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Sie hatten nicht vor, länger zu bleiben

Ohne Gastarbeiter wäre das deutsche Wirtschaftswunder wohl kaum möglich gewesen. Zunächst wurden Italiener, dann Spanier und Griechen als zusätzliche Arbeitskräfte angeworben. Vor 50 Jahren wurde ein Anwerbeabkommen mit der Türkei unterzeichnet. Aus dem angedachten Arbeitsaufenthalt in der Fremde wurde für viele eine neue Heimat. Unsere Zeitung hat mit türkischen Gastarbeitern aus Rinteln, Stadthagen und Hameln gesprochen.

veröffentlicht am 02.05.2011 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 14:37 Uhr

Mustafa und Penpe Yildirim haben in ihrer Wohnung einen Wandteppich sowohl mit türkischer als auch mit deutscher Flagge geschmüc
Philipp Killmann

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Philipp Killmann Reporter zur Autorenseite

Wenn Mustafa Yildirim aus seinem Leben erzählt, ist das, als säße man einem Mensch gewordenen Geschichtsbuch gegenüber. Im Wohnzimmer der Yildirims in Stadthagen erinnert sich der 71-Jährige auf den Tag genau an die Abreise aus der Türkei. „Das war der 5. Mai 1973“, sagt er. Bis dahin waren sieben Jahre ins Land gegangen, seit er sich mit 26 Jahren für Arbeit im unbekannten Deutschland beworben hatte. Aber dann ging alles sehr schnell…

In zwei Tagen fuhr er mit anderen türkischen Gastarbeitern mit dem Zug von Istanbul nach München. Dort wurden sie aufgeteilt. Für Yildirim ging es weiter nach Stadthagen. „Als wir ankamen, war es schon dunkel. Wir waren 20 Mann, wurden von der Firma abgeholt und nach Hülshagen gebracht“, erzählt Yildirim. „Ich hatte Glück und teilte mir mit nur einem Kollegen eine ganze Wohnung im Obergeschoss. Der Chef wohnte im Erdgeschoss – und all die anderen Kollegen in der Mitte.“

Zwei Tage später ging die Arbeit bei der Tiefbaufirma los. Das heißt: „Kabel verlegen – aber wir konnten ja kein Deutsch!“, erzählt Yildirim und lacht. Schaufel, Spaten, Hacke, das waren für ihn nur leere Worte – „bis uns türkische Kollegen, die schon länger in Deutschland waren, die Wörter übersetzten“. Er arbeitete dort anderthalb Jahre lang. Dann machte sich die Firma plötzlich einfach aus dem Staub, sagt Yildirim.

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Veli Gökdemir mit seiner Frau Dündü: „Ich wurde sehr herzlich von den Deutschen empfangen.“

Von einem Bekannten erfuhr er von Arbeit bei Autositzhersteller Rentrop (heute Faurecia) in Stadthagen, bewarb sich – „und am 15. Oktober 1974 fing ich an. Ich arbeitete als Gabelstaplerfahrer in der Federabteilung. Nie schrieb ich etwas auf, ich behielt alle Zahlen, Artikel- und Regalnummern im Kopf!“, betont Yildirim, der, wie er sagt, nie eine Schule von innen gesehen hat.

In seiner zentralanatolischen Heimatstadt Sivas wuchs Yildirim in einer Familie von Selbstversorgern auf. Strom hatten sie keinen, dafür Schafe, Ziegen und ein Feld. Das Leben war hart. Im Sommer arbeitete er dort, im Winter, wenn es zu Hause keine Arbeit gab, in Istanbul.

Der Plan für Deutschland war: So lange arbeiten, bis genug Geld da ist, um einen Traktor zu kaufen und in der Heimat das Feld bestellen zu können. „Als ich anfangs andere Türken fragte, weshalb sie schon so viele Jahre in Deutschland sind, antworteten sie: um zu arbeiten. Aber habt ihr denn noch nicht genug Geld zusammen, fragte ich sie. Ich konnte mir das für mich nicht vorstellen. Fünf, sechs Jahre vielleicht, aber nicht länger“, erzählt er. „Aber dann hat man selbst immer wieder verlängert, hat investiert, ein Haus gekauft, wurden die Kinder erwachsen.“ Für die Kinder war Deutschland ihre Heimat. Infolgedessen geriet die Türkei auch für die Eltern immer mehr in den Hintergrund.

„Es war der 20. Juni 1976“, fährt Yildirim in seiner Erzählung fort, „als meine Frau mit unseren sechs Kindern nach Deutschland kam. Nur der älteste Sohn blieb in der Türkei. Aber es war schwierig, eine Wohnung für acht Personen zu finden. Einer war immer zu viel!“ Fündig wurden die Yildirims mithilfe des Ortsbürgermeisters schließlich in Hülshagen.

Überhaupt seien Mustafa Yildirim und seine Familie sehr herzlich aufgenommen worden. Nachbarn kümmerten sich um die Kinder, wenn die Eltern arbeiten mussten. Auch im Betrieb habe er keinerlei negative Erfahrungen mit deutschen Kollegen gemacht. „Meine Lohntüte vertraute ich sogar der Frau meines Vorarbeiters an, damit sie das Geld für mich zur Bank bringt“, erzählt Yildirim.

Allein seine Frau Penpe, die von 1980 bis 1986 ebenfalls bei Rentrop arbeitete, erinnert sich auch an Ungerechtigkeiten. „Wir bekamen nicht denselben Stundenlohn wie die Deutschen. Meine deutsche Kollegin bekam 1500 Mark, ich für dieselbe Arbeit aber nur 1200“, sagt sie, hält inne und fügt hinzu: „Aber trotzdem war ich zufrieden.“ Natürlich weiß ihr Mann auch noch genau, wie lange er bei Rentrop gearbeitet hat. „Bis zum 31. Januar 1991“, sagt er. Heute arbeitet sein Sohn Menderes Yildirim bei Faurecia.

Über ein ähnlich eindrucksvolles Gedächtnis wie Yildirim verfügt Hakki Yildiz (69) aus Rinteln. „Ich bin am 14. Juli 1970 aus der Türkei abgereist und am 15. Juli in Deutschland angekommen“, erzählt Yildiz auf Türkisch und seine Tochter Ayten Türkmen übersetzt.

Während seines Militärdienstes hatte er von Arbeitsmöglichkeiten in Deutschland gehört. 1964 bewarb er sich: sowohl als Bergarbeiter als auch als „Elektriker“ – immerhin hatte er in der Türkei bei einem Elektrofabrikanten gearbeitet. Über Deutschland wusste er nichts: „Nur dass wir im Ersten Weltkrieg Freunde gewesen sein sollen“, sagt Yildiz.

Erst sechs Jahre später kam die Zusage. Seine erste Adresse war in der Nähe von Hamm. Die Arbeit: Bergbau. Nach einer 45-tägigen Ausbildung ging es los, zunächst in der Elektroabteilung, in der er auf engem Raum in großer Hitze Kabel, „dick wie Arme“, verlegen musste. Eine schwere Arbeit. „Das wollte ich bald nicht mehr“, sagt er. 1971 wurde er versetzt: 1550 Meter unter Tage, Kohle abbauen, nur mit Handwerkzeug. „Eines Tages stürzte ein Tunnel ein. Ich hatte noch mal Glück, aber ich hatte solche Angst, dass ich drei Tage lang nicht mehr zur Arbeit ging. Mir wurde gekündigt“, berichtet Yildiz. Die nächste Station war eine Heizungsbaufirma in Silixen im Extertal. Nach drei Jahren als Maschinenführer in einem Industriebetrieb ging es zu Knippschild (Stahl-Maschinenbau) in Rinteln. Seine Familie hatte Yildiz inzwischen nachgeholt. 1978 fing er bei Braas (Dachsysteme) an, wo er bis zur Rente im Jahr 2006 beschäftigt war. Seine Frau Emine arbeitete als Hilfskraft zunächst bei einer Kunststofffirma in Krankenhagen, dann bei Lippold, bei Klemme und schließlich fest angestellt bei Wesergold – bis 1986.

Das größte Problem sei immer die Sprache gewesen, sagt Yildiz. Um etwa beim Fleischer Fleisch zu kaufen, musste er die Geräusche des gewünschten Tieres nachahmen, um sicherzugehen, dass man ihm als Moslem kein Schweinefleisch verkaufte. Heute versteht er zwar fast alles, Deutsch sprechen kann Yildiz aber kaum. „Ich hatte ja nie vor, so lange zu bleiben, daher habe ich mich nicht bemüht Deutsch zu lernen“, erklärt er.

Ursprünglich waren nur zwei Jahre Deutschlandaufenthalt geplant, um dann in der Türkei ein Haus zu kaufen. Aus den zwei Jahren sind 41 geworden. Nicht zuletzt seine Kinder binden ihn an Deutschland, das ihm längst zur zweiten Heimat geworden ist. Rinteln, wo er die meiste Zeit seines Lebens verbracht hat, betrachtet er schon lange als sein Zuhause. Trotzdem fühlt er sich auch heute noch nicht ganz zugehörig, sagt er. Man gebe ihm das Gefühl, fremd zu sein.

Aber die Heimat von 1970 gibt es eben auch nicht mehr. Die Türkei ist ihm und seiner Frau fremd geworden: die Politik, die Menschen. Ihren Lebensabend verbringen die Yildiz wie viele deutsch-türkischen Rentner der Gastarbeitergeneration: sechs Monate in der Türkei, in ihrem Heimatort Giresun am Schwarzen Meer, sechs Monate in Deutschland, in Rinteln.

Der Hamelner Veli Gökdemir (73) stammt, wie Mustafa Yildirim, aus Sivas. Er kam im Juni 1968 als Gastarbeiter nach Deutschland. Den Empfang durch die Deutschen hat er als „sehr herzlich“ in Erinnerung. Weit weniger gerne erinnert sich Gökdemir an die für alle Gastarbeiter obligatorische ärztliche Untersuchung durch einen deutschen Arzt in Istanbul. Alles wurde untersucht: „Augen, Ohren, Zähne, Knochen, Herz und der Penis. Wir standen nackt wir vor dem deutschen Doktor und schämten uns. Nie wieder!“, erzählt Gökdemir. Er habe aber Glück gehabt, der Arzt hatte nichts zu beanstanden. Andere hatten weniger Glück. Nachdem sie mitunter „ihr letztes Vieh verkauft hatten, um nach Istanbul zu kommen“, wurden sie für ungeeignet befunden und wieder in ihre Dörfer zurückgeschickt.

Auch bei seiner Bewerbung hatte Gökdemir Glück. Nach nur etwa sechsmonatiger Wartezeit bekam er eine Stelle, bei der Wollwarenfabrik „Marienthal“ in Hameln. Die Arbeit war ihm vertraut, hatte er doch bereits in der Türkei als Fachkraft für eine Teppichfärberei gearbeitet. Langfristig in Deutschland zu bleiben, hatte Gökdemir nicht vor. Aber der Wunsch, immer noch mehr Geld zu verdienen, war größer. Zudem habe der Militärputsch 1980 die politische Situation in der Türkei auch nicht einfacher gemacht, also holte er nach seiner Frau, die bereits Ende der 70er nach Deutschland kam, auch die Kinder nach Hameln…

Laut Deister- und Weserzeitung verzeichnete das Hamelner Arbeitsamt im November 1973 9500 Gastarbeiter von bundesweit 2,34 Millionen. Noch im selben Monat wurde ein Anwerbestopp erlassen. Das deutsche Wirtschaftswunder, zu dem die Gastarbeiter stark beitrugen, war vorbei. Heute (Stand: 2010) leben dem Statistischen Bundesamt zufolge 1,63 Millionen Türken in Deutschland. Nicht mitgerechnet sind dabei die Türkischstämmigen, die die deutsche Staatsangehörigkeit angenommen haben.

Für die Gastarbeitergeneration wurde Deutschland zur zweiten Heimat. Die zweite und dritte Generation fühlt sich oft noch zwischen den Stühlen – fremd im eigenen Land. Und die Themen Integration und Migration bergen nach wie vor Sprengstoff, wie zuletzt die Sarazzin-Debatte bewies – ungeachtet der Tatsache, dass inzwischen jeder fünfte Deutsche einen Migrationshintergrund hat.



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