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Schon mal versucht, „auf r“ zu singen?

Seit fast einem Jahr ist Stefan Vanselow Kreiskantor in Hameln. Derzeit probt er Haydns „Schöpfung“. Aber wie bringt der 36-Jährige seinen Chor dazu, das anspruchsvolle Stück zu bewältigen? Chronologie einer Probe.

veröffentlicht am 17.02.2016 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 05.08.2016 um 09:04 Uhr

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Autor:

von Andrea Tiedemann

19.12Uhr: Im Gang vor dem Gemeindesaal im Haus der Kirche drängen sich Sänger vor den Listen für die kommenden Konzerte. Wo fehlen noch Tenöre? Wo ist die Besetzung gut? Stefan Vanselow rast herein – und nimmt im Gehen noch seinen Fahrradhelm ab.

19.15Uhr: Einsingen. Hüfte kreisen, dann bestimmte Tonfolgen auf verschiedenen Buchstaben singen: auf n, auf m – und auf r. Auf einem rollenden r? Nicht so einfach. „Bei den Höhen eine Gegenbewegung denken“, sagt Vanselow. Er ist ständig in Bewegung, singt vor, der Chor singt nach. Er verzieht das Gesicht. „Gut, ich singe vielleicht nicht ganz so sauber, aber es ist Moll.“ Selbstironie gehört zu seinem Programm, aber auch viel Kritik. Vanselow spart nicht damit, der Chor nimmt’s gelassen. „Den Ton entwickeln, aber bitte nicht wie ein Schneepflug, der den Schnee vor sich herschiebt.“ Um sprachliche Bilder ist er nicht verlegen.

19.40Uhr: Es wird in zwei Gruppen geprobt. Alt und Bass gehen mit Chorassistent Georg Drake in die Kirche, um zu üben. Der 24-Jährige studiert Kirchenmusik in Hannover und unterstützt Vanselow bei den Proben. Manchmal dirigiert er auch schon im Gottesdienst. Vanselow probt mit Sopran und Tenor im Gemeinderaum weiter. „Er wird öffnen die Augen der Blinden“ von Felix Mendelssohn Bartholdy. Wann darf ich wo atmen, und wo bitte nicht? Vanselow gibt genaue Anweisungen – der Chor bemüht sich, sie umzusetzen. Gar nicht so einfach, wenn einem gerade an der falschen Stelle die Luft ausgeht. Einigen der Sängerinnen sieht man an, dass sie einen langen Tag hinter sich haben. Müde Augen, die in die Noten gucken. Dennoch: Ist der Anfangston nicht sauber, setzt der Kantor noch einmal an. „Sehr schön“, sagt er zum Sopran. Wird der Ton der Sänger unsauber, wird Vanselows Spiel am Klavier merklich lauter.

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  • Das Klavier hilft, Töne zu korrigieren und das Orchester zu simulieren.
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19.50Uhr: Es reicht mit Bartholdy. Jetzt wird Haydns „Schöpfung“ geprobt. Erste Herausforderung: Die richtige Stelle in den Noten finden. Denn die Sänger haben verschiedene Ausgaben. Vanselow rattert die Taktangaben herunter, und schon geht es los. „Wo soll das t hin?“, fragt eine Sopranistin. „Im Zweifel immer auf die Pause.“ Während die älteren Frauen mit Inbrunst „wir beten Gott und Himmel an“ singen, scheinen die – weitaus weniger vertrenen – Jüngeren ein wenig gelangweilt. Der Chor „schleppt“ noch ein wenig, Vanselow fordert Präzision. Dann singt er vor, bricht aber ab, weil ihm der Text entfallen ist: „Heil, dir, oh … Dingsbums“, der Chor lacht. In kleinen Gruppen lässt er den Sopran immer wieder die Töne einzeln langsam vorsingen. Aber es geht nicht nur um Technik. „Überlegt euch mal, wen ihr da preist“, fordert er, „nicht, dass der am Ende noch denkt, auf den Preis könne er verzichten …“ Wieder Lachen.

20.10Uhr: Vanselow ist bei der Physik angekommen. „Diatonische Halbtöne müssen groß gesungen werden.“ Da kann ihm nicht mehr jeder folgen, aber gleich darauf wird der Kantor wieder ganz praktisch. „Das ist laut, nicht hoch“, sagt er zu den Sopranen, „ich hätte aber gerne hoch.“ Während die meisten Sänger mit den Augen noch mit den Noten verhaftet sind, versucht Vanselow immer wieder, die Aufmerksamkeit zu bündeln. Als eine Stelle zum wiederholten Male nicht zufriedenstellend gesungen wird, singt er sie extra falsch nach. Übertreibung als didaktisches Prinzip.

20.25Uhr: Der Schlusschor wird geprobt – da klingt es schon wieder harmonischer. Der Sopran schraubt sich in Koloraturen hoch. „Gar nicht schlecht“, sagt Vanselow und erntet wieder Lacher. Fast ein Lob! „Jetzt müsst ihr noch von einem breiten Pegel zu einem feinen Kalligraphiepinsel wechseln“, sagt er zum Tenor, in dem neben Männern auch tiefere Frauenstimmen vertreten sind. „Ja, aber jetzt nicht zu dünn“, korrigiert er noch einmal die Klangfarbe. Die Luft ist mittlerweile auch dünn geworden – Fenster werden geöffnet. „Eher Laserstrahl als Flutlichtscheinwerfer“, erklärt Vanselow erneut, was er sich vorstellt. Theoretisch klar, praktisch schwierig. Vanselow arbeitet exakt, an Schwachstellen hakt er immer wieder ein. An diesem Mittwochabend „hängt“ alles ein bisschen, die Soprane sind tendenziell immer etwas zu tief. „Das D ist nicht auf halber Strecke zwischen C und Es, sondern es ist viel näher am Es dran.“ Während der Sopran wieder allein vorsingt, brummt etwas aus der Tenor-Ecke mit. Da probt jemand schon heimlich ein bisschen mit, obwohl er gar nicht dran ist.

20.35Uhr: Pause. Es wird geredet, auf dem Gang vor dem Gemeindesaal drängen sich die Sänger. Eine ältere Dame bittet den Chorassistenten Drake, nächstes Mal mehr Hinweise zu geben, wo man schief gesungen habe. Vanselow bespricht die gedruckten Flyer für das nächste Konzert.

20.57Uhr: Vor dem nächsten Probenblock gibt es Ansagen. Für das Programmheft gingen fünf Anzeigenkunden verloren, aber es konnten auch fünf neue angeworben werden – auf ehrenamtlicher Basis machen die Sänger das. Eine Sängerin sucht noch eine Mitfahrgelegenheit für die nächste Probeneinheit auswärts.

21.00Uhr: Nun proben alle den Haydn gemeinsam. „Wir kommen bei der Schöpfung gut voran“, bilanziert Vanselow. Doch auf die ermutigenden Worte folgen sogleich wieder strenge Worte. „Manche Sänger können sich gar nicht vorstellen, wie groß ein Halbton ist.“ So ironisch und kritisch Vanselows Kommentare oft sind – aus seinem Mund klingen sie nicht wirklich böse. Viele Sänger schmunzeln dann eher – vielleicht ist auch ein bisschen Gewöhnung dabei. Vanselow fordert seine Sänger heraus, aber er überfordert sie nicht. Er lässt den Bass allein einen schwierigen Ton singen. Heraus kommen gleich mehrere Töne – in den Noten steht nur einer. „Ja, die obere Variante ist gut“, sagt Vanselow und grinst. Die Sänger lassen sich unterschiedlich stark von der Musik mitreißen: Einige sitzen still auf ihrem Stuhl, andere wiegen hin und her oder wippen mit dem Fuß. „Das isses!“, sagt Vanselow zufrieden. Immer mehr Sänger schauen ihn beim Singen an – weil die Noten schon besser sitzen. Um den Rhythmus zu festigen, lässt Vanselow den Text sprechen und klatscht dazu: „Groß wie sein Nam’ ist seine Macht.“

21.25Uhr: Manche scheinen schon sehr müde, doch der eine Ton, er ist immer noch zu lang. Vanselow unterbricht immer wieder. Die besprochene Pause wird vergessen – die Konzentration lässt nach. Zum ersten Mal lässt Vanselow nun aber auch längere Strecken durchsingen. Eine letzte Kleingruppe verlässt den Saal zur Stimmbildung bei Drake. Plötzlich tickt es. Wie ein Uhrwerk, ganz leise unter dem Klang des Chores. Es ist Vanselow, der ein Metronom simuliert. „Das ist alles sehr unsauber, aber ich schiebe es auf die Jahreszeit.“ Ist die Luft zu schlecht? Das Fenster wird wieder geöffnet.

21.50Uhr: Zum Abschluss ein krasser Stilwechsel zum Gospel. „Open the eyes of my heart.“ Vanselow ist sofort in der Stimmung, bewegt sich lässig. Dann, endlich, stehen die Sänger auf. „Und jetzt noch den Gospelschritt!“, ermuntert Vanselow. „Am coolsten sind die, die die Bewegung ganz klein machen.“

22.03Uhr: Geschafft. Jetzt müssen nur die Stühle wieder zurechtgerückt werden.



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