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Kein Griff ins Klo: Eine außergewöhnliche Museumsausstellung widmet sich dem stillen Örtchen

„Scheiße sagt man nicht“

Von wegen „Scheiße sagt man nicht“: In der gleichnamigen Ausstellung nennt das Freilichtmuseum Detmold die kleinen und großen Geschäfte, die jeder Mensch täglich zu erledigen hat, beim Namen: Alles dreht sich um die Geschichte der Toilette.

veröffentlicht am 31.03.2016 um 18:01 Uhr

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Lesen habe er auf der Toilette gelernt, habe ein Besucher der Ausstellungskuratorin Janina Raub berichtet. Denn auch in Deutschland dienten noch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein alte Zeitungen als Toilettenpapier. „Solche Geschichten rund um das stille Örtchen haben uns Besucher erzählt, als sie von der Ausstellung erfuhren“, berichtet die Wissenschaftlerin. Sie will mit der neuen Schau „Scheiße sagt man nicht“ (läuft bis zum 30. Oktober) im Freilichtmuseum Detmold das Thema Toilette aus der Tabuzone holen.

„Wir haben auf dem Gelände 100 Gebäude mit 80 Toiletten und jeder Menge Mist vorm Haus“, erklärt Jan Carstensen, der Leiter des Freilichtmuseums, das mit seinen historischen Bauern- und Bürgerhäusern aus der Zeit des 16. bis 20. Jahrhunderts jährlich rund 200 000 Gäste anlockt. Es habe also nahegelegen, das Thema in einer Ausstellung aufzugreifen.

Überall auf dem Museumsgelände können Besucher die kleinen Plumpsklo-Häuschen neben den Höfen entdecken. Auch eigens angebaute Erker im Obergeschoss, in denen menschliche Bedürfnisse sozusagen im freien Fall erledigt wurden, und erste, zu ihrer Zeit als absoluter Luxus empfundene Wasserklosetts gehören zur Museums-Ausstattung.

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Ein Nachttopf um 1900 in einem historischen Kinderzimmer. Foto: dpa

Den Volkskundler interessiert aber zunächst einmal: Wie gehen die Menschen aufs Klo? Schon diese schlichte Frage führt tief hinein in die Sozial- und Technikgeschichte. Am Anfang stehen die Worte aus dem Fünften Buch Mose. Demnach soll ein jeder eine Schaufel oder einen Pflock am Gürtel haben, mit dem er ein Loch graben kann – und hinterher zuscharren, „was von dir gegangen ist“. So oder so ähnlich hat man es bis weit ins Mittelalter hinein gehalten – sieht man mal von den Römern ab, deren Kanalsysteme mit Wasserspülung später wieder in Vergessenheit gerieten.

Die eigentliche Ausstellung findet sich in einer historischen Scheune. Und die versprüht im Inneren den sprichwörtlichen Charme eines Bahnhofsklos. Mit weißen Kachelwänden und leise summenden Leuchtstoffröhren haben die Ausstellungsmacher eine ideale Umgebung geschaffen. Dabei bieten sie weit mehr als eine Aneinanderreihung von historischen Nachttöpfen, dezent mit Leder gepolsterten und Rüschen verzierten Toiletten-Sesseln und anderen „Sitzungsmöbeln“. Hinzu kommen jede Menge Informationen, die ganz stilecht wie Klosprüche per Hand an die Wände geschrieben wurden.

Gekonnt schlägt das Museum die Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart: So ist auf einer Wand zu lesen, dass 589 nach Christus in China zum ersten Mal der Gebrauch von Toilettenpapier erwähnt wird. Nur wenige Meter weiter erfährt der Besucher, dass in Deutschland in den 1920er-Jahren die ersten Rollen fürs Klo produziert wurden – und dass heute jeder Deutsche rund einen Kilometer von den weichen-weißen bis gräulich-kratzigen Blättchen pro Jahr benutzt.

In Abteilungen im Toilettenkabinen-Look geht die Ausstellung in Details: von der Umweltverschmutzung durch die Spülung mit Trinkwasser und der Suche nach ressourcenschonenden Alternativen bis hin zum Alltag von Menschen, die auf einen künstlichen Darmausgang angewiesen sind. Letzteres sei für die Betroffenen existenziell, weiß Kurator Heinrich Stiewe. „Unter Ärzten und Pflegepersonal gehören Gespräche darüber zur Normalität“, sagt er und wünscht sich, dass die Ausstellung zu etwas mehr dieser Normalität auch außerhalb von Krankenhaus und Altenheim beitragen kann.

Und dazu setzt die Schau auch auf den Humor der Menschen. Denn wer muss nicht grinsen, wenn ihm bewusst gemacht wird, dass der Toilettengang im Weltall keine Selbstverständlichkeit ist? Auch das vermittelt die Ausstellung: Bei Weltraumspaziergängen müssen Astronauten auf Windeln zurückgreifen.



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