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Im Weserbergland geht die Zahl der Kühe zurück – doch was steht da eigentlich auf den Weiden?

Rindersache

Turbo-Kühe, fleischige Angusrinder – in der Landwirtschaft dominieren Hochleistungsrinder. Es gibt aber auch einen gegenläufigen Trend: So werden beispielsweise genügsame Galloways zur Landschaftspflege eingesetzt. Doch was steht da eigentlich auf den Weiden des Weserberglandes? Ein Überblick.

veröffentlicht am 09.02.2016 um 08:18 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 14:50 Uhr

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Frank Westermann Redakteur zur Autorenseite

Es ist noch gar nicht lange her: Noch vor 25 Jahren waren Bauern stolz auf Milchkühe mit einer Lebensleistung von 100 000 Liter Milch. Diese Milchmenge hatten die Kühe in 15 bis 20 Lebensjahren gegeben. Heute gibt es Hochleistungskühe, die 30 000 Liter Milch pro Jahr geben. Das sind durchschnittlich 100 Liter pro Tag. Das Herz einer solchen Kuh muss 40 000 Liter Blut pro Tag durch das Euter pumpen. Kein Wunder, dass eine Hochleistungskuh nach wenigen Jahren vollkommen ausgelaugt ist – danach geht es zum Schlachter. Zum Vergleich: Das Wildrind gab pro Jahr rund 500 Liter Milch, und eine gute Milchkuh in Indien gibt 1500 bis 2000 Liter Milch pro Jahr.

Fleisch, Milch und Milchprodukte sind längst globale Industriegüter, alles hängt mit allem zusammen. Deutsches Milchpulver wird in die halbe Welt exportiert – und produziert Neuseeland mehr Milch als erwartet, setzt das die hiesigen Bauern unter Druck. Ähnliches gilt bei der Fleischproduktion. Das Rind ist die wichtigste Einkommensquelle für die deutsche Landwirtschaft: 12,6 Millionen Milchkühe, Mastrinder, Zuchttiere, Mutterkühe oder Kälbchen stehen momentan in den Ställen und auf der Weide von Berchtesgaden bis Flensburg. Im Kreis Hameln-Pyrmont geht die Rinderhaltung jedoch zurück: Aktuell werden 8357 Tiere gehalten, 193 weniger als noch vier Jahre zuvor. Älter sind die letzten Zahlen aus dem Landkreis Schaumburg: Am 1. März 2010 waren es 9967 Rinder in 182 Betrieben.

Die Krux mit dem niedrigen Milchpreis

Das Problem: Sie liefern täglich ihre Milch an die Molkerei, haben aber keinen Einfluss auf den Preis – die Milchviehhalter stehen schon seit langem unter Druck. Mit dem Wegfall der Milchquote im Frühjahr 2015 darf nun jeder so viel Milch produzieren, wie er will. Um am Weltmarkt eine Chance zu haben, schaffte die EU-Kommission die Quote ab, die 30 Jahre lang den Angebotsmarkt regulierte. Doch momentan ist der Milchmarkt gesättigt, der Milchpreis niedrig und die Kosten für Strom, Futter, Landmaschinen und Arbeitskräfte steigen. Gleichzeitig gibt es aber kaum Optimierungspotenzial. Viele sehen dies als Grab für die kleinbäuerlichen Strukturen.

Und wie hat sich unter den Wettbewerbsbedingungen der hiesige Tierbestand in den vergangenen vier Jahren verändert? Momentan gibt es im Kreis Hameln-Pyrmont 2751 Milchkühe (Stichtag: 3. November 2015), und damit 56 weniger als im Jahr 2011. Deutschlandweit stehen 4,3 Millionen Milchkühe in den Ställen, rund 94 500 oder 2,3 Prozent mehr als vier Jahre zuvor. Welche gewichtige Rolle die Milcherzeugung spielt, verdeutlicht ein Blick auf die Erlöse: Im Jahr 2012 beliefen sich die Verkaufserlöse für Milch bundesweit auf knapp 10 Milliarden Euro.

Größeren Haltungen mit rationalisierter Produktionstechnik wird zukünftig der größte Erfolg zugeschrieben. Die Milchleistung der Kühe, die sich in den vergangenen Jahrzehnten deutlich erhöhte, ist dabei nahezu ausgereizt: Eine weitere Steigerung macht die Tiere frühzeitig krank und sie fallen als Milchquelle aus. Die Turbo-Kühe produzieren im Schnitt aber immer noch 8000 bis 9000 Kilogramm Milch pro Kuh und Jahr. Bei den Kunden prägt eher der Gedanke an kleinbäuerliche Strukturen mit Weide und Alm die Vorstellungen, sie haben zugleich einen enormen Werbe-Effekt für die gesamte Milcherzeugung: Die Chinesen ordern gerne Milchprodukte von „glücklichen Kühen“ aus Deutschland. Aktuell werden 58 Milchkühe durchschnittlich pro Betrieb gehalten, ergab die Viehzählung im letzten November.

Der Rinderbestand der letzten Jahre

Züchter, Milchviehhalter, Masttierhalter – in der Rinderhaltung gibt’s viele Vermarktungszweige. Einige Landwirte fahren eingleisig, andere versuchen sich am Nebeneinander von Milcherzeugung und Fleischproduktion. Allgemein veränderte sich der Rinderbestand im Kreis Hameln-Pyrmont in den vergangenen Jahren folgendermaßen: Im Jahr 2011 gab es hier noch 8550 Rinder (Milchkühe: 2807). Ein Jahr später registriert die Statistik 8567 Rinder (Milchkühe: 2739), zum Stichtag 2013 waren es 8402 Rinder (Milchkühe: 2673), zum Stichtag 2014 dann 8239 Rinder (Milchkühe: 2608) und im letzten November nun 8357 Rinder (Milchkühe: 2751), wie der Zeitungsdienst Südwest mitteilte.

Und wer steht auf den Wiesen und in den Ställen, bis es Zeit zum Melken ist?

Das Schwarzbunte Niederungsrind, im Rasseschlüssel als Deutsches Schwarzbuntes Rind alter Zuchtrichtung bezeichnet, ist eine Hausrind-Rasse. Die Rasse entstammt den Küstengebieten Norddeutschlands und der Niederlande und ist im Gegensatz zum Holstein-Rind kleiner und hat eine geringere Milchleistung. Dafür ist es aber fruchtbarer, lebt länger, ist genügsamer und besitzt eine bessere Mastleistung. Und es ist bedroht: Das Deutsche Schwarzbunte Niederungsrind wurde zusammen mit dem Originalen Braunvieh und dem Glanrind von der Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen (GEH) zur „Gefährdeten Nutztierrasse des Jahres“ 2016 erklärt.

Angusrinder sind eine deutsche Fleischrinderrasse. Sie sind gutartig, anspruchslos und gute Futterverwerter. Sie können allein aus dem Grundfutter extensiv auf Wiesen und Weiden ernährt werden und zeichnen sich durch eine hervorragende und gesuchte Fleischqualität aus. Für die Mutterkuhhaltung sind Anguskühe besonders gut geeignet, weil sie früh und leicht kalben, sehr fruchtbar und sehr mütterlich sind.

Aus der Zucht und von unseren Weiden nicht mehr wegzudenken, sind die Galloways, eine der ältesten Rinderrassen der Welt. Warum der Landwirt sie liebt, ist schnell erklärt: Sie sind extrem widerstandsfähig, robust und aufgrund ihrer weiten Beckenöffnung sehr „leichtkalbig“ – das heißt, beim Kalben treten selten Komplikationen auf. Außerdem sind Galloways langlebig, leben ganzjährig im Freien, verfügen über eine hervorragende gesundheitliche Kondition, benötigen kaum Medikamente und sind ideale Mutterkühe mit Kalb bei Fuß. Die Kälber leben ausschließlich von der Milch der Mutter, die ausgesprochen fruchtbar und fürsorglich sind. Sie leben im Herdenverband, sind in der Regel friedfertig und personenbezogen und haben sich ausgeprägte Instinkte erhalten.

Galloways als Landschaftpfleger

Galloways werden von verantwortungsbewussten Züchtern nicht intensiv gefüttert, sondern extensiv das ganze Jahr über draußen gehalten. Sie können auf mageren und kargen Böden unübertroffenes Qualitätsfleisch erzeugen, werden nicht zur Milchgewinnung eingesetzt und hochgezüchtet, erhalten im Winter lediglich Heu und Stroh und sauberes Wasser, eignen sich durch schonenden Verbiss und geringe Trittschäden zudem hervorragend als Landschaftspfleger.

Das alles macht sie bei Naturschützern beliebt, denn vor dem Hintergrund zunehmender Verluste wertvoller Lebensräume in der Kulturlandschaft gewinnen großräumige extensive Beweidungssysteme stark an Bedeutung. Den großen Pflanzenfressern kommt dabei für den Erhalt der Artenvielfalt nicht nur im Offenland, sondern auch in bewaldeten Lebensräumen mehr Bedeutung zu. Solche Weidesysteme stellen vermutlich die Nutzungssysteme dar, die die größte Ähnlichkeit mit natürlichen Ökosystemen aufweisen. Der Grund dafür ist, dass es sich bei den Weidetieren (Pferde, Rinder) um Arten handelt, die noch sehr nahe mit ihren ausgestorbenen Vorfahren (Tarpan, Auerochse) verwandt sind. Erfahrungen insbesondere aus den Niederlanden und England machen deutlich, dass die Schaffung halb offener Weidelandschaften eine Erfolg versprechende Strategie des Naturschutzes zum langfristigen Erhalt der biologischen Vielfalt in Europa bilden kann, meldet der Nabu. Wenn in Deutschland über leistungsstarke Milchkühe gesprochen wird, dann ist immer die Holstein-Milchkuh gemeint. Sie ist die am häufigsten eingesetzte Rasse in der Milchproduktion. Mit mehr als 1,6 Millionen eingetragenen Zuchttieren besitzt Deutschland gleichzeitig die weltweit größte Zuchtpopulation. Die Ursprünge dieser Rasse liegen in Nordamerika, als deutsche Aussiedler im 17. Jahrhundert ihre friesischen und holsteinischen Landschläge mit in die neue Heimat nahmen. In den USA und Kanada wurde aus den importierten Tieren (erster Zuchtverband gegründet 1871) eine Rasse mit sehr hoher Milchleistung, aber geringem Fettgehalt der Milch, gezüchtet.

Und wer nun meint, dass Landwirtschaft im Allgemeinen und Milchwirtschaft im Besonderen keine große Kunst sei, der darf es selbst ausprobieren: Unter dem Namen FarmAgriPolis haben Wissenschaftler des Leibniz-Instituts für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien (IAMO) ein Planspiel entwickelt. Jeder, der schon immer mal einen landwirtschaftlichen Betrieb leiten wollte, kann sich mit diesem Computerspiel zumindest theoretisch als Landwirt versuchen. Er muss die Entwicklung der Landwirtschaft in der Region abschätzen oder Entscheidungen treffen, um im Wettbewerb mit anderen mitzuhalten. Die Spieler übernehmen einen landwirtschaftlichen Betrieb und treffen im Rahmen eines räumlich-dynamischen Agrarstrukturmodells einer Region strategische Entscheidungen. Neben dem Spielspaß soll jenseits einer romantisierenden Idylle ein Eindruck davon vermittelt werden, was es heute heißt, Landwirtschaft zu betreiben. Weitere Informationen und das Unternehmensplanspiel zum Download gibt es unter www.farmagripolis.de.



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