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Shopping zwischen Lust und Frust

Wenn Johanna B. (32) aus Rinteln die Körbchengröße für ihren BH nennt, wissen die meisten wenig damit anzufangen. Größe H – gibt es die überhaupt? „Ja, die gibt es – und es gibt sie auch wieder nicht, nicht richtig“, sagt die resolute Angestellte. „Es ist verdammt schwer, einen vernünftigen BH zu finden, wenn man Brüste hat, die nicht mehr wenigstens in D-Körbchen passen.“ Größe B und C gelten als normal, Größe D nennt Fachverkäuferin Gisela Rautert vom Wäschehaus Jakobs in Rinteln „ausgefallen“. Alles, was über die Größe E hinausgeht, das führt das Traditionshaus am Rintelner Marktplatz nicht.

veröffentlicht am 13.11.2013 um 14:56 Uhr
aktualisiert am 30.05.2017 um 13:08 Uhr

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Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite

Im Hamelner Modehaus Warnecke ist das nicht viel anders. „Wir halten zwar Übergrößen bereit“, so Inhaber Jens Laparose. „Aber eine echte Auswahl können auch wir nicht bieten. Dazu sind diese BHs eine zu spezielle, zu individuell angepasste Ware und die Nachfrage eher gering. Gerade bei einem großen Busen müssen BHs perfekt passen, da reicht es eigentlich nicht, nur ein kleines Sortiment auf Lager zu haben. Wir lösen das Problem dann mit Sonderbestellungen, aber auch das klappt nur mit Glück auf Anhieb.“

Besonders schwierig wird es, wenn Frauen mit einem normalen oder schmalen Oberkörper ungewöhnlich große Brüste haben. „Ja, so geht es mir“, meint Johanna B.. „Rundherum dicke Leute finden einen BH in ihrer Größe durchaus in Modehäusern. Aber mein BH muss unter der Brust einen ganz normalen Umfang haben, nur die Körbchen brauchen Größe H.“ Inzwischen hat sie ihre Marke gefunden, die sie immer wieder nachbestellt, immer dasselbe Modell. „Ich kann ja schon froh sein, wenn mal eine neue Farbe rauskommt“, sagt sie. „Es ist so, als würde jemand Jahr aus, Jahr ein nur die eine, einzige Jeansmarke tragen.“

In der Zeit als Studentin mit wenig Geld sei es besonders hart gewesen. „Mein BH ist teuer, er kostet 100 Euro, na ja, er muss ja auch mehr leisten als die bunten kleinen Dinger vom Mode-Discounter. Ich besaß damals nur kaputte, total abgeschrabbelte BHs, ich trug sie, bis sie fast auseinanderfielen, was sollte ich machen? Ich hab mir sogar gebrauchte BHs bei Ebay ersteigert. Eine Bekannte von mir, die Hartz IV bekommt, wollte beim Jobcenter für die teuren Übergrößen-BHs ein Extra beim Bekleidungsgeld raushandeln. Ich meine, hundert Euro, das ist ein Drittel des gesamten Kleidungsbudgets eines Jahres. Sie haben ihr dann stattdessen das Geld für eine Brustverkleinerungs-OP zugestanden.“ Sie selbst besitze jetzt, wo sie gut verdiene, zehn perfekte H-Größen-BHs. „Immerhin, damit könnte ich in Arbeitslosigkeit locker zwei Jahre überleben.“

Billige Modelle seien wirklich keine Alternative, meint Jörg Laparose. „BHs für Übergrößen müssen in erster Linie funktional sein, sie verteilen die Last des Gewichts mit besonderen Trägern auf die Schultern und sollen Rückenschmerzen und Verspannungen verhindern. Das hat eben seinen Preis.“ Die meisten Frauen würden den modischen Aspekt hinten anstellen und seien einfach nur froh, wenn ihnen der BH das Leben erleichtert. „Na ja“, sagt Johanna B.. „Ich bin schon sehr froh darüber, dass sich in den letzten zehn Jahren modisch eine ganze Menge getan hat. Als BH-Anfängerin hatte ich nur die Wahl zwischen Schwarz, Weiß und Hautfarben.“

England, meint sie, sei ein Traumland für Frauen wie sie. Die „Pepperberry“-Kaufhäuser würden alle Wünsche für Frauen mit großem Busen erfüllen, nicht nur, was modische BHs betrifft, sondern auch in Bezug auf Tops, Jacken, Kleider oder Badeanzüge. „Oh, Badeanzüge, das ist auch so ein Thema für sich, ein Schreckensthema. Da muss ich in teure Spezialläden gehen, um überhaupt eine Chance zu haben, etwas anderes zu finden als einen Oma-Badeanzug.“ In England seien die Frauen insgesamt viel wagemutiger in Sachen Mode. Auch busenfüllige Frauen stünden auf trägerlose Blusen, Shirts oder Kleidchen. „Dazu verlangen sie dann die entsprechenden BHs, und so ist das Angebot insgesamt einfach großartig und auch erschwinglich.“ Zu gerne hätte Johanna B. bei ihrer Hochzeit ein schulterfreies Kleid getragen. „Bei meinen Brüsten hätte ich nach England reisen müssen, um einen passenden BH zu finden.“

Gisela Rautert sieht in ihrem doch so wohlsortierten Rintelner Geschäft eher selten jüngere Frauen. „Trotzdem können wir uns seit sechs Jahrzehnten am Markt halten“, sagt sie. „Doch die jungen Frauen kommen eigentlich nur dann, wenn sie in den Discountern nicht fündig werden. Dabei sollte man sich immer beraten lassen, wenn man einen BH braucht, und sei es, um zu lernen, wie man ihn richtig auf seine Brust einstellt. Bei schmalem Oberkörper und großen Körbchen, ich würde sagen, da hat man ohne Fachberatung kaum eine Chance, das Richtige zu finden.“ Viel zu oft quetsche der Busen oben, unten oder an den Seiten heraus, oder er trage das Gewicht eben doch nicht so, wie gewünscht. „Und dann schaukelt der Busen beim Gehen hin und her, oder die Träger verursachen Druckstellen, die auch nach dem Ausziehen stundenlang nicht weggehen.“

Sieht man sich im Internet auf der Seite „Busenfreundin“ um, dann finden Rauterts Worte nur Zustimmung. Dort reden Frauen über Freud und Leid ungewöhnlicher Brüste, tauschen sich über Probleme aus, stellen sich gegenseitig Fragen und geben sich Kaufempfehlungen. Immer wieder taucht das Thema „BH-Kauf“ auf. Um lange Wege und auch Geld zu sparen, bestellen viele ihre BHs über Internetshops, und es scheint so gut wie immer schief zu gehen, wenn man nicht bei einem einmal als passend empfundenen Modell bleibt. Unzählige Beiträge auf „Busenfreundin“ schildern, wie man hoffnungsfroh auf schöne Werbebilder hin BHs bestellte, manche bis zu zehn Modelle auf einmal, und dann alle wieder zurückschicken musste. „Auf BH-Größen kann man sich sowieso nicht verlassen“, so Gisela Rautert. Die fallen von Marke zu Marke, ja von Modell zu Modell immer etwas unterschiedlich aus.“

Die Sache sei die, das sagt auch Jörg Laparose, dass viele Frauen mit großem Busen etwas „genierlich“ seien. „Unsere Mitarbeiterinnen sind darauf geschult, die Kundinnen direkt in der Kabine zu beraten, anders lässt es sich auch nicht vernünftig machen“, sagt Laparose. „Doch das ist vielen zunächst peinlich, dieser Situation wollen vor allem die jungen Frauen lieber entgehen.“ Zwar, wer einmal den perfekten BH „verpasst“ bekam, der ruft seine Fachfrau ganz von selbst herbei, so ist es bei Jakobs in Rinteln und bei Warnecke in Hameln. Auf diese Erfahrung aber müsse man sich erst einmal einlassen, sagen beide Inhaber.

„Was mich betrifft, so kaufe ich eigentlich sehr gerne im Fachgeschäft ein“, erzählt Johanna B.. „Es ist nur ziemlich gefährlich für mich, denn wenn ich wirklich was Gutes finde, dann setzt mein Verstand aus und ich kaufe und kaufe, ohne auf das Geld zu achten. BHs, die mir passen, das sind eben kleine Meisterwerke, denen ich dann begeistert verfalle.“

Wichtig sei ihr auch, dass ein BH ihren Busen schön zur Geltung brächte, ohne ihn wie auf einen Präsentierteller zu setzen. „Wenn ich unter Freundinnen über meine Busengröße klage, dann höre ich meistens: Was - du kannst doch froh sein! So ist es aber nicht, jedenfalls nicht immer.“ Es sei schon ziemlich anstrengend, ständig die Blicke aller Männer auf sich, beziehungsweise auf seine Brüste zu ziehen. „Ich habe es auch schon mit Minimizer-BHs probiert, aber bei Größe H ist das einfach sinnlos. Minimizer können die Brust optisch um vielleicht eine Cup-Größe kleiner wirken lassen, na toll. Ob nun Größe H oder Größe G - es ist immer noch jenseits des Normalen.“

Man müsse, sagt Jörg Laparose, die eigene Natur hinnehmen und annehmen und selbstbewusst das Beste daraus machen. Und Frau Rautert: „Irgendeine Möglichkeit gibt es immer, man muss sie nur mit ein wenig Geduld suchen.“ Die meisten Frauen nähmen ihren Körper wie er ist“, sagt sie und fügt lächelnd hinzu: „Das müssen sie ja.“

Johanna B. tut das auch, sie hat längst ihren Frieden mit den großen Brüsten gefunden. „Na ja, obwohl - es ist schon gemein, dass so viele Frauen ihre BHs mit links einkaufen können, noch dazu mit hübsch dazu passenden Höschen. Meine Unterhosen, die zum teuren Spezial-BH passen, sie kosten so viel wie eine Jeans.“ Wenn aber alles stimme, dann freue sie sich so, wie Männer, wenn sie ein neues Auto bekommen. „Ich bin gerade dabei, etwas abzunehmen. Dann geht die Suche wieder von vorne los. BH-Kauf, das ist Lust und Frust“, sagt sie. Und hat doch bisher immer den Richtigen gefunden.



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