weather-image
30°
60 Prozent des Kunststoffes werden verbrannt

Plastikmüll: Nicht mal die Hälfte wird recycelt

Was passiert mit unserem Plastikmüll? Das ist eine Frage, die bundesweit zum Thema geworden ist, seit Umweltverbände Alarm schlagen, unsere Gewässer – nicht nur das Meer – würden zunehmend mit Plastik verschmutzt. Wir haben mit Müllentsorgern darüber gesprochen, was in den Gelben Sack gehört, was oft darin landet und wie der Müll weiterverarbeitet wird.

veröffentlicht am 17.04.2018 um 10:06 Uhr

Ein Mitarbeiter der Abfallwirtschaft wirft Gelbe Säcke in einen Müllwagen. Es ist so praktisch für die Privathaushalte: Verpackungsmüll landet im Gelben Sack – und der wird quasi an der Haustür abgeholt. Foto: dpa
Avatar2

Autor

Hans Weimann Reporter
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Susanne Rintelen, Sprecherin der Abfallwirtschaftsgesellschaft in Schaumburg, sagt: „Plastik ist nicht gleich Plastik.“ Für den Verpackungsmüll sei eigentlich der Handel zuständig, der müsste jede Plastikschale, jede Folie, zurücknehmen. Weil das konkret nicht jedes Geschäft leisten kann, sei 1990 das Duale System gegründet worden, der „Gelbe Sack“.

Der wiederum ist längst nicht mehr Sache der Kreisabfallwirtschaft (KAW). Sondern um die Einsammlung der sogenannten Wertstoffsäcke und deren Verwertung kümmern sich Unternehmen. Das machen Unternehmen wie die Tönsmeier-Gruppe mit Hauptsitz in Porta Westfalica, der Veolia Umweltservice West mit Sitz im Auetal oder auch das Sauthoff Entsorgungsunternehmen in Nienstädt.

Streng genommen ist der „Gelbe Sack“ nur für Verpackungen vorgesehen, alles andere ist nicht „eingepreist“. Die Entsorgung des Plastikmülls aus dem Gelben Sack hat der Verbraucher längst bezahlt. Nämlich beim Einkauf.

Dass nicht nur Papier, Biomüll, Glas und Restmüll getrennt werden müssen, sondern auch noch einmal die Plastikabfälle, haben viele Bürger offenbar bis heute nicht ganz verstanden – oder sind schlicht zu bequem dazu. Boris Ziegler, Pressesprecher der Tönsmeier-Gruppe, die auch in Hameln-Pyrmont die Gelben Säcke einsammelt, sagt: Wir sortieren etwa 50 Prozent der anfallenden Leichtverpackungen in der Sortieranlage in Porta Westfalica. „Bei der Aufbereitung des Materials erfüllen wir selbstverständlich die gültigen gesetzlichen Quoten.“

40 Prozent (das sind Kunststoffe, Folien, Weißblech, Aluminium, Tetrapacks, Papier, Pappe und Karton) finden als sogenannte Sekundärrohstoffe Wiederverwendung im Produktionskreislauf. 30 Prozent sind Mischkunststoffe und 30 Prozent Fehlwürfe, also Windeln, Schuhe, Textilien und ähnliches Material. Das wird in Anlagen thermisch verwertet. Dieses Material ersetzt bei der Produktion von Prozessdampf, Fernwärme oder Elektrizität die klassischen Primärenergieträger wie Kohle, Erdöl oder Erdgas.

Bei der Aufbereitung des Materials erfüllen wir selbstverständlich die gültigen gesetzlichen Quoten.

Boris Ziegler, Tönsmeier-Gruppe

Das bedeutet unter dem Strich: 60 Prozent werden verbrannt. Plastik wird meist aus Öl und Gas gewonnen. Stellt sich die Frage, was spricht eigentlich dagegen, das energiereiche Material zur Energiegewinnung zu nutzen? Der Nabu sagt dazu: Die Müllverbrennung profitiert davon, dass sie niemand kritisiert. Tatsächlich sei ihr in den letzten 15 Jahren ein grundlegender Imagewandel gelungen: In den Achtzigern und Neunzigern als gesundheitsschädliche Dioxinschleuder berühmt, würden die Müllöfen heute als energieeffiziente Lieferanten von Wärme und Strom gelten. Das Problem sieht der Nabu woanders. In dem, was übrig bleibt: Pro Tonne zwischen 70 und 150 Kilogramm Stäube und Salze aus der Rauchgasreinigung und Aschen aus dem Kessel, was teilweise als hochgiftige Sonderabfälle gelagert werden muss.

Die Enertec Hameln GmbH betreibt in Afferde eine Abfallverbrennungsanlage mit einer „Behandlungskapazität“ von rund 300 000 Tonnen Abfall im Jahr. Hierbei werden in Kraft-Wärme-Kopplung Strom und Fernwärme erzeugt. Yvonne Liebold, Pressesprecherin der Enertec Hameln GmbH, sagt: In der Anlage werden Abfälle zur energetischen Verwertung angenommen. Im Wesentlichen sei das Hausmüll, hausmüllähnliche Gewerbeabfälle und vorbehandelte Abfälle aus Sortieranlagen. Der Kunststoffgehalt der verschiedenen Abfallfraktionen sei unterschiedlich und variiere, sodass man keinen spezifischen Kunststoffanteil, bezogen auf die gesamten Anlieferungen, ausweisen könne. Geschätzt werde der aufgrund einer Studie auf rund zehn Prozent und sei in den letzten Jahren nicht angestiegen. Das habe man auch durch die Annahmekontrollen wie Verbrennungsparameter beim Heizwert überprüfen können.

Yvonne Liebold betont: Die Anlage werde mit modernster Feuerungs- und Filtertechnik betrieben. Sie unterschreitet die Grenzwerte der 17. Bundes-Immissionsschutzverordnung deutlich; zum Beispiel bei Staub, Dioxinen und Schwermetallen um mehr als 90 Prozent. Selbst ein höherer Kunststoffanteil würde nicht zu höheren Dioxin-Emissionen führen.

Mit der neuen Verpackungsordnung möchte die Politik erreichen, dass in Zukunft weniger Kunststoff verbraucht und der Kunststoff im Abfall besser recycelt wird. Kritiker sagen, damit sei aber das Grundproblem nicht gelöst: Für die Erzeuger gebe es keinen Anreiz, auf Kunststoff zu verzichten oder andere Materialien zu verwenden. Müllverwerter wenden ein, „kompostierbares Plastik“ sei derzeit auch keine Lösung, das könnten die Maschinen nicht erkennen.

Copyright © Deister- und Weserzeitung 2018
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Mehr Artikel zum Thema
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare