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Patienten müssen sich immer wieder auf neue Medikamente einstellen / Ärzte und Apotheker kritisieren die Regelung

Rabatte mit Nebenwirkungen

Heidemarie Rößler leidet an einer Volkskrankheit. Nach Studien des Robert-Koch-Instituts hat sie jeder Zweite in Deutschland: Bluthochdruck. Für die 67-Jährige aus Deckbergen sei die Hypertonie kein schwerwiegendes Problem, das nicht mit Medikamenten in den Griff zu bekommen wäre, sagt sie. Doch spätestens, wenn Heidemarie Rößler in der Apotheke neue Blutdrucksenker haben möchte, dann schnellt ihr Blutdruck spätestens am Apothekentresen kräftig in die Höhe - höher, als er sowieso schon immer ist. „Ich kann mich jedes Mal richtig aufregen“, sagt die Rentnerin. In der Apotheke bekommt die Deckbergerin meist die dieselbe Antwort auf ihre Empörung: „Da können wir leider nicht viel machen.“

veröffentlicht am 23.02.2013 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 13:23 Uhr

Lars Lindhorst

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Redaktionsleiter zur Autorenseite

Heidemarie Rößlers Aufregung hat einen Grund. Mal sind sie rot, mal weiß, dann wieder pink oder braun: Die Medikamente, die die 67-Jährige benötigt, wechseln in regelmäßigem Abstand nicht nur die Farbe der Tabletten, sondern auch die Herstellerverpackungen. Seit es Rabattverträge zwischen Krankenkassen und Arzneimittelproduzenten gibt, ist die Verwirrung perfekt, sagt sie. Insgesamt brauche Rößler fünf verschiedene Präparate täglich. „Die muss ich mein Leben lang nehmen.“ Verwechselt habe sie bislang noch keines ihrer Medikamente, doch im Fall ihrer 90-jährigen Mutter, die in der Nähe von Bielefeld wohnt, sei das alles schon schwieriger: „Sie findet da nicht mehr durch. Jemand vom Sozialdienst muss ihr täglich die Tabletten stellen.“

Was Heidemarie Rößler überhaupt nicht versteht: Die Rabattverträge zwischen Kassen und Herstellern werden in aller Regel alle zwei Jahre abgeschlossen, ihre Medikamente wechselten aber nahezu monatlich Farbe und Verpackung. Aber dazu später mehr.

Seit sechs Jahren gibt es Rabattverträge zwischen den Krankenkassen und Pharmaunternehmen. Grund dafür sind die stetig steigenden Kosten im Gesundheitssystem. Um die Ausgaben bei Arzneimitteln unter Kontrolle zu halten, verhandeln Kassen nun mit Herstellern über sogenannte Generika, nachgemachte Medikamente, deren Patentschutz abgelaufen ist. Die Krankenkassen geben dazu bekannt, welche Wirkstoffe sie in welchen Mengen brauchen. Der Markt antwortet darauf: Derjenige Hersteller, der das günstigste Angebot erhält und dabei das gewünschte Medikament in gleicher Qualität liefern kann, erhält am Ende den Zuschlag. Der Patient bekommt dann das günstigste Präparat. Voraussetzung für Nachahmerprodukte ist: Die Wirkstoffe müssen absolut identisch sein, und auch die gewohnte Packungsgröße darf sich nicht ändern.

Das spart den Kassen viel Geld und soll für die Millionen gesetzlich Versicherten in Deutschland die Beitragssätze stabil halten. Im besten Fall können Patienten auch unmittelbar von den vereinbarten Preisnachlässen profitieren. Die Krankenkassen können ihnen die Zuzahlungen für die rabattierten Arzneimittel ermäßigen oder sogar ganz erlassen. Das ist allerdings keine Verpflichtung. Leider gebe es keine einheitlichen Vorgaben, so dass dies einzig und allein auf die Kassenzugehörigkeit ankomme, kritisiert etwa die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen.

Erst zum Jahresbeginn sind neue Rabattverträge der gesetzlichen Krankenkassen in Kraft getreten. Inzwischen verhandeln alle größeren und kleineren gesetzlichen Kassen mit den Herstellern eigene Verträge aus, sagt Detlef Haffke, Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN), auf Anfrage. Seit Beginn des Jahres müssen sich die Versicherten also auf neue Medikamente einstellen, wenn sie in der Apotheke ihre Rezepte einlösen. Denn Apotheker sind gesetzlich dazu verpflichtet, ihren Kunden nur das Medikament zu geben, das im Rabattvertrag der jeweiligen Krankenkasse vereinbart worden ist.

Nach Angaben des Deutschen Apothekerverbandes (DAV) gab es Ende 2011 rund 16 400 Rabattverträge, die zwischen 153 Krankenkassen und 151 Pharmaherstellern abgeschlossen wurden. Das führe insbesondere bei den Apothekern zu mehr Arbeit: „Bei den Rabattarzneimitteln müssen Millionen Patienten im Laufe der Jahre immer wieder umgestellt werden“, gibt der DAV-Vorsitzende Fritz Becker bekannt. Gerade bei chronisch kranken Menschen, die ihre Medikamente genau kennen, führe das zur Verunsicherung – und aufseiten der Apotheker zu erhöhter Beratungsleistung. Das wiederum erfordere mehr Personal in den Apotheken, das sich viele Pharmazeuten nicht leisten könnten, führt die Apothekerkammer Niedersachsen an. „Wir sparen den Kassen Geld ein und erhalten dafür nichts. Ganz im Gegenteil: Das Bearbeiten der Rezepte ist so zeitaufwendig, dass wir sogar mehr Personal einstellen mussten. Auf diesen Mehrkosten bleiben die Apotheker sitzen“, so die Kammer-Präsidentin Magdalene Linz.

Erst im November waren Verhandlungen über den Kassenabschlag zwischen Apothekern und Krankenkassen gescheitert. Derzeit ist es nach Angaben der Apothekerkammer so, dass die Apotheken wegen der rabattierten Arzneimittel auf rund ein Viertel ihrer Honorare verzichten müssen. „Im Gegensatz zu den gesetzlichen Krankenkassen haben Apotheker keine Gewinnzuwächse zu vermelden, sondern Ertragsrückgänge“, so Linz. Wie hoch die Rabatte tatsächlich sind, sagen weder Krankenkassen noch Pharmahersteller. Apotheker- und Ärzteverbände fordern seit Langem größere Transparenz bei den Kosten.

Teuer zu stehen kommen könnten die Rabattverträge aber auch die Ärzte – unter Umständen. Wie KVN-Sprecher Haffke betont, befördere die „Aut-Idem-Regelung“ (lateinisch: „oder das Gleiche“) in den Rabattverträgen große Probleme. Denn ein Arzt hafte persönlich dafür, wenn ein Patient ein Medikament erhält, dass er nicht verträgt oder über dessen Nebenwirkung der Patient nicht vom Arzt aufgeklärt worden ist. Doch in vielen Fällen weiß der Arzt nun gar nicht, welches Medikament sein Patient letztlich in der Apotheke erhalten wird. Hat der Arzt Zweifel, kann er auf den Rezepten das sogenannte „Aut-Idem-Kreuz“ setzen. Das schleißt dann ausdrücklich den Tausch eines Präparates aus. Von den Krankenkassen angehalten sind die Ärzte aber, dies ausdrücklich nicht zu tun. Das Problem aber, vor dem unzählige Arztpatienten und Apothekenkunden stehen, ist das von Heidemarie Rößler beanstandete. Wenn es doch bloß alle zwei Jahre neue Rabattveträge gibt, ja, warum wechseln die Medikamente dann trotzdem viel häufiger Farbe und Verpackung?

Das erklärt der Rintelner Apotheker Klaus Bellwinkel so: Wenn die Krankenkasse für einen Wirkstoff nur einen Vertrag mit einem einzigen Hersteller abgeschlossen hat, komme es nicht selten zu Engpässen. „Die Firmen können nicht immer lieferfähig sein“, sagt Apotheker Bellwinkel. „Bei größeren Herstellern ist das meistens kein Problem, aber die Kassen schließen auch Verträge mit kleinen Firmen ab.“ Weil seine Kunden aber auf die Medikamente angewiesen sind und in den meisten Fällen nicht warten können, bis manche Präparate wieder lieferbar sind, brauchen die Apotheker weitere Alternativen. „Wir sind dann gezwungen, ein anderes aus den drei günstigsten, am Markt verfügbaren Medikamenten auszugeben“, so Bellwinkel. „Wir können uns gar nicht so umfangreich bevorraten“, meint er. Das trage natürlich zur Verunsicherung seiner Kunden bei, und dies sei der Grund, warum sich Versicherte so oft auf andere Präparate umstellen müssten. Bellwinkel bestätigt das, was Heidemarie Rößler schon am Apothekentresen gehört hat: „Denn Apothekern sind da die Hände gebunden.“

Den Millionen gesetzlich Krankenversicherten in Deutschland sollen sie Einsparungen bringen – aber nicht selten stiften günstige Medikamente viel Verwirrung. Die Krankenkassen schließen regelmäßig Rabattverträge mit Arzneimittelherstellern ab. Die Farben und Verpackungen der Präparate ändern sich öfter, als es Patienten lieb ist.



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