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Ehepaar Sabolowitsch aus Lauenhagen hat vier Kinder – wenn auch nicht die leiblichen

Pflegeeltern öffnen ihr Zuhause

Stefanie Sabolowitsch befindet sich gerade in Elternzeit, denn die zweifache Mutter hat im August noch einmal Nachwuchs bekommen: zweijährige Zwillinge. Ja, das ist kein Druckfehler. Denn die 36-Jährige und ihr Mann Timon sind Pflegeeltern. Das Ehepaar aus Lauenhagen hat vor sechs Jahren sein erstes Pflegekind aufgenommen, die Entscheidung dazu ist jedoch schon viel früher gefallen.

veröffentlicht am 28.06.2017 um 19:56 Uhr

Bei der Erziehung – nicht nur von Hündin Sally – sind Stefanie und Timon Sabolowitsch meist einer Meinung. Foto: col

Autor:

Mira Colic
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Schon schnell, nachdem sich die beiden kennengelernt hatten, damals in Franken, wo sie herstammt und er eine Ausbildung zum Fachinformatiker absolvierte, sei das Thema Familienplanung diskutiert worden. „Wir wollten beide Kinder, haben aber auch gleich gesagt, dass wir uns vorstellen könnten, neben leiblichen auch Pflegekinder aufzunehmen“, erinnert sich die gelernte Krankenschwester. Für ihren Mann war das Thema auch kein Neues: Seine Schwester, er sagt nicht Pflegeschwester, kam mit vier Jahren in die Familie. „Meine Eltern haben sie so behandelt, als wäre sie ihr eigenes Kind, sie haben nie Unterschiede gemacht.“ Im Alter von 25 Jahren wurde sie durch Adoption auch ganz offiziell Teil der Familie.

„Und ich weiß noch, dass ich mit neun Jahren meinen Eltern eröffnet habe, SOS-Kinderdorf-Mutter werden zu wollen“, erzählt Stefanie Sabolowitsch lachend. Diese Idee habe sie dann aber verworfen, weil sie unbedingt habe heiraten wollen. Und das sei damals nicht parallel möglich gewesen. Dann eben eine große Familie mit vielen Kindern. „Wir wussten ja nicht, was das Leben uns bringt“, sagt der 38-Jährige.

Und es brachte den ersten Pflegesohn bereits im Teenageralter – ganz plötzlich. Zu der Zeit waren die Eheleute in der Kirchengemeinde aktiv und lernten den Jungen dort kennen. „Zu dem Zeitpunkt hatten wir das ganze Prozedere des Bewerbungsverfahrens bereits durchlaufen. Denn zu dem Zeitpunkt stand auch schon fest, dass das Paar nie eigene Kinder haben würde. Vor diesem Hintergrund wünschten sie sich gerne ein kleines Kind, um alle Phasen des Aufwachsens mitzuerleben. Es sollte, wie gesagt, anders kommen. Manuel (Name geändert) war 14 Jahre alt und wollte auf eigenen Wunsch von seiner Familie weg. Er blieb eineinhalb Jahre und zog dann zurück zu seinem Vater.

Für manche Kinder ist es besser, zeitweise oder bis zur Volljährigkeit außerhalb der eigenen Familie zu leben. Einige kommen zu Pflegeeltern, andere müssen ins Heim. Foto: Ralf Hirschberger/dpa
  • Für manche Kinder ist es besser, zeitweise oder bis zur Volljährigkeit außerhalb der eigenen Familie zu leben. Einige kommen zu Pflegeeltern, andere müssen ins Heim. Foto: Ralf Hirschberger/dpa

Da die Sabolowitschs beide Erfahrungen in der Jugendarbeit hatten – Timon hatte noch eine zweite Ausbildung zum Ergotherapeuten gemacht und arbeitet in der ambulanten Jugendhilfe – wünschten sie sich regelmäßige Besuche des Jugendamts. „Das war eine gute Sache, um die Erfahrungen zu reflektieren“, sagt der Familienvater.

Wir wussten ja nicht, was das Leben uns bringt.

Timon Sabolowitsch, Pflegevater

Es dauerte einige Zeit, „wir brauchten auch emotional eine Pause“, wie Stefanie sagt, bis der sechsjährige Sebastian (Namen geändert) in ihr Leben trat. Er lebte bereits seit eineinhalb Jahren in einer Einrichtung und das Jugendamt suchte eine Dauerpflegefamilie, weil es klar gewesen sei, dass er nicht zurück zu seiner Familie kommt. Innerhalb einer dreiwöchigen Kennenlernphase näherte sich das Paar dem Jungen an. „Wir sind immer zu der Einrichtung gefahren und sind dann unter Aufsicht eines Mitarbeiters des Jugendamtes mit dem Kleinen zum Spielplatz oder haben andere Sachen gemacht“, erzählt Timon Sabolowitsch.

Der Kleine habe sich sehr schnell wohl bei ihnen gefühlt. Weil er noch nicht auf dem Stand eines Sechsjährigen war und die Familie ihn nach der Umstellung durch den Umzug nicht auch noch aus seinem gewohnten Kindergarten reißen wollte, hat er die Kita noch ein weiteres Jahr besucht, bevor er eingeschult wurde. „Er hat sehr an seinen Betreuern dort gehangen“, ergänzt seine Frau. „Wir wollten diese Stabilität gewährleisten.“

Vor zweieinhalb Jahren kam dann das nächste Familienmitglied dazu: Patrick (Name geändert) feierte zwei Tage nach seinem Einzug seinen 14. Geburtstag. „Es ist untypisch, dass Kinder in dem Alter noch in eine Pflegefamilie kommen“, weiß das Paar. Er habe jedoch verzweifelt eine Familie gesucht, weil er nicht ins Heim wollte. „Das Jugendamt hat bei uns angefragt und nachdem sich Patrick und Sebastian gut verstanden haben, haben wir zugestimmt“, so Stefanie Sabolowitsch, die sich noch genau an den Tag erinnern kann, weil es zwei Tage vor Heiligabend war: „Wir mussten das Weihnachtsessen etwas strecken und noch schnell das Zimmer einrichten und Geschenke kaufen.

Alle vier sind unsere Kinder, für die wir alles tun würden.

Ehepaar Sabolowitsch, Pflegeeltern

„Und dann war für uns der Zeitpunkt gekommen, uns doch nochmal um ein jüngeres Kind zu bemühen“, erzählt Timon Sabolowitsch und seine Frau fügt hinzu: „Da waren wir einfach mal egoistisch, denn die Erfahrung wollten wir gerne machen.“ Die älteren Brüder seien natürlich in die Entscheidung einbezogen worden. „Wir müssen alle an einem Strang ziehen.“ Nach einer zehntägigen Anbahnungsphase – anberaumt waren eigentlich drei Wochen – seien die Kleinkinder schon so weit gewesen, dass sie in die Familie kommen konnten. „Hier gibt das Kind das Tempo vor“, erklärt Timon Sabolowitsch und seine Frau fügt hinzu: „Sie fühlten sich schnell bei uns wohl, sodass der Wechsel aus der Bereitschaftspflege früher als angedacht erfolgen konnte.“ Die Zwillinge seien mit nichts als zwei Kuscheltieren und den Sachen am Leib zu ihnen gekommen.

Information

Gesetz für mehr Kinderschutz

Die Bundesregierung will die oft schwierige Lage von Pflegekindern verbessern. Das Kabinett beschloss einen entsprechenden Gesetzentwurf des Bundesfamilienministeriums. Das neue Kinder- und Jugendstärkungsgesetz zielt nach Ministeriumsangaben auf eine möglichst konfliktfreie Zusammenarbeit mit den leiblichen Eltern ab, unterstützt aber auch mehr als bisher die Pflegefamilien.

Letztlich gehe es um Sicherheit und Stabilität für Pflegekinder, die häufig – hin- und hergerissen zwischen leiblichen Müttern oder Vätern und ihrer über Jahre vertrauten Pflegefamilie – Trennungsängste und emotionalen Stress erleben. Wird ein Kind zur Pflege untergebracht, müssen sich Jugendamt, leibliche Eltern und Pflegeeltern künftig von Anfang an mit der Frage auseinandersetzen, ob das Kind nur vorübergehend oder dauerhaft in der Pflegefamilie leben soll.dpa

Heute teilen sie sich ein Zimmer und sagen auch schon Mama und Papa zu den Sabolowitschs, die betonen: „Es muss immer von den Kindern selbst kommen.“ Man dürfe ihnen dies aber nicht verwehren, schließlich „sehnen sie sich nach Normalität und wollen Mama und Papa haben“, so Stefanie Sabolowitsch. Auch der Kindergarten, den die beiden Jungs mit drei Jahren besuchen sollen, ist ein weiteres Puzzleteil auf dem Weg zu einer ganz normalen Kindheit. „Wir waren bereits da und haben uns alles angeguckt. Die beiden freuen sich da schon ganz doll drauf“, erzählt die 36-Jährige. Und auch die beiden älteren Jungs gingen sehr liebevoll mit den kleineren um.

Als die Zwillinge zu ihnen gekommen seien, hätten sie nur ein paar Worte gesprochen, sodass nicht klar gewesen sei, ob sie in einen normalen Kindergarten würden gehen können. „Aber sie haben Frühförderung bekommen und sich jetzt super entwickelt.“ Gerne spielen sie auch mit der Hundedame Sally, die seit drei Jahren zur Familie gehört. Das Tier hat das Ehepaar von einer Tierschutzorganisation aus Griechenland vermittelt bekommen. „Unser Beitrag zur Griechenland-Krise“, scherzt der 38-Jährige.

Beide können sich vorstellen, später auch Bereitschaftspflege zu übernehmen, also in Notsituationen von einem Tag auf den anderen ein Kind unterzubringen. Dies allerdings beschränkt auf maximal sechs Monate. Das seien jedoch nur Gedankenspiele für die Zukunft, „wir wollen erst mal ein normales Familienleben haben“, so Timon Sabolowitsch. Die Kinder sollen so unbelastet wie möglich aufwachsen, auch wenn sie, wie ihr Vater sagt, „ihr Päckchen zu tragen haben“.

Und für das Ehepaar ist eins klar: „Alle vier sind unsere Kinder, für die wir alles tun würden.“ Damit stehe für sie auch fest, dass keins der Kinder mit 18 Jahren, wenn das Pflegefamilien-Verhältnis offiziell endet, einfach rausgeschmissen wird. „Wir wollen nach wie vor für sie da sein und passen auch gerne auf die Enkel auf, wenn es soweit ist.“ Ebenso, wie die Kinder auch von den Eltern von Timon und Stefanie Sabolowitsch als Enkel angenommen worden seien.

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