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Weg von der Gewalt – aber wohin?

Platzmangel im Frauenhaus Hameln: „Wir mussten 90 Frauen abweisen“

Die Anfragen der Medien beim Frauenzentrum in Hameln häufen sich in diesen Tagen. Doch zu der brutalen Gewalttat am Sonntag in Hameln, die seither Menschen bundesweit bewegt, möchten die Mitarbeiterinnen des Hamelner Frauenhauses gar nichts sagen. Nur: „Das ist ein Extremfall.“ Ein Extremfall gemessen an den – es klingt zynisch – normalen Fällen von Gewalt gegen Frauen, mit denen Heidi Schaper und Katrin Meister sich täglich konfrontiert sehen. Am heutigen Freitag ist der Gedenktag „Nein zu Gewalt an Frauen“, heute begeht – feiern ist nicht das richtige Wort – das Frauenhaus Hameln seinen 30. Geburtstag, und für heute um 12 Uhr ist eine Kundgebung der Gleichstellungsbeauftragten des Landkreises auf dem Hamelner Rathausplatz geplant. Ein Blick auf die Hintergründe.

veröffentlicht am 25.11.2016 um 05:00 Uhr
aktualisiert am 04.09.2018 um 18:30 Uhr

Birte Hansen

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Reporterin zur Autorenseite

Im vergangenen Jahr sind laut Aussage der hiesigen Gleichstellungsbeauftragten Kirsten Wente in Hameln-Pyrmont mehr als 260 Fälle häuslicher Gewalt verzeichnet worden. Doch das ist nur die halbe Wahrheit, denn damit sind lediglich jene 236 Frauen und etwa 24 Männer gezählt, die sich an die Beratungsstelle BISS gewendet haben. Die „Beratungs- und Interventionsstelle bei häuslicher Gewalt“ ist aber nur eine Kontaktstelle in Hameln-Pyrmont, die sich um Betroffene kümmert. Hinzu kommt die Frauenberatungsstelle, bei der im vergangenen Jahr 231 Frauen Hilfe gesucht haben und das Frauenhaus, das im selben Zeitraum 65 Frauen und etwa 50 Kinder aufgenommen hat. Bei der Polizeiinspektion Hameln-Pyrmont/Holzminden angezeigt wurden dagegen für die Bereiche Hameln, Emmerthal und Hessisch Oldendorf nur 276 Fälle von häuslicher Gewalt, 26 mehr als im Vorjahr und acht mehr als 2013.

Während das Frauenzentrum in Hameln mit seinen Einrichtungen also über 500 Frauen helfen konnte, gab es aber auch 90, die sich ins Frauenhaus flüchten wollten und die aus Platzgründen abgewiesen wurden, erzählen die Mitarbeiterinnen Katrin Meister und Heidi Schaper. Seit drei, vier Jahren seien sie immer voll belegt, aber dass sie jemanden abweisen mussten, „das ist neu“, sagt Katrin Meister. Eine ähnliche Auslastung „hatten wir schon einmal nach der Grenzöffnung“, so Meister weiter.

Voll belegt bedeutet: Acht Plätze, die vom Land Niedersachsen finanziert werden, stehen zur Verfügung. Bald sind es immerhin neun, wenn das Frauenhaus ein neues Domizil bekommt. Nach einer EU-Empfehlung müsste auf 7500 Einwohner ein Frauenhausplatz kommen, erklärt Katrin Meister. Demnach sollten im Landkreis 20 Plätze zur Verfügung stehen. Dass es nur acht sind, liege daran, dass das Land nicht mehr finanziere. Obwohl die niedersächsische Sozialministerin Cornelia Rundt im September vor Ort gewesen sei und sich von den täglichen Herausforderungen habe erzählen lassen. Auch eine neue Richtlinie, die ab ersten Januar für die Zuwendungen an Frauenhäuser gelten soll, werde daran wenig ändern – trotz umfassender Berichte und Stellungnahmen verschiedener Einrichtungen, die sich um das Wohl der Frauen und deren Kinder kümmern. Darin kommen einige zu dem Schluss, dass mehr Geld erforderlich wäre, um die Aufgaben zu erfüllen.

So ist es richtig: die Frauen-Notfallkarte mit den richtigen Telefonnummern vom Hilfetelefon, Frauenhaus und der Polizei. Foto: Wal

„Eins plus eins“ laute die Forderung, die Frauenhäuser an das Ministerium gestellt hatten. „Für jeden Platz, den es gibt, sollte ein zweiter geschaffen werden“, erklärt Katrin Meister. Doch das Ministerium sei auf die Forderung nicht eingegangen. Mit zwei vollen Stellen, die sich vier Mitarbeiter teilen, komme man in Hameln täglich an seine Grenzen. Das Sozialministerium in Hannover erklärt dazu: „Die Finanzierung des Frauenhauses in Hameln erfolgt insbesondere durch den Landkreis Hameln-Pyrmont und das Land. Derzeit fördert das Land acht Belegplätze für Frauen. Ein Antrag des Frauenhauses Hameln auf Erhöhung der Belegplätze liegt jedoch nicht vor und war bisher auch nicht geplant.“

Geschlagen vom Partner, bedroht, vergewaltigt, Zuflucht gesucht und abgewiesen – und dann? Was mit den Frauen geschieht, die im Hamelner Frauenhaus nicht unterkommen, wissen Katrin Meister und Heidi Schaper nicht. „Ich denke, dass viele Frauen etwas finden“, sagt Katrin Meister zuversichtlich. Deutsche Frauen hätten es diesbezüglich häufig leichter, weil sie ein engeres Netz aus Freunden und Verwandten vor Ort hätten. Migrantinnen verlören oft auch noch die Unterstützung durch ihre Familien, wenn sie sich dazu entschließen, den Mann zu verlassen. Von den 65 Frauen, die im vergangenen Jahr im Frauenhaus lebten, seien 46 Migrantinnen gewesen aus 24 Nationen. Mitnichten kämen sie hauptsächlich aus arabischen Ländern oder seien hauptsächlich Musliminnen. USA, England, Russland, Dominikanische Republik, Mosambik – auch aus diesen Ländern kämen sie. Und lediglich eine einzige Flüchtlingsfrau sei im vergangenen Jahr unter den Schutzsuchenden gewesen, so Katrin Meister.

Warum die Anzahl so gestiegen ist? Vielleicht, weil sich mehr trauten, sich von einem gewaltbereiten Partner zu trennen, allen Schwierigkeiten, die das nach sich zieht, zum Trotz? Vielleicht. „Wir wissen es nicht.“ Eine Schwierigkeit, der sich die bedrohten Frauen gegenübersehen, ist der Umstand, dass sie oft keine Wohnung finden. Der Wohnungsmarkt lasse oft nicht zu, dass sie wieder auf eigene Beine kommen – was dazu führt, dass die Aufenthaltsdauer im Frauenhaus nicht mehr nur drei bis vier Monate beträgt, sondern manchmal auch ein Jahr. Zu wenige passende Wohnungen in Hameln, manchmal Schufa-Einträge, die es schwierig machten oder freie Wohnungen in den Dörfern, die Frauen, deren Kinder in Hameln zur Schule gehen, nicht viel nützen – so schildern Katrin Meister und Heidi Schaper die Situation.

Die öffentlichkeitswirksame Präsentation von Statistiken des Bundeskriminalamtes (BKA) durch Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) am Dienstag und der heutige Gedenktag mit Hissen einer Antigewaltfahne an den Rathäusern sowie der Solidaritätsbekundung auf dem Hamelner Rathausplatz um 12 Uhr könnten dazu beitragen, dass mehr Frauen sich trauen, aus einer fatalen Beziehung auszubrechen – doch wohin, wenn die Plätze in den Frauenhäusern so begrenzt sind? Schwesig setzt vorher an: Notwendig seien vor allem Maßnahmen zur Prävention. Über 100 000 Frauen pro Jahr wurden 2015 in Deutschland laut BKA Opfer von Gewalt in der Partnerschaft. Insgesamt seien 127 457 Frauen und Männer betroffen gewesen – was einen Anstieg um ein Prozent zum Vorjahr ausmache. Der mit Abstand größte Teil der Gewalttaten gegen Frauen in Partnerschaften fällt unter die Rubrik „vorsätzliche einfache Körperverletzung“ (65 800 Fälle). Es folgen Bedrohungen, gefährliche Körperverletzungen und Stalking – sowie Mord und Totschlag in 331 Fällen. Von Gewalt in der Partnerschaft sind in 86 Prozent der Fälle die Frauen betroffen. BKA-Präsident Holger Münch sprach zudem von einem „nicht unerheblichen Dunkelfeld“. Opfer häuslicher Gewalt empfänden ihre Situation oft als ausweglos, deshalb machten sie sich nicht bemerkbar.

Der Anteil der deutschen Tatverdächtigen lag bei 71,6 Prozent von insgesamt 108 363 erfassten Tatverdächtigen. „Nach Deutschen wurden als Tatverdächtige am häufigsten türkische Staatsangehörige (6,3 Prozent) erfasst, gefolgt von polnischen (2,4 Prozent), italienischen (1,5 Prozent) und serbischen (1,4 Prozent)“ heißt es in dem BKA-Bericht zur Partnerschaftsgewalt. Schwesig und Münch warben für das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ mit der Nummer unter 08000/116 016. Dort wird Betroffenen eine 24-Stunden-Beratung angeboten, kostenlos, anonym und in 15 Sprachen.

Information

Für die Tonne: 5000 Notfallkarten mit falscher Telefonnummer

5000 Karten sind schon gedruckt – und können jetzt im Müll landen. Der Landkreis Hameln-Pyrmont hatte anlässlich des Gedenktages, der unter dem Motto „Nein zur Gewalt an Frauen“ steht, sogenannte Frauen-Notfallkarten drucken lassen. Drei Telefonnummern, immer griffbereit, damit Frauen im Ernstfall wissen, an wen sie sich wenden können. Das Problem: Die Telefonnummer, die für die Polizei Hameln auf den Karten angegeben ist, gibt es gar nicht, wie die Polizei Hameln-Pyrmont/Holzminden der Dewezet mitteilte. Schlicht „110“ hätte dort stehen sollen. Wie es zu dem Fehler kommen konnte, kann die Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises Hameln-Pyrmont, Kirsten Wente, nach eigenem Bekunden „nicht mehr nachvollziehen“. Jetzt heißt es „neu drucken“, diesmal mit drei korrekten Nummern. Welchen Mehraufwand das bedeutet, wisse sie noch nicht, sie verhandele gerade mit der Druckerei, so Wente. Hier die Nummern auf einen Blick: Bundesweites Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen 08000/116016, Frauenhaus Hameln 05151/25299 und Polizei Hameln 110.



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