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„Oppa, du bist schwerhörig!“ – Und jetzt?

Ich bin nicht wirklich schwerhörig! Die anderen nuscheln nur alle so schrecklich!“ Solche Sätze fallen oft beim Hörgeräte-Akustiker, meistens dann, wenn ein Kunde von seinen Verwandten überredet wurde, doch endlich mal einen Hörtest zu machen. Statistisch gesehen dauert es fast sieben Jahre, bis Menschen, bei denen eine Schwerhörigkeit auffällt, sich erstmals richtig um dieses Problem kümmern. „Ja, es gibt die Angst vorm Hören“, meint Hörgeräteakustiker Giovanni Di Noto. Angst vom Hören? „Genau so! Wessen Welt insgesamt stiller geworden ist, der fürchtet sich geradezu vor all den Geräuschen, die rings um ihn erwachen werden.“

veröffentlicht am 26.08.2011 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 25.01.2019 um 09:04 Uhr

Nicht viel größer als ein Daumen: So klein sind die modernen Hörgeräte.
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Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite

Tatsache ist: Die unbehandelte Schwerhörigkeit kapselt einen Betroffenen nach und nach von seiner Umgebung ab. Anfangs scheint das nicht so schlimm zu sein. Friedrich Everding (76), ehemaliger Lehrer, der mit seiner Frau Eva-Maria in Obernkirchen lebt, trägt seit etwa acht Jahren ein Hörgerät. Doch schon lange vorher hatten seine Hörfähigkeiten deutlich nachgelassen. Er musste seine Schüler bitten, langsamer und deutlicher zu sprechen. Den Fernseher drehte er so laut auf, dass seine Frau es nicht mehr im selben Zimmer aushielt, wenn es an der Tür klingelte oder das Telefon läutete – er merkte es nicht.

Irgendwann fiel ihm auf, dass er die Vogelstimmen rund um das Vogelhäuschen auf der Terrasse gar nicht mehr wahrnehmen konnte. Und schließlich rief ihm sein Enkelkind ins Ohr: „Oppa, du bist schwerhörig!“ Friedrich Everding lächelt: „Da wurde mir klar, ich muss was machen!“ Ein schwerer Schritt, wie für die meisten, die ähnliche Erfahrungen machten. „Ich trug schon eine Brille und nun so ein technisch kompliziertes Gerät im Ohr? Außerdem machten mir auch die Kosten Sorgen. Und überhaupt, was würden meine Freunde sagen? Es war eine so große Überwindung für mich.“

Die „Angst vor dem Hören“, von der Giovanni Di Noto spricht, Friedrich Everding kann sie durchaus bestätigen. Als er, versehen mit einem fast unsichtbaren Innenohr-Hörgerät, aus dem Geschäft seines Hörgeräteakustikers trat, traf ihn der ungeheure Lärm an einer Baustelle wie ein Schlag. Überall machten sich Geräusche bemerkbar, die er jahrelang kaum mehr aufgenommen hatte: vorbeifahrende Autos, Kinderstimmen, Musik, ein Flugzeug, das Ticken der Uhr, das Brummen des Kühlschranks – die Zeit der Stille ringsum war vorbei. „Oh, es war nicht ganz einfach, sich daran zu gewöhnen. Immer wieder musste ich zum Hörgeräteakustiker gehen, um das Gerät noch besser einstellen zu lassen.“

Hörgeräteakustiker Jörg Reinecke aus Rinteln passt das Hörgerät von Hellmut Hirschel neu an. Fotos: tol

Was da außerdem wieder eingestellt wird, ist das Gehirn. Eine Brille kann man einfach aufsetzen, und mit einem Schlag sieht man wieder klar. Selbst Menschen, die jahrelang mit einer äußerst reduzierten Sehkraft lebten und dann spezielle Sehhilfen erhalten, die es ihnen ermöglichen, wieder zu lesen oder Bilder zu erkennen, sie brauchen dafür kaum eine Eingewöhnungszeit. Nach einer langjährigen Schwerhörigkeit aber benötigt das Gehirn regelrechtes Training, um die ungenutzten Nervenbahnen für gewisse Wellenlängen wieder zu nutzen und die Signale auf angemessene Weise zu verarbeiten.

„Man sollte nicht so lange warten, bis man sich der Hörwelt fast entwöhnt hat“, meint auch der Rintelner Hörgeräteakustiker Jörg Reinecke. „Und wenn man dann ein Hörgerät besitzt, muss man es auch täglich tragen, nicht nur, wenn man in bestimmten Situationen besser hören will. Das Ohr und das Gehirn sollen ihr Training bekommen. Je konsequenter man sich darauf einlässt, desto schneller weiß man dann das Hörgerät zu schätzen.“ Er zeigt einige der winzigen Modelle, selbst die Kassenmodelle sind nicht größer als ein Babydaumen. „Was viele noch gar nicht mitbekommen haben: Die Hörgerätetechnik hat sich in den letzten zehn Jahren revolutioniert. Niemand muss mehr mit der ,Banane hinterm Ohr‘ herumlaufen.“

Das stimmt. Das Hinter-dem-Ohr-Hörgerät von Friedrich Everding, das vor etwa einem Jahr gegen sein altes Innenohrgerät ausgetauscht wurde, ist so gut wie gar nicht zu sehen. Es ermöglicht ihm nicht nur, Umgebungsgeräusche wahrzunehmen und zu filtern, er kann sich jetzt auch wieder in die geselligen Gespräche in seinem Schützenverein einmischen. „Seine Freunde haben gesagt: ,Jetzt ist der Friedrich wieder da!‘“, meint Frau Eva-Maria. „Vorher haben sie ja kaum noch mit ihm gesprochen, weil es im Gesprächslärm nichts brachte. Er hat es ja eh nie richtig verstanden.“

Anfangs stürmten aber nicht nur viel zu laut erscheinende Geräusche auf ihn ein. Auch seine eigene Stimme störte ihn. Es war, als ob er in ein Mikrofon sprechen würde. Und dann gab es Rückkopplungen. Piepsgeräusche, die er selbst nur wenig wahrnahm, die aber andere Menschen vermuten ließen, dass da irgendwo ein Handy Signale von sich gibt. Das alles aber hat sich längst eingespielt. Zudem verfügt sein neues Hörgerät über eine Fernbedienung, die es möglich macht, es per Knopfdruck auf unterschiedliche Situationen zu programmieren: Vorträge zum Beispiel oder Konzerte, Gespräche unter vielen Menschen oder Fernsehen.

Im Nachhinein kann Friedrich Everding fast nicht mehr verstehen, warum ihm das Eingeständnis, ein Hörgerät zu brauchen, so schwer fiel. „Ich bin so froh, dass ich den Schritt gewagt habe“, sagt er. „Man vereinsamt ja sonst, zieht sich in sein Schneckenhaus zurück und stumpft sogar ein bisschen ab, weil einen alles rundherum irgendwie nichts mehr angeht.“

Auch die Kosten waren längst nicht so hoch, wie er gedacht hatte. Die Krankenkassen bezahlen auf Rezept ein „ausreichendes und zweckdienliches“ Gerät. Aller darüber hinausgehender Luxus wird vom Betroffenen selbst übernommen, die Fernbedienung, das Gerät, mit dem man sich direkt mit Telefon, Fernseher oder Musikanlage verbinden kann, oder ein besonders modisches Design. Auch ein Kassengerät mit kleinen Verbesserungen kann seinen Zweck erfüllen, betont Giovanni Di Noto. „Es fährt eben nicht jeder einen Mercedes – und doch kommt man auch mit einem kleineren Auto ans Ziel.“

Diese positive Einschätzung würde man gerne an Ruth Hirschel (82) weitergeben. Sie kümmert sich in der Rintelner Seniorenwohnanlage „Alte Feuerwehr“ um ihren zwei Jahre älteren Mann Hellmut, der vor vier Jahren ein Hörgerät erhielt und nun nach einem Schlaganfall dringend ein neues Gerät benötigt. Sehr genau hat sie erfahren, wie sehr das Leben an Qualität verlieren kann, wenn der Gehörsinn nicht mehr gut funktioniert.

Ihr Mann versteht im Moment fast gar nichts mehr. Er war einst Schießwart bei den Kyffhäusern in Deckbergen und nahm schon damals viel zu lange in Kauf, von den Gesprächen nahezu ausgeschlossen zu sein. Erst mit 80 Jahren wollte er sich auf ein Hörgerät einlassen. „Und dann wurde es tatsächlich ziemlich gut“, sagt sie. „Endlich bekam er auch mit, was unsere Urenkel so erzählen.“ Umso schlimmer, dass der Schlaganfall das alte Gerät fast nutzlos gemacht hat. Seit vielen Monaten ist er beinahe taub und sitzt nur teilnahmslos dabei, wenn rund um ihn herum gesprochen wird. Zum Glück zahlt die Krankenkasse in solchen Fällen auch vor der Frist von sechs Jahren ein neues Gerät.

Ruth Hirschel könnte aber auch selbst ein Hörgerät gebrauchen. In direkten Unterhaltungen von Mensch zu Mensch hat sie zwar keine Schwierigkeiten, aber im Familiengetümmel zum Beispiel kann auch sie schon lange nicht mehr richtig mithalten. „Ja nun“, sagt sie, „ich weiß nicht recht. Es ist so viel Mühe. Lohnt sich denn das noch für mich?“ Ja! Unbedingt. Kinder, Enkelkinder und Urenkel sind da, die etwas von ihren liebenswürdigen alten Verwandten haben wollen.

Auch Eva-Maria Everding, die so glücklich ist, dass ihr Mann nun wieder ein guter „Ansprechpartner“ ist, sie zögert bei der Antwort auf die Frage, ob sie selbst ein Hörgerät benutzen würde. Friedrich Everding sagt lachend: „Ich glaube, sie wird es nicht tun.“ Doch wer weiß. Noch ein paar Jahre, und die Vorurteile gegenüber dieser so wichtigen Hilfe für die Bewältigung des Alltags werden sich wohl noch mehr verringern. „Ich habe schon zwei meiner Freunde dazu gebracht, sich ein Hörgerät anzuschaffen“, so der ehemalige Lehrer. „Je mehr Menschen eines tragen, desto selbstverständlicher wird es werden. Hoffe ich.“

Hörgeräteakustiker raten, ab dem Alter von 55 Jahren regelmäßig die meist kostenlosen Hörtests zu machen; spätestens aber dann, wenn man selbst deutliche Einschränkungen spürt oder von seiner Umgebung darauf angesprochen wird.

Bei Hörgeräten haben viele Menschen noch immer die riesigen „Bananen“ vor Augen, die schon von Weitem gut zu erkennen sind. Moderne Hörgeräte sind aber ganz anders. Sie sind winzig klein und geben den Betroffenen viel mehr zurück, als bloß die Fähigkeit zu hören: Einen Weg aus der Einsamkeit, die die Stille geschaffen hat.



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