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Das „Grimm-Jahr“ endet – hat das Jubiläum sein Publikum erreicht?

Rotkäppchen trifft Rattenfänger

Märchen? Na, die sind doch von den, wie heißen die, die Grimm Brüder, oder?“, mutmaßt ein zufällig in der Fußgängerzone angesprochener Passant. Vom Hamelner Grimm-Jahr, das in diesen Tagen zu Ende geht, hat er nichts mitbekommen. Was also ist geblieben von den Anstrengungen der Verantwortlichen, im von der übermächtigen Figur des Rattenfängers geprägten Hameln ein Grimm-Jahr zu feiern?

veröffentlicht am 30.12.2013 um 00:00 Uhr

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Autor:

Ernst August Wolf

Dass eine Bilanz allenfalls eine Zwischenbilanz sein kann, darauf verweist Harald Wanger, der Geschäftsführer der Hameln Marketing und Tourismus GmbH (HMT). „Es handelt sich ja um mehrere Jubiläumsjahre. Von 2012 bis 2019.“ Im Dezember 2012 der Start mit der 200. Wiederkehr der Herausgabe des ersten Bandes der Grimmschen „Kinder- und Hausmärchen“, für die Hamelner seien aber insbesondere die „Sagen der Brüder Grimm“ mit dem Rattenfänger von besonderer Bedeutung. „Wir bleiben also am Ball.“ An die Grimmschen „Sagen“ allerdings, so verrät der HMT-Internetauftritt, soll erst zwischen 2016 bis 2019 erinnert werden.

Wanger ist zugleich Vorstandsmitglied im Verein „Deutsche Märchenstraße e.V.“ (DMS) mit Sitz in der Grimm-Heimat Kassel. „Vor vier Jahren haben wir uns dort bereits mit der Planung der Jubiläen befasst“, erklärt der Tourismus-Experte. Lange ungeklärt sei jedoch die Federführung aller Aktivitäten vor Ort geblieben. Wanger: „Neben der DMS als Vermarktungsplattform waren das letztlich dann insbesondere die ,Grimm-Heimat Nordhessen‘ zusammen mit dem ,Kultursommer Nordhessen‘. Interessierte Kommunen konnten sich dann entsprechend einklinken.“ Das Konzept sah neben der Organisation von Informationsreisen für nationale und internationale Journalisten einen Veranstaltungskatalog, einen übergreifenden Internetauftritt sowie eine allgemeine Vermarktung vor. „Für uns in Hameln ist dabei unser selbst gestalteter Internetauftritt www.grimm-jubiläum.com im Hinblick auf weitere Jahrestage besonders wichtig“, erläutert Wanger.

Mit einem Teil des finanziellen Überschusses aus dem Musical „Die Päpstin“ – rund 30 000 Euro – wurden 2013 zusätzliche Hamelner Grimm-Aktionen organisiert: der „Schattenwald“ in Janssens Park, der Grimm-Sonntag am 5. Mai und die Einbindung bestehender Veranstaltungen wie der Rattenfänger-Freilichtspiele und des Musicals „Rats“. Wanger ergänzt: „Außerdem haben wir durch das Stadtmarketing bestehende Formate erweitert.“ Als Beispiele nennt er „Mystica Hamelon“ und den Herbstmarkt mit der „Goldenen Gans.“ Wirtschaftlich sei der bisherige Verlauf als Erfolg zu werten. 1500 zahlende Zuschauer beim „Schattenwald“, je rund 10 000 bei „Mystica Hamelon“ und beim verkaufsoffenen „Grimm-Sonntag“. Der Handel sei zufrieden. Eine Auswertung hinsichtlich einer speziellen „Jubiläums-Motivation“ allerdings ließen die Zahlen nicht zu.

Nicht nur zum Jubiläum ein Publikumsmagnet: das Rattenfängerspiel.

„Eigentlich kann man jedes Jahr zum Grimm-Jahr machen, denn die Märchen, die den Namen der Brüder Grimm tragen, meist aber gar nicht von ihnen sind, sind Evergreens, die immer wieder erzählt werden können“, relativiert Bernd Bruns, der Vorsitzende der Hamelner Bibliotheksgesellschaft, die Jubiläumsserie. Bruns erinnert sich besonders gern an die Lesung der Hamelner Büchner-Preisträgerin Felicitas Hoppe am 3. Februar. „Hier ging es nicht nur um Hoppe, sondern vor allem um das kreative Umgehen mit Märchen- und Sagenmotiven und das Weiterspinnen Grimmscher Erzählstränge.“

Dass die Grimms als Verfasser des Deutschen Wörterbuchs Begründer der Germanistik sind und damit einen besonderen Status haben, steht für den gelernten Germanisten Bruns außer Frage. Sein Rat: „Die Stadt Hameln ist gut beraten, auch angesichts ihrer Bewerbung, die Rattenfängersage als immaterielles Weltkulturerbe der Unesco zu etablieren, diese Mitschöpfer ihrer Ortssage nicht zu vergessen.“ Denn die Grimms, so Bruns, hätten maßgeblich dazu beigetragen, „dass diese Sage eine internationale Verbreitung und Bedeutung hat“.

Neben dem „Schattenwald“, einer märchenhaften Inszenierung des Berliner Theaters „Anu“ vom 23. bis 25. Mai, bei der die Besucher Licht- und Schattenspiele und allerlei Traumbilder erleben konnten, erregte vor allem die vom Landschaftsverband organisierte, im HMT-Infocenter gezeigte Ausstellung „Es war einmal …“ Aufsehen. Gezeigt wurden von Hans Witte in seiner „edition einstein“ zusammengetragene Bücher, Grafiken, Spiele, Objekte und Kinoplakate zum Thema „200 Jahre Brüder Grimm“. Witte, Germanist, Kinder- und Märchenbuchsammler sowie Büchermacher aus Deitlevsen, sieht die bisherige Binnenwirkung des Grimm-Jahres kritisch. „Es ist zwar einiges gemacht worden, aber meiner Meinung nach haben sich die Veranstalter verzettelt. Eine bessere Bündelung und Strukturierung des Gesamtprojekts unter Beteiligung von Fachleuten hätte da Abhilfe gebracht.“ Witte verbindet seinen Eindruck von einer eher verwässerten Eventabfolge mit einer grundsätzlichen Kritik an der Kommerzialisierung historischer Ereignisse und Figuren. „Ich halte das für ein kritisierenswertes Merkmal zunehmender Kulturlosigkeit: Kultur degradiert zum ökonomischen Frequenzbringer, während der umgekehrte Weg – die Wirtschaft tritt nur dann als Sponsor für Kultur auf, wenn sie sich Profit verspricht – immer schmaler wird.“

„Ist an uns vorbeigegangen“, teilt die Handelslehranstalt lapidar mit, und der Schülersprecher des Viktoria-Luise-Gymnasiums, Carl Frederick Luthin, bekennt: „Ja, ich weiß, dass es ein Grimm-Jahr gab. Ich habe da ein oder zwei Fernsehbeiträge drüber gesehen.“ Vom Hamelner Grimm-Jahr habe er nur mitbekommen, was in den Feuilletons zu lesen gewesen sei, so der Bisperoder Künstler und Buchautor Peter Neff. „Veranstaltungen habe ich nicht besucht, zumal nach meinem Kenntnisstand in unserer Region kaum etwas angeboten wurde. Oder habe ich da was übersehen?“

Das Hamelner Grimm-Jahr: Rattenfänger trifft Rotkäppchen. Es verfestigt sich der Eindruck, dass das erst einmal kaum mehr als ein flüchtiges Date war. Aber wie geht die Geschichte weiter? Passen die beiden überhaupt zueinander? Wird daraus vielleicht irgendwann doch noch eine Lovestory?

„Viele Einwohner und Besucher sind neugierig auf spannende und ungewöhnliche Projekte“, fasst Harald Wanger zusammen. Und fügt hinzu: „Man muss die Jubiläen feiern, wie sie fallen.“ Wohl wahr. Die Kunde von der Liaison zwischen Rotkäppchen und Rattenfänger ist in die Welt hinausgetragen worden, hat das schwedische Staatsfernsehen ebenso erreicht wie das Berliner Internetradio „Multicult.fm“ und via Bordzeitschriften die Reisenden von Billigfliegern bei easyjet und Ryanair.

Einzig die Hamelner selbst scheinen wie Hänsel und Gretel noch leicht orientierungslos durch den dunklen Grimmschen Märchenwald zu tappen. Bleibt zu hoffen, dass es den Grimm-Vermarktern spätestens bei der geplanten Neuauflage vom „Schattenwald“ im kommenden Jahr gelingt, den Hamelnern in Sachen Brüder Grimm ein Licht aufgehen zu lassen und den beiden Märchenbrüdern und ihren unsterblichen Figuren endlich mehr als nur eine Werbefunktion für den Rattenfänger zukommen zu lassen.

„Märchen zeigen uns Urbilder des menschlichen Lebens, erzählen beispielhaft von existenziellen Erfahrungen“, sagt die Leiterin des Märchen- und Wesersagen-Museums in Bad Oeynhausen, Dr. Hanna Dose. „Und sie formulieren unsere Träume von Schönheit, Reichtum und Glück. Die sind uns Menschen sozusagen systemimmanent, denn die Wirklichkeit sieht bekanntlich anderes aus.“



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