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Nichtmediziner übernehmen ärztliche Tätigkeiten / Neue Wege in den Kliniken: Beruf Gefäßassistentin

Sie operiert ohne Doktortitel

veröffentlicht am 05.02.2013 um 00:00 Uhr

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Von Ulrich Behmann

Um 8.44 Uhr setzt Gefäßchirurg Dr. Ulrich Augenstein (54) das Skalpell am rechten Oberschenkel einer alten Dame an, um mit ein paar gekonnten Schnitten durch Haut- und Fettschichten die Beinarterie freizulegen. Immer dann, wenn der Operateur ein kleines Blutgefäß durchtrennen will, klemmt er es vorher mit einer Pinzette ab, hält seine Assistentin, die ihm am OP-Tisch gegenübersteht, ein Elektromesser an das silberfarbene Metall, das der Arzt in seiner rechten Hand hält. Strom fließt durch das Instrument in die Wunde. Es zischt leise, dabei steigt etwas Rauch auf. Auf diese Weise wird das Gefäß verödet und die Blutung gestoppt. Niemand spricht ein Wort. Nur das Piepen des EKG-Monitors, der die Herztöne der narkotisierten Frau akustisch anzeigt, ist zu hören. Obwohl Nicole Peest (43), die bei der Bypass-Operation assistiert, nur auf Weisung eines Arztes tätig werden darf, arbeitet sie nicht auf Zuruf – sie scheint die Gedanken des Chirurgen lesen zu können. Nicole Peest und Dr. Augenstein bilden eine Einheit. Das Operationsverfahren ist zwar standardisiert, dennoch ist jeder Eingriff anders. Vorausschauendes Denken ist gefragt. Das liegt der angehenden Gefäßassistentin.

Sie ist eine von etwa 200 Frauen und Männern, die sich derzeit bundesweit für diesen recht neuen Beruf qualifizieren wollen. Ihr Name ist Ewa Kurzacz (43). Die Hamelnerin, verheiratet, zwei Kinder, arbeitet wie Nicole Peest in der Abteilung für Gefäßchirurgie am Evangelischen Bathildiskrankenhaus in Bad Pyrmont. „Wir gehen neue Wege, können damit den Ärztemangel abfedern“, sagt Chefarzt Dr. Augenstein. Händeringend suchten Kliniken nach akademischem Nachwuchs. „Aber es gibt ihn kaum. Aus der Not heraus wurde die Idee geboren, ärztliche Tätigkeiten an besonders gut geschultes Personal abzutreten.“

Die Gefäßassistentin sei das Bindeglied zwischen Pflege, Sozialdienst und Ärzteschaft. Sie ist nicht Ärztin und auch nicht Krankenschwester – eher schon eine halbe Medizinerin. Ewa Kurzacz erledigt Arbeiten, die früher ein Assistenzarzt gemacht hätte. Sie ist Wundmanagerin, beurteilt Verletzungen und Heilungsprozesse, sie untersucht mit Ultraschall Schlagadern, nimmt Patienten Blut ab, kontrolliert Laborwerte, legt Venenverweilkatheter, sogenannte Braunülen, an, schreibt Arztbriefe und assistiert am OP-Tisch. Die ehemalige Krankenschwester darf sogar aufgeschnittene Haut- und Fettgewebeschichten mit Nadel und Faden wieder zusammennähen. „Die Zeiten, wo mir Assistenzärzte zur Seite standen, sind vorbei“, sagt Dr. Augenstein. Nicole Peest ist erst seit September 2012 dabei, dennoch glaubt die Pyrmonterin schon jetzt, ihren Traumjob gefunden zu haben. Seit 25 Jahren ist die Mutter eines 16-jährigen Sohnes Krankenschwester. Im Hamelner Sana-Klinikum ist sie zur Stationsleitung aufgestiegen, war zuletzt Belegungsmanagerin. Ihr wurde rasch klar: „So ein Bürojob ist nichts für mich. Ich möchte für die Patienten da sein. Das gibt mir ein gutes Gefühl.“ Als sich ihr die Chance bot, sich zur Gefäßassistentin weiterbilden zu lassen, habe sie sofort Ja gesagt, erzählt die 43-Jährige, die Ende des Jahres ihre Prüfung in Frankfurt machen möchte. 200 Gefäßassistentinnen gibt es bereits in Deutschland – Ewa Kurzacz ist eine davon. Sie liebt ihre Arbeit, weil ihr Aufgabengebiet breit gefächert ist und weil ihre Meinung geschätzt wird. „Im Team wird man als spezialisierte Fachkraft wahrgenommen“, sagt die in Polen geborene Frau und fügt leise hinzu: „Man hört auf mich.“ Das wird vor allem in der Morgenbesprechung deutlich, an der alle Ärzte, Gefäßassistentinnen und die Sekretärin teilnehmen. „Was die Gefäßassistentinnen berichten, wird hoch geschätzt“, sagt Dr. Augenstein. Wie viel Geld sie verdient, möchte Ewa Kurzacz nicht sagen. Mehr als eine Krankenschwester und weniger als ein Assistenzarzt möchte man meinen. „Einen Tarif für Gefäßassistenten gibt derzeit noch nicht“, sagt sie.

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Gefäßchirurg Dr. Augenstein und Gefäßassistentin Nicole Peest bilden ein Team.

Im Operationssaal 3 wird gerade ein weißer Schlauch aus Kunststoff mit Heparin-Beschichtung (Blutgerinnungsmittel) im Bein der Seniorin verlegt. 40 Zentimeter lang ist die Gefäßprothese, die vom Oberschenkel bis zum Knie reicht. Durch diese Umleitung (Bypass) kann das Blut wieder ungehindert in den Unterschenkel fließen. Die Schlagader der alten Dame hatte sich im Laufe der Jahre mehr und mehr zugesetzt: In der Beinarterie der 79-Jährigen haben sich im Laufe der Zeit Blutfette, Gerinnsel, Bindegewebe und Kalk angelagert. Sie behindern jetzt den Durchfluss und haben sogar die Gefäßwände geschädigt. Die Folge: Der rechte Unterschenkel wird nicht mehr ausreichend durchblutet. Arteriosklerose nennt das der Fachmann. An den Folgeerkrankungen einer solchen Verkalkung, wie der Volksmund es nennt, sterben viele Menschen. Sie bilden die häufigste Todesursache in den westlichen Industriestaaten. Nicole Peest ist konzentriert bei der Sache. „Sie ist quasi meine dritte und vierte Hand“, sagt Chefarzt Dr. Augenstein. Der Eingriff verläuft ohne Komplikationen.

Während Gefäßchirurg Dr. Augenstein operiert, kümmert sich Gefäßassistentin Ewa Kurzacz um die Patienten, die zur Nachsorgeuntersuchung in die Sprechstunde gekommen sind. Die Hamelnerin Ursula Pfeiffer (68) ist eine von ihnen. Ihre linke Halsschlagader war zu 80 Prozent verstopft. Am 7. Januar ist sie operiert worden. Der Eingriff war „nicht ohne“: Die Arterie musste aufgeschnitten, freigeräumt und die Wunde in der Schlagader mit einem Stück Kunststoff verschlossen werden. Vor- und Nachteile einer solchen OP müssen vor dem Eingriff gegeneinander abgewogen werden. Das Aufschneiden einer Halsschlagader ist ohnehin nur etwas für Spezialisten mit Feingefühl und sehr viel Erfahrung. „Nur derjenige, der eine Komplikationsrate von unter drei Prozent hat, bewahrt seine Patienten auch vor einem Schlaganfall“, erklärt Dr. Augenstein. Auf dem Monitor des Ultraschallgeräts schaut Ewa Kurzacz die Halsschlagader an. Kein Blutgerinnsel, keine Blutungen – alles ist gut verheilt. Ursula Pfeiffer darf wieder nach Hause.

Auch die Seniorin aus OP 3 hat den Eingriff gut überstanden. Ihr Unterschenkel wird wieder mit ausreichend Blut versorgt. Noch liegt sie im Aufwachraum. Dr. Augenstein hat die grüne OP-Kleidung gegen eine weiße Hose und einen weißen Kittel getauscht und bereitet sich auf die Visite vor. Ewa Kurzacz ist an seiner Seite. In den Krankenzimmern warten schon die Patienten, die vor wenigen Tagen operiert wurden. Verbände werden entfernt, Wunden beurteilt, Fragen beantwortet, Therapien verordnet. Gefäßchirurg und Gefäßassistentin arbeiten Hand in Hand. „Das Schönste an meinem Beruf“, sagt Ewa Kurzacz, „ist der enge Kontakt zu den Patienten.“ Sie habe schon immer den Ehrgeiz gehabt, sich weiterzuentwickeln, etwas zu bewegen, etwas aufzubauen und mitzuwirken.

Ihre Kollegen sagen, die Hamelnerin habe Organisationstalent und sei ideenreich. Darauf ist sie stolz. „Ich schätze die Medizin sehr, und die Chirurgie ist meine Leidenschaft. Deshalb wollte ich lieber Gefäßassistentin und nicht Stationsschwester werden.“ Die 43-Jährige will noch weiter an ihrer Karriere arbeiten – sie möchte berufsbegleitend studieren und ihren Bachelor in Medizin machen.

„Die Zeiten, wo mir Assistenzärzte zur Seite standen, sind vorbei“, sagt Chefarzt Dr. Ulrich Augenstein. Ihm assistiert eine nichtmedizinische Fachkraft, die nach bestandener Prüfung zur Gefäßassistentin im OP

und auf der Station im Einsatz ist und auf Weisung eines Arztes Tätigkeiten verrichtet, die früher Mediziner erledigt haben. Ärztemangel, Bürokratie – einige Kliniken gehen neue Wege.



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