weather-image
16°
×

Vor 25 Jahren startete der erste große humanitäre Einsatz der Bundeswehr – Thomas Mallwitz war dabei

Operation Kurdenhilfe

Die Bilder gleichen sich: Hungernde Menschen Flüchtlingslagern, kranke Kinder in den Armen ihrer verzweifelten Mütter. Heute sind es die Opfer des syrischen Bürgerkrieges, vor 25 Jahren waren es zwei Millionen Kurden, die aus dem Irak in den Osten des Irans und in den Norden der Türkei flohen – Opfer des ersten Irak-Krieges.

veröffentlicht am 11.05.2016 um 19:10 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 13:16 Uhr

4298_1_orggross_k-klaus

Autor

Redakteur zur Autorenseite

Die Türkei und der Iran baten um Hilfe, es wurde der erste große humanitäre Einsatz der Bundeswehr gestartet. Im Rahmen der „Operation Kurdenhilfe“ flogen deutsche Heeresflieger mit ihren Hubschraubern Hilfsgüter in die Lager, beförderten medizinisches Personal und evakuierten Kranke und Verletzte.

Es sind eindrucksvolle Fotos, die Thomas Mallwitz mitgebracht hat. Ein Luftbild von einem riesigen Zeltlager in einer kargen Gebirgslandschaft. Drei Kinder in ärmlicher Kleidung hinter Stacheldraht – sie lächeln. Die Kinderzeichnung eines Hubschraubers – unterschrieben in ungelenken Blockbuchstaben „Germany help. I love Germany.“

Und dann berichtet Mallwitz von seinem vielleicht wichtigsten Einsatz als Hubschrauberpilot bei der Bundeswehr. Und von einer Erkenntnis, die heute noch sein Leben prägt: „Hinterher habe ich immer wieder gedacht: Was geht es uns hier doch gut. Und über welche Kleinigkeiten rege ich mich eigentlich auf!“ Der Bückeburger, der vor eineinhalb Jahre als Oberstleutnant in den Ruhestand ging und der heute das Hubschrauberzentrum in Bückeburg leitet, ist sich sicher: „Wir haben einen guten Job gemacht damals – und viel erreicht.“

3 Bilder
Kinder in den Flüchtlingslagern. Sie lächeln auch hinter Stacheldraht.

Start mit Hindernissen Rückblende: Ein Spielplatz in Neuenkirchen bei Rheine, ein Sonntag im April 1991. Thomas Mallwitz, damals Major im Heeresfliegerregiment 15, verbringt hier einen netten Nachmittag mit seiner Familie. Da wird er von einem Bundeswehrkameraden angesprochen: „Auf dem Platz tut sich was, wir sollten mal nachschauen.“ Gesagt, getan. Auf dem Heeresflugplatz in Rheine-Bentlage herrscht bereits reger Betrieb. Vor Kurzem ist ein Befehl eingegangen: Das Regiment soll zwölf Transporthubschrauber CH-53 nach Bakhtaran im Iran verlegen, um von dort aus kurdische Flüchtlingslager aus der Luft zu versorgen. Die iranische Regierung hat um Hilfe gebeten, ein ähnliches Ersuchen liegt schon aus der Türkei vor. Die Heeresflieger betreten Neuland. Einen humanitären Einsatz in dieser Größe, noch dazu weit entfernt im Ausland, hat es zuvor noch nie gegeben. Da sind organisatorisches, technisches, aber auch diplomatisches Improvisationstalent und Fingerspitzengefühl gefragt. Mallwitz fliegt eine der ersten vier Maschinen, die am 20. April 1991 in Rheine Richtung Bakhtaran abheben. Vor Ort soll er dann als Einsatzoffizier der zwölf CH-53 fungieren.

Doch eben mal losfliegen – so einfach ist das natürlich nicht. Schon die Planung der Flugroute ist eine Herausforderung. Da sind zahlreiche Stopps einzuplanen, nach spätestens 100 Flugminuten muss aufgetankt werden. Und es müssen Überfluggenehmigungen eingeholt werden. Das neutrale Österreich stellt sich quer, als klar wird, dass die Besatzung zum eigenen Schutz Pistolen mitführen soll. Es wird eine Lösung gefunden, die nur wenige Jahre zuvor, zu Zeiten des Eisernen Vorhangs, undenkbar gewesen wäre: Länder des Warschauer Paktes gestatten den Überflug. Über die Slowakei, Ungarn, Rumänien und Bulgarien geht es in die Türkei. In Ankara dann drei Tage Zwangspause. Der Iran verweigert die Einreise. Warum? Das weiß keiner so genau, schließlich hat das Land die Hilfe ja selbst angefordert. Möglicherweise erschweren die inneriranischen Machtstrukturen, mit denen die Helfer später noch zu kämpfen haben werden, ein pragmatisches Vorgehen.

Als schließlich grünes Licht aus Teheran kommt, starten Mallwitz und seine Kameraden zur letzten Etappe. Am Ziel in Bakhtaran, dem heutigen Kermanschah, erwartet sie ein leerer Flugzeughangar mit Einschusslöchern aus dem Iranisch-Irakischen Krieg. Davor schlagen die Deutschen Zelte auf – im wahrsten Sinne des Wortes. Alles wirkt eher primitiv und improvisiert, doch als einige Tage später die übrigen Maschinen aus Rheine und acht Hubschrauber vom Typ UH-1D aus Fassberg eintreffen, kann die Hilfsaktion beginnen.

Könnte, muss es wohl eher heißen. „Es gab zunächst schlicht und einfach keine Hilfsgüter, die wir hätten verteilen können“, erinnert sich Mallwitz noch heute einigermaßen fassungslos. Nur langsam laufen die Lieferungen an, auch wenn die manchmal schon skurrile Züge tragen. Da sind zunächst hundert Tonnen Datteln, die in die Lager geflogen werden, und mit denen die dort Hunger leidenden Kurden herzlich wenig anfangen können. Der makabre Scherz vom „Dattel-Shuttle“ macht unter den Piloten die Runde. Auch aus Deutschland kommt Nachschub, eingeflogen mit Transall Transportmaschinen der Bundeswehr. Doch über eine Ladung Kälteschutzanzüge der ehemaligen NVA für die Hilfsbedürftigen können die Praktiker vor Ort bei 25 bis 30 Grad im Schatten nur die Köpfe schütteln.

Als dann auch noch ein Deutscher General vor Ort das Kommando übernimmt, raufen sich manche Soldaten die Haare: Nun wird erst einmal streng auf die Einhaltung der Bekleidungsvorschriften geachtet: Schließlich sollen die Soldaten die Bundesrepublik im Ausland ja würdig vertreten. Da nutzt es auch wenig, dass die iranischen Militär-Baseballcaps bei sengender Sonne und Sandsturm viel praktischer sind, als deutsche Gebirgsjägermützen.

Die Zusammenarbeit mit den örtlichen Militärs bezeichnet Mallwitz als sehr gut – wenn da nicht die „Revolutionswächter“ gewesen wären, die die eigentliche Macht im Land haben und diese auch gerne demonstrieren. Doch spätestens wenn die deutschen Soldaten wirklich praktische Hilfe leisten, sind diese Probleme vergessen. Mallwitz nennt viele Beispiele: Für das technische Hilfswerk werden Trinkwasseraufbereitungsanlagen als Außenlast transportiert, die vor Ort große Not lindern. Die Lager selbst müssen teilweise erst einmal aus der Luft gesucht werden, weil sie auf keiner Karte verzeichnet sind. Dort wartet man schon ungeduldig auf Babynahrung, die von den Hubschraubern eingeflogen wird. Wann immer Sanitäter oder Ärzte an Bord sind, werden in den Lagern auch improvisierte Sprechstunden abgehalten: Der Hubschrauber wird kurzerhand zum Behandlungszimmer. Schwierigere Fälle werden in ein inzwischen in der Nähe errichtetes Feldlazarett ausgeflogen. Einer der beteiligten Bundeswehrärzte ist der damalige Rheiner Fliegerarzt Dr. Stefan Pump, der heute als Allgemeinmediziner in Nienstädt praktiziert. Stark beeindruckt ist Mallwitz auch heute noch von der Aufgeschlossenheit, Dankbarkeit und Gastfreundschaft der kurdischen Flüchtlinge. Menschen, die in primitiven Zelten hausen, die ihr Hab und Gut verloren haben und die selbst kaum etwas zu essen und zu trinken habe, laden die Hubschrauberbesatzungen in ihre Behausungen ein, wollen dankbar das Wenige teilen, das ihnen geblieben ist. Thomas Mallwitz: „Ich habe selten so strahlende Kinderaugen gesehen, wie dort.“

Absturz überschattet den Einsatz Unvergesslich bleiben aber auch tragische Erlebnisse wie dieses: „Mir hat eine alte Frau ein todkrankes Baby entgegengestreckt und gebettelt: ,Bitte, nimm es mit, vielleicht kann es in Deutschand überleben.‘“ Das Kind musste zurückbleiben – die Erinnerung aber bleibt unauslöschlich.

Mehrere Wochen waren die Heeresflieger im Iran im Einsatz, trotz aller Improvisation verlief die „Operation Kurdenhilfe“ insgesamt reibungslos. Überschattet wurde der Einsatz aber vom Absturz eines russischen Transportflugzeuges vom Typ Iljuschin Il-76, das von der Bundesregierung für Hilfstransporte gechartert worden war. Vier Menschen starben, als die Maschine im Sandsturm abstürzte.

Ausstellung

Zur Erinnerung an die „Aktion Kurdenhilfe“ zeigt das Hubschraubermuseum Bückeburg (Sablé-Platz 6) vom 21. Mai bis zum 12. Juni eine Sonderausstellung. Thomas Mallwitz und Dr. Stefan Pump wollen damit an den ersten großen humanitären Einsatz der Heeresflieger im Ausland erinnern, der vor genau 25 Jahren ablief. Mallwitz hat Kontakt zu vielen damals beteiligten Kameraden aufgenommen und um Erinnerungsstücke gebeten. So wurde eine sehenswerte Sammlung von großformatigen Fotos, Videos und Schriftstücken zusammengetragen, die den damaligen Einsatz dokumentiert. Zu sehen ist die Ausstellung während der Öffnungszeiten des Museums täglich von 10 bis 17 Uhr. Auf Wunsch sind auch Führungen oder Gesprächsrunden möglich. Kontakt: Hubschraubermuseum Bückeburg (05722/ 5533), E-Mail info@hubschraubermuseum.de oder Internet www.hubschraubermuseum.de.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2020
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Kontakt
    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt