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Großes Wirken im Schatten der Männer – von Geschichtsbüchern meist übersehen / Teil 2

Sieben starke Frauen

Wer weiß das nicht: Oftmals sind es doch die Frauen, die einen erfolgreichen Mann starkmachen, eine Dynastie mächtig, eine Burg oder ein Schloss uneinnehmbar. Gestern haben wir im ersten Teil unserer Geschichte über die starken Frauen Anna von Klencke, Königin Emma der Niederlande, Herzogin Philippine Charlotte von Braunschweig-Wolfenbüttel wie auch Elisabeth Christine von Braunschweig-Wolfenbüttel-Bevern vorgestellt, heute sind drei weitere starke Frauen an der Reihe.

veröffentlicht am 16.10.2013 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 16.10.2013 um 10:24 Uhr

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Glückel Hameln, geb. Pin-kerle (1645 oder 1646-1724) – erfolgreiche Geschäftsfrau und erste Autobiografin Deutschlands: Hätte sie ihr Leben nicht in sieben Büchern niedergeschrieben, wir wüssten nichts über das Schicksal der Glückel Hameln geb. Pinkerle. Mit nicht einmal zwölf Jahren wurde die Tochter eines Hamburger Diamantenhändlers mit Chajim Hameln verlobt, dem Sohn eines der lediglich zwei Juden, denen es erlaubt war, in der Stadt Hameln zu leben. Mit 14 Jahren heirateten die beiden, und Glückel zog zur Familie ihres Mannes nach Hameln. Sie war unglücklich dort, beschrieb die Stadt später als einen „lumpigen, unlustigen Ort“. Doch in der Familie ihres Mannes fühlte sie sich aufgehoben und äußerst wohl. Die Frömmigkeit ihrer Schwiegereltern beeindruckte und beeinflusste sie sehr. Bei aller Unbill, der kam, fand sie immer festen Halt in ihrem Glauben. Und Unbill sollte kommen. Nach einem Jahr zog das junge Ehepaar nach Hamburg, auch wenn das Leben und Arbeiten für Juden dort nicht viel einfacher war. Doch immerhin war die jüdische Gemeinde erheblich größer als in Hameln. Chajim Hameln baute mithilfe seiner Frau Glückel einen gut gehenden Handel, zunächst mit Edelsteinen, dann mit Gold auf. 14 Kinder hatten die beiden und führten eine glückliche Ehe. Als Chajim 1689 plötzlich starb, musste Glückel selbst für die acht unmündigen ihrer zwölf überlebenden Kinder sorgen. Sie beschloss, das Geschäft allein weiterzuführen. Ihr Angebot bestand aus Juwelen und Gold, aber auch aus Tuchwaren. Sie gründete gar eine Strumpfwarenmanufaktur und führte erfolgreich Handel von Hamburg über Berlin und Amsterdam bis hin nach Paris. Doch ihr zweiter Ehemann ging bankrott und so starb Glückel mittellos im Haus ihrer Tochter. Mit 45 Jahren hatte Glückel begonnen, ihre Erinnerungen aufzuschreiben, damit ihre Kinder wussten, aus welcher Familie sie stammten. Es ist die erste ausführliche Autobiografie einer Frau, die die Zeit überdauert hat. Sie schildert darin das Leben des 17. Jahrhunderts zwischen Verfolgung, Ächtung, Reichtum und Pest auf besonders eindrückliche Weise.

Königin Marie von Hannover, geb. von Sachsen-Altenburg (1818-1907) – die letzte Königin von Hannover als Mäzenin der Kunst: Es kam nicht häufig vor, dass europäische Königspaare repräsentative Veranstaltungen mieden und dadurch gesellschaftliche Isolation, ja, sogar politische Nachteile in Kauf nahmen, um ein bescheidenes Leben, angereichert durch Kunst und Kultur, zu führen. Doch der letzte König von Hannover, Georg V., und seine Frau Marie taten genau dies. Marie von Sachsen-Altenburg wuchs in Thüringen in einem der kleinsten Herzogtümer Deutschlands als älteste von sechs Schwestern auf. Noch während ihrer Jugend starben zwei ihrer Schwestern. Mit 21 Jahren lernte sie schließlich auf der Nordseeinsel Norderney den Kronprinzen Georg von Hannover kennen und lieben. Ihre Hochzeit im Jahr 1843 wurde recht prunkvoll über fünf volle Tage lang gefeiert. Nach den Festlichkeiten folgte der Umzug nach Hannover, wo nicht nur die drei Kinder zur Welt kamen. Georg und Marie machten hier auch sehr zum Missfallen des Königs und der Hofschranzen aus ihrer gegenseitigen Zuneigung kein Hehl. Ihnen lag das höfische Protokoll wenig, Kronprinzessin Marie stillte gar ihre Kinder selbst, anstatt sie einer Amme zu übergeben. Das Volk liebte die beiden jedoch und war beglückt von ihrer Bürgernähe. Besonders Maries großzügiges Engagement für wohltätige Zwecke wurde hoch geachtet. Mit dem Erbe ihrer Großmutter Henriette von Württemberg gründete sie schließlich 1860 die hannoversche Henrietten-Stiftung, die bis heute besteht. Ihre Wohltätigkeit dehnte Marie auch auf die Künste aus. Sie und ihr Mann luden jede Woche zu Konzerten ins Schloss Herrenhausen, und Hannover wurde zu einem Zentrum musikalischen Lebens in Deutschland. Die Kronprinzessin, selbst mit einer tiefen Altstimme gesegnet, unterstützte diverse Künstlerinnen finanziell, insbesondere die Sopranistin Asminde Ubrich aus Hildesheim. Als Georg nach dem Tode seines Vaters König von Hannover wurde, setzten die beiden ihr Engagement für die Künste weiter fort. Dies gipfelte zunächst in dem Bau des Schlosses Marienburg, auf dem es in der kurzen Zeit, die sie es bewohnen konnten, zahlreiche Konzerte und andere Kunst gab. Als König Georg die eindringliche Bitte seiner Frau überhörte, zugunsten des Sohnes abzudanken, um den Thron nicht an Preußen zu verlieren, musste die Familie ins Exil gehen. Im österreichischen Gmunden schließlich blieben sie ihrer Liebe zur Musik treu und begrüßten in den wesentlich bescheideneren Verhältnissen noch immer Künstler wie den Geigenvirtuosen Joseph Joachim und den Komponisten Johannes Brahms.

Juliane Fürstin zu Schaumburg-Lippe, geb. von Hessen-Philippsthal (1761-1799) – Reformatorin der Landwirtschaft und des Gesundheitswesens: Ohne ihren Einsatz hätte es vielleicht nie eine Pockenschutzimpfung gegeben, keine Alleen in Bückeburg und keine kostenlose Verteilung von Schulbüchern. Sieben Jahre war sie mit dem 38 Jahre älteren Grafen Philipp Ernst zu Schaumburg-Lippe verheiratet. Als er plötzlich starb, musste die erst 26-jährige Juliane von Hessen-Philippsthal kaum vier Tage später Schloss und Stadt Bückeburg sowie die Regentschaft ihres Sohnes, des Erbgrafen, gegen hessische Infanterieregimenter verteidigen. Dank ihrer schnellen Reaktion, den Kaiser sowie den König von Preußen um Hilfe zu bitten, zog sich das hessische Militär nach zwei Monaten zurück und Juliane konnte wieder nach Hause zurückkehren.

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In den folgenden zwölf Jahren übernahm sie die Regierung in Vormundschaft für ihren erst dreijährigen Sohn. Unter ihrer Ägide stiegen die Erträge der fürstlichen Güter und Forsten beachtlich, sie nahm den Bauern einige Lasten, sie gründete den Kurort (Bad) Eilsen und ließ zahlreiche Chausseen und Alleen anlegen. Juliane stellte Gelder bereit, um neue Volksschulen und Stellen für Lehrer zu schaffen. Und sie unterstützte die neuartige Impfung gegen Pocken, indem sie selbst mit ihrem Sohn nach Lausanne reiste, um ihn dort impfen zu lassen. Doch nicht nur das, sie ließ einen Gesundheitskatechismus kostenlos in Schulen verteilen, der sogar in mehrere Sprachen übersetzt wurde.

Ihr persönliches Interesse galt den schönen Künsten, besonders der Musik. Der Ruf der Bückeburger Hofkapelle unter Leitung von Johann Christoph Friedrich Bach, einem Sohn Johann Sebastian Bachs, wuchs dank Julianes Förderung weit über Bückeburgs Grenzen hinaus. Die Fürstin spielte selber in Theaterstücken mit, und vor allem lernte sie bei Bach Cembalo zu spielen und brachte es darin zu großer Meisterschaft.

Juliane konnte ihr Werk nicht vollenden – sie starb mit nur 38 Jahren an den Folgen einer schweren Erkältung.

Auch wenn die Geschichtsbücher sie bis heute zumeist verschweigen – ohne sie stünde heute kein Stein mehr auf dem anderen, die Kunst hätte nicht den Stellenwert, den sie hat und die Familien hätten die Zeiten ohne sie nicht überdauert: die Frauen der Sieben Schlösser und Hamelns.

Glückel Hameln (oben) und eine heutige Ansicht der Stadt Hameln.Archiv

Die Marienburg und ihre Erbauerin Königin Marie von Hannover.

Schloss Marienburg

Juliane Fürstin zu Schaumburg-Lippe (unten) und das Schloss Bückeburg.LZ-Archiv



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