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Pflege wird im Minutentakt abgerechnet

Herr Müller ist der letzte Patient, den Pflegerin Sabine an diesem Tag in seiner Wohnung versorgt. Sie hilft ihm, sich bettfein zu machen, stellt dem alten Herrn das Abendessen auf den Tisch und achtet darauf, dass er seine Medikamente nimmt und räumt in der Küche auf. „Trinken Sie doch noch einen Kaffee mit mir“, bittet sie der Senior, der sich nach einem langen Tag – allein in seiner Wohnung – freut, dass endlich jemand da ist, mit dem er ein paar Worte wechseln kann.

veröffentlicht am 21.04.2011 um 00:00 Uhr

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Sabine mag ihm den Wunsch nicht abschlagen. Sie bleibt – und opfert dafür eine halbe Stunde ihrer Freizeit. Denn Zeit für Zuwendung jenseits pflegerischer Handgriffe ist im Leistungskatalog der Pflegeversicherung nicht vorgesehen. Abgerechnet wird nach normierten „Verrichtungen“ und ihnen zugeordneten Maximalzeiten. Der Dienstleistungssektor Gesundheit – ob im Krankenhaus oder im häuslichen Bereich – unterliegt inzwischen den gleichen wirtschaftlichen Kriterien wie die industrielle Produktion.

Die Zergliederung der Pflegearbeit in Einzelschritte, von denen jeder mit Minuten hinterlegt ist, erinnert an die Zeiterfassungssysteme der Akkordarbeit. 25 Minuten für Hilfe beim Baden oder Duschen, fünf Minuten für die Zahnpflege, drei fürs Kämmen… die im Sozialgesetzbuch verankerten „Richtlinien zur Begutachtung von Pflegebedürftigkeit“ sind mit der Stoppuhr geschrieben.

90 Minuten für notwendige Unterstützung bei Körperpflege, Ernährung und Hausarbeit müssen täglich zusammenkommen, um Anspruch auf Pflegestufe I und damit auf Geld aus der Pflegeversicherung zu haben.

Alleingelassen: Auch in Krankenhausstationen wird deutlich, wie ökonomisch die Klinik das knappe Gut „Zeit“ in der Pflege verwaltet. Fotos: bilderbox

Großzügig bemessen ist die Zeit für die einzelnen Verrichtungen nicht. Das Pflegepersonal muss sich sputen, um sein Pensum zu schaffen. Nicht immer gelingt das in der vorgegebenen Zeit. Menschen wie Herr Müller lassen sich nicht wie eine Maschine „bedienen“, die jeden Tag präzise nach dem gleichen Muster arbeitet. Den Zeitdruck, den das Pflegepersonal der ambulanten Dienste oft im Nacken hat, „dürfen unsere Kunden nicht spüren“, sagt Silke Gerkens. Denn die Kunden „haben eine Leistung eingekauft und nicht Minuten“, so die Pflegedienstleiterin der DRK-Sozialstation in Hameln. Wenn sie sich etwas für ihre Mitarbeiterinnen wünschen könnte, dann wäre das „eine Viertelstunde mehr am Tag“ für jeden Patienten – 15 Minuten zur freien Verfügung, „um sich auch mal dazusetzen zu können“ oder um die 15 Minuten von zwei Tagen sammeln und „dann mal eine halbe Stunde mit dem Patienten spazieren gehen zu können“; 15 Minuten, um auf Bedürfnisse und Wünsche eingehen und so dem eigenen Anspruch an einen menschenwürdigen Umgang mit den Patienten gerecht werden zu können.

Der Faktor Zeit ist aber nicht nur für die Mitarbeiter ambulanter Pflegedienste ein allgegenwärtiges Problem. Er beeinflusst auch das Leben der auf Hilfe angewiesenen Menschen. Solange sie noch allein zurechtkamen, konnten sie sich ihren Tag selbst einteilen und ihren gewohnten Rhythmus leben, über ihre Zeit verfügen.

Als hilfsbedürftiger Mensch verlieren sie diese Autonomie, sind nicht mehr Herr über ihre Zeit, sondern davon abhängig, dass andere ihnen Zeit zuwenden. Sich mit dieser Abhängigkeit abzufinden, „fällt nicht allen leicht“, weiß Silke Gerkens. Wer sich „immer“ geduscht und gekämmt an den Frühstückstisch gesetzt hat, tue sich oft schwer damit, zu akzeptieren, dass der Pflegedienst nicht gleich nach dem Aufstehen vor der Tür stehe. Und wer es sich zur Gewohnheit gemacht hat, bei schönem Wetter ein paar Schritte nach draußen zu gehen, verzichte nur ungern auf dieses Ritual, bloß weil der Pflegedienst um genau diese Zeit kommt. Die Kunden in der Stadt seien in diesem Punkt übrigens „anspruchsvoller“ als die auf dem Dorf. „Die freuen sich einfach, wenn wir kommen.“

Der Statistik zufolge werden in Deutschland etwa zwei Drittel der rund 2,37 Millionen Pflegebedürftigen zu Hause betreut – von Angehörigen und ambulanten Diensten. Der Sozialverband VdK hat einmal ausgerechnet, welche Kosten auf die Pflegeversicherung zukämen, wenn professionelle Pfleger für die von den Angehörigen investierte Zeit bezahlt werden müssten: nämlich 75 Milliarden Euro im Jahr.

Doch auch die Privatpflege hat ihren Preis: Die Mehrfachbelastung durch Familie, Beruf und Pflege geht auf Kosten der Gesundheit der Angehörigen, wie eine aktuelle Studie der Siemens-Betriebskrankenkasse (SBK) zeigt. Danach sind pflegende Angehörige deutlich öfter krank und jeder sechste Pflegende leidet unter Depressionen – dreieinhalb mal mehr als im Schnitt der Bevölkerung.

Zur Entlastung pflegender Angehöriger soll das Gesetz zur „Familienpflegezeit“ beitragen, das Bundesfamilienministerin Christina Schröder am 23. März eingebracht hat. Es sieht vor, dass Beschäftigte ihre Arbeitszeit über einen Zeitraum von maximal zwei Jahren auf die Hälfte reduzieren können und weiterhin 75 Prozent ihres Gehalts bekommen. Nach der Pflegezeit sollen sie die Lohndifferenz wieder ausgleichen, indem sie für 75 Prozent des Lohnes voll arbeiten. Kritiker dieses Modells bemängeln, dass die pflegenden Angehörigen so zwar mehr Zeit für die Pflege haben – aber aufgrund des über vier Jahre geübten Lohnverzichtes am Ende auch weniger Rente.

Genauso wie die ambulanten Pflegedienste stehen auch die Krankenhäuser unter dem Diktat der Zeit. Früher rechneten sie mit den Krankenkassen nach dem Tagespflegesatz ab; je länger ein Patient blieb, desto mehr zahlte die Kasse. Das Gesundheitsreformgesetz aus dem Jahr 2000 läutete den radikalen Systemwechsel ein. Seit 2004 wird im Gesundheitswesen nach sogenannten Fallpauschalen abgerechnet. Das heißt, nicht mehr die „Liegezeit“ des Patienten, sondern der Schweregrad einer Erkrankung bestimmt, welche Summe für ihn zur Verfügung steht.

Im Fallpauschalenkatalog sind die Preise festgelegt, die die Kliniken zum Beispiel für die Behandlung eines Blinddarms oder einer entzündeten Gallenblase der Krankenkasse berechnen dürfen. Lange stationäre Behandlungen zahlen sich in diesem System für die Kliniken nicht mehr aus. Je schneller ein Patient entlassen wird, desto mehr Geld bleibt für das Krankenhaus.

Mit Einführung der Fallpauschalen ist die durchschnittliche Verweildauer der Patienten im Kreiskrankenhaus in Hameln von 7,01 Tagen im Jahr 2004 auf 5,99 Tage 2010 gesunken.

„Unsere Patienten bleiben so lange bei uns, wie es medizinisch notwendig ist“, versichert Pflegedirektorin Kerstin Heiermann. Dass Patienten, „so wie früher üblich“ ein oder sogar zwei Tage vor einer planbaren Operation ihr Zimmer auf der Station beziehen, komme heute nicht mehr vor.

Alle erforderlichen Voruntersuchungen werden ambulant im Krankenhaus erledigt; die stationäre Aufnahme erfolgt erst am Tag des OP-Termins. Und die Entlassung werde nicht mehr so lange hinausgeschoben, bis sich der Kranke so weit erholt hat, dass er zu Hause auch alleine zurechtkommt. Wenn jemand nach der Akutbehandlung in der Klinik noch Hilfe und gegebenenfalls Pflege brauche und Angehörige dafür nicht einspringen können, werde der Sozialdienst des Krankenhauses eingeschaltet, um diese Unterstützung zu organisieren.

Zeit für die Patienten? „Wir müssen priorisieren“, sagt Kerstin Heiermann, „und uns Zeit nehmen für die, die ein Gespräch brauchen.“ Ihren Pflegekräften traut sie genug „Gespür“ zu, dieses Bedürfnis auch zu erkennen und „sich dann ans Bett zu setzen“. Auch im Klinikalltag bestimmen die von der Politik gesetzten Rahmenbedingungen für das „Gesundheitswesen“, wie viel Zeit den Pflegern und Schwestern für die Art von Zuwendung bleibt, die nicht im Leistungskatalog erfasst und in Minuten umgerechnet ist. Dass ihre Mitarbeiter auf den Stationen unter diesen Zwängen leiden, weil sie sich für die ihnen anvertrauten Menschen gern mehr Zeit nähmen, weiß die Pflegedirektorin nur zu gut.

Wenn Kerstin Heiermann erklärt, wie die Besetzung der Stationen mit Pflegekräften funktioniert, wird deutlich, wie ökonomisch die Klinik das knappe Gut Zeit in der Pflege verwaltet: Jede Station muss täglich dokumentieren, wie viele Patienten mit wie viel Pflegeaufwand zu versorgen sind. Jede Pflegetätigkeit wird mit Minutenwerten hinterlegt, aus deren Summe sich die personelle Ausstattung der Station ergibt. Die Daten werden in ein Computerprogramm eingegeben, das auf einen Blick anzeigt, „wo vielleicht ein Engpass ist, und wo Luft, wenn es woanders drängt“.

Der Vorteil dieses Systems: Unterstützung aus dem Personalpool des Hauses lasse sich schnell organisieren.

Der Nachteil: Selbst wenn sich die Schwestern auf einer Station mal mehr Zeit für ihre Patienten nehmen könnten, weil sie nicht so stramm in Pflegetätigkeiten eingebunden sind, bleibt ihnen von dieser Zeit nichts übrig, weil sie an anderer Stelle zur Entlastung ihrer Kollegen eingesetzt werden. Die Versorgung der Körper ist gesichert, das Umsorgen der Menschen bleibt oft auf der Strecke.

Sowohl die professionelle häusliche Pflege als auch die im Krankenhaus gehorcht heute den gleichen wirtschaftlichen Zeit-Kriterien wie die industrielle Produktion. Auf der Strecke bleibt dabei unter Umständen das Umsorgen der Patienten.



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