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Sie sehen alles – aber sie sieht fast keiner

Hameln. Es ist 22.08 Uhr am Sonntag. Hunderte Besucher verlassen das Theater. Währenddessen sitzt Andreas Groß im Gebäude am Rathausplatz. Aber nicht im Zuschauerraum, sondern im Keller. Im kleinen, spartanisch eingerichteten Feuerwehrraum. Eine Neonröhre beleuchtet das Zimmer. Groß, der 48-jährige Löschmeister, trägt Dienstzeiten ins schwarze Wachbuch ein. Vor der Tür warten Christian Bissel, Jens Nolte und Hans-Joachim Konradt auf ihn. In Uniform. Ihre Helme und Handschuhe haben sie soeben an die Garderobenhaken gehängt, ihre Taschenlampen auf den Tisch gestellt. Groß, der an diesem Abend Wachhabender der Brandsicherheitswache im Theater gewesen ist, legt das Buch in die Schublade. Dann steht er auf. Er nimmt seinen Hut vom Haken und verlässt den Raum. Oben, am Bühneneingang, sagt er zum Abschied „Ich hoffe, wir sehen uns gleich nicht mehr“ und lächelt. Er geht ins Pförtnerbüro. „Theaterwache beendet“, meldet er der Leitstelle telefonisch. Die Schlüssel legt er auf den Tisch. Dann geht er.

veröffentlicht am 22.02.2011 um 00:00 Uhr

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Beinahe drei Stunden ist es her, dass er den Raum an diesem Abend betrat. Um 19.15 meldete er sein Wach-Team bei der Leitstelle an. Der Einsatz im Theater „ist für uns Tagesgeschäft“, sagt Oberbrandmeister Norbert Tegtmeyer. „Routine eben.“ Ein Dauerauftrag, den die Freiwillige Feuerwehr Hameln seit Jahrzehnten bei jeder Aufführung im Großen Haus leistet. Diese Brandsicherheitswache ist nach der niedersächsischen Versammlungsstättenverordnung geregelt. Ein Wachhabender und zwei Feuerwehrmänner müssen während einer Aufführung vor Ort sein. Im Bühnenraum. An diesem Abend sind es vier. Weil auf dem Rathausplatz die Zelte der Bautage abgebaut werden. Die Feuerwehrmänner befürchten, dass Notausgänge zugeparkt werden. Die Vorstellung ist ausverkauft. 700 Zuschauer müssten im Ernstfall schnell das Haus verlassen können. Dass es gar nicht erst zu einem Ernstfall kommt, ist Aufgabe des Wach-Teams.

„Wird geraucht heute?“, fragt Tegtmeyer beim Rundgang durchs Haus. In ein Rauchbuch müssen nämlich sämtliche „Feuervorgänge“ eingetragen werden. Jede auf der Bühne gerauchte Zigarette. Jede brennende Kerze. Jeder Einsatz der Nebelmaschine. Jeder Knalleffekt. Der 54-Jährige mit dem grauen Kurzhaarschnitt inspiziert die Bühne. Ein Blick auf den Tisch im imaginären Wohnzimmer genügt. „Kein Aschenbecher. Sieht gut aus“, sagt er. Hätte einer dort gestanden, wäre er mit Wasser gefüllt worden. „Zur Sicherheit“, so Tegtmeyer. „Der heutige Einsatz ist Standard. Es passiert nichts Spektakuläres.“ Der Brandschutzdienst gefällt ihm. „Den mache ich ganz sicher lieber als Hochwasserschutz.“ Warum? „Weil’s schön warm hier ist und ich mir Kultur reinziehen kann. Das ist toll.“

Unzählige Male war Tegtmeyer bereits im Theater. Hinter der Bühne. Wie oft kann er nicht sagen. „Im dreistelligen Bereich“, tippt er. Ein Lieblingsschauspiel, einen Lieblingsschauspieler hat er nicht. „Aber es ist schön, Prominente mitzuerleben!“ An diesem Abend steht Horst Janson auf der Bühne. Ob Tegtmeyer das Stück interessiert? Offensichtlich nicht. „Was kommt denn heute?“, fragt er schmunzelnd. Privat geht er selten ins Theater. Auch Löschmeister Groß sitzt kaum im Zuschauerraum: „Ich bin seit 30 Jahren dabei. Ich kenne doch schon alles.“

Einen Termin für den Einsatz können sich die Feuerwehrmänner nicht aussuchen. „Jeder ist mal dran“, sagt Tegtmeyer. Ein „Och nee, das habe ich schon gesehen“ zähle nicht als Ausrede. „Es gibt zwei Sachen bei der Freiwilligen Feuerwehr, die freiwillig sind: der Eintritt und der Austritt. Dazwischen ist Schicht, und die ist Pflicht“, sagt er, während er schnellen Schrittes über die Bühne geht. Seitlich gibt es hier zwei Plätze: einen für den Wachhabenden und gegenüber den „Posten 2“. Neben dem Stuhl ist eine Löschdecke angebracht. Darunter stehen Feuerlöscher, ein Emaille-Eimer mit Sand, eine rote Taschenlampe und eine Axt. „Die habe ich hier noch nie gebraucht“, erklärt Tegtmeyer. „Du etwa?!“ Sein Kollege schüttelt den Kopf. Auch Feuerlöscher und Löschdecke kamen bisher nicht zum Einsatz. „Natürlich passieren mal Kleinigkeiten. Aber das ist nichts“, sagt er.

Der Platz des Wachhabenden, auf dem Groß heute sitzt, ist mit einem Tableau ausgestattet. Es gehört zur Brandmeldeanlage im Theater. Sie benachrichtigt den Pförtner und die Leitstelle über Zwischenfälle. Näher am Bühnengeschehen als die Feuerwehrmänner ist niemand. Vor ihnen agieren die Schauspieler. Neben ihnen beginnt das Bühnenbild. Sie sehen alles. Aber sie sieht fast keiner.

Christian Bissel ist einer, der seine Kollegen im Blick hat. Auch wenn der 17-Jährige eigentlich etwas ganz anderes beobachtet. In neun Metern Höhe hat er über der Bühne auf der Galerie Platz genommen. Auf „Posten 3“. Mit Blick auf die Scheinwerfer, deren transparente, farbige Folie durchschmoren könnte. Es ist 20 Uhr, als seine Digitaluhr zweimal piept. „Let’s rock the House“, sagt Holger Hanewacker auf der Bühne. Hanewacker ist Schauspieler. In der Komödie „Männer sind auch Menschen“ spielt er mit. Christian Bissel sitzt neben der Brücke mit den Scheinwerfern, die nur für die Techniker zugänglich ist. Hinter ihm raschelt der sich öffnende Vorhang. Horst Janson betritt die Bühne. Bissel beugt sich vor. Sein Holzstuhl knarrt. Nur gelegentlich sieht der Feuerwehrmann, was sich auf der Bühne abspielt. Er sitzt vornüber gebeugt. Seinen Kopf hat er aufgestützt. „Ruhe“ steht in roten Großbuchstaben auf einem Vorhang, der oben im Schnürboden hängt. Ruhe ist hier oberstes Gebot. Das weiß Bissel. Von seinem Platz aus hört er meist nur Stimmen und sieht gar keine Schauspieler. Doch er sieht die Scheinwerfer. Während unter ihm getuschelt und das Spiel beobachtet wird, piept Bissels Uhr erneut. 21 Uhr. Bissel sitzt nahezu unbeweglich auf seinem Stuhl. Er schmunzelt über Pointen. Leise natürlich. Und die Scheinwerfer? Sie gehorchen. Pause.

Ein Teil des Wach-Teams dreht seine Runde durchs Foyer. Um zu schauen, ob dort geraucht wird. Aber niemand tut das im Gebäude. „Die Leute hier sind anständig“, sagt Tegtmeyer, als er an der Garderobe vorbeigeht. Oben, auf dem Balkon hat er vor der Veranstaltung die Notausgangsbeleuchtung kontrolliert: Sie funktioniert. Hinter der Bühne treffen sich die Feuerwehrmänner wieder. Jeder von ihnen hält eine Flasche Cola in der Hand. „Wer hier Dienst hat, muss mit jeder Ecke im Haus vertraut sein“, erklärt Andreas Groß. Ohne einen Grundlehrgang absolviert zu haben, komme niemand zur Theaterwache.

Um 21.30 Uhr klingelt es zum zweiten Teil der Aufführung. Für eine halbe Stunde nimmt jeder seinen Platz wieder ein. Wer husten muss, wartet so lange, bis sich der Vorhang schließt oder Szenenapplaus aufbrandet. Wer einen Lachkrampf bekommt, der sollte sich ablenken. Tegtmeyer kennt das Rezept: „Aufstehen, umdrehen, ein paarmal schlucken – dann ist es wieder gut“, sagt er. Auch klatschen dürfen die Brandschützer. Aber sie tun es nicht, als um 22.05 Uhr der Vorhang fällt. Jeder von ihnen hat an diesem Abend ein Wachgeld verdient. Pro Stunde beträgt das netto etwa 9,30 Euro. Unten, im Feuerwehrraum im Keller, klappt Groß wenig später das Wachbuch zu. Ein Verwarngeld hat er vergeben müssen. Jemand hatte die Feuerwehrausfahrt zugeparkt. „Sonst war heute gar nichts“, sagt er zufrieden. „So sollte es ja auch sein.“

Christian Bissel sitzt hinter der Bühne auf einem der Feuerwehrposten. In der Nähe steht ein roter Emaille-Eimer mit Wasser – für den Notfall.



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