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Seniorenheime: Note 2 ist nicht gleich „Gut“

Frau S. wirkte heute müde und verschlafen. Sie meinte, das käme von der Zeitumstellung.“ Das ist eine von vielen täglichen Eintragungen über die alte Frau S. im Rintelner Seniorenheim Landgrafenstraße. Würde man all’ diese Notizen, die sich in ihrer Pflegedokumentation finden, hintereinander lesen, hätte man eine Art Tagebuch der letzten Jahre vor sich.

veröffentlicht am 02.04.2011 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 08.04.2011 um 19:29 Uhr

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Gedanken, Befindlichkeiten, ob Besuch da war oder ob sie ein Essen, eine Veranstaltung besonders erfreute – die Pflegerinnen schreiben es auf, damit ihre Kollegen immer gut Bescheid wissen, wie es Heimbewohnern geht. Diese Aspekte sind nur ein Bruchteil dessen, was in den Pflegedokumentationen erfasst wird. Ob insgesamt alles gut und richtig läuft, überprüft einmal im Jahr der Medizinische Dienst der Krankenversicherung (MDK).

„Es gab Zeiten, da war es durchaus üblich, dass die Schwestern herumgingen, Tabletten verteilten und nirgends festhielten, wer was bekam“, sagt Ralf Ober, der das Seniorenheim in der Rintelner Landgrafenstraße leitet. „Das wäre heute unmöglich. Jede einzelne Handlung, alles, was in einem Seniorenheim geschieht, wird dokumentiert. Angefangen bei den Wünschen für ein bestimmtes Mundwasser oder die Lieblingsspeisen, bis hin zu den Methoden, wie das Wundliegen verhindert wird oder wie man sich auf demenzkranke Menschen einstellt.“

Als die Pflicht zu dieser präzisen Art der Dokumentation vor sechs Jahren eingeführt wurde, stöhnten die Mitarbeiter in den Senioreneinrichtungen auf. Zwar hatten sich die Methoden der Qualitätskontrolle und Pflegedokumentation schon seit der Einführung der Pflegeversicherung grundlegend geändert, doch die weitere Neuregelung der Qualitätsprüfungen mit ihrem Aufwand an Bürokratie wirkte wie ein Schock: „Wir alle dachten: So genau ist das einfach unmöglich, da würde man ja verrückt“, meint Pflegedienstleiterin Marina Heise, die gerade einen dicken Ordner anschleppt, mit hundert Seiten und mehr über einen einzigen Patienten. „Doch inzwischen haben wir dieses System verinnerlicht und sehen längst, wie sinnvoll es ist.“

Es gehe nicht nur darum, den Kranken- und Pflegeversicherungen lückenlos beweisen zu können, was für Leistungen tatsächlich erbracht wurden. „Wir nutzen diese Informationen über die einzelnen Heimbewohner ständig im Alltag. Immerhin haben täglich, drei, vier und mehr Personen mit den alten, oft kranken Menschen zu tun.“

Es gibt so viele Dinge, die individuell bei jedem Senioren beachtet werden müssen, wenn es ihm gut gehen soll. In einer liebevollen Familie wissen die pflegenden Angehörigen meistens wie von selbst, ob der alte Mensch auch genug trinkt, in welchen Situationen eine Sturzgefahr besteht, wann sie ihn das letzte Mal umgebettet haben, damit er nicht wund liegt, oder ob er in der letzten Zeit eher traurig oder eher fröhlich war.

In einer Senioreneinrichtung, in der 60, 70 oder – wie im Rintelner Beispiel – 89 Menschen leben, kann kein Pfleger diese Informationen immer parat haben, um sie den Kollegen, dem Arzt, dem Sozialen Dienst oder auch den Angehörigen weiterzugeben.

Wenn der Medizinische Dienst der Krankenkassen unangekündigt vorbeikommt und einen ganzen Tag lang eine Einrichtung auf Herz und Nieren prüft, dann werden die Pflegedokumentationen mindestens so akribisch durchgegangen wie die Buchführung bei einer Steuerprüfung.

Ein Patient bekam Kopfschmerztabletten? Wo steht geschrieben, dass er zuvor über Kopfschmerzen klagte, und wurde es dem Arzt gemeldet? Er trägt eine Brille? Ist auch aufgeführt, dass die Sehstärke regelmäßig kontrolliert wurde? Wird das individuelle Sturzrisiko erfasst, und wo zeigt sich das? Und bei dementen Bewohnern: Wurde die Biografie aufgenommen und spiegelt sich dieses Wissen in deren Tagesablauf wider? Darüber hinaus geht es bei den Prüfungen auch um das soziale Miteinander in den Einrichtungen. Angehörige sollen in das Pflegekonzept eingebunden sein, abwechslungsreiche Freizeitangebote das Leben bereichern, sterbenskranke Menschen auf besondere Weise betreut werden und natürlich muss es für die Senioren eine angemessene Beschwerdemöglichkeit geben. Dazu wird im Bereich der allgemeinen Hauswirtschaft kontrolliert, ob die Bewohner individuell eingerichtete Zimmer besitzen, ob ihre besonderen Speisewünsche berücksichtigt werden und sie in gemütlichen Räumen essen, sich mit der Mahlzeit auch mal in ihren Privatbereich zurückziehen können.

Die verschiedenen Prüfungsbereiche werden benotet innerhalb eines Notensystems von 1 für „sehr gut“ bis 5, also „mangelhaft“. Innerhalb der bewerteten Einrichtungen können schlechte Bewertungen die Konsequenz haben, dass strenge Auflagen gestellt, im schlimmen Fall Entgelte gekürzt werden oder gar ein Belegungsstopp ausgesprochen wird.

Nach außen hin hilft die Bewertung Angehörigen und vorsorgenden Senioren dabei, sich für ein geeignetes Seniorenheim zu entscheiden. Auf Internetseiten wie dem „Pflegelotsen“ oder auch dem „AOK Pflegeheimnavigator“ werden die Ergebnisse der Qualitätsprüfungen seit dem Jahr 2010 für jeden einsehbar veröffentlicht.

Seniorenheime wie das in der Rintelner Landgrafenstraße müssen sich vor dieser neuen Transparenz nicht fürchten. Ralf Ober gehört zu den wenigen Einrichtungen im Landkreis, die die Note 1,1 erreichen konnten. Zu Recht kritisch aber wird es für manche Seniorenheime, die mit Noten jenseits der 2,0 abschlossen (oder gar nur ein 3,4) erreichten. Was auf den ersten Blick nämlich gar nicht so schlecht aussieht, ein 2,3 oder 2,5, erweist sich bei genauerem Hinsehen schon als weit unterdurchschnittlich. Der Landesdurchschnitt der Bewertungen liegt bei 1,8, eine Note, über die ein Abiturjahrgang in Jubel ausbrechen würde. Nicht ohne Grund aber hatten Institutionen wie zum Beispiel der Sozialverband VdK die ganze Art der Bewertung kritisiert.

Die insgesamt 82 abgeprüften Kriterien in fünf Kategorien (auch die Befragung der Bewohner gehört dazu) werden unterschiedslos in einer Gesamtnote zusammengefasst. Wer im Umgang mit Demenzkranken versagt, kann das durch eine regelmäßige Mitarbeiterschulung in Erster Hilfe oder durch „Aufenthaltsmöglichkeiten im Freien“ ausgleichen. „Ja, da liegt auf jeden Fall eine Problematik, die behoben werden muss“, so Christiane Grote, Pressesprecherin des Medizinischen Dienstes des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen (MDS). „Ohne sich die einzelnen Bewertungsbereiche genau anzusehen, geben gute Noten nur eine erste Orientierung.“

Immerhin, wer sich wirklich kundig machen will, kann in die Tiefen der Bewertung einsteigen und genau nachvollziehen, wo eine Einrichtung ihre Stärken und Schwächen hat. Nicht vergebens klagen einzelne Häuser gegen die Veröffentlichung der Ergebnisse ihrer Qualitätsprüfung.

Wo sich herausstellte, dass Medikamente nicht nach Anweisungen des Arztes verteilt wurden, wo keine geeigneten Maßnahmen bei Inkontinenz durchgeführt oder keinerlei Hilfestellung bei der Eingewöhnung neuer Bewohner zu erkennen sind – wer möchte da schon seine Angehörigen unterbringen?

Ganz wichtig ist auch, dass das individuelle Schmerzempfinden vor allem bei dementen Bewohnern untersucht wird, den oft bereits sprachlosen Menschen, bei denen es auf die Beobachtung von Mimik und Gestik ankommt, um ihnen helfen zu können.

Damit eine Senioreneinrichtung beruhigt auf die Qualitätsprüfung zugehen kann, muss sie selbst ständig interne Qualitätskontrollen vornehmen. In dem Rintelner Seniorenheim, das zum Reichsbund Freier Schwestern gehört, erscheint alle drei Wochen eine Diplompflegewirtin vorbei, legt selber mit Hand an und weist auf alle Schwachstellen hin, wo sich Anspruch und tatsächliche Umstände noch nicht in Übereinstimmung befinden. Außerdem treffen sich Sozialer Dienst, Heimleitung und Ärzte regelmäßig in Qualitätszirkeln und Arbeitsgruppen. „Man muss immer auch den Blick von außen zulassen, damit sich keine Fehler einschleichen“, so Ralf Ober.

Die Ergebnisse der Prüfungen, wie sie im Internet einsehbar sind, können eine Hilfestellung sein, um Seniorenheime, die unterhalb des Standards liegen vielleicht lieber gar nicht erst in Erwägung zu ziehen. Erst ein Besuch vor Ort und die Gespräche mit der Heimleitung werden dann endgültig erweisen, ob gerade dieses Heim das Richtige sein könnte.

„Wir Pflegeleistenden ersetzen vielen alten Menschen die Familie“, sagt Ralf Ober. „Mit dem Unterschied, dass man sich seine Familie nicht aussuchen kann, wohl aber die Einrichtung, in der man sein Lebensende verbringt.“

Über eine Note von 2,2, würden sich viele Abiturienten freuen. Als Ergebnis einer Überprüfung eines Alten- oder Pflegeheims durch den Medizinischen Dienst der Krankenversicherung aber wäre der Wert unterdurchschnittlich. Doch: Nicht optimaler Umgang mit Dementen kann zum Beispiel durch gutes Essen ausgeglichen werden.

Regelmäßige Schulungen und Arbeitstreffen helfen, den Qualitätsstandard zu halten: Hier leitet die Beauftragte für Qualitätsmanagement, Astrid Müller, eine Mitarbeiterfortbildung in Rinteln. Die sind freiwillig und gut besucht – auch freitagnachmittags.



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