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Unser Ferien-Vierteiler: Mit dem Renault 4 durch den Norden Frankreichs, Teil 2

Quatrelle an der Quelle

Champagne / Burgund.Im Uhrzeigersinn um Paris: Anke Steinemann und Jens F. Meyer haben die Zeit neu entdeckt. Im Renault 4 sind sie durch den Norden Frankreichs gefahren, nur auf Departement-Straßen, nicht auf Autobahnen. Eine langsame, sinnliche, poetische Erfahrung, an der sie uns zum Ferienbeginn teilhaben lassen in einem Vierteiler voller Entdeckungen in lieblichen Landschaften und hübschen Städtchen. Das macht Lust auf Urlaub. Teil 2: Das Prickeln der Champagnerroute, die magischen Wasser von Tonnerre und ein Koch für Michel Platini.

veröffentlicht am 27.06.2018 um 13:14 Uhr

Mystische Quelle: Niemand weiß, woher die magischen Wasser von La Fosse Dionne in Tonnerre kommen. Foto: sas / ey
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Herrgott, ist Bar-sur-Aube schön! Die Baralbins müssen stolz auf ihr Städtchen sein. Fassaden wie von Gauguin gemalt, schmale Gassen, die um Häuser führen, deren blaue Fensterläden die Strahlkraft des Himmels übertreffen, und am Vormittag fällt das Sonnenlicht durch die farbigen Fenster der Kirche Saint-Pierre wie göttlicher Segen auf den kalten Stein des im zwölften Jahrhundert entstandenen Gebäudes.

Die Pracht ist von außen weniger zu erkennen; Gottes Haus wirkt mehr wie eine Forteresse, wurde mit einer Holzgalerie versehen, die außen herum verläuft und die früher ganz irdisch den Händlern als Verkaufsraum diente. Aber kaum das Hauptportal durchschritten, hat diese Kirche etwas Majestätisches. Sie würde Ricki gefallen, der zu Hause die Blumen gießt und sich um die Post kümmert. „Ihr müsst Euch die gotischen Kirchen ansehen. Ich kenne jede. Ich bin sieben Jahre lang mit einer Ente sechs Wochen lang in den Sommerferien durch Frankreich gefahren.“ Ein Glücksritter mit 2 CV.

Enten haben eine bessere Lobby. Während sie oft fein restauriert als Liebhaberobjekt lieber wenig gefahren werden, vermag der R4 von Renault sein Image als verlässliches Arbeitstier selbst ein Vierteljahrhundert nach Auslieferung des allerletzten „Bye-Bye“-Modells irgendwie nicht loszuwerden. Ein Makel ist das nicht; ohne Zweifel ist „La Quatrelle“, wie ihn die Franzosen nennen, immer das praktischere Fahrzeug der beiden Klassiker gewesen. Sie sind aber in der Tat so grundverschieden, dass jeder Vergleich ein kleines Verbrechen ist. Hier die Ente, der Citroën mit dem leicht fröschelnden Motörchen, da der Renault, dessen 34-PS-Aggregat den Klang einer sirrenden Nähmaschine verlautbaren lässt. The Sound of Musik. Auf der Route départementale erklingt er wieder, blauer Rauch steigt auf. Lange muss der Choke nicht gezogen bleiben, es ist warm genug.

Die „Quatrelle“ auf dem schmalen Weg zur Quelle. Foto: sas / ey
  • Die „Quatrelle“ auf dem schmalen Weg zur Quelle. Foto: sas / ey
Patrick Gallot, Maître der Crêperie „Les Vieux Volets“ in Tonnerre. Foto: sas / ey
  • Patrick Gallot, Maître der Crêperie „Les Vieux Volets“ in Tonnerre. Foto: sas / ey
Marc Mercier, Chef des Hotel-Restaurant „Le Grand Monarque“ in Donzy, hat schon Michel Platini Gänge-Menüs serviert. Foto: sas / ey
  • Marc Mercier, Chef des Hotel-Restaurant „Le Grand Monarque“ in Donzy, hat schon Michel Platini Gänge-Menüs serviert. Foto: sas / ey
Reisen ohne Pomp, aber mit Seele und Blümchen. Das Navi im Cockpit des R4 dient nur als Unterstützung.
  • Reisen ohne Pomp, aber mit Seele und Blümchen. Das Navi im Cockpit des R4 dient nur als Unterstützung.
Die „Quatrelle“ auf dem schmalen Weg zur Quelle. Foto: sas / ey
Patrick Gallot, Maître der Crêperie „Les Vieux Volets“ in Tonnerre. Foto: sas / ey
Marc Mercier, Chef des Hotel-Restaurant „Le Grand Monarque“ in Donzy, hat schon Michel Platini Gänge-Menüs serviert. Foto: sas / ey
Reisen ohne Pomp, aber mit Seele und Blümchen. Das Navi im Cockpit des R4 dient nur als Unterstützung.

Blauer Rauch und The Sound of Musik auf der Route départementale

Die Champagnerroute D74 führt nach Colombé-le-Sec, Radfahrer winken und machen große Augen. Einen R4 ohne Rost haben sie in Frankreich seit Jahrzehnten nicht gesehen. „Une bonne voiture“, rufen sie. Exactement une, nicht un. Die Franzosen sagen „die Auto“, weil alle schönen Dinge weiblich sind. Aber auch einige männliche: Die Landschaft zum Beispiel. Heißt in Frankreich nämlich „der Landschaft“, also le paysage. Man möchte in ihre Tiefe greifen, sie sich seinem Innersten einverleiben, sie spüren wie den Nachklang eines Saumur-Champigny; es ist die wundersame Magie eines Landes, das vor großen Veränderungen steht. Die Euphorie um den jungen Präsidenten Macron ist verflogen, „er will zu viel zu schnell“, werfen viele Franzosen, auch solche, die ihm ihre Stimme gaben, vor.

Sie werden nicht umhinkommen, einige seiner Reformen zu schlucken. Allein von der Schönheit ihres Landes werden sie nicht leben können; ein großer Schatz ist sie dennoch. Die D3 ist so wenig befahren, dass hier rechts vor links gilt. Immer tiefer gelangen wir ins Zentrum Frankreichs, noch Champagne, bald Burgund.

Pagues ist ein kleines Örtchen, aber die Kirche ist riesig. Immer wieder diese Kirchen. Wer keinen Glauben mit sich herumschleppt, wird sie dennoch mögen, denn zauberhaft vermitteln sie Geborgenheit, Stärke und an heißen Tagen Kühlung. Apropos: Die Kontrollleuchte hat geflackert. Rechts ran, Motor aus, Haube auf, prüfen und feststellen, dass alles okay ist. Der R4 fordert seine Streicheleinheiten. Am Abend rollt er geradezu königlich in die rosafarbene Stadt Tonnerre.

Es sind die Dachziegel aus eisenhaltigem Ton und der weiße Stein aus Tonnerre, der die müden Sonnenstrahlen zur Dämmerung aufsaugt und sie auf eigenartige Weise reflektiert, die Tonnerre an wolkenlosen Tagen so unglaublich rosa erscheinen lässt. Tonnerre ist das, was Reisende lieben, wenn sie es – noch dazu per Zufall – entdecken. Denn da ist eine Quelle, eine ewig rauschende, und die Quatrelle hat ihren Weg zu dieser Quelle gefunden. „La Fosse Dionne“ ist ein Mysterium. Niemand weiß, wo ihr Ursprung ist und manch Suchender hat sein Leben dafür gegeben. Legenden ranken sich um das rätselhafte Becken, unter anderem ist von der Schlange Basilic die Rede, die in diesen Wassern wohnen soll. Die Schlange dürfte beim Tauchgang das geringste Problem sein, eher ist es die Tiefe: zunächst 28 Meter, dann 360 Meter in den Berg hinein, und weitere 68 Meter hinabfallend. Ein Labyrinth der Unterwelt.

Sich in der „Ferme de la Fosse Dionne“ ein Zimmer zu nehmen und abends an den rauschenden

Wassern vor dem Panorama italienisch anmutender Häuser ein Gläschen zu trinken, ist eine gute Sache. „Diese Quelle ist Magie. Viele Touristen haben sie schon bewundert. Weil der Pilgerweg nach Santiago de Compostela direkt hier vorbeiführt, sind zudem viele Gläubige hier“, verrät Bernard Clément, der gemeinsam mit Gilles Barjou das „Gîtes“ führt, Jazzmusik zum Frühstück auflegt und selbst gemachte Marmeladen zu Baguette und Croissant bereitstellt.

Abends fällt das Licht im Sekundentakt vom Himmel, die Église Saint-Pierre thront über dem Städtchen, und der Maître der Crêperie „Les Vieux Volets“ an der Rue de l’Hôtel de Ville gibt nach dem Essen einen Sprachkursus in Japanisch, Französisch, Englisch und Deutsch. „Ich weiß auch nicht, warum die Menschen nach Tonnerre kommen“, sagt Patrick Gallot und meint das ohne Zweifel augenzwinkernd. Wenn’s nicht die Quelle wäre, nicht die Église, nicht die schöne Landschaft drumherum mit dem faszinierenden Château de Tanlay und dem Canal de Bourgogne, an dessen Ufern liebliche Schleusenhäuschen stehen, wie man sie sich als Kind für seine Modelleisenbahnlandschaft gewünscht hätte, dann kommen sie vermutlich, weil Patrick köstliche Galettes kreiert, die mit Salzbutter zubereitet und mit Käse, Schinken und Ei gekrönt werden, während der Cidre aus Tassen ohne Henkel getrunken wird. „Ihr seid mit der Quatrelle unterwegs? Das ist großartig.“ Eine Katze streunt durch das kleine, hübsche Restaurant, Patrick blickt zu ihr, der Abend nimmt sich seinen Raum. „Bonne route.“

Am Morgen sind Quelle und Quatrelle noch immer ein Quell der Inspiration. Es ist Zeit, den Ölstand zu prüfen und den Deckel der Kraftstoffpumpe abzuschrauben, um nachzusehen, ob das Filtersieb verschmutzt ist. Es wäre noch viel wichtiger gewesen, an der Tankstelle nicht den Tankverschlussdeckel liegengelassen zu haben. Rétour über acht Kilometer. Es gibt Dinge, an die gewöhnt man sich bei Oldtimern nur sehr langsam. An der Abbaye de Fontenay ist das kleine Malheur vergessen, denn der Deckel lag noch an der Zapfsäule. Und als in Montbard die Blutbuchenallee Spalier steht, um dem Helden der Landstraße ihre Ehrerbietung zu erweisen, dauert es nicht lange, bis die D1, gewissermaßen die Mutter aller D-Straßen, ihm Geleit gibt, ihn über den Armançon leitet, einem Flüsschen, das wie so viele andere unbegradigt in Schlangenlinien mäandern darf. Flieder schubbert sich an Hausfassaden, Blauregen hangelt sich hinauf und regnet seine Blüten nieder, weißgelbe Kühe wiederkäuen in Löwenzahnwiesen. Und von Zeit zu Zeit lädt eine Bar-Tabac zum Verweilen ein. „Chez Laurette“ in Sauvigny liegt hübsch an der Ortsdurchfahrt. „Deux café, s‘il vous plaît.“

Für gute Politik gibt es kaum einen besseren Ort als die Bar-Tabac

Gesegnet sei die Bar-Tabac. Überall gibt es welche. Angeranzte, hübsch-hässliche, plastikbestuhlte, verrauchte, aber so unendlich menschliche Kneipen, auf deren Terrassen die Katzen des Dorfes einen Napf mit Wasser stehen haben und wo die Sonnenschirme vom brennenden Gestirn an Farbe verloren. Es ist nicht unmöglich, dass die Menschen in der Bar-Tabac mehr ertragreiche Gedanken zur Lage der Nation zusammenspinnen, und sei es in weinbeseelten Momenten, als es die Oberen im Élysée-Palast jemals zu tun in der Lage sind. Die Bar-Tabac ist wichtiger als der Eiffelturm, sie ist ein Stück Seele dieses Landes, sie ist Volkes Stimme! Und es mag kein Zufall sein, dass die Weiterfahrt ab „Chez Laurette“ auf der Rue de la Liberté führt, die Straße der Freiheit, die auf der D951 in die Route de Vignobles übergeht, die Straße der Weinproduzenten. Châtel-Chensoir. Lucy-sur-Yonne. Canal du Nivernais. Irgendwann kommt Donzy, wo der Cotteaux de Giennais der Domaine de Villargeau en terrasse nach langer Reise besonders erfrischend mundet.

Donzy ist ein bemerkenswerter Ort. Ein Mühlrad dreht sich unentwegt, auf dem Teich im Zentrum paddeln die Schwäne verliebte Bögen, und am Fuße der Église Notre-Dame-du-Pré befindet sich das Hotel „Le Grand Monarque“, dessen Besitzer und Chefkoch Marc Mercier schon Fußballboss Michel Platini bekocht hat. „Ich habe früher für die Uefa gearbeitet. Jetzt bin ich mein eigener Chef“, sagt Monsieur Mercier. Er steht neben einem riesigen, alten gusseisernen Herd, über dem schwere Pfannen und Töpfe aus Kupfer herabhängen. „An diesem Herd habe ich mein Handwerk einst gelernt.“ Heute gehört er ohne Frage zu denen, die es verstehen, gehobene Küche kunst- und lustvoll auch auf Teller derer zu zaubern, die sich für das Essen nicht gleich hoch verschulden wollen. Merciers Frau Anne-Marie ist stolz auf das alles hier. „Und dass dort draußen auf unserem Hof eine Quatrelle parkt, hat es auch lange nicht mehr gegeben. Sehr lange“, sagt sie.

Aber vielleicht immer mal wieder. On va voir.

Wir werden sehen.


Teil 3: Im Licht der goldenen Worte Balzacs, ein Turm, der in die Tiefe sackte und ein Schwert, das nie gefunden wird.



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