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Wenn die Wahl des richtigen Tornisters zur Qual wird / Teuer ist nicht unbedingt besser

„Schulranzen-Terror“

Weit mehr als 200 Euro kosten viele der heutigen Marken-Schulranzen, und es scheint so, als führe an dieser Investition kaum ein Weg vorbei. Es sind wahre Hightech-Modelle, unter denen Eltern und Kinder auswählen können, unter ihnen Leichtgewichte aus speziellem wasserdichten Kunststoff in ergonomisch ausgefeilter Form, mit regelbaren gepolsterten Schulter-, Hüft- und Brustgurten, atmungsaktivem Rückenpolster, fluoreszierenden Applikationen und Prüfsiegel.

veröffentlicht am 17.03.2014 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 29.05.2017 um 17:28 Uhr

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Reporterin zur Autorenseite

Keine „Schulranzen-Party“ findet ohne beratende Physiotherapeuten statt, und so manches Mal – das kann die Rintelner Fachberaterin Sabine Landkocz vom „Bücherparadies“ berichten – fließen Kindertränen, weil ausgerechnet der Ranzen mit dem schönsten Lillifee- oder Captain-Sharky-Motiv nicht so recht zum eigenen Körper passt.

Vom „Schulranzenterror“ spricht eine genervte Mutter in einem Eltern-Kind-Forum, von „ergonomischen Gesülze“ und „selbstleuchtendem Irrsinn“, mit dem Angstfantasien verbreitet würden, um Mütter und Väter zum teuren Einkauf zu bewegen.

Und tatsächlich können Menschen, die vor 1975 die Grundschule besuchten, vor dem magischen Datum also, als die Firma „Scout“ den ersten Leichtschulranzen auf den Markt brachte und damit die Schulranzen-Revolution auslöste, nur darüber staunen, dass der schlichte Lederranzen, der sie die vier Grundschuljahre über treu begleitete und manchen noch Jahrzehnte später zur Aufbewahrung besonderer Papiere dient, dass diese Ranzen offensichtlich ein erhebliches Gesundheitsrisiko darstellten.

„So kann man das nicht sagen“, meint dazu Sandra Senft, Schulleiterin der Hamelner Grundschule Sünteltal. „Die heutigen Grundschüler haben doch ganz andere Gewichte zur Schule zu schleppen.“ Während sie selbst damals kaum mehr als das Lesebuch und drei, vier Schreibheftchen in ihrem Ranzen hatte, kommt bei ihren Schülern eine so lange Liste mitzubringender Dinge zusammen, dass der alte Schulranzen schon aus Platzmangelgründen nicht mehr zu gebrauchen wäre.

Die Kleinen aus der 1. und 2. Klasse werden noch möglichst entlastet, indem man darauf achtet, dass sie nur Bücher und Mappen hin- und hertragen, die sie für die aktuellen Hausaufgaben brauchen.

Von der 3. Klasse an aber wachsen allein die Arbeitsmappen zu richtig dicken Wälzern an, und die mindestens drei Schulbücher rund um Mathe, Deutsch und Englisch werden fast jeden Tag sowohl in der Schule als auch zu Hause gebraucht. „Und dann die dreifach aufklappbaren Federmappen! Die Getränkeflaschen und Brotboxen. Die Freundschaftsbücher, die ausgeliehenen Bücher aus der Schulbibliothek und zusätzlichen Buntstift-Faulenzer“, so zählt es die Schulleiterin auf. „Wir sind froh, dass wenigstens die Schulranzen selbst nur ein geringes Eigengewicht haben.“

Worauf die Lehrer achten: dass die Kinder wirklich feste Ranzen besitzen und nicht etwa schon – wie es später bei vielen der Fall ist – einen Rucksack, der dann vielleicht sogar mit all dem Gewicht bis zum Po herunterhängt. Diese Achtsamkeit entspricht auch dem, was Orthopäden empfehlen, etwa Eduard Schmitt, stellvertretender Direktor der Klinik für Orthopädie an der Universität des Saarlandes und Experte für Haltungsschäden bei Kindern. Ein Ranzen müsse fest am Rücken anliegen, oben mit der Kinderschulter abschließen, unten nicht bis zum Po reichen, weil er sonst nicht genug vom Rücken abgestützt werde.

Weniger das Gewicht des gefüllten Ranzens sei ein Problem, so veröffentlichte es das Schmitt-Forschungsteam „Kidcheck“ vor sechs Jahren als Ergebnis seiner Untersuchungen, sondern vielmehr, ob das Gewicht auf ergonomisch korrekte Weise verteilt wird. Solange der Ranzen nicht mehr wiegt als ein Drittel des Kinderkörpers, solange sei das Schulranzentragen sogar als willkommenes Training für Bauch- und Rückenmuskeln anzusehen, Muskeln, die bei fast jedem zweiten Kind viel zu schwach ausgebildet seien.

„Selbst ein schwererer Ranzen wird eine gesunde kindliche Wirbelsäule nicht schädigen“, so die Aussage des Professors für Orthopädie. Und im Übrigen könnten durchaus auch günstige Schulranzenmodelle die Ansprüche an den Tragekomfort erfüllen.

Sind also „Schulranzen-Partys“ wirklich Ausdruck eines „Schulranzen-Terrors“, wie es die erwähnte Mutter wütend formulierte? Muss es gar kein 200-Euro-Ranzen sein, der manchmal nur mithilfe von Spenden aus der Verwandtschaft bezahlt werden kann?

Fachberaterin Sabine Landkocz ergreift da natürlich Partei. „Billige Schulranzen würden wir gar nicht verkaufen“, sagt sie und denkt dabei zurück an ihren eigenen Kunststoffranzen aus den 1970er Jahren, der weder Einteilungen für unterschiedliche Schulmaterialien besaß noch wasserfest war, noch sich dafür eignete, sich einfach mal draufzusetzen. „Man muss auch bedenken, dass die Qualitätsranzen drei Jahre Garantie besitzen und dass die Fachgeschäfte außerdem ihren Beratungsservice vor Ort anbieten, anders, als wenn man beim Discounter oder übers Internet bestellt.“

Was sie allerdings zugibt: Ausgerechnet das, was die angehenden Schulkinder am meisten an ihren neuen Ranzen reizt, die kunterbunten oder coolen Themenmotive, die könnten dazu führen, dass ein Kind nach zwei Schuljahren eine gewisse Distanz zu seinem Ranzen entwickelt. Die rosa über den glitzernden Ranzen galoppierenden Pferdchen, die eine Fünfjährige begeistern, sie sind der Achtjährigen vielleicht bereits eher peinlich. „Meine Erfahrung allerdings ist, dass Eltern nur wenig Chancen haben, eine einmal getroffene Entscheidung ihres Kindes zu beeinflussen“, sagt sie. „Und ich selbst berate nur in tragetechnischen Dingen und gebe Tipps, wie man einen Ranzen vernünftig packt. Aus der Motivwahl halte ich mich wohlweislich heraus.“

Lustig die Vorstellung, dass die Leder-Ranzen früherer Zeiten bestenfalls manchmal nicht nur einfach lederbraun daherkamen, sondern eingefärbt in ein dezentes Weinrot oder Dunkelgrün. Dekorative Unterschiede gab es eigentlich nur in Hinblick auf die Unterscheidung zwischen Ranzen für Mädchen und denen für Jungen, also in Ranzen mit kürzerer Klappe und überkreuzten Verschluss-Riemchen und solche mit langer Klappe und kurzen Riemchen. Ihr Designvorbild waren die klassischen Tornister der Soldaten, für deren Herstellung man Leder, Fell und Tuch über einen rechteckigen Holzrahmen spannte. Ab und zu gab es Schüler mit einem Angeber-Schulranzen aus Seehundsfell oder aus besonders hochwertigem Rindsleder, während andere den bereits sehr zerstoßenen Ranzen eines älteren Geschwisterkindes auftragen mussten.

Wenn der Orthopädie-Professor davon spricht, dass auch relativ günstige Ranzenmodelle die Richtlinien für ein physiologisch korrektes Tragen erfüllen, so hält er sich mit Bekundungen zur Motivwahl zurück: Soziologische Aspekte wie die Selbstrepräsentation von Kindern und Eltern mithilfe des fantasievoll gestalteten Marken-Schulranzens, die sind nicht sein Thema.

Dass Schulranzen Anlass dafür sein können, zur „Ranzen-Party“ einzuladen oder zum „Schulranzen-Spaß“, das ist inzwischen selbst für die Großelterngeneration keine Überraschung mehr. Doch ohne die finanzielle Unterstützung von Oma und Opa würde so mancher ABC-Schütze heutzutage leer ausgehen.



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