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Studie verunsichert Hauseigentümer und Bauherren – trotzdem bis zu 80 Prozent Energieeinsparung

„Sanieren lohnt sich doch“

Lohnt sich die Wärmedämmung von Bestandsbauten doch nicht? Die Bundesregierung will bis 2050 den Energieverbrauch fürs Heizen bundesweit um 80 Prozent senken. Eine Prognos-Studie hält das angeblich nicht für möglich. Doch die Wirklichkeit sieht anders aus, wie eine Energieberaterin erklärt.

veröffentlicht am 24.04.2013 um 10:50 Uhr
aktualisiert am 24.04.2013 um 11:26 Uhr

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Bei Häuslebauern und Eigentümern von Immobilien, die derzeit eine energetische Sanierung ihres Hauses planen, herrscht eine gewisse Verunsicherung. Hintergrund ist ein Bericht der Zeitung „Die Welt“, den auch die Deutsche Presseagentur aufgegriffen hatte. In dem Text hatte es sinngemäß unter Bezugnahme auf angebliche Ergebnisse einer Prognos-Studie im Auftrag der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) geheißen, energiesparendes Bauen und Sanieren rechne sich für Hausbesitzer nicht. Den prognostizierten Einsparungen bei den Heizkosten stehe mehr als das Zweifache an Investitionskosten gegenüber. Das Überraschende dabei: Die Deutsche Energieagentur (dena) erklärt auf ihrer Homepage das Gegenteil und betont, mit einer optimalen energetischen Sanierung lasse sich der Energieverbrauch um bis zu 80 Prozent senken. Die Investition rechne sich bereits nach weniger als 15 Jahren.

Ausgangspunkt der Berichterstattung in der „Welt“ war die Aussage, dass für das Ziel der Bundesregierung, den Energieverbrauch in Wohngebäuden bis zum Jahr 2050 um 80 Prozent zu senken, „wohnwirtschaftliche Investitionen“ in Höhe von 838 Milliarden erforderlich seien. Dem stünde jedoch nur eine Einsparung bei den Energiekosten in Höhe von 370 Milliarden Euro gegenüber. Dass dabei Äpfel mit Birnen verglichen wurden, hatten die Journalisten bei Durchsicht der Prognos-Studie übersehen und mussten sich von der KfW korrigieren lassen. Aus zwei Gründen rechne sich die Wärmedämmung trotz der genannten Summen, schreibt die KfW auf ihrer Homepage. Denn „für die energieeffiziente Sanierung würden bis 2050 Kosten von rund 507 Milliarden Euro veranschlagt. Darunter fielen aber auch allgemeine Sanierungskosten von 270 Milliarden Euro, die ohnehin fällig würden. Nur 237 Milliarden Euro müssten explizit für mehr Energieeffizienz ausgegeben werden“. Außerdem fielen die geschätzten Investitionen für energieeffiziente Neubauten von 331 Milliarden Euro „nicht ins Gewicht, da bei ihnen die vorgegebenen Energiesparstandards ohnehin einzuhalten seien“. Weiter rechnet die KfW auf ihrer Homepage vor: „Die erzielte Heiz- und Wärmekostenersparnis beläuft sich auf 361 Milliarden Euro, sodass sich unterm Strich ein Plus für energieeffiziente Sanierer von 124 Milliarden Euro ergibt.“

Kopfschütteln erntet die Aussage, energetische Sanierung rechne sich nicht, auch bei der Architektin und Energieberaterin Victoria Branson aus Bad Münder, die vor mehr als sechs Jahren nach ihrem Architekturstudium eine Zusatzausbildung zur „Vorortenergieberaterin“ absolvierte. Konfrontiert mit der Darstellung der Prognos-Autoren, dass bei der Errechnung der Zahlen nur eine jährliche Energiepreissteigerung von 1,1 Prozent angenommen worden war, erklärte Branson: „Das ist mit Sicherheit viel zu niedrig angenommen. Ich kalkuliere bei meinen Prognosen mit einer jährlichen Preissteigerung von fünf Prozent – und das ist schon sehr schlank gerechnet.“ Nimmt man dazu noch die jährliche allgemeine Teuerungsrate von durchschnittlich zwei Prozent, kommen schon sieben Prozent Energiepreissteigerung heraus.

Dass sich eine energetische Sanierung von Bestandsbauten lohne, „sehe ich an den strahlenden Gesichtern meiner Kunden, wenn ich ihnen im Januar oder Februar begegne und sie die Energiekostenabrechnung für das vergangene Jahr schon gelesen haben“. Von ihren Kunden wisse sie, dass ihre vor einer Sanierung erstellten Berechnungen bislang noch immer eingetroffen seien. Von Kollegen sagt sie, dass teilweise sogar mit Energiepreissteigerungen von 15 Prozent gerechnet werde. „Das halte ich aber für zu hoch. Da ist dann die Enttäuschung groß, wenn hinterher deutlich weniger eingespart wird, als die Prognose hergegeben hat.“ Um fast ein Drittel – um genau 32 Prozent – wird der Energieverbrauch nach den Berechnungen von Branson gesenkt, wenn nur die Fassade gedämmt wird. Das rechne sich bereits nach weniger als 10 Jahren, erklärt die Architektin. „Und danach verdient man eigentlich Geld durch die energetische Sanierung.“ Eine Erneuerung der Wärmedämmung sei bei den heutigen Materialien frühestens nach 40 Jahren erforderlich. Das gelte für die Fassade ebenso wie für eine Dachsanierung.

Als Problembereich bezeichnet die Fachfrau den Bereich der Fenster und der Außentüren. „Da sind dann vergleichsweise hohe Investitionen erforderlich, um die Wärmeverluste zu minimieren.“ Bei einem dreifach verglasten Fenster rechnet Branson mit Kosten von etwa 600 Euro pro Quadratmeter Fensterfläche. Für die Fassade gehe sie im Regelfall von 16 Zentimeter Dämmungsstärke mit der Wärmeleitgruppe 032 aus. Den Kostenrahmen für die „einfache Variante“ mit Polystyrol und Putz gibt sie mit 120 bis 130 Euro pro Quadratmeter an.

Für die Dachsanierung empfiehlt Branson eine aufwendige Maßnahme. „Am besten wird das Dach komplett abgenommen und mit einer Aufsparrendämmung gearbeitet.“ Das habe den Vorteil, dass von außen gearbeitet werden könne und die Dachsparren mit eingedämmt würden. Die Räume zwischen den Sparren zu dämmen, sei zwar auch möglich, es sei aber schwieriger, die Dampfsperre korrekt einzubauen. Der Vorteil der Aufsparrendämmung sei die relativ kurze Bauzeit und das Ausschalten von Fehlerquellen. Der Nachteil: „Das Dach wird deutlich höher. Das gefällt vielen Leuten nicht.“ Man könne das aber durch einen Hochleistungsdämmstoff bis zu einem gewissen Grad kompensieren. Allerdings komme man dann auf einen Preis von rund 200 Euro pro Quadratmeter Dachfläche einschließlich Abdeckung, Gerüstkosten und neuer Eindeckung. Und wie viel Energie wird eingespart, wenn es nicht mehr durch den Dachstuhl zieht? „Da erreichen wir einen Wert von 22 Prozent bei einem zuvor völlig ungedämmten Dach.“ Macht also für die Fassadendämmung und die Dachsanierung zusammen 54 Prozent – weniger als die Hälfte von zuvor.

Das Beispiel hat Branson an einem Haus durchgerechnet, das im Jahr 1925 mit 36er Ziegeln errichtet wurde. „Das entspricht auch dem Standard der 50er und 60er Jahre“, meint die Architektin. „Die Stärke der Steine spielt dabei auch keine entscheidende Rolle, denn Stein leitet Wärme.“ Man müsse sich den Vergleich bildlich vorstellen: „Zwei Zentimeter Wärmedämmung entsprechen einer Stärke von über 100 Zentimeter Beton.“ Dabei sei Beton ein besonders ungünstiger Baustoff. Bestimmte Ziegelarten hätten natürlich bessere Dämmwerte. Aber es gehe ja auch nur um den Vergleich.

Mit Fassadendämmung, Dachsanierung und neuen Fenstern ohne Wärmebrücken im benachbarten Wandbereich nehmen die Eigentümer des Hauses eine ordentliche Investitionshöhe in Kauf. Das Gesamtpaket kommt auf 77 000 Euro – 32 000 Euro für 175 Quadratmeter Fassade, 30 000 Euro für 172 Quadratmeter Dachfläche, wobei die Dämmqualität hier nur der Erneuerbaren Energieverordnung (EnEV) entspreche und nicht dem noch höheren Energiesparstandard der KfW. Und acht Fenster mit einer Fläche von im Schnitt 1,25 Meter mal 1,60 Meter kosteten noch mal 15 000 Euro. „Das haben die Eigentümer natürlich nicht so vom Ersparten gezahlt“, erklärt Branson. „Dazu wurde bei der KfW ein Kredit über 50 000 Euro zu dem hervorragend niedrigen Zinssatz von einem Prozent aufgenommen. Das macht pro Jahr gerade mal 500 Euro Zinsen aus.“

Als Vorteil einer Fassadendämmung beschreibt die Architektin nicht nur die Kosteneinsparung bei der Energiebeschaffung und den verringerten Ausstoß von Kohlendioxid, sondern auch die Verbesserung des Wohnklimas. „Bei kalten Wänden brauchen wir höhere Raumtemperaturen, um uns wohlzufühlen. Ungedämmt haben die Innenflächen von Außenwänden in einem kalten Winter meist Temperaturen von etwa 12 Grad. Bei Dämmung sind es dagegen 18 Grad und man hat dann keine ,Kaltstrahler‘ im Raum.“

Natürlich gehöre zu einer vernünftigen energetischen Sanierung auch eine Modernisierung der Heizungsanlagen. Alte Anlagen hätten maximal einen Nutzungsgrad von um die 70 Prozent. Brennwertkessel kämen dagegen auf Nutzungsgrade von knapp 100 Prozent. Das erbringe weitere rund 30 Prozent Energieeinsparung. So setze sich auch die von der dena errechnete Energieeinsparung von 80 Prozent zusammen.

„Das macht man natürlich nicht alles auf einmal“, sagt Branson. „Erst wird die Außendämmung angebracht, danach die Heizung modernisiert, wofür es von der KfW ebenfalls ein Förderprogramm gibt.“ Öl und Gas seien dabei nicht mehr der Stand der Technik und Holzpellets deutlich billiger. Mit einer Solarthermie-Anlage sollten auf jeden Fall die Heizung und die Warmwasserbereitung unterstützt werden. „Sanierung lohnt sich in jedem Fall.“



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