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Raue Schönheit, endlose Weite

Die Hamelner Benjamin Krämer und Ellada Azoidou sind auf Motorrad-Weltreise. Oder besser: Sie waren per Motorrad unterwegs. Denn aktuell ist es gerade eine Weltreise ohne Motorrad.
Lesen Sie hier, warum.

veröffentlicht am 09.11.2016 um 16:24 Uhr

Foto: Ellada Azoidou
BK

Autor

Benjamin Krämer Reporter

Die Weltreise geht weiter: Von der rauen Schönheit der kirgisischen Bergwelt, über die Strände Novosibirsks und den mystischen Baikalsee bis ins Herz der Mongolei. Dieses Ende unserer ersten Etappe soll auch das Ende unseres Motorrads werden, das am meisten unter den Strapazen von 25 000 harten Kilometern gelitten hat.

Nachdem wir die Höhenkrankheit zwischen Pamir und Hindukusch zurück- und damit hinter uns gelassen haben, reicht ein Blick in unsere Reisepässe und die Visazeiträume, um die Richtung vorzugeben: In möglichst großen Schritten nach Russland. Das bedeutet etwa 2000 Kilometer durch Kirgisistan und Kasachstan – und zwar über Straßen, die sicher schon vor 20 Jahren als schlecht bezeichnet werden konnten. Das alles in brütender Hitze und endloser Steppe, mit einem Motor, der Kühlwasser leckt und einer Kupplung, die bereits von ihrem nahenden Ende kündet. Als wäre das nicht schon genug, passiert mitten im Niemandsland zwischen Osch und Bischkek, der Hauptstadt Kirgisistans, das, was jedem Motorradreisenden ein Knurren entlockt: Der Hinterreifen platzt bei Tempo 120 und nur mit Mühe und Not können wir einen Sturz verhindern. Glücklicherweise hält kurze Zeit später eine Polizeistreife neben uns und hilft uns, einen Kleinlaster anzuhalten, der uns bis nach Bischkek abschleppt. Denn da unser Hinterreifen und der Schlauch etwa eine Handbreit aufgeschlitzt sind, ist ans Flicken nicht zu denken. In Bischkek angekommen, finden wir zwar einen Ersatzreifen, müssen aber auch eine weitere ungewollte Pause einlegen, als ich von einer Lebensmittelvergiftung ins Bett gezwungen werde.

Das Gästehaus, das wir als vorläufiges Krankenlager auserkoren haben, soll uns daraufhin aber eine unserer schlimmsten Erfahrungen dieser Reise bereiten: Mitten in der Nacht ertönt mit einem Mal ohrenbetäubende Musik und Betrunkene versuchen, gewaltsam die Tür zu unserem Zimmer zu öffnen, während ich noch immer Fieber habe. Glücklicherweise scheitern sie dabei und die Musik wird zwar nicht leiser, aber immerhin versucht niemand mehr, unaufgefordert in unser Zimmer zu gelangen. Frühmorgens, als das Fieber sich senkt, beschließen wir, das Weite zu suchen, packen unser Motorrad, während alle schlafen und möchten das riesige Metalltor zu Straße zu öffnen, als die offensichtlich betrunkene Hausherrin erscheint und uns daran hindert. Sie fordert nun mehr Geld von uns als vereinbart und ruft einige ebenfalls betrunkene Männer herbei, um ihrer Forderung Nachdruck zu verleihen. Als wir das nicht einsehen, beginnt ein lautstarker Disput zwischen mir und einem der Partygäste, der nach Wodka stinkt. Diese Ablenkung nutzt Ellada dazu, das schwere Metalltor zur Straße zu öffnen und gedankenschnell starte ich das Motorrad und fahre aus dem Innenhof hinaus. Dort eskaliert die Lage allerdings, als es eine kleine Rangelei gibt und einer der aggressiv auftretenden Männer hinter mir auf den Soziussitz springt. Damit hindert er mich sowohl am Losfahren als auch Ellada daran aufzusteigen. Nun bekommen wir es endgültig mit der Angst zu tun, denn die Gewaltbereitschaft ist bereits spürbar und diese Männer sehen nicht so aus, als würden sie vor irgendetwas zurückschrecken. Glücklicherweise kommt in diesem Moment ein Auto herangefahren und Ellada bittet die Fahrerin mit offensichtlicher Verzweiflung, die Polizei zu rufen. Das erschreckt die Betrunkenen scheinbar und ich kann mich des Mannes auf dem Soziussitz entledigen. Nachdem Ellada schnell aufgesprungen ist, geben wir Gas und fahren davon. Puh – das ist gerade nochmal gut gegangen!

Der Baikalsee – ein Ort von rauer Schönheit, wie Benjamin Krämer und Ellada Azoidou berichten. Foto: Ellada Azoidou
  • Der Baikalsee – ein Ort von rauer Schönheit, wie Benjamin Krämer und Ellada Azoidou berichten. Foto: Ellada Azoidou
Kirgisistan: Ein Kleinlaster schleppt unser Motorrad nach Bischkek. Foto: Ellada Azoidou
  • Kirgisistan: Ein Kleinlaster schleppt unser Motorrad nach Bischkek. Foto: Ellada Azoidou
Am sibirischen Irkutsk vorbei bis zum Baikalsee. Foto: Ellada Azoidou
  • Am sibirischen Irkutsk vorbei bis zum Baikalsee. Foto: Ellada Azoidou

Also machen wir uns auf nach Kasachstan, das uns als recht modernes, westlich orientiertes Land überrascht. Hier gibt es alle „Annehmlichkeiten“ der Industrienationen wie riesige Discount-Supermärkte, die gängigen Fast-Food-Ketten und überall Strom und fließendes Wasser – eine deutliche Steigerung nach den bisherigen Ländern Zentralasiens. Wären da nicht die schlechten Straßen. Kasachstan ist ein riesengroßes Land, das auf der Karte nicht viel kleiner daherkommt als Europa. Dabei hat es allerdings weniger als 20 Millionen Einwohner und ein Straßennetz mit gewaltigen Distanzen, das kaum instandgehalten werden kann. So werden die 1500 Kilometer bis zur russischen Grenze dann auch zur Geduldsprobe, als wir mit Tempo 80 um Schlaglöcher, Längsrillen und Brüche im Asphalt herummanövrieren. Viel sehen wir von diesem Land nicht, außer endloser Steppe und recht freundlichen Menschen. Lediglich eine Kuriosität ist erwähnenswert: Die „Toiletten“ am Straßenrand bestehen nicht nur aus einfachen Löchern im Boden, die mit ihrem Ammoniakgestank sogar die Fliegen vertreiben, sondern haben durchweg keine Türen, sodass jeder vorbeifahrende Autofahrer bei Verrichtung des dringenden Geschäfts zuschauen kann. Als wir nach einem sehr entspannten Grenzübertritt nach Russland Barnaul und schließlich Novosibirsk erreichen, ist von solchen Dingen freilich nichts mehr zu sehen. Hier ist wieder modernes Leben angesagt: Menschen, die auf Smartphones starren, entspannt in mondänen Cafés sitzen und das politische Tagesgeschehen diskutieren – und über eine funktionierende Infrastruktur verfügen. Hier werden wir kurzerhand von Einheimischen zu einer Strandparty eingeladen, wohlgemerkt herrschen zu dieser Zeit angenehme 25 Grad in Sibiriens Hauptstadt. Stadt und Menschen erleben wir als sehr freundlich, weltoffen und entspannt und so mausert sich Novosibirsk mit seinen romantischen Zuckerbäcker-Bauten zu unserer absoluten Lieblingsstadt bisher.

Doch nach einer Woche geht es weiter: Durch etwa 2000 Kilometer sibirischen Mischwald, in dem die bunten Herbstfarben schier explodieren und das gesamte Farbspektrum abdecken. Wir kommen aus dem Staunen nicht mehr heraus und sind begeistert von der schlichten Schönheit dieser scheinbar endlosen Landschaft aus Hügeln, Wiesen und Wäldern. Doch dann passieren wir Irkutsk und stehen an der Westküste des Baikalsees. Dieser Ort von rauer Schönheit ist nicht nur wegen seiner Wassertiefe von 1,5 Kilometern einen Besuch wert, sondern vor allem wegen seiner bizarr-beeindruckenden Sonnenuntergänge, die uns jeden Abend an die Strände locken. Nur schweren Herzens und wegen der Visa-Zeiträume für die Mongolei verlassen wir diesen Ort der unberührten Natur und machen uns auf nach Ulan Bator, die mongolische Hauptstadt.

Glücklicherweise werden wir dort für den Abschied aus Sibirien mehr als entschädigt: Die Landschaft ist mindestens genauso schön, mit ihren gefälligen Bergen und Tälern und der unendlichen Weite aus saftigem Gras, auf dem sich gigantische Pferde- und Schafsherden tummeln. Würde unser Getriebe nicht um Gnade winseln und der Motor noch immer Kühlflüssigkeit verlieren, könnten wir hier Monate in absoluter Einsamkeit genießen, ohne dass uns je langweilig würde. Doch in Ulan Bator wird das, was wir befürchtet haben, traurige Gewissheit: Unser Motorrad gibt den Geist auf und wir müssen es per Spedition zur Reparatur nach Hameln schicken. Doch da ein Abbruch der Reise nicht in Frage kommt, ist die Alternative schnell beschlossen: Wir nehmen die Transsibirische Eisenbahn bis nach Moskau, um dort den russischen Herbst zu erleben und von dort weiterzufliegen nach Vietnam. Doch davon beim nächsten Mal mehr.

Internet: Benjamin Krämer und Ellada Azoidou berichten regelmäßig über ihr Abenteuer Weltreise auf www.horizonride.de, auf dem Dewezet-Blog und auf www.facebook.com/horizonride



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