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Sechs Menschen, sechs Geschichten, ein Ziel

Sie wollen vor allem eins: Arbeiten, für sich und ihre Familien selbst sorgen, dem deutschen Staat nicht auf der Tasche liegen und sich voll und ganz integrieren. Deshalb drücken Migranten wie Sahin Bulut und Ghasem Raujbari bei der Volkshochschule die Schulbank und lernen im Kurs „Berufsbezogene Sprachförderung“ fleißig Deutsch. Sie wissen, dass es das A und O ist, in Deutschland deutsch zu sprechen. Der 27-jährige Sahin Bulut, Kurde mit türkischem Pass, ist seit anderthalb Jahren in Deutschland und sagt: „Das hier ist ein schönes Land, hier kann man gut leben und gut lernen, und dazu müssen wir deutsch sprechen, damit wir uns unterhalten können.“ In seinem Deutschkurs sitzen auch Migranten, die bereits seit über zehn Jahren in Deutschland leben, und wenn man mit ihnen spricht und ihrem durchaus guten Deutsch zuhört, dann fragt man sich schon, ob man es selbst in derselben Zeit auch geschafft hätte, so gut Türkisch, Persisch oder Polnisch zu lernen. Doch egal, wie gut die Migranten deutsch sprechen, vielen von ihnen fehlt eben dennoch eines: ein Job.

veröffentlicht am 10.09.2012 um 00:00 Uhr

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Autor:

Victoria Königund Thomas Thimm

Wer durch die Flure und Kursräume der Volkshochschule läuft, fühlt sich mittendrin in dieser Multikulti-Gesellschaft: Menschen aus vielen Ecken dieser Welt sitzen hier zusammen, um festzustellen, dass der alte Spruch tatsächlich gilt: „Deutsche Sprache, schwere Sprache“. Die Abbrecherquote ist trotzdem gering. Die, die hier sitzen, wissen, worum es geht.

Ghasem Raujbari aus dem Iran will seine Chance hier in Deutschland ergreifen. Er ist 40, verheiratet, lebt seit fünf Jahren in Deutschland und möchte am liebsten als Bäcker arbeiten. Im Iran hat er dieses Handwerk gelernt, allerdings ohne Berufsabschluss. Nun fängt er hier bei null an. Zurückhaltend sagt er: „Es wird schwer, aber ich will arbeiten und suche meine Chance.“ Nach seiner Erfahrung ist es das Beste, in den ersten drei bis vier Jahren nach der Einreise Deutsch zu lernen. Um sein Deutsch zu verbessern, besucht er nun nicht nur den erweiterten Sprachkurs, sondern freut sich über Kontakte zu Deutschen. So lädt er seine Nachbarn „zum Kaffeetrinken und Plaudern ein“.

Eulalie Bültemeier aus Madagaskar hat einen ähnlichen Weg für sich gefunden: „Wenn Du in Deutschland leben willst, musst Du Dich auf die deutsche Kultur einlassen. Ich kann mich nicht nur mit Madagassen treffen und madagassisch sprechen. Man muss im Kopf komplett umdenken und sich umstellen.“ Sie geht jeden Sonntag in die Kirche und hat viele deutsche Freunde: „Wenn ich jemanden neu kennenlerne, fragen alle sofort nach meiner Lebensgeschichte. Da habe ich gleich ein Gesprächsthema und kann mich gar nicht isolieren.“ Die Zuwanderin ist seit einem Jahr in Deutschland und hat einen deutschen Mann. Sie räumt deshalb auch ein, dass sie durch ihren Mann viel mehr Möglichkeiten hat, um deutsche Kontakte zu knüpfen.

Für andere ist genau das nicht immer so einfach: Sahin Bulut zum Beispiel hat noch etwas Schwierigkeiten, sich einzuleben und Kontakte zu knüpfen. Er schaut zwar deutsches Fernsehen und liest deutsche Bücher, um sein Deutsch zu verbessern. Doch der tägliche Gebetsruf fehlt ihm, und wenn er im Ramadan fastet, fühlt er sich von manchen Deutschen unverstanden. Oft herrscht auch Angst, sich zu versprechen oder nicht das richtige Wort zu finden. So geht es auch Janusz Dymidziuk aus Polen, der wenig Kontakt nach draußen hat und im Übrigen zu Hause mit seiner Frau auch nur polnisch spricht: „Ich weiß, dass das ein Fehler ist. Ich habe aber leider keine deutschen Freunde, mit denen ich deutsch sprechen kann.“

Die Türkin Filiz Tiraki ermutigt alle: „Sucht Kontakt zu den Menschen in Eurer Umgebung und sprecht mit ihnen, das bringt richtig was.“ Sie ist in Hameln geboren, als Kind türkischer Gastarbeiter, die dann aber wieder in die Türkei zurückgegangen sind. So wuchs Filiz Tiraki in Istanbul auf, kam als junge türkische Frau erneut nach Hameln. Eine Pendlerin zwischen den Welten also. Sie hatte nach ihrer Rückkehr in Hameln schon Arbeit im Handel, dann kam ihr Sohn zur Welt, nach dem Erziehungsurlaub wurde sie arbeitslos. Jetzt will sie mit dem Sprachkurs neu durchstarten, damit ihr nicht wieder passiert, was ihr neulich bei einer Bewerbung gesagt wurde, nämlich, das ihr Deutsch noch nicht perfekt genug wäre. Das hat sie noch mehr motiviert.

Hoffnung setzen die Migranten auch auf die heute und morgen in Hannover stattfindende interkulturelle Jobbörse „Job-Aktiv“. Die Teilnehmer des Deutschkurses erhoffen sich viel von der Jobbörse: „Welche Berufe gibt es überhaupt in Deutschland? Welcher passt zu meiner individuellen Lebenssituation? Das sind Fragen, deren Antworten mich interessieren“, sagt zum Beispiel Inna Rail. Die Spätaussiedlerin kommt aus Kasachstan und lebt seit zehn Jahren in Deutschland. In Kasachstan fing sie eine Ausbildung zur Näherin an, die sie aber nicht abschließen konnte. Ihr fehle vor allem die Berufsorientierung in Deutschland. Es sei schwer, sich einen passenden Beruf auszusuchen, einen Beruf, der auch zu einem passe, sagt die seit zwei Jahren in Hameln lebende Inna. Sie hat ein pflegebedürftiges Kind und ist alleinerziehend.

Die „Job-Aktiv“-Messe bietet nicht nur Chancen, um Kontakte zu möglichen Arbeitgebern zu knüpfen, sie bietet auch professionelle Hilfe beim Erstellen von Bewerbungen samt Bewerbungsfoto. Inna, Filiz, Eulalie, Sahin, Janusz und Ghasem sind sich einig: Sie wollen an sich arbeiten. Und: Ihre Arbeitslosigkeit liegt nicht an irgendwelchen Vorurteilen deutscher Arbeitgeber gegenüber Menschen mit Migrationshintergrund. Filiz Taraki: „Wenn man ein Ziel hat und bereit ist, sich zu integrieren, dann wird einem immer die Hand gereicht.“

Im Oktober werden die Schüler ihren siebenmonatigen Kurs beenden. Auf die Frage, ob sie jemanden kennen, der diesen Kurs gemacht, sich gut integriert und eine Arbeit gefunden hat, antwortet Sahin Bulut lachend: „Da kenne ich keinen. Aber ich werde das so machen.“

Über Migranten wird viel gesagt und noch mehr gedacht. Sie kommen aus anderen Kulturen nach Deutschland und wollen hier Fuß fassen. Dafür sind sie bereit, etwas zu tun. Wir haben mit sechs von ihnen gesprochen – auf Deutsch.



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