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Eine Schiffsreise von Hannoversch Münden über Hameln und Rinteln bis nach Bremen

Sagenhafte Weser

Die Geschichte vom Rattenfänger von Hameln ist etwas ganz Besonderes, eine von unzähligen Deutungen und Spekulationen umwobene Sage, die weltweit erzählt und von Generation zu Generation immer weitergetragen wird. Hier an der Weser ist die Sage vom Rattenfänger zu Hause. Aber die Weser ist noch viel mehr: Es ist der Fluss vieler Märchen und Sagen. Nicht umsonst schlängelt sich die Deutsche Märchenstraße entlang der Windungen und Schleifen eben dieses Flusses durchs Land.

veröffentlicht am 04.09.2017 um 17:35 Uhr
aktualisiert am 04.09.2017 um 18:10 Uhr

Thomas Thimm

Autor

Stv. Chefredakteur zur Autorenseite

Der bunte Mann, der einst zunächst die Ratten der Stadt Hameln in die Weser und dann 130 Kinder aus der Stadt in die Fremde entführte, ihn gibt es als „La Flautista de Hamelin“ in Spanien ebenso wie als „Fareli Köyün Kavalcısı“ in der Türkei. Selbst am anderen Ende der Welt in den USA und im fernen Japan kennen die Kinder die alte Sage aus dem Weserland von anno 1284. „Kalle“ Schmidt, vor Jahrzehnten Hamelns fast ebenso berühmter Rattenfänger-Darsteller, erinnert sich: „Wir haben schon vor vielen Jahren unsere Sage auf Reisen in Japan aufgeführt. Und man muss sagen, alle, egal, ob Jung oder Alt, waren immer begeistert von unserer Geschichte.“

Hier an der Weser ist die Sage vom Rattenfänger zu Hause. Aber die Weser ist noch viel mehr: Es ist der Fluss vieler Märchen und Sagen. Nicht umsonst schlängelt sich die Deutsche Märchenstraße entlang der Windungen und Schleifen eben dieses Flusses durchs Land. Und es sind in der Tat sagenhafte Eindrücke, die man gewinnt, wenn man sich entlang der Weser bewegt – am besten fährt man gemütlich chillend mit einem Dampfer den Fluss hinunter. Wer der Weser also mit Muße folgt, der wird bemerkenswerte Märchen-Schauplätze wie Hannoversch Münden mit seinem Dr. Eisenbarth, die romantisch-verwunschene Sababurg mit Dornröschen, Polle und seine Burg als Heimat von Aschenputtel, Bodenwerder mit seinem Lügenbaron Hieronymus Carl Friedrich Freiherr von Münchhausen, die Rattenfängerstadt Hameln und Bremen mit seinen nicht minder bekannten Stadtmusikanten entdecken.

Bis zu 300 Meter tief hat sich die Weser zwischen Reinhardswald und Bramwald respektive Solling eingegraben, bevor sich das Tal bei Höxter, Holzminden und dann wieder zwischen Hameln und Rinteln weitet, die Gebirgszüge Burgberg und Vogler passiert und schließlich zwischen Weser- und Wiehengebirge durch das 200 Meter tiefe Durchbruchstal der Porta Westfalica fließt. Eine Landschaft, eine Atmosphäre, eine Romantik zum Genießen. Hier gibt es kein Brandenburger Tor und auch keinen Marienplatz. Dafür aber reihen sich die kleinen Sehenswürdigkeiten und die Märchen und Sagen wie die Perlen auf der Schnur aneinander. Wir nehmen Sie mit:

2 Bilder
Bald 300 Jahr alt, weltweit berühmt und ein Pfund für seine Heimatstadt: Baron von Münchhausen. Foto: Dana

Die Drei-Flüsse-Stadt Hannoversch Münden, wo aus dem Zusammenfluss von Werra und Fulda die Weser entsteht, hat ihren ganz eigenen Charme. Alexander von Humboldt, der die Welt gesehen hatte, nannte sie eine der sieben schönstgelegenen Städte auf dem Erdenrund. Und schließlich starb dort 1727 Johann Andreas Eisenbarth, jener Doktor ohne Titel, der die letzten Jahre seines Lebens in Gasthöfen lebte und, mit allerlei Privilegien ausgestattet, Menschen kurierte. Folgendes Trinklied ist ihm gewidmet: „Ich bin der Doktor Eisenbarth, widewidewitt, bum, bum, kurier die Leut‘ auf meine Art, widewidewitt, bum, bum. Kann machen, dass die Blinden geh’n, widewidewitt, juchheirassa, und dass die Lahmen wieder seh’n, widewidewitt, bum, bum.“

Es folgt, zugegebenermaßen etwas weiter vom Weserufer gelegen, die Sababurg, die Heimat von Dornröschen. Wie im Märchen glänzt das Dornröschenschloss mit seinem Rosengarten, erhebt sich das Schloss majestätisch über den Reinhardswald und die Weser, die unten an Reinhardshagen vorbeifließt. Oben spielten sich sagenhafte Dramen ab, das Märchen in Kurzform: Die Königstochter sticht sich an einer Spindel, fällt in einen hundert Jahre währenden Schlaf, ein Königssohn kommt des Weges, rettet das Mädchen, sie heiraten, Happy End.

Wir schippern weiter die Weser hinab, begegnen in dem kleinen Örtchen Oedelsheim dem Gestiefelten Kater, lassen uns durch Holzminden hindurchtreiben und erblicken dann schon bald die Burg Polle. Dort sind das märchenhafte Aschenputtel und der historische Graf Everstein zu Hause. Von der Freilichtbühne aus verzaubert eine Laienspielgruppe mit über 1000 prächtigen Kostümen kleine und große Märchenfans und die Besucher der Burgfestspiele.

Von der Burg aus nehmen wir Kurs auf einen teils lustigen, teils bösen Gesellen: In dem auch selbst ein wenig verwunschenen Bodenwerder treffen wir auf Hieronymus Carl Friedrich Freiherr von Münchhausen. Er wurde dort 1720 geboren, starb dort 1797 – und ist heute noch allgegenwärtig. Dem Adeligen werden allerlei unsinnige Geschichten zugeschrieben, die der weltgewandte und zweifellos erzählwütige Baron von Münchhausen erlebt haben will – ob es nun der Ritt auf der Kanonenkugel war oder die Geschichte vom geteilten Pferd, auf dem Münchhausen selbstverständlich weiterritt. Die Geschichten sind derart verwegen, dass sie mehrmals verfilmt wurden, in Musicals und als Theaterstück aufgeführt werden und in Bodenwerder quasi an jeder Straßenecke auftauchen.

So ist es selbstredend auch in Hameln, wo die Sage vom Rattenfänger auf die Weser-Reisenden wartet: Die Hamelner sind, das muss man sagen, wahre Meister im Vermarkten ihres größten Zugpferdes. Es gibt die in 30 Sprachen übersetzte Sage im Film, als Buch, auf CD, als DVD, als Comic, auf Mützen, Schals, T-Shirts, Kaffeetassen, selbst als Gericht in Hamelner Speisekarten. Führungen am Tage mit dem bunten Pfeifer haben die Weserstädter ebenso im Touristenprogramm wie des nächtens mit einem dunklen, mystischen Rattenfänger, der einem kalte Schauer über den Rücken jagt. Ein altehrwürdiges Glockenspiel, ein traditionelles Open-Air-Theater und das Musical „Rats“ runden das Programm ab. Und immer geht es um den seltsamen Buntling, der Ratten, Ratsherren, Bürgern und Kindern die Flötentöne beibrachte. Was für ein Reiseziel – ein absolutes Muss für Touristen, dieses Hameln!

Weiter flussabwärts spielt die „Sage vom Fährmann“ an der Weserfähre von Großenwieden bei Hessisch Oldendorf: Eines Tages bat der Zwergenkönig den Fährmann, sein Volk in einer Nacht überzusetzen. Der Fährmann wunderte sich zwar, willigte aber ein und fuhr die ganze Nacht. Nach der letzten Fuhre, als der Zwergenkönig schon gehen wollte, fragte ihn der Fährmann nach seinem Lohn. „Geh nur zurück zu deiner Fähre“, antwortete der Zwergenkönig, „dort wirst du deinen Lohn schon finden.“ Aber alles, was die Zwerge zurückgelassen hatten, war eine Fuhre Pferdemist. Wutentbrannt schaufelte der Fährmann den Mist in die Weser. Ein kleines Stückchen davon gelangte dabei in seinen Stiefel. Zu Hause beim Ausziehen fiel es heraus und der Fährmann staunte nicht schlecht: Der Mist hatte sich in Gold verwandelt. Der Fährmann lief zurück, um den übrigen Mist noch zu retten, aber die Weser hatte schon alles weggespült. Schade eigentlich …

Mit viel Geduld, einer ganz wunderbaren Reise auf der Weser und einem entspannten Blick aufs Wasser landet man irgendwann in Bremen, an der Schlachte, die vor Historie trieft. In der Hansestadt öffnet sich die Weser zur Nordsee hin, zeigt ihr großstädtisches Gesicht, bezaubert Menschen von nah und fern. Und erzählt die Geschichte der Bremer Stadtmusikanten. Das Märchen handelt von einem Hahn, einer Katze, einem Hund und einem Esel, die zu Hause schlecht behandelt werden, weglaufen, auf Vorschlag des Esels die Bremer Stadtmusikanten werden wollen, auf dem Weg dorthin ein Räuberhaus okkupieren, und am Ende einfach dortbleiben – Bremen also gar nicht erreichen. Egal. Es ist und bleibt eine wunderbare Geschichte. Wie all die anderen auch.

Information

Die Weser von oben

Das Magazin „Die Weser von oben“ zeigt auf 172 Hochglanz-Seiten die Weser in all ihrer Schönheit und Vielfalt: Luftbilder, Reportagen, Fakten. Das Hochglanz-Magazin ist zum Preis von 9,80 Euro in den Geschäftsstellen von Dewezet und Pyrmonter Nachrichten erhältlich und kann auch online im Shop werden. Dieses Magazin ist ein Muss für jeden, der das Weserbergland mag, die Weser als seinen Heimatfluss ansieht und gerne all die Geschichten von der Weser in seinem Bücherschrank stehen haben möchte.



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