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Auch das Weserbergland steht vor einer großen Pflege-Misere

„Pflege nur noch im Dauerlauf“

In den kommenden Jahren wächst der Anteil der älteren Menschen – auch derer, die gepflegt werden müssen. Doch schon jetzt fehlt Nachwuchs in Pflegeberufen. Ein riesiges Problem bahnt sich an.

veröffentlicht am 06.02.2018 um 17:11 Uhr

Eine Pflegekraft begleitet die Bewohnerin eines Altenheims mit Rollator beim Gang über den Flur. Foto: Oliver Berg/dpa

Autor:

Kristina Wienand, Jakob Gokl und Thomas Thimm
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Der Schwiegervater, der jahrelang noch fit war, hat nun gesundheitliche Probleme und wird pflegebedürftig. Doch wo findet die Familie einen Pflegedienst? Vor solchen Problemen stehen in Niedersachsen viele Menschen. In Pflegeheimen, bei Pflegediensten und in Krankenhäusern fehlt Personal. Die Lage dürfte sich künftig verschärfen. Fragen und Antworten zum Pflegenotstand im Land:

Es gibt schon jetzt einen Personalnotstand - wie groß ist er?

In ganz Niedersachsen fehlen in der Altenpflege bis 2030 zwischen 21 000 und 52 000 Mitarbeiter. Diese Anzahl an Stellen müsste in den kommenden Jahren neu besetzt werden, wie eine Prognose des Sozialministeriums ergab, die sich auf den Landespflegebericht 2015 stützt.

Inwiefern bekommen das die Menschen zu spüren?

„Es gibt schon jetzt immer mehr Berichte von Engpässen bei Pflegediensten“, sagt Sandra Mehmecke, stellvertretende Vorstandsvorsitzende des Errichtungsausschusses der Pflegekammer Niedersachsen. „In den struktur- und bevölkerungsschwachen Gebieten Niedersachsens ist die Situation deutlich angespannter“, sagt sie.

Wie schwierig ist es denn aktuell, Mitarbeiter in der Pflege zu finden?

Der Heimleiter des Senioren- und Pflegeheims Ramsauers Mühle in Hessisch Oldendorf, Helmut Stein, sagt dazu: „Es ist extrem schwierig, Stellen mit Fachkräften zu besetzen. So etwas dauert aktuell etwa vier Monate. Wir haben nun schon zwei Mitarbeiter aus Tunesien angeworben.“ Die ganze Misere liegt nach Steins Einschätzung an zwei Dingen: Erstens passe die Bezahlung nicht und zweitens passe das Ansehen in der Gesellschaft nicht. Stein: Die Pflege ist ein sehr wichtiger Beruf, der mit Fürsorge und Verantwortung für Menschen zu tun hat. Das muss honoriert – und nicht durch Überbelastung und Dienstpläne erschwert werden.“ Die Geschäftsführerin des Pflegedienstes Rinteln, Astrid Teigeler-Tegtmeier, berichtet, dass sie trotz intensiver Suche durchaus noch einige Fachkräfte fest anstellen könnte. „Und dabei hatte ich in der Vergangenheit Glück, und habe einige Krankenpfleger auf 450-Euro-Basis anstellen können“, sagt Teigeler-Tegtmeier. „Man muss kreativ werden bei der Suche“, findet sie. Ein Rintelner Unternehmen werbe etwa auf allen Firmenautos, sie selber werbe in der Zeitung, aber auch auf Facebook, – „aber eben auch mit dem persönlichen Netzwerk.“

Wie viele Menschen arbeiten denn im Moment im Land in der Pflege?

Rund 112 000 Menschen arbeiteten 2013 und damit laut den aktuellsten erhobenen Daten in Niedersachsen in Pflegeberufen. Demgegenüber standen 288 000 pflegebedürftige Menschen. Die Zahl der Pflegebedürftigen wird laut Prognosen steigen. 2030 dürften es landesweit knapp 379 000 sein – ein Plus von gut 30 Prozent.

Wie viele Pflegedienste und Seniorenheime gibt es denn im Weserbergland?

Im Weserbergland gibt es reichlich Pflegeeinrichtungen. Neben den zahlreichen Kliniken, die Pflegepersonal benötigen, gibt es in den Landkreisen Hameln-Pyrmont und Schaumburg 132 Dienstleister, die sich in der Pflegebranche tummeln – vom Altenheim bis zum Pflegedienst. In Hameln gibt es 22 ambulante Pflegedienste sowie 26 Seniorenheime und -wohnanlagen. In Rinteln sind 7 ambulante Pflegedienste sowie 9 Seniorenheime gelistet. Und in der Kurstadt Bad Pyrmont sind 13 Pflegedienste und 15 Seniorenheime auf dem Markt vertreten.

Und wie groß ist der Notstand derzeit in Krankenhäusern?

Ebenfalls groß. Schon jetzt sind bundesweit laut Krankenhausgesellschaft 10 000 bis 15 000 Pflegestellen in Kliniken nicht besetzt. In Krankenhäusern in Niedersachsen sei auch die Zahl der Leiharbeiter gestiegen, sagt Mehmecke, die auch Wissenschaftliche Mitarbeiterin bei Projekten der Medizinischen Hochschule Hannover ist. „Die Lücke ist ja jetzt schon groß“, meint auch Johanna Knüppel, Sprecherin Deutscher Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK). Derzeit dauere es im Schnitt 164 Tage, etwa ein halbes Jahr, um offene Pflegestellen zu besetzen, beschreibt Knüppel.

Viele Nachwuchskräfte brechen ihre Ausbildung ab. Woran liegt das?

Auszubildende werden laut Experten häufig als Lückenfüller eingesetzt. Dadurch spürten sie das Missverhältnis beim Personalschlüssel schon früh, sagt Knüppel. „Das ist demotivierend.“ Viele brächen eine Ausbildung schon nach einem halben Jahr ab. Ein Job in der Krankenpflege biete mehr Aufstiegsmöglichkeiten als in der Altenpflege. Krankenpfleger werden auch besser bezahlt – mit bis zu 600 Euro brutto pro Monat mehr. Krankenhäuser hielten sich bei der Bemessung der Löhne meist an Tarifverträge. Alten- und Pflegeheime hätten dagegen oft private Träger, die nicht tarifgebunden seien und das Lohnniveau senkten, sagt Johanna Knüppel.

Welche Probleme haben die Pflegekräfte in der täglichen Arbeit?

Wenige Mitarbeiter müssen sich um viele Patienten und Pflegebedürftige kümmern. „Pflege kann nur noch im Dauerlauf absolviert werden“, schildert Knüppel. Der enorme Zeitdruck in dem Job mache auch die Pfleger selbst körperlich oder seelisch krank. Mehmecke bestätigt: „Der Zeitdruck ist ein riesiger Negativfaktor.“ Die hohe Arbeitsbelastung führe auch dazu, dass pflegerische Leistungen rationiert werden müssen. Es würden Abstände zwischen dem regelmäßigen Wechsel der Positionen von Pflegebedürftigen verlängert oder Mobilisation und Wundkontrolle bei Patienten sei nicht mehr jeden Tag möglich. „Das sind auch Aspekte, die die Sicherheit der Versorgung bedingen können“, beschreibt Mehmecke.

Würden höhere Gehälter in der Pflege etwas bringen?

Mehr Lohn wäre aus Sicht der DBfK-Sprecherin sinnvoll – das bestätigt auch Heimleiter Helmut Stein vom Senioren- und Pflegeheim Ramsauers Mühle. „Trotzdem sagen viele Beschäftigte der Altenpflege: Ein zusätzlicher Kollege würde mir mehr nützen als ein höheres Gehalt“, sagt Knüppel. Denn die Überstundenzahlen seien gigantisch und Zeit zum Ausspannen fast nicht vorhanden. „Was greifen könnte, sind Festlegungen dazu, wie viele Bewohner oder Patienten eine Fachkraft höchstens betreuen darf“, schätzt Mehmecke die Lage ein. Und Stein verweist auf den Stellenschlüssel: Nur wenn dieser dem Aufwand entsprechend wäre, könne es am Ende auch genügend Personal geben.

Könnten Roboter e künftig helfen, die Lücke zu schließen?

„Ich warne erstmal davor, Robotik in der Pflege als Heilsbringer zu verstehen“, betont Mehmecke. Aber solche Innovationen könnten eine Hilfestellung sein. Doch sie ersetzten keine Pflegekräfte. Die Krankenbeobachtung könne ein Roboter nicht leisten, auch könne er keine menschliche Nähe ersetzen. „Roboter sind aber zum Beispiel gut, um bei der Mobilisation zu helfen“, sagt Mehmecke.

Wie kann man mehr junge Menschen für den Beruf begeistern?

Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern ist den Expertinnen zufolge die Autonomie des Pflegepersonals gering. „Oft dürfen sie ohne einen Arzt fast nichts entscheiden“, beschreibt Knüppel. Das frustriere viele Mitarbeiter in Kliniken und in den Pflegeheimen. In anderen Ländern führe der Weg zum Krankenpfleger längst über eine Universität, weil die Tätigkeiten im Berufsalltag komplex sind. „In Deutschland ist es ein weisungsgebundener Beruf mit niedrigem Gestaltungsniveau“, sagt Knüppel. Das schrecke junge Menschen ab. Es habe schon entsprechende Projekte gegeben, erzählt Mehmecke. Dabei durften Fachkräfte etwa eigenständig Inkontinenz-Materialien verschreiben. „Diese Modellprojekte sind allerdings nicht in der Fläche ausgebaut worden.“



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