechen wie jedes Jahr ab, auf welche kleinen Versüßungen des Alltags sie verzichten wollen, und sie freuen sich schon jetzt auf den Gottesdienst am Ostersonntag, auf das schöne Fastenbrechen, wo jeder das, worauf er verzichtete, wieder entgegennehmen darf. Superintendent Andreas Kühne-Glaser will zusammen mit seiner Frau Fleisch und Süßkram von der Speisekarte streichen.

Doch das „Ich war’s“ lassen nur wenige an sich heran. „Klingt interessant, aber ich konzentriere mich eher auf das einfache Fasten“, so die beinahe durchgängige Auskunft bei Pastoren und Gemeindemitgliedern. Der Lauenauer Diakon Christian Beuker bildet da eine Ausnahme: „Ich bin sehr neugierig darauf, was dieses Motto bei mir bewirken wird“, sagt er. „Eigentlich habe ich ja das Gefühl, sowieso fast immer die Wahrheit zu sagen. Doch ist das wirklich so? Gibt es nicht viele Situationen, in denen ich mir untreu werde, aus Sorge vor den Konsequenzen?“

Immerhin, er ist daran gewöhnt, sich mit Konstellationen auseinanderzusetzen, wo es darum geht, mutig Verantwortung für eigene Fehler zu übernehmen. Regelmäßig bietet er Veranstaltungen zur Gewaltprävention an Schulen an. „Da ist es bei den betroffenen Schülern oft ein langer Weg vom ,Ich war’s nicht‘ zum ,Ich war‘s‘“, meint er.

Als die Mitarbeiter im Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik (GEP) im April 2010 das diesjährige Fastenthema herausarbeiteten, waren sie noch tief beeindruckt von Margot Käßmann und ihrer Entscheidung, vom Amt der Landesbischöfin zurückzutreten. Käßmann war betrunken Auto gefahren und dabei von der Polizei erwischt worden. Der Fall kam in die Presse und nun erwartete die Öffentlichkeit mit großer Spannung ihre Stellungnahme. Als geschätzte, ja bewunderte Bischöfin hätte sie durchaus die Möglichkeit gehabt, sich irgendwie herauszureden, um Verständnis zu werben und im Amt zu bleiben.

Margot Käßmann aber relativierte nichts. Sie gestand das Fahren im betrunkenen Zustand als Fehler ein und verzichtete auf Rechtfertigungen wie: „Das kann doch jedem mal passieren.“ Um das Vertrauen in ihre persönliche Glaubwürdigkeit und in die Glaubwürdigkeit des Bischofsamtes nicht zu beschädigen, trat sie zurück. Viele hielten das für eine überzogene Reaktion und bedauerten, eine wichtige liberale Stimme in der Kirchenpolitik vermissen zu müssen. Insgesamt aber überwog die positive Resonanz.

„Ihr ,ich war’s‘ erschien wie ein Befreiungsschlag“, so Arnd Brummer, Chefredakteur des Magazins „Chrismon“ und entscheidend an der Erarbeitung des Fastenthemas beteiligt. „Auch die Bankenkrise, in der es niemanden gab, der aufgestanden und Verantwortung übernommen hätte, gab uns die Richtung für das Fastenmotto an.“ Guttenbergs gegenteiliger Versuch, mit einer persönlichen Schuld umzugehen, war zu dem Zeitpunkt noch weit entfernt. „Wer weiß – hätte er gleich beim ersten öffentlichen Auftritt mit echtem Bedauern eingestanden, dass er den Anforderungen an eine Doktorarbeit nicht gewachsen war, er wäre noch weiterhin unser Verteidigungsminister.“

Kann, darf es denn aber sogar Vorteile haben, sieben Wochen ohne Ausreden auszukommen? „Die Selbstkritik hat viel für sich“, heißt es so treffend in Wilhelm Buschs Gedicht. „Gesetzt den Fall, ich tadle mich, so hab ich erstens den Gewinn, dass ich so hübsch bescheiden bin. Zum zweiten denken sich die Leut, der Mann ist lauter Redlichkeit.“ Und schließlich kommt dabei heraus: „Dass ich ein ganz famoses Haus!“

Arnd Brummer lächelt bei dieser Anspielung. „Nun, es geht durchaus um eine ,Kunst der Selbsterniedrigung‘“, meint er. „Tatsächlich sollen wir uns bewusst machen, dass nicht nur diejenigen, die erwischt werden, sondern wir alle Sünder sind.“

Und dementsprechend schuldlos sein?

Nein. „Der springende Punkt liegt darin, mit der Kritik bei sich selbst zu beginnen. Das tut man natürlich nicht, um sich selbst an den Pranger zu stellen. Das Gegenstück zur Selbstkritik ist ja die Gnade. Wir hoffen darauf, dass man gnädig mit uns umgeht.“ Wo man offen zu seinen Fehlern und Schwächen stehe, verändere sich oft mit einem Schlag die ganze Stimmung zwischen den Menschen. „Christentum bedeutet: Beziehungspflege“ sagt er. „Die Liebe zu Gott kann es nicht ohne die Nächstenliebe geben. Und den Nächsten kann man nicht wirklich lieben, wenn man ihn nicht auch wohlwollend mit seinen Schwächen wahrnimmt.“

Muss man dazu denn immer die Wahrheit sagen? Wo Ausreden genutzt werden, wissen doch meistens alle, dass es Ausreden sind: Der ständig unpünktliche Mitarbeiter und sein Hinweis auf den Stau, in dem er hängenblieb; die Naschkatze, die auf keinen Fall den Schokopudding gemopst hat; der Schüler, der ohne Hausaufgaben dasteht, weil, äh, der Hund das Heft zerkaute – in all diesen Fällen kann man doch auch gnädig darüber hinwegsehen, dass jemand sich aus einer peinlichen Situation herausmogeln will.

„Ja, das kann man“, so Brummer. „Doch dann entsteht kein Gespräch. Und genau die Gespräche über unsere Schwächen sind eine Chance. Dass wir uns im jeweils anderen wiedererkennen. Und Wege finden, die Schwächen zu besiegen.“

Der „Chrismon“-Chefredakteur geht auf das Beispiel eines Schüler ein, der seine Hausaufgaben nicht machte und nun einfach sagt, er habe eben keine Lust gehabt. „Natürlich kann man diese Wahrheit auch aggressiv herausschleudern und damit einen Angriff auf die Autorität des Lehrers und die schulischen Regeln starten“, sagt er. „Doch so ist das ,Ich war’s‘ nicht gemeint.“

Das Eingeständnis, die Aufgaben mit Absicht nicht gemacht zu haben, gäbe einem guten Lehrer die Möglichkeit nachzufragen, Vorschläge für interessantere Aufgaben zu sammeln, zusammen mit den Schülern über den Unterricht zu reflektieren. „Sowas geschieht kaum, wenn nur faule Ausreden abgenickt werden.“

Wenn es aber in Wirklichkeit so einfach wäre, den Alltag auch ohne Ausreden zu bestehen, warum findet sich dann trotz intensiver Suche ringsum kaum ein Mensch, der sich diesem besonderen Fastenmotto stellt? Selbst im „Fastenblog“ auf „evangelisch.de“, dem viel besuchten Internetauftritt der Evangelischen Kirche, widmet sich nur einer der vielen tagebuchähnlichen Einträge unterschiedlicher Teilnehmer dem großen Thema – und kritisiert den Wochenspruch „Warum hast du das getan“ als eine Frage, die nur negative Emotionen auslöse.

„Vielleicht liegt es daran, dass Ehrlichkeit nicht immer und in jedem Fall angebracht ist“, meint Superintendent Andreas Kühne-Glaser. Moralische Gesetze ließen sich nicht nach einer sturen Regel anwenden, sondern müssten in jeder Situation neu geprüft werden. „So hat es auch Jesus Christus gehalten, wenn er zum Beispiel sagte, der Sabbat sei um des Menschen Willen da und nicht der Mensch um des Sabbat Willen.“ Möglicherweise verstünden viele das Fastenmotto auch falsch, in dem Sinne, dass man sieben Wochen lang immer wahrhaftig antworten solle, egal, auf welche Frage. „Und das kann schnell dazu führen, dass man seinem Gegenüber unangenehme Wahrheiten wie einen nassen Lappen ins Gesicht klatscht.“

Wer sich genauer über die Hintergründe des Fastenthemas informieren will, findet viele Texte und Anregungen im Fastenkalender, der für etwa 9 Euro über den Buchhandel zu beziehen ist. In diesem Kalender ist vom Verlorenen Sohn die Rede, der seine Verfehlungen reuig eingestand und ohne Wenn und Aber vom Vater angenommen wurde. Auch von Zacharias, dem Zöllner, wird erzählt. Im Gegensatz zum eitlen Pharisäer bat er, dass Gott ihm, dem armen Sünder gnädig sei. Und Jesus sprach: „Jeder, der sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden; wer aber sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden.“

Kurz darauf kommt schon die berühmte Bibelstelle: „Wer irgend das Reich Gottes nicht aufnehmen wird wie ein Kindlein, wird nicht in dasselbe eingehen.“

Dazu Arnd Brummer: „Theatralisch und mit Kalkül zu sagen ,Ich gestehe‘ – das wäre maßlos. Nicht der Selbststilisierung soll das Motto dienen, sondern der Demut.“

Es wäre schon einen Versuch wert, in diesen sieben Wochen das eine vom anderen unterscheiden zu lernen.

„Der Hund hat meine Hausaufgaben gefressen“, „Ich bin zu spät, weil ich im Stau stand“ – Ausreden, wer kennt sie nicht. Entweder, weil er sie zu hören kriegt oder weil er sie selber benutzt. In der Fastenzeit, die bis Ostersonntag andauert, hält die Evangelische Kirche in Deutschland dazu an, doch einmal zu sagen: „Ich war’s“. Aber lässt sich das durchhalten? Eine Spurensuche.



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