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„pro Diako“ – alte Stärke ist die neue Schwäche

Schaumburg (ab). Zum zweiten Mal hintereinander hat die „pro Diako gGmbH“ ein Geschäftsjahr mit einem hohen Minus abgeschlossen. Die noch unveröffentlichte Bilanz für das Jahr 2010, die dieser Zeitung vorliegt, weist einen Fehlbetrag von fast zwei Millionen Euro aus. Gegenüber dem Jahr 2009 hat sich das Minus etwas verringert. Dennoch liefert die Bilanz einen weiteren Beleg dafür, dass „pro Diako“ den Neubau eines Klinikums für Schaumburg nicht stemmen kann.

veröffentlicht am 21.01.2012 um 00:00 Uhr

Die wichtigste Zahl der Gewinn- und Verlustrechnung für 2010, die „pro Diako“ demnächst im Bundesanzeiger veröffentlichen wird, findet sich gleich auf Seite 2. Der „Fehlbetrag“ für das Jahr 2010 beläuft sich demnach auf 1 962 900, 66 Euro. Gegenüber 2009 ist das eine Verbesserung um ein Fünftel, seinerzeit hatte das Minus 2 455 191,56 Euro betragen.

Was bis dahin die Stärke im Geflecht von „pro Diako“ gewesen war, verkehrte sich im Geschäftsjahr 2010 zur Schwäche. Das Diakonie-Krankenhaus in Rotenburg (Wümme) erwirtschaftete einen Fehlbetrag, der bei dem 30-Prozent-Gesellschafter „pro Diako“ mit 655 688,91 Euro zu Buche schlägt. Im Geschäftsjahr 2009 hatte Rotenburg „pro Diako“ noch einen Gewinn von 375 720 Euro eingefahren. Im Jahresabschluss 2011 wird „pro Diako“ im übrigen noch stärker davon abhängig sein, dass das Diakonie-Krankenhaus in Rotenburg wirtschaftlich funktioniert, weil man zum 1. Januar 2011 den Anteil von 30 auf 51 Prozent erhöht hat.

Weitere Verlustbringer waren 2010 das Bathildids-Krankenhaus in Bad Pyrmont (741 908,07 Euro), das Evangelische Krankenhaus in Holzminden (392 122,39 Euro) und das Evangelische Krankenhaus in Hannoversch Münden (339 123,06 Euro). Hinter den roten Zahlen verbirgt sich allerdings im Fall von Pyrmont und Hannoversch Münden das, was Wirtschaftsfachleute „Einmaleffekte“ nennen. Im ersten Fall wurde gebaut und im zweiten Fall ein medizinisches Versorgungszentrum gekauft. Dass die Krankenhäuser wirtschaftlich eine derart „negative Tendenz zum Vorjahr“ zeigen, wie es im Jahresabschluss 2010 heißt, schlägt massiv auf die „pro-Diako“-Gesamtbilanz durch. Das ist leicht zu erklären: Mit 86 Prozent erwirtschaften die Krankenhäuser den Löwenanteil des Umsatzes.

Die Führungsetage von „pro Diako“ um Geschäftsführer Heinz Kölking versucht das Unternehmen so wetterfest zu machen, dass es dem Unternehmen bei den Stürmen, die durch die Gesundheitswirtschaft toben, nicht nass reinregnet (s. Interview). Im Wirtschaftsdeutsch der Bilanz liest sich das so: „Die künftige Entwicklung der ’pro Diako‘ wird vorrangig durch die Integration vorrangig des Unternehmenskomplexes um das Rotenburger Diakonie-Krankenhaus sowie der Verflechtung der in der ’pro Diako‘ verbundenen Unternehmen geprägt werden, um in größtmöglicher Weise die Synergieeffekte auszuschöpfen.“ Im Klartext: Zum einen konzentriert sich „pro Diako“ auf das Rotenburger Haupthaus, zum anderen müssen sich Beteiligungen sinnvoll zu Netzwerken knüpfen lassen. Und „sinnvoll“ meint „gewinnbringend“.

Die Beteiligung am größten Sorgenkind hat „pro Diako“ zum 1. Januar 2010 verkauft: Die Leinebergland-Klinik in Alfeld führt jetzt der private Krankenhauskonzern Ameos. Die Begründung liefert die Jahresbilanz 2010: „Die von den Gesellschaftern angestrebte wirtschaftliche Gesamtversorgung konnte nicht in dem gebotenen Maß zukunftssicher medizinisch ausgestaltet werden.“ Mit anderen Worten: Die Gesellschafter haben sich verhoben.

Das war allerdings nur der Anfang eines Prozesses, der die Gegenwart von „pro Diakon“ prägt. Am vergangenen Montag wurden die Verträge unterschrieben, auf deren Grundlage „pro Diako“ einen 51-Prozent-Anteil am Evangelischen Krankenhaus in Hannoversch Münden an die Arbeiterwohlfahrt (AWO) abgibt. Die Beteiligung am Evangelischen Krankenhaus in Holzminden will man dagegen retten, indem das Haus „in den Fokus der wirtschaftlichen Sanierung“ rückt. Im Jahresbericht 2010 heißt es dazu unmissverständlich, dass die Gesellschafter auch 2011 gefordert sein werden, „die Zahlungsfähigkeit zu sichern“. Wie mühselig das Geschäft zur Zeit ist, das „pro Diako“ betreibt, zeigt das Beispiel der Evangelischen Altenhilfe Bethesda und Bethanien in Bad Pyrmont, an der „pro Diako“ ebenfalls 51 Prozent hält. Die Ausstattung der Altenhilfe mit Eigenkapital nennt der Jahresbericht 2010 „problematisch“, das Kapital sei „nahezu aufgebraucht“. Die kreditgebenden Banken haben ein Sanierungsgutachten erstellt und dem Unternehmen einen Berater an die Seite gestellt. Auch hier mussten die Gesellschafter Geld zuschießen. „pro Diako“ beteiligte sich mit einem 300 000-Euro-Darlehen.

Die Jahresbilanz 2010 weist „pro Diako“ als einen Konzern aus, der vor allem mit seinen modernen Einrichtungen beachtliche Werte geschaffen hat. Diese Werte sind allerdings nicht schnell zu Geld zu machen, wenn der Konzern schnell Geld braucht. Das kurzfristige Vermögen von „pro Diako“, wie es sich in den Aktiva widerspiegelt, ist von 33 Millionen (Ende 2008) über 26 Millionen (Ende 2009) auf 19 Millionen Euro (Ende 2010) gesunken. Das verringert unter anderem die Liquidität, also die Fähigkeit eines Unternehmens, seinen Zahlungsverpflichtungen jederzeit nachkommen zu können. Im Jahresbericht 2010 findet sich dazu der Satz: „Das kurzfristig realisierbare Schuldendeckungspotential deckt das kurzfristige Fremdkapital nicht.“ Heißt frei übersetzt: Die Summe des Geldes, die „pro Diako“ schnell auftreiben kann, ist kleiner als die Summe der Verbindlichkeiten, die kurzfristig zurückgezahlt werden müssen. In wirtschaftlich gesunden Zeiten sollte dieses Verhältnis genau andersherum sein.

Es war immer die Aufgabe von Banken, derartige Lücken zu überbrücken und einem Unternehmen Investitionen zu ermöglichen, die es für Kunden attraktiver machen. Diesen Ausweg verengt die Finanz- und Bankenkrise. Im Jahresbericht von „pro Diako“ stehen dazu Sätze, wie sie in den Berichten Dutzender Konzerne stehen könnten: „Die auch im Jahre 2010 nachwirkende Finanzkrise hat die Möglichkeit, auf den Kapitalmärkten Liquidität zu generieren, wesentlich erschwert.“

Vor fast vier Jahren vergab der Landkreis Schaumburg den Auftrag für den Betrieb eines neuen Zentralklinikums an „pro Diako“. Auch von dieser Baustelle zieht sich das Unternehmen zurück, ganz im Sinne seiner neuen Strategie der Konzentration auf das Wesentliche. Derzeit fahndet man nach einem Partner, der bei „pro Diako“ mindestens einsteigt - wenn er „pro Diako“ nicht sogar schluckt. In diesem Sinne verhandeln die Rotenburger mit der ungleich größeren Agaplesion, einer - wie „pro Diako“ - gemeinnützigen Gesellschaft mit Sitz in Frankfurt/Main.

Das neue Schaumburger Klinikum soll die bisherigen Krankenhäuser in Stadthagen und Rinteln ersetzen. Bis es so weit ist, übernimmt der Landkreis Schaumburg die in Stadthagen und Rinteln anfallenden Verluste. Dies gilt bis zu einer Höhe von 14,1 Millionen Euro, und dies gilt wieder ab einer Höhe, die 31,1 Millionen Euro übersteigt. Alles was an Verlusten dazwischenliegt, wird nach einem komplizierten Schlüssel zwischen Landkreis Schaumburg, Stiftung Bethel in Bückeburg und „pro Diako“ aufgeteilt - so ist es bislang verabredet.

Auf der drittletzten Seite der „pro-Diako“-Jahresbilanz 2010 findet sich ein Passus zu diesem Regelwerk. Hier ist von „möglichen überschießenden Verlustabdeckungen“ die Rede. Und weiter: Bei „pro Diako“ werde „daran gearbeitet“, dass die „umfassenden Sanierungs- und Konsolidierungsmaßnahmen dahingehend wirken, dass die Abdeckungssumme des Landkreises für etwaige entstehende Verluste ausreichen wird“. Im Schaumburger Kreishaus war auf Nachfrage zu erfahren, dass die Übergangs-Verluste wohl kaum unter 14,1 Millionen Euro bleiben werden. Nach Auskunft von Landkreis-Sprecher Klaus Heimann arbeitet man gerade daran, die aktuellen Zahlen zusammenzustellen.



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