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„Ohne Joint wird das Einschlafen zur Qual“

Ich muss sagen, ich habe damals nicht gedacht, dass ich von Gras tatsächlich eine Abhängigkeit entwickele.“ Mit 14 Jahren hat Thorsten S. (Name von der Redaktion geändert) zum ersten Mal an einem Joint gezogen. Heute ist er 17 und betrachtet die ganze Sache zwar etwas kritischer, aufgehört mit dem Kiffen hat er trotzdem nicht. „Angefangen hab ich aus Neugier, wie die meisten“, sagt Thorsten, „weitergemacht, weil’s Spaß macht und weil’s lustig war.“

veröffentlicht am 12.01.2013 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 12:59 Uhr

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Stv. Chefredakteur zur Autorenseite

Jeder Fünfte aller deutschen Schüler des neunten und zehnten Jahrgangs, der Jugendlichen zwischen 16 und 18 Jahren, hat schon einmal gekifft. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Bundesregierung aus dem vergangenen Jahr. Einzig und allein Sache der Jugendlichen ist der Konsum von Marihuana als Rauchmittel dennoch nicht. Marihuana, die getrockneten Blätter und Blüten der Cannabis-Pflanze, zählt wegen des berauschenden Wirkstoffs THC zu den illegalen Drogen. Der Konsum gilt insbesondere bei Heranwachsenden als entwicklungshemmend. Und nicht jeder junge Kiffer ist sich dieses Risikos bewusst.

„Die Eltern müssen mehr Verantwortung übernehmen“, sagt Anke Knapp von der Hamelner Drogenberatungsstelle „Drobs“. „Wir haben heute eine Elterngeneration, die vielfach selbst schon Erfahrung mit Cannabis gemacht hat.“ Jahrelang agierten diese nach dem Motto „Ist ja nicht so schlimm“ oder „Hauptsache, er säuft nicht“. Da ihre eigenen Erfahrungen mit Cannabis nicht so negativ waren, unterschätzten viele Eltern die Gefahr, die von Marihuana auf einen Jugendlichen ausgeht.

Die Gefahr, langfristige psychische Schäden zu erleiden, ist bei Jugendlichen am höchsten und nimmt im Erwachsenenalter deutlich ab, belegen Studien. „Außerdem hat Cannabis heute eine viel höhere Potenz als früher“, skizziert Anke Knapp die Entwicklung der letzten Jahrzehnte. „Wir haben heute nicht nur genmanipulierte Tulpen und Orangen, sondern eben auch genmanipuliertes Marihuana.“ Folge: Der Wirkstoffgehalt hat sich in den letzten 15 Jahren mehr als verdreifacht.

Zu Beginn ihrer Drogenkarriere erleben die wenigsten jugendlichen Kiffer wesentliche Probleme mit dem Cannabis-Konsum. Anke Knapp berichtet, dass einige sogar von zunächst gesteigerten schulischen Leistungen berichten. Sie seien entspannter, teilweise eher bereit, sich auf Neues einzulassen oder in der Lage, Dinge aus einer anderen, ungewöhnlichen Perspektive zu betrachten. Bei manchen Schulfächern vielleicht ein Vorteil – bei anderen, bei denen maximale Konzentration erforderlich ist, ein großer Nachteil.

Die wahren Probleme entstehen, wie bei Thorsten S., meist erst im späteren Verlauf. Der Konsum steigert sich, Kiffen wird von etwas Besonderem zu etwas Alltäglichem. „Anfangs habe ich nur am Wochenende geraucht. Mit 15 dann auch unter der Woche, und seit ich 16 bin, eigentlich täglich“, beschreibt es Thorsten. „So wurde das Kiffen irgendwie ein treuer Begleiter und Helfer in stressigen Zeiten.“ Probleme in der Schule, mit den Eltern und später auch mit der Polizei hielt er nur durch den regelmäßigen Griff zum vermeintlich entspannenden Joint aus.

Das bestätigt auch Robert K. (Name geändert). „Nach den ersten Zügen wirken alle Probleme plötzlich klein und unwichtig“, meint er. „Dann beschäftigst du dich mit den großen Dingen und nicht mit dem Trivialen.“ Der 22-Jährige raucht seit seiner Jugend und sieht bisher keinen Grund, damit aufzuhören. „Ich trinke nicht, ich nehme sonst keine Drogen, wenn ich abends nach Hause komme, rauche ich halt ’ne Tüte und lasse den Tag ausklingen.“

Auf den ersten Blick mag Cannabis einen Kiffer entspannter und ruhiger werden lassen. Mit dem Joint mögen manche Jugendliche eine einfache und wirksame Methode gefunden zu haben, um Stress, Enttäuschung, Konflikte und anderen Probleme erträglicher zu machen. Doch die wahren Probleme kommen einige Jahre später zum Vorschein. Spätestens sobald sie zum ersten Mal komplett ohne Drogen ihren Alltag bewältigen müssen. „Es kommt zu Persönlichkeitswachstumsverzögerungen“, erklärt Drogenberaterin Knapp. Durch den Griff zum Joint nehmen sich Jugendliche die Notwendigkeit, ihre Probleme selbst zu lösen, sagt sie. Doch gerade diese Phase mache die Pubertät so prägend für einen Menschen. „Sie haben keine Frustrationstoleranz, entwickeln kaum Konfliktfähigkeit. Viele junge Kiffer bleiben in ihrer Entwicklung mit 16 einfach stehen“, schildert Knapp ihre Erfahrungen. „Unsere Erfahrung ist, dass die Probierphase immer früher stattfindet“, sagt sie.

Das Suchtpotenzial ist dabei mit unter 18 Jahren am größten. Es nimmt meist ab, umso älter und persönlich gefestigter jemand beim Einstieg ist. Dann stellt Marihuana nur eine weitere Möglichkeit dar, mit den Problemen des Lebens umzugehen und es fällt leichter, wieder aufzuhören.

Der erste Kontakt mit einem Joint kam vor 30 Jahren noch oft in den Hörsälen der Universitäten zustande, heute geschieht er in den Klassenzimmern. Laut einer Studie der Bundesregierung zur Drogenaffinität deutscher Jugendlicher hatten im Jahr 2005 15,1 Prozent der 12-17-Jährigen schon einmal Cannabis konsumiert – gegenüber der ersten Erhebung von 1979, wo es lediglich 4,9 Prozent waren, eine rasante Steigerung. Interessanterweise nahm seit 2005 der Wert wieder deutlich ab und lag 2011 mit 6,7 Prozent nur wenig über dem Wert von 1979. Das klassische Einstiegsalter liegt dabei aber immer noch zwischen 14 und 15 Jahren. In der 9. und 10. Schulstufe haben schließlich schon etwa 22 Prozent der Jugendlichen zum Joint gegriffen.

Doch eine Einstiegsdroge ist Marihuana nicht, bekräftigt Anke Knapp. „Das stimmt einfach nicht“, stellt sie fest, „das ist eine Mär. Gesundheitsschädliches Verhalten beginnt meist bei Nikotin, nicht bei Cannabis.“ Sie kenne keinen jugendlichen Drogenkonsumenten in ihrer Beratungsstelle, der nicht vor dem Griff zum Joint schon Tabak geraucht hat. Meist gebe es zuvor auch schon Erfahrungen mit Alkohol. Marihuana könne zwar ein weiterer Schritt auf dem Weg zu noch härteren Drogen sein, einen wirklichen Zusammenhang gibt es laut der Drogenberaterin aber nicht.

Für Jürgen R. (Name geändert) aus Hameln war Marihuana neben LSD, Speed, Ecstasy oder Kokain nur eine Droge von vielen. Er ist heute 31 und befindet sich mithilfe der Hamelner Drogenberatung seit mehr als einem Jahr erfolgreich auf Entzug. Den Einstieg fand er mit Nikotin, erzählt er, über Alkohol und Marihuana führte es ihn schließlich zu verschiedenen chemischen Drogen. „Man benutzt etwas zum pushen, man benutzt etwas zum runterkommen, man benutzt etwas um besondere Momente zu erleben“, sagt Jürgen R. „Irgendwann verlernt dein Körper, sich selbst richtig einzustellen.“ Das wieder zu erlernen, sei der härteste Teil seines Entzuges gewesen.

Der 19-jährige Marius M. (Name geändert) begann schon mit 16 Jahren damit, täglich Cannabis zu rauchen. Auch er versucht mithilfe der „Drobs“ loszukommen von seiner Sucht. Die Liste der Entzugserscheinungen ist lang: „Man wird unruhig, nervös, das Einschlafen wird zur Qual, Schweißausbrüche und Depressionen kommen immer wieder vor.“ An unkontrollierten Aggressionen leidet Marius nach eigenen Aussagen nicht, doch auch derartige Fälle gibt es, wie Anke Knapp sagt: „Wir hatten sogar schon einen Klienten, der hat mit der Faust ein Loch in die Wand geschlagen.“

Dass die Gefahr von Marihuana für pubertierende Jugendliche so viel größer ist als für Erwachsene, liegt nicht nur an ihrer unfertigen Persönlichkeit. „Ein Erwachsener, der auch nur einen Zentimeter wachsen würde, käme aus dem Schreien gar nicht mehr heraus“, veranschaulicht Knapp die Situation. In der Pubertät wächst ein Jugendlicher zwischen acht und zehn Zentimetern innerhalb nur eines Jahres. Eine unglaubliche Belastung für den Körper. Dazu komme noch der psychische Stress wegen der unzähligen Lernprozesse während der Pubertät.

Damit der menschliche Körper diese Extremphase überstehen kann, gibt das Gehirn einige Hilfestellungen: Es schüttet große Mengen Schmerzhemmender und entspannender Wirkstoffe aus, einer der wichtigsten davon ist Anandamid. Die Bezeichnung wurde abgeleitet aus dem Alt-Indischen Wort für Glückseligkeit. „Den merkt man dann am Werk, wenn die Jugendlichen dauernd müde sind und die ganze Zeit schlafen“, erklärt Anke Knapp.

Damit der jugendliche Körper Stress und Schmerzen des Wachstums übersteht, bilden sich im gesamten Gehirn Rezeptoren, an denen Anandamid andocken und seine Wirkung entfalten kann. Diese Rezeptoren sind bei einem erwachsenen Menschen nur noch in einem sehr kleinen Teil des Gehirns vorhanden.

Das Problem: Der Cannabis-Wirkstoff THC nutzt dieselben Rezeptoren, um seine Wirkung zu entfalten. Während es bei einem Erwachsenen nur in einem kleinen Teil des Gehirns wirkt, greift es bei einem Jugendlichen in viel umfangreicherer Weise in das Gehirn ein. Gleichzeitig fährt der Körper aber, wenn ihm regelmäßig THC zugeführt wird, die eigene Produktion von Anandamid zurück. Setzt man nun das THC ab, fehlt erst einmal die ursprünglich vorgesehene, entspannende Wirkung von Anandamid. Die Umstellungsphase bis der Körper selbst wieder genug Anandamid produziert, ist ein Auslöser der Symptome des Entzugs. Abgesehen von den spezifischen Gefahren von Marihuana, gibt es ein zusätzliches Gefahrenfeld. Marihuana wird meist gemischt mit Tabak geraucht, und die dabei entstehenden Verbrennungsstoffe sind nicht weniger schädlich als die einer normalen Zigarette. Zusätzliche Gefahr birgt Cannabis deswegen, weil es illegal ist. Keine Behörde kontrolliert die Anbaubedingungen und beispielsweise den Einsatz von Pestiziden in den großen, oft industriell aufgezogenen Plantagen. Um maximale Erträge zu erzielen, greifen viel Cannabis-Anbauer hemmungslos zu hochgiftigen Pestiziden.

Nach über drei Jahren Cannabis-Konsum raucht Thorsten S. weiterhin fast täglich einen Joint. Fragt man ihn heute, ob er es bereut, mit dem Kiffen angefangen zu haben, verneint er. Setzt allerdings fort: „Trotzdem würde ich nicht weiterempfehlen, in dem Alter anzufangen. Ist vermutlich wirklich nicht so gut.“

Am Montag geht es an dieser Stelle um synthetische Drogen, die seit einiger Zeit „in Mode“ sind. Die sind zwar oftmals legal und nicht per Gesetz verboten, bringen die Konsumenten aber auf gefährliche Horrortrips.

„Hin und wieder ein Joint – das wird schon nicht so schlimm sein“: Für viele Menschen hat die Wirkung von Marihuana etwas Entspannendes und Beruhigendes – auch für Jugendliche.

Der erste Kontakt mit der Droge findet oft schon mitten in der Pubertät statt. Prekär wird es dann, wenn der Konsum zu etwas Alltäglichem, der Joint zum stetigen Begleiter wird. Junge Kiffer berichten.

Einstiegsdroge Marihuana ist „eine Mär“



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