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Das große Sterben der Videotheken? / Wie sich Betreiber gegenüber der Konkurrenz aus dem Internet behaupten

„Service ist alles“

Einst gab es in Hameln an fast jeder Ecke eine Videothek, und auch im kleineren Rinteln waren es immerhin drei Unternehmen, die die Bürger mit auszuleihenden Filmen und Spielen versorgten. Inzwischen hat das große Videothekensterben so gut wie alle dahingerafft. In Hameln überlebte nur „Video-Buster“, in Rinteln die „Mediawelt“. Dabei ist es gewiss nicht so, dass sich die Menschen keine Filme mehr ansehen. Viele nur holen sie sich anders, übers Internet nämlich und noch dazu sehr häufig auf illegale Weise. „Ja, so ist es“, sagt Jürgen Beete, Betriebsleiter bei Video-Buster. „Trotzdem läuft unser Geschäft so gut wie seit 2004 nicht mehr.“

veröffentlicht am 06.03.2013 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 24.01.2019 um 14:15 Uhr

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Autor

Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite

Er und der Rintelner Videothekeninhaber Peter Hofmann, sie leiten beide Traditionsvideotheken, die sie seit 30 Jahren durch den launischen Strom der Zeit führen und wo sie heute die Kinder derjenigen bedienen, die sich damals regelmäßig auf den Weg machten, um im Filmeangebot zu stöbern, damit es einen dieser Abende geben sollte, die auf jeden Fall gerettet waren, mit zwei oder gar drei Spielfilmen im Gepäck und dazu reichlich Süßigkeiten und Getränke. „Bei uns sind es oft Eltern und ihr jüngerer Nachwuchs, die Kinderfilme aussuchen oder jedenfalls Filme, die den Großen und den Kleinen, der ganzen Familie eben gefallen“, so Peter Hofmann. „Die Jugendlichen, na ja, denen würde ich schon gern mal klarmachen, was sie da eigentlich tun, wenn sie sich ihre Filme einfach kostenlos im Internet ansehen.“

Anders nämlich als diejenigen, die sich an kostenlosen Pornos auf den einschlägigen Internetportalen bedienen, bewegen sich Spielfilm-Betrachter in einer rechtlichen Grauzone. Zwar ist es relativ problemlos möglich, selbst neueste Blockbuster auf entsprechenden Plattformen aufzurufen, doch diese Anbieter handeln kriminell. Sie verstoßen eklatant gegen Urheberrechte, und wer ihr Filmangebot nutzt, tut das ebenfalls.

„Zwar wird es nicht strafrechtlich verfolgt, sich einen ,Stream‘ anzusehen, bei dem man den Film nur kurzfristig auf dem PC zwischenspeichert, aber es dürfte ja wohl keine Frage sein, dass man damit schlicht zum Dieb wird“, sagt er. „Man wird nur nicht dabei erwischt, doch in meinen Augen handelt man nicht viel anders, als wenn man sich kostenlos in einem Supermarkt die Taschen füllt und dann einfach rausgeht, ohne zu zahlen.“

An dieser Abzockmentalität können Videothekare wenig ändern, sie können sich nur darauf einstellen, ebenso, wie sie sich darauf einstellen mussten, dass ihre Erotikabteilungen, die hinter der Tür mit der Aufschrift „nur für Erwachsene“ eine riesige Auswahl an Pornos jeden Kalibers bereitstellten, nun nicht mehr ein entscheidendes geschäftliches Standbein darstellen, sondern nur noch so nebenher laufen.

Vor zehn Jahren meinte Peter Hofmann, dass seine „Mediawelt“ ohne die Erotikfilme zusammenbrechen würde. Heute ist die Anzahl der Pornos auf etwa ein Drittel zusammengeschrumpft, nicht anders als bei Jürgen Beetes „Video-Buster“. Stattdessen setzt man stark auf den Service rund um familiäre „Gemütlichkeit“.

Die Angestellten an der Theke können nicht nur wertvolle Beratungstipps geben, sie halten auch Popcorn, Süßes und Getränke bereit. Jürgen Beete punktet mit Verlockungen, die es sonst nirgends gibt, Schoko-Popcorn etwa oder spezielle amerikanische Süßigkeiten. „Wir sind nicht irgendeine anonyme Ausleihstelle, sondern binden unsere Kunden an ,ihre‘ Videothek“, sagt er. Dazu gehört auch ein Internetauftritt, wo Filme vorgestellt, Neuheiten angekündigt, Hintergrundinfos geboten werden. „Natürlich nutzen auch wir die Onlinemöglichkeiten, um uns gut zu präsentieren. Nur so kann man am Markt bestehen.“

Marktbereinigung

eröffnet ganz neue Möglichkeiten

Dazu kommt die Ausweitung des Handels, wie es ihn vorher so nicht gab. Gebrauchte Filme werden sowohl in Hameln als auch in Rinteln zu günstigen Preisen angeboten, und man kauft auch seinerseits Gebrauchtware: „Viele Leute stellen ihre häusliche Videothek auf Blue-Ray-Discs um und verkaufen uns ihre DVDs“, so Beete. Was in den Videotheken auch oft genutzt wird: Die Möglichkeit, beschädigte Datenträger, zum Beispiel eine teure Navi-CD, reparieren zu lassen. „Insgesamt sehen wir unsere Chance darin, einen hervorragenden Service anzubieten“, sagt Peter Hofmann. „Da geht es uns nicht anders als vielen anderen Geschäften auch, die mit dem Internet konkurrieren müssen. Service ist alles.“

Das gilt ebenso für den Bereich der PC- und Konsolenspiele. Eine Zeit lang sah es dort nicht besser aus als bei den Filmen: Vor allem die jungen Leute raubten sich ihre Objekte des Begehrens aus dem Internet, „wie immer, ohne darüber nachzudenken, wie auf diese Weise eigentlich neue Spiele entstehen sollen, ohne ehrliche Käufer, die dafür bezahlen.“ Seit Spiele allerdings vermehrt über Online-Portale freigeschaltet oder von vornherein nur online gekauft werden müssen, dergestalt, dass man sich persönlich mit einem Account, einem Benutzerkonto, registrieren muss, seitdem leiht man sich wieder verstärkt Spiele aus, meistens, um sie so günstig antesten zu können und dann erst zu entscheiden, ob man die 40, 50, 60 Euro für den Kauf investieren will. Wer ein zuvor ausgeliehenes Spiel dann wirklich ersteht, dem wird die Miete auf den Preis angerechnet.

Jürgen Beete und „Video-Buster“ ziehen gerade aus dem Industriegebiet in die Hamelner Innenstadt um, in die Erichstraße, wo vorher die „Empire Videothek“ ihren Sitz hatte. 50 000 Euro werden in Umbau und neue Software investiert. „Wir setzen weiterhin auf ein sehr differenziertes Angebot“, so Beete. „Unser Kundenkreis besteht zum großen Teil aus Bildungsbürgern, die sich gerne Filme jenseits vom Mainstream kaufen oder ausleihen, oder auch Klassiker immer wieder ansehen wollen.“

Der Vorteil, den Videotheken da gegenüber Online-Anbietern haben: Sie können fast jeden Film bereitstellen, weil sie vertraglich nicht an ausgewählte Studios gebunden sind und sie tun das noch dazu oft viel preisgünstiger. „Wir kaufen gerade auch Filme aus dem Independentbereich an“, sagt er, „und auch zum Beispiel einen alten Louis-de-Funès-Film findet man bei uns.“

Gerade startet er ein Pilotprojekt in Hessisch-Oldendorf, wo es seit 2005 die Speed-Movie-Mediathek gibt, einen Automatenshop, aus dem man per Kartenzahlung Filme entleihen kann. Dieser Automat zieht aus der Langen Straße um in den Rewe-Markt vor Ort, damit noch mal ein anderer Kundenkreis angesprochen wird, Leute, die ihre Einkäufe erledigen und quasi im Vorbeigehen einen Film mitnehmen. „Das ist so ein kleines Gegenmodell zu den Service-Videotheken, doch in einem Ort ganz ohne Videothek besteht da durchaus eine Nachfrage.“

Tatsache ist: Die große Marktbereinigung hat denjenigen, die sich durchsetzen konnten, wieder ein breites Feld der Möglichkeiten eröffnet. Wenn es in der Öffentlichkeit so aussähe, als seien die existierenden Videotheken ständig in einen Kampf gegen den Untergang verwickelt, dann läge das in seinen Augen an einer Art Propaganda der Industrie, die nichts dagegen hätte, wenn Filme überhaupt nur noch übers Internet verkauft und verliehen würden, meint Jürgen Beete. „Denen wäre es nur recht, wenn es keine Videotheken mehr gäbe und dadurch ein Zwischenhändler wegfiele.“

Daran, dass solche Rechnungen ohne die Wirte gemacht werden, lassen die beiden Videothekare allerdings keinen Zweifel. „Wer jetzt noch eine Videothek führt und den Stammkundenkreis halten konnte, der ist nicht gefährdet, sondern er wächst“, sagt Jürgen Beete. Und Peter Hofmann aus Rinteln meint: „Existenzsorgen? Nein. Es läuft gut.“

An fast jeder Ecke gab es einmal eine Videothek. Doch seit Filme auch über das Internet angesehen werden können, ist der Verleih deutlich zurückgegangen. Den Videothekenbetreibern wird dadurch die Geschäftsgrundlage entzogen, sollte man meinen. Es gibt aber auch Beispiele, wie sich die Branche auf die veränderten Marktbedingungen erfolgreich einstellt.

In Rinteln macht Sabine Hofmann zwischen Blue-Ray-Discs und DVDs auch Popcorn für ihre Kunden. ll



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