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Was bei den deutschen Großprojekten Flughafen Berlin-Brandenburg und Elbphilharmonie schiefgelaufen ist

Schlamperei und kaum Kontrollen

Können die Deutschen keine Großprojekte verwirklichen? Die Katastrophe des noch längst nicht fertiggestellten Großflughafens Berlin-Brandenburg, der Dauerstreit zwischen dem Hamburger Senat und dem Bauunternehmen HochTief um die Realisierung der Elbphilharmonie sowie die Kostenexplosion beim Bau von Stuttgart 21 lassen deutsche Planer zum Gespött der Bauwelt werden. Woran aber liegt es, dass Berlin-Brandenburg mit Sicherheit nicht mehr in diesem Jahr, vielleicht sogar erst im Jahr 2015 eröffnet wird und die Elbphilharmonie um ein Vielfaches teurer wird als ursprünglich geplant? Sind es die Planer, sind es fachlich inkompetente Aufsichtsräte oder ist es schlicht Schlamperei am Bau?

veröffentlicht am 25.01.2013 um 00:00 Uhr

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Die Probleme der Elbphilharmonie und des Großflughafens unterscheiden sich dabei deutlich. Im Fall des Hamburger Großprojekts in der Speicherstadt begannen die Probleme schon mit der Planung: Vier Parkflächen, die in das alte Lagerhaus in den ehemaligen Stockwerken eingebaut werden sollten, ließen sich nicht verwirklichen, weil der Raum zwischen den tragenden Säulen zu knapp war. Das Haus musste komplett entkernt werden, um eine neue Betonkonstruktion einzuziehen und gleichzeitig die denkmalgeschützten Fassaden zu stützen – mit Kosten, die natürlich nicht eingeplant waren. Und weil die maßgeblichen Kulturpolitiker immer wieder neue Ideen für die räumliche Ausgestaltung des künftigen Kulturpalastes hatten, gab es ständig planerische Eingriffe in die laufenden Bauarbeiten. „Dabei hat jeder überschätzt, was da an Masse noch oben draufgepackt wurde“, urteilt der Hamelner Architekt Goetz Friedemann, der mittlerweile sein Büro nicht mehr selbst betreibt, sondern sich als Gutachter und Sachverständiger einen Namen gemacht hat. „Die Statik war dafür nicht vorbereitet, die Gründung des Baus ebenfalls nicht“, erklärt Friedemann. Dabei entstünden gerade durch Nachplanungen jede Menge zusätzlicher Kosten.

Das bestätigt auch ein anderer Hamelner Architekt. „Mit jeder Terminverschiebung wird so ein Bau teurer. Die Kosten laufen mit den Terminen mit“, erklärt der Fachmann, dessen Büro zwar noch keine Projekte dieser Größenordnung abgewickelt hat, der aber trotzdem genau weiß, wie wichtig es ist, Termine einzuhalten, um die Baukosten nicht ausufern zu lassen. „Planungsänderungen führen immer zu Terminverschiebungen und Kostensteigerungen, die vorher nicht einkalkuliert sind.“ Im Jahr 2007 seien 77 Millionen Euro für die Elbphilharmonie eingeplant gewesen. „Heute spricht man von fast 600 Millionen Euro.“ Und das letzte Wort sei noch nicht gesprochen, denn das Konzerthaus werde frühestens 2017 fertiggestellt. In Sachen Elbphilharmonie spricht er von einem „enormen Aufwand“ der betrieben worden sei, um beispielsweise die Konzertsäle gegen Schwingungen abzufedern, die durch den Schiffsverkehr auf der Elbe entstünden. „Die Betonwannen wurden dazu auf Federelementen platziert – das hat ein Wahnsinnsgeld gekostet.“ Auch für die architektonische Ästhetik sei zum Beispiel im Eingangsbereich ein riesiger Aufwand betrieben worden: „Der 30 Meter breite Eingang ist säulenfrei hergestellt worden, die Stützen dafür wurden um fünf Meter nach innen verlagert. Auch das ist enorm kostenaufwendig gewesen.“

Ganz anders gelagert aber ist der Fall des Großflughafens Berlin-Brandenburg. Geplant von dem erfahrenen Architektenbüro Gerkhan, Marg und Partner (GMP) in Hamburg, das unter anderem auch für den Bau der Flughäfen in Stuttgart und Düsseldorf sowie für den Flughafen Tegel in Berlin verantwortlich zeichnete, scheint sich dort ganz anderes abgespielt zu haben. Das Hauptproblem: Die für den Brandschutz zentrale Entrauchungsanlage funktionierte bei der Abnahme nicht zuverlässig und muss möglicherweise komplett mit ihren riesigen Kabelbäumen ausgewechselt werden. Offenbar wurde beim Einbau einerseits massiv geschlampt, andererseits vom Bauleiter nur unzureichend kontrolliert. Wie das passieren kann? „Der Mann war ganz einfach nicht täglich auf der Baustelle und hat sich mehr um seine Doktorarbeit als um die Großbaustelle gekümmert“, berichtet ein Hamelner Architekt, der sich intensiv mit dem Sachverhalt beschäftigt hat. Es übersteige sein Vorstellungsvermögen, wie so etwas passieren kann. Und fraglich sei auch, ob die Ausführungspläne optimal waren, erklärt er. Die Bauausführung könne aber immer nur so gut sein wie die Ausführungspläne. Wenn es dabei aber an der fachlichen Kontrolle mangele, komme es eben zu Schlampereien. „Die kann man sich gerade bei einem komplexen Thema wie dem Brandschutz nicht leisten, denn das ist ein Bereich, den die Bauaufsicht besonders genau kontrolliert.“ Und das mit gutem Grund, denn 1996 waren bei einer Brandkatastrophe im Düsseldorfer Flughafen 17 Menschen ums Leben gekommen. Deshalb gelten heute für Gebäude der Klassifizierung 4 und 5 – es sind Gebäude mit öffentlichem Personenverkehr und Sonderbauten – besonders strenge Brandschutzvorschriften, wie Volker Mohr, Chef des Hamelner Bauamtes, und Joachim Bach, der Leiter der Hamelner Bauaufsicht, erläutern.

Der Leser müsse sich das so vorstellen, erklärt ein Architekt: „Mit dem Bauantrag wird in der Regel auch das von Brandschutzexperten erstellte Brandschutzkonzept von der Bauaufsicht geprüft und meist mit zusätzlichen Auflagen versehen. Wenn die dann nicht eingearbeitet oder detailgenau umgesetzt werden, kommt es bei der Endabnahme durch die Bauaufsicht zu Problemen.“ Offenbar wurden bei der Umsetzung in Berlin-Schönefeld aber nicht einmal Mindeststandards eingehalten, denn das zentral gesteuerte Öffnen und Schließen der mehr als 3000 Feuerschutztüren funktionierte nicht. Brandschutzkonzepte seien vor dem Hintergrund der geltenden Bauordnungen inzwischen so komplex, dass „wir Architekten uns da kaum noch selbst dranwagen. Das erledigen heute für uns absolute Brandschutzexperten mit aufwendigen Simulationen“.

Dass wild herumgemurkst wurde, beweist auch die Tatsache, dass die Kabel teilweise so chaotisch verlegt wurden, dass niemand auf der Baustelle genau weiß, welche Leitung wohin führt. „Da konnte zeitweise jeder machen, was er wollte“, berichtet ein Handwerker, der eine Zeit lang auf dem Großflughafen beschäftigt war. „Wir haben uns manchmal schon gewundert, dass so gearbeitet werden durfte. Das musste ja schiefgehen.“ Die Projektleiter setzten ganz offenbar darauf, dass die Bauaufsicht am Ende eben doch nicht so genau hinschauen würde. Dass das Großprojekt derzeit in einem tiefen, aber kostenträchtigen Dornröschenschlaf ruht, hängt auch damit zusammen, dass dem planenden Architekturbüro PMG im Frühjahr 2012 nach der Pleite mit der Entrauchungsanlage gekündigt wurde und die neuen Verantwortlichen sich natürlich ebenso wie ein neuer Bauleiter erst in das Projekt einarbeiten müssen.

Dem Aufsichtsrat geben die Gesprächspartner hier in Hameln eher eine geringere Schuld. „Die konnten das Problem doch gar nicht bewältigen. Die sind dafür doch gar nicht ausgebildet. Für eine derartige Aufgabe braucht man eine starke externe Expertise“, hieß es von mehreren Architekten übereinstimmend. „In den Aufsichtsrat gehören Profis, die wirtschaftliches und technisches Know-how besitzen.“ Unklar sei ja auch noch, ob der Aufsichtsrat überhaupt richtig und vollständig informiert wurde. Verantwortlich dafür sei eigentlich der zuständige Projektsteuerer, der völlig versagt haben müsse. Das Hinzuziehen von externem Fachwissen empfiehlt Goetz Friedemann auch kommunalen Politikern, die über größere Projekte entscheiden müssten. „Warum laden sich die Fraktionen denn nicht mal heimische Architekten zu ihren Sitzungen ein, wenn es um ein Bauprojekt wie Sporthalle Nord in Hameln geht?“, monieren Friedemann und andere Bauexperten. „Wir sind doch diejenigen, die wissen, zu welchen Preisen solche Objekte heute zu verwirklichen sind.“ Politiker wüssten aufgrund der Haushaltslage allenfalls etwas über den zu genehmigenden Kostenrahmen. „Dann müssen sie noch den Nutzen genau definieren. Danach darf nicht mehr eingegriffen werden!“ Welche Folgen das habe, lasse sich an der Kostensteigerung für die Elbphilharmonie ablesen.

Dass der Kostenrahmen für den Großflughafen am Ende die erste Kostenschätzung aus dem Jahr 2004 von 1,7 Milliarden Euro wahrscheinlich um mehr als das Doppelte überschreiten wird, liegt nach Ansicht von Friedemann daran, dass der neu einzubauende Brandschutz komplett neu geplant und neu installiert werden muss. Ein großer Punkt seien aber wohl die zu erwartenden Ausfallentschädigungen von Air Berlin bis zum kleinsten Mieter, meint der Architekt. Entscheidend für die Kostensteigerungen sei aber die Zeit- und Terminschiene, beharrt einer der Experten. „Diese Terminverschiebungen werden fast nie in die Kalkulation eingearbeitet.“ Heute werden die täglich anfallenden Kosten für den Flughafen auf 15 Millionen Euro geschätzt – macht pro Jahr die unvorstellbare Summe von 5,4 Milliarden Euro.

Es ist nicht nur eine Blamage für Bundes- und Landespolitiker, dass der Großflughafen Berlin-Brandenburg nicht pünktlich fertiggestellt wurde. Blamiert haben sich damit auch Planer und Bauausführende. Wir haben bei Fachleuten nachgefragt.



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