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Auch Firmen im Weserbergland zahlen kaum Öko-Umlage / Verbraucher müssen dafür geradestehen

Schnäppchenjäger in Sachen Strom

Weserbergland. Ernst-Michael Hasse ist ein Bilderbuch-Unternehmer. Sein Scheitel liegt immer perfekt, die Krawatte sitzt stets korrekt. Als Gesellschafter der Schwering & Hasse Elektrodraht GmbH ist Hasse Chef von mehr als 200 Mitarbeitern. Sein Job ist es, Schäden von der Firma abzuwenden. Eine dieser Gefahren trägt den Namen Umlage nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz. Träfe sie seine Lügder Firma mit voller Wucht, davon ist Hasse überzeugt, bedeutete dies das Aus.

veröffentlicht am 05.01.2013 um 00:00 Uhr

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Rund 2000 Firmen in der Republik haben beantragt, dieses Jahr von der Öko-Umlage befreit zu werden. 2012 waren es 734. Die Zahlen lassen den Schluss zu: Noch nie scherten sich Unternehmen in Deutschland so wenig um den Ausbau erneuerbarer Energien. Die Befreiung von der Umlage ist in den Augen vieler Kritiker ein Milliardengeschenk an die Industrie. Entsprechend höher falle die Stromrechnung für Privatkunden und kleinere Unternehmen aus. Die Umlage und die Frage, wer sie zahlt, geraten dabei auch zu einer Frage der Gerechtigkeit.

Hasse, gelernter Bankkaufmann und geschätzter Golfspieler, führt das Unternehmen in der fünften Generation. Die Firma stellt pro Jahr rund 50 000 Tonnen Kupferlackdraht her, ein wichtiges Bauteil zum Beispiel für Elektromotoren. Von der 10 000-Einwohner-Gemeinde zwischen Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen aus beliefert sie Kunden in aller Welt. Im Stillen hat sich Schwering & Hasse an die Spitze der Branche geschraubt. Das hat sie auch ihrem Chef zu verdanken, der eigentlich nie die Fassung verliert. Sobald Hasse aber an die Ökostrom-Umlage denkt, geht es ihm wie vielen anderen: Der Puls steigt.

Mit der Umlage sei der „planwirtschaftlichste Ansatz der Energiepolitik gewählt“ worden, sagt Hasse. Das Wort Planwirtschaft ist so ziemlich die größte Keule, die Unternehmer schwingen, wenn ihnen etwas gegen den Strich geht. „Grundsätzlich unterstützen wir die Ziele der Energiewende und die Abkehr von der Atomkraft. Aber: Die Energiewende wurde innerhalb weniger Wochen beschlossen und in Gesetzesform gegossen“, sagt Hasse. Bei diesem Tempo hätten sich Fehler eingeschlichen, die die Unternehmen ausbaden müssten. „Schnell mal von Atomstrom auf Ökostrom umschalten, das klappt nicht.“

Für Umweltminister Peter Altmaier ist die Zeit des Atomstroms in Deutschland vorbei. Es gebe keine „Chance auf eine Renaissance der Kernkraft“, meint der CDU-Politiker. Spätestens seit dem Atomunfall in Fukushima will Deutschland endgültig raus aus der Atomkraft. Wie das geschehen soll, regelt das Gesetz für den Vorrang Erneuerbarer Energien, kurz Erneuerbare-Energien-Gesetz oder EEG. Es besagt: Der Anteil von grünem Strom soll bis 2050 auf 80 Prozent steigen. Dazu braucht es Windräder und Stromnetze, aber vor allem Geld, viel Geld. Die Politik hat sich überlegt, die Kosten für die Energiewende auf die Stromverbraucher zu verteilen. Dies geschieht über die Umlage. Aktuell liegt sie bei 5,28 Cent pro Kilowattstunde. Ausnahmslos jeder, der Strom verbraucht, muss die Umlage zahlen. Wenn, ja wenn das Wörtchen wenn nicht wär.

Denn gerade Firmen, die viel Strom verbrauchen, können sich von der Umlage befreien lassen. Wer in den Genuss des Rabatts kommen möchte, muss zum Beispiel mindestens ein Gigawatt Strom im Jahr verbrauchen. Ein Drei-Personen-Haushalt benötigt 3500 Kilowattstunden Strom. Mit einem Gigawatt ließen sich 285 Haushalte ein Jahr lang versorgen.

Derzeit gibt es mindestens vier Schnäppchenjäger in Sachen Strom im Weserbergland. Dazu gehören neben Schwering & Hasse die Bergmann Automotive GmbH aus Barsinghausen, die Egger Bevern GmbH & Co. KG sowie die Ardagh Glass GmbH mit Standorten in Bad Münder, Nienburg und Obernkirchen. Unternehmen wie Lenze, Vorwerk, Symrise oder die Aerzener Maschinenfabrik tauchen in der Liste nicht auf. Das klingt ungerecht, zumindest auf den ersten Blick.

Deutsche Firmen kämpfen mit dem dritthöchsten Strompreis der Welt, nur in Japan und Dänemark ist Strom teurer. Die Möglichkeit, von der Umlage befreit zu werden, war für Unternehmen gedacht, die auf dem internationalen Markt bestehen müssen. Sobald nämlich auf den Strompreis noch die Umlage geschlagen wird, beutelt das die Unternehmen umso mehr. Im schlimmsten Fall stehen dann Arbeitsplätze auf der Kippe. Um dies zu verhindern, gibt es die Ausnahmeregel. Doch für manchen Bundesbeamten ist das Wort Ausnahme offensichtlich ein dehnbarer Begriff.

HF Magnet Wire Industries GmbH ist die Konzernmutter von Schwering & Hasse. Für 2010 weist der Geschäftsbericht eine Bilanzsumme von 92,6 Millionen Euro aus. Der Konzern muss sich mit Weltmarktpreisen für Kupfer herumschlagen und Wechselkurse im Blick behalten. Dem Konzern sowie Schwering & Hasse gelingt das ganz gut. Damit das so bleibt, scheint eine Ausnahme sinnvoll. Zumal das Unternehmen für Lügde so etwas ist wie die Deutsche Bank für die Geldindustrie: zu groß, um zu scheitern. Ginge Schwering & Hasse baden, säßen Hunderte Mitarbeiter auf der Straße. Die Stadt verlöre einen dicken Batzen Umsatzsteuer. Es wäre der GAU für Lügde.

Bei Bergmann in Barsinghausen entstehen Zubehörteile für Automotoren. Das Unternehmen ist der zweitgrößte Zulieferer von Zylinderlaufbuchsen für Automotoren in Europa. Die Bilanzsumme 2010 lag bei rund 14,1 Millionen Euro. Um Aluminium zu schmelzen, braucht das Unternehmen eine Menge Strom, daher ist es befreit.

Die Egger Holzwerkstoffe GmbH sitzt in St. Johann in Tirol. Das Familienunternehmen mit rund 6000 Mitarbeitern produziert europaweit in sieben Ländern und 16 Werken. In Bevern laufen mitteldichte Holzfaserplatten vom Band, besser bekannt als MDF. Die Bilanzsumme des Konzerns lag im Geschäftsjahr 2011 bei 1,7 Milliarden Euro. Sobald dem Unternehmen der Strompreis in Deutschland über den Kopf stiege, wäre es für die Konzernzentrale in 660 Meter Höhe über dem Meer ein leichtes, die Produktion in ein anderes Land zu verlagern – zum Nachteil Beverns.

Wie hoch die Stromrechnungen der Unternehmen sind, wollen sie nicht verraten – Geschäftsgeheimnis. Die Beispiele zeigen aber: Die Möglichkeit, sich von der Umlage befreien zu lassen, scheint in der Tat Jobs zu sichern. Außerdem ist es gerecht, dass nicht nur die Größten der Großen den Rabatt erhalten. Allerdings bewirken die Ausnahmen auch, dass der Energiewende ein Stück weit das Geld ausgeht. Denn Fakt ist auch: Der durchschnittliche Strompreis für Industriekunden ist niedriger als für Haushaltskunden. Viele Großkunden zahlten 2011 im Schnitt 13,58 Cent pro Kilowattstunde. Privathaushalte mussten 25,4 Cent zahlen. Aus ihrer Sicht sieht Gerechtigkeit anders aus.

Ernst-Michael Hasse war 24 Jahre alt, als er von Vater und Onkel den damals noch traditionellen Geschäftsbereich der Zigarrenherstellung übernahm. Heute verteidigt er, dass sein Unternehmen die Umlage nicht zahlt. Die Stromrechnung verdoppele sich andernfalls. „Die Mehrbelastung von mehr als vier Millionen Euro pro Jahr könnten wir nicht verkraften“, meint Hasse. Auch Klaus-Hasso Heller, Chef der Aerzener Maschinenfabrik mit 1615 Mitarbeitern und einer Bilanzsumme von 246 Millionen Euro, ist nicht gut auf die Umlage zu sprechen. „Ich denke, dass es die Aufgabe der Politik gewesen wäre, hier ein durchgängig schlüssiges Konzept zu entwerfen. Aber die Politik hat leider bisher versagt.“ Selten zuvor dürften sich Unternehmer und Umweltschützer in einem Punkt so einig gewesen sein. Wenn das nicht gerecht ist.

Noch nie haben so viele Unternehmen auf die Energiewende gepfiffen. Deutschlandweit rund 2000 Firmen möchten nicht für den Ausbau des Ökostroms zahlen. Auch Unternehmen aus der Region erhalten Rabatt.

Ist das gerecht?

„Die Politik hat leider bisher versagt“



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