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Mit Prügel und Pranger

Richter anno dazumal kannten kein Pardon

Von wegen auf Bewährung: Die Richter anno dazumal kannten gegenüber Missetätern kein Pardon. So drakonisch die Strafen, so – aus heutiger Sicht – geradezu nichtig waren teils die Vergehen, die Justitia im Weserbergland auf den Plan rief. Und so manches Mal geradezu zum Lachen.

veröffentlicht am 01.04.2018 um 11:46 Uhr

Justitia ist blind, heißt es. Wie es vor 170 Jahren um die Gerichtsbarkeit in Hameln bestellt war, beschreibt unsere Geschichte. Foto: dpa
Ulrich Behmann

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Ulrich Behmann Chefreporter zur Autorenseite
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Das Leben war ein anderes im 19. Jahrhundert, als unsere Zeitung gegründet wurde. Um zu erklären, wie man damals lebte, erzählen wir Geschichten von anno dazumal. Hier erzählen wir von Gerichtsurteilen aus dem 17., 18. und 19. Jahrhundert.

Vor Jahrhunderten gab es noch die alte „peinliche Halsgerichtsordnung“. Für Tabakrauchen im Freien drohte anno dazumal mitunter die Todesstrafe. Baumfrevel wurde mit Kettenkarren und Grenzsteinverletzungen wie auch Diebstahl vielfach mit Handabhacken geahndet. Selbst bei kleinen Vergehen konnte man an den Pranger gestellt werden. Und natürlich sind auch die Hexenverbrennungen nicht gerade ein rühmliches Kapitel alter Gerichtsbarkeit.

Im alten Niedersachsen ist Wilddieberei schwer geahndet worden. Das zeigen Auszüge aus einer alten Niederschrift über Jagdvergehen in Kur-hannover. Nach einer vor 245 Jahren, im Februar 1773, ergangenen Verordnung genügte es, jemanden zu einer vierzehntägigen Gefängnisstrafe zu verurteilen, wenn er mit Gewehr oder Jagdgerätschaften in fremden Revieren angetroffen wurde, durch die er kein Durchgangsrecht besaß. Vier Wochen Gefängnis drohten dem, der in einer fremden Jagd schoß, Netze oder Fallen stellte, auch wenn er kein Wild fing, anschoss oder tötete. Vierstündiges Stehen am Schandpfahl zur öffentlichen Schau – eine recht wirksame Strafe – war eine Verschärfung der Bestimmungen. Erlegte der Wilddieb ein Stück Hochwild, so gab es drei Monate „Karrenstrafe“, eine der schwersten Strafen, die verhängt wurden. Im Wiederholungsfalle wurde sie auf sechs Monate und schießlich auf „Karrenstrafe beim Festungsbau auf Lebenszeit“ erhöht. Alle zur Karrenstrafe, also zum Schieben schwerbeladener Karren, an die sie angekettet waren, verurteilten Verbrecher mussten diese Strafe im Dienste der Kriegskanzlei bei militärischen Arbeiten auf den Festungen Hameln und Nienburg verbüßen. Diebstähle von niederem Wild wurden mit sechs Wochen Karrenstrafe geahndet. Auf Lebenszeit in die Karre kamen auch Wilddiebe, die sich ihr Gesicht schwärzten. Sie galten als „äußerst gefährliche Missetäter“.

Ein Holzschnitt aus der Bambergischen Halsgerichtsordnung zeigt die Hinrichtung mit Schwert und Rad. Abbildung: Bamberg, 1507
  • Ein Holzschnitt aus der Bambergischen Halsgerichtsordnung zeigt die Hinrichtung mit Schwert und Rad. Abbildung: Bamberg, 1507

Zeitliche Strafen konnten verdoppelt werden, wenn sie an Sonn- und Feiertagen begangen wurden. Auf Geflügeldiebstähle und Ausnehmen von Nestern standen zunächst zwei Taler, dann Gefängnis und schließlich auch Karrenstrafe. Im Jahre 1824 wurden die Strafen auf die Weise gemildert, dass die unbefugte Jagd auf niederes Wild zunächst mit sechs Wochen Gefängnis bestraft wurde. Allerdings gab es während der letzten beiden Wochen einen um den anderen Tag nur Wasser und Brot. Unerlaubtes Fischen und Krebsen wurde mit Spießrutenlaufen oder gar Karrenstrafe belegt. An die Stelle des Spießrutenlaufens trat das Auspeitschen mit der Rute.

Nach Gerhardt Seiffert wurden dagegen im 17. Jahrhundert bei vielen verhältnismäßig recht schwerwiegenden Straftaten noch auffallend milde Strafen ausgesprochen, die als Sühne in keiner Weise dem Geschehenen entsprachen. So seien hier aus alten „Wrogenregistern“, Sühneregistern oder Strafakten niedersächsischer Ämter, Groß- oder Burgvögte jener Zeit (1617/1619), einige Beispiele angeführt: Ein Barbier, der jemanden „bis in den Tod blutwund geschlagen“, erlegte drei Taler. Ein Bürger, der einen anderen, von dem er um Wiedererstattung geliehenen Geldes gemahnt wurde, auf öffentlicher Straße mit einer Hellebarde hatte umbringen wollen, büßte dafür mit 20 Groschen. Ein Mann hatte „aus großer fürsetzlicher mutwilliger Gewalttätigkeit“ den Herrn Magister auf freier Straße niedergeschlagen, er musste einen Taler Strafe zahlen. Für einen aufgetragenen, aber nicht vollführten Meuchelmord stand ebenfalls ein Taler angeschrieben. Auch Angriffe gegen Amtspersonen in Ausübung ihres Berufes – Widerstand gegen die Staatsgewalt – wurden gelegentlich sehr milde „gepönt“. Ein Einwohner lief einem, der ihm Pfänder abnehmen sollte, mit Geschoß und brennender Lunte nach, um ihn zu erschießen; er zahlte dafür einen Taler.

Für „gemachte Musik, wonach getanzt worden“ auf einer Hochzeit während einer Landestrauer mussten der Bräutigam und der Spielmann jeder 30 Groschen zahlen. Eine gleiche Strafe traf die, welche „zu viele Gevattern“ bei der Kindtaufe genommen. Nicht höher bestrafte man das Zerschlagen eines Armes wie einen Biß ins Ohr; ein Fingerbiss dagegen kostete zehn Groschen.

1852 wurden in Hameln zwei neue Gerichte eingerichtet – das Obergericht und das Amtsgericht

Die Verunreinigung einer fremden Haustür und das Zerbrechen zweier Rippen wurden je mit einem Taler gesühnt. Ein Einwohner hatte geraume Zeit des Sonntags heimlich Branntwein vor der Predigt ausgeschenkt, wodurch die Gäste entweder vom Besuch des Gottesdienstes ferngehalten wurden oder toll und voll in die Kirche gegangen waren, sich darin übergeben, krank geworden und großes Ärgernis verursacht hatten; Strafe dafür: ein Taler. An dem gleichen Orte hatte ein Mädchen sich „unter der Predigt“ so voll Branntwein getrunken, dass es auf dem Kirchhof liegenblieb und ausschlief. Dieses kräftige Räuschen kostete 30 Groschen. Ein Bauer hatte sich eine Tonne mit Heringen angeeignet, die durchziehendes fremdes Kriegsvolk hatte liegen lassen; man bestrafte ihn mit fünf Talern, „weil das Entwandte den Fürsten gehöret“. Als ein besonders krasses Beispiel einer uns nicht mehr verständlichen Rechtsauffassung sei hier noch ein Fall wörtlich angeführt: „Jasper Eggers hat Curd Lüders Schäffer uff freyer Herstraße gewalt gethan undt ihm schlacken wollen. 30 Groschen. Der Schäffer sich nicht schlacken lassen wollen, sondern sich nothwendig wehren müssen, und diesem Jasper Eggers etliche Zahne aus dem Maul geworfen, 60 Groschen.“

Bauern, die nicht zum Scheibenschießen gekommen waren, erlegten 16 Groschen, die gleiche Strafe wurde zuerkannt für Androhung eines Totschlages und für einen entzweigeschlagenen Arm. Schimpfworte wurden teilweise härter bestraft als manche körperliche Verletzungen: ihre Taxe war fast allgemein ein Taler.

Aus heutige Sicht witzige Urteile hatte einst auch der ehemalige Hamelner Stadtarchivar Manfred Börsch zusammengetragen. Er fand in einem Strafbuch von 1836 einige seltsame Dinge: Weil der Klubwirt Thies seinen Hund nach zehn Uhr abends auf der Straße laufen ließ, musste er einen Thaler Strafe zahlen. Schulknabe Georg Deppe wurde im Alter von zwölfeinhalb Jahren mit dreitägiger Gefängnisstrafe belegt – weil er gebettelt und „vagabondirt“ hatte. Und weil Schornsteinfegermeister August Schneider einen Gesellen ohne Anmeldung „bei der Policei und ohne Aufenthaltscharte in Arbeit genommen“ hatte, zahlte er 12 Groschen Strafe. Auch der Dummejungenstreich wurde geahndet: Weil Heinrich Hartmann (13) und Friederike Röpker (12) aus dem Münsterkirchengewölbe Menschenknochen entwendet und auch noch gebettelt hatten, gab’s für jedes Kind 24 Stunden Gefängnis. Und auch das: „Die Müllersche Dienstmagd Wilhelmine Niehus hat geständiger Maaßen heimlich eine Mannsperson zwei Nächte hindurch in die Wohnung der Dienstherrschaft gelassen und mit derselben liederlich gelebt: mit fünftägiger Gefängnisstrafe belegt.“ Auch der Gastwirt Wilhelm Lücke hatte so seine Probleme mit hitzigen Hündinnen und der strengen Ordnungsmacht der damaligen Zeit. „Hitzige Hündinn geständiger Maaßen auf die Straße laufen lassen, wodurch während des Gottesdienstes Unfug auf der Straße entstand: ein Taler Strafe genommen“, heißt es da. Ins Gefängnis musste auch die „unverehelichte Charlotte Winter“. Sie hatte verbotenerweise Weizen-Ähren gelesen. Urteil: „Die Ähren und der Sack confisciert – mit 48stündiger Gefängnisstrafe belegt.“

Mit dem fortschreitenden Mittelalter wurden die Hinrichtungen durch strafverschärfendes Zu-Tode-Quälen vielseitiger und umständlicher. An die Stelle des einfachen Henkens trat das Rädern (das heißt das Brechen der Knochen mittels schwerer Räder), ferner das Pfählen, das Schinden (Abhäuten), Zwicken, Verbrennen und Lebendig-Begraben. Aus der Zeit vor dem Dreißigjährigen Krieg ist ein Hamelner Todesurteil überliefert, wobei die Scharfrichter den Todeskandidaten durch Zerreißen mit glühenden Zangen ins Jenseits beförderten.



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