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Auch in Niedrigzins-Zeiten beliebt: Kinder und Jugendliche bringen mehr Geld zur Bank als je zuvor

Schlachtfest fürs Sparschwein

Ich erinnere mich gut an meinen ersten Besuch in einer Bank. Das war zu Beginn der 1990er Jahre, ich war auf der Schwelle zum Grundschul-Alter und meine Eltern wählten einen bestimmten Tag Ende Oktober, um mich und meine bescheidenen Ersparnisse an die Welt des großen Geldes heranzuführen: den Weltspartag. Viele Kinder im ähnlichen Altern scharrten an diesem Nachmittag mit ihren kleinen Füßen auf dem Teppich des Bank-Foyers, halb hinter Mama oder Papa versteckt, manche waren über Malbücher gebeugt, andere kritzelten auf Überweisungsscheinen herum, wie sie es schon oft bei den Eltern beobachtet hatten. Die Stimmung, das weiß ich noch, war gespannt, erwartungsvoll, keiner der kleinen Bank-Neukunden wusste genau, warum er dort war. Aber jeder, auch ich, war fasziniert, als er sein Sparschwein oder seine Spardose einem der Bankangestellten überreichte, dieser den Inhalt in eine ratternde Geldzählmaschine kippte und wenige Minuten später ein Sparbuch mit dem ersten, druckfrischen Eintrag aushändigte. Und, nicht zu vergessen, ein kleines Geschenk: eine neue, größere, buntere Spardose.

veröffentlicht am 30.10.2013 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 13.01.2017 um 12:43 Uhr

Wiebke Kanz

Autor

Reporterin (in Elternzeit) zur Autorenseite

Aus einer Vor-Finanzkrisen-Kindheit wie meiner ist der Weltspartag, der seit 1925 traditionell in der letzten Oktoberwoche stattfindet, nicht wegzudenken. Das jüngste Publikum aber, um das die Banken am heutigen Weltspartag buhlen, wurde in Zeiten strauchelnder Volkswirtschaften geboren, ein Zins-Tief jagt zurzeit das nächste – ist ein weltweiter Aufruf zum Sparen überhaupt noch zeitgemäß? Und wie kann jungen Menschen heutzutage Lust auf Sparen gemacht werden?

„Dass in Niedrigzins-Zeiten wie diesen die Sparquote zurückgeht, ist eine ganz normale Reaktion“, sagt Bernhard Kruppki von der Sparkasse Weserbergland. Wie früher sei der Weltspartag aber auch heute noch ein emotionaler Anlass für die „zielorientierte, langfristig angelegte Vermögensplanung“: „Das traditionelle Sparschweinchen-Schlachtfest ist auf Nachhaltigkeit angelegt“, sagt Kruppki – und deshalb erfreue sich dieser Tag ungebrochener Beliebtheit. „Heute wie früher gibt es diese rührenden Momente, wenn das Sparschweinchen wie ein Schatz erwartungsvoll in die Hände unserer Mitarbeiter übergeben wird.“

Um junge Sparer in die Filialen zu locken, wurden in den vergangenen Jahren auch die „Give aways“, die kleinen Geschenke für diejenigen, die am Aktionstag teilnehmen, angepasst: „Die ganz Kleinen freuen sich immer noch über Spardosen, Buntstifte und Malbücher“, berichtet Stephan Rohmann von der Stadtsparkasse Hameln. Für die etwas Älteren haben die Sparkassen und Banken in Hameln-Pyrmont und Schaumburg aufgerüstet – und halten Smartphone-Handschuhe, bunte Uhren oder Sportartikel bereit.

Das Angebot der Geldinstitute zum Weltspartag nutzen vor allem die 10- bis 12-Jährigen, berichtet Rohmann weiter. Der Bereichsleiter für das Privatkundengeschäft bei der Stadtsparkasse sieht hier einen Zusammenhang mit der wachsenden gesellschaftlichen Bedeutung des Vorsorgens: Kaum ein Arbeitnehmer verlasse sich heute noch darauf, dass die gesetzliche Rente im Alter ausreiche. Fast jeder träfe private Vorsorge-Maßnahmen, „und da das Sparverhalten von Kindern stark von dem der Eltern und Großeltern beeinflusst wird, wird die Wichtigkeit des Sparens weitervermittelt“, sagt Rohmann. Das gelte auch für die Sparform: Dass das gute alte Sparbuch bei jungen Sparern nach wie vor hoch im Kurs steht, liegt nach Meinung Rohmanns vor allem daran, dass es oft Eltern oder Großeltern seien, die dieses anlegen. „Es sind also eher die herkömmlichen, regelmäßigen Sparformen, die Kinder und Jugendliche bevorzugen“, sagt er. Bei erwachsenen Kunden dagegen seien zurzeit kurzfristigere Geldanlagen wie Tagesgeldkonten, Wertpapiere oder Aktien beliebt.

Mit dem Für-die-Not-Sparen früherer Generationen habe das Sparverhalten junger Menschen heute nichts mehr zu tun, berichtet Kruppki: „Wir dürfen unsere Kinder nicht unterschätzen. Sie wissen, was sie wollen.“ Vor allem für junge Sparer sei Sparen selten Selbstzweck, in den meisten Fällen handele es sich um ein „selbstbewusstes Wunsch-Sparen“, das sich auch am veränderten Konsumverhalten orientiere: Das meiste Geld werde demnach für Unterhaltungselektronik wie Smartphones zur Seite gelegt. „Gerade die etwas Älteren sparen aber oft auch für den Führerschein, das erste eigene Mofa oder Auto“, sagt Martina Tellermann. Die Volksbank in Schaumburg, für die sie arbeitet, hat beim vergangenen Weltspartag einmal nachgerechnet: Im Schnitt 90 Euro hat jeder junge Sparer an diesem Tag eingezahlt. „Das ist ein leichter Anstieg“, sagt Tellermann.

Tatsächlich belegt eine Studie zum Konsumverhalten von Kindern und Jugendlichen, dass diese heute mehr Geld zur Verfügung haben als jemals zuvor: Den 6- bis 13-Jährigen stehen im Monat durchschnittlich 27,56 Euro zur Verfügung, 38 Cent mehr als im Vorjahr. Trotz jährlich aktualisierter Taschengeldtabellen der Jugendämter liege es letztlich aber im Ermessen der Eltern, ob und wie viel Taschengeld gegeben wird, erklärt Marlies Brüske vom Kinderschutzbund Schaumburg: „Grundsätzlich sind ein paar Cent Taschengeld pro Woche schon im Kindergartenalter empfehlenswert, weil die Kinder ein Gefühl für den Wert von Waren bekommen.“ Auch Sparen sei vor diesem Hintergrund sinnvoll: „Die Kinder lernen, dass nicht alles sofort verfügbar ist. Außerdem bekommen Dinge, für die man länger sparen muss, einen höheren persönlichen Wert“, sagt Brüske. Zudem rät die Expertin, Kindern die Entscheidung, wofür sie ihr Erspartes ausgeben wollen, selbst zu überlassen. „Nur so lernt man, verantwortungsvoll Entscheidungen zu treffen.“

Heute ist Weltspartag. Früher bedeutete das: Sparschwein zur Bank bringen, Eintrag ins Sparbuch bekommen und ein kleines Geschenk abstauben. Womit aber locken die Banken ihre jüngsten Kunden heute in die Filialen? Und ist das klassische Sparbuch überhaupt noch zeitgemäß?

Kinder in Deutschland haben heute mehr Geld zur Verfügung als je zuvor. Und trotz des aktuellen Niedrig-Zinses bringen sie ihr Erspartes gern zur Bank – zum Beispiel am heutigen Weltspartag.dpa



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