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Personalloch bremst die Spediteure

Ohne Fahrer läuft nichts

WESERBERGLAND. Vor einiger Zeit hat man sie noch als „Kapitäne der Landstraße“ heroisiert. Doch die Bezahlung der Lkw-Fahrer ist vergleichsweise mies, die Rahmenbedingungen werden vielfach als unattraktiv empfunden. Deshalb interessieren sich inzwischen zu wenig Jobsuchende für den Platz hinterm Lenkrad.

veröffentlicht am 26.09.2018 um 16:20 Uhr
aktualisiert am 26.09.2018 um 17:18 Uhr

Frank Ankert von der Spedition Transpak in Bad Pyrmont hat mehrere Lkw auf dem Hof stehen, für die keine Fahrer zu finden sind. Foto: yt
Marc Fisser

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Marc Fisser Reporter / Newsdesk zur Autorenseite
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Frank Ankert ist frustriert: Fast täglich muss der Chef und Disponent der Bad Pyrmonter Möbelspedition Transpak anfragenden Kunden absagen – obwohl fünf Wagen abfahrbereit auf dem Hof stehen. „Wir bekommen für sie keine Fahrer“, bedauert Ankert, „der Markt ist leergefegt.“ Er sieht die unattraktive Arbeitszeit und die vergleichsweise schlechte Bezahlung als Hauptursache dafür, dass sich nur wenige junge Leute zum Lkw-Fahrer ausbilden lassen, kaum noch Quereinsteiger ins Führerhaus steigen und gestandene Mitarbeiter den Beruf wechseln. Die Branche in Deutschland sei durchaus bereit, mehr zu bieten, „aber die Marge muss es hergeben“, erklärt der Spediteur. „Irgendwann drohen leere Regale“, befürchtet er.

Der Mangel an qualifizierten Lkw-Fahrern entwickele sich zu einem der drängendsten Probleme in der Logistik, bestätigt der Deutsche Speditions- und Logistikverband. Derzeit fehlten bundesweit bis zu 45 000 Fahrer – mit steigender Tendenz. Zwei Drittel der heutigen Fahrer gehen in den nächsten anderthalb Jahrzehnten in Rente. „Punktuell kommt es bereits zu Lieferverzögerungen. Trotz spürbar steigender Fahrerlöhne bleibt das Arbeitskräfteangebot auf geringem Niveau“, heißt es. Im Bezirk der Arbeitsagentur Hameln – in den Landkreisen Holzminden, Hameln-Pyrmont und Schaumburg – ist die Zahl der arbeitslos gemeldeten Berufskraftfahrer seit 2009 um 75 Prozent auf gerade einmal 66 zurückgegangen; die Betroffenen werden heutzutage – wenn sie überhaupt die Behörde einschalten – sofort weitervermittelt. Die Zahl der registrierten offenen Stellen erhöhte sich um 330 Prozent auf zuletzt 82. Die Arbeitsagentur hat im laufenden Jahr 100 Erwerbslose in Richtung Berufskraftfahrer gefördert, 47 davon durch die Finanzierung des Lkw-Führerscheins.

Bei Michael Zais, Disponent bei Othmer Baustoffe in Hasperde, haben kürzlich drei Fahrer gekündigt – ihre Stellen und zwei weitere konnten bislang mangels geeigneter Bewerber nicht neu besetzt werden. Dabei zahle der Kiestransporteur recht gut, versichert Zais, zwei Drittel der Touren endeten abends zu Hause, die Lkw seien neu und komfortabel, es werde kaum körperliche Anstrengung verlangt und großen Wert auf das Einhalten der Pausenzeiten gelegt. Und die Firma investiere Tausende Euro in die Aus- und Weiterbildung. Die Kandidaten, die ihm die Arbeitsagentur schicke, seien vielfach nicht geeignet, sagt Zais. „Eine Bierfahne im Vorstellungsgespräch geht zum Beispiel gar nicht.“ Lkw zu fahren, sei früher für viele die letzte Möglichkeit gewesen, nicht ungelernt zu bleiben. Ausgerechnet in Zeiten einer brummenden Konjunktur, in der es viel zu befördern gibt, werden solche Kräfte nun von der Industrie umworben – und haben dann mitunter 1000 Euro mehr auf dem monatlichen Lohnzettel stehen. Und einen geregelten Arbeitstag am Wohnort. „Das Image des Fahrers ist im Eimer“, ärgert sich Alexander Oelker von der Schnelle-Spedition in Bad Münder.

Das Busfahren ist bei Frauen beliebt – wegen der Wohnortnähe und der flexibel wählbaren Arbeitszeit. FOTO: Öffis/pr
  • Das Busfahren ist bei Frauen beliebt – wegen der Wohnortnähe und der flexibel wählbaren Arbeitszeit. FOTO: Öffis/pr
Dr. Dorothea Schulz
  • Dr. Dorothea Schulz
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Frauen am Steuer

Während die Spediteure Personalsorgen plagen, blicken die Linienbusunternehmen zufrieden auf ihren Kurswechsel zurück: Seit einiger Zeit animieren sie beim jährlichen „Infotag Wiedereinstieg“ Frauen, sich zur Busfahrerin ausbilden zu lassen. In den vergangenen fünf Jahren wurden 55 Frauen durch die Arbeitsagentur Hameln und die Jobcenter entsprechend qualifiziert. Bei den Öffis in Hameln-Pyrmont liegt der Anteil der Frauen am Steuern inzwischen über 40 Prozent.

Die Öffis betonen, durch ihr gezieltes Personalmarketing und gutes Image gebe es genügend Bewerbungen – auch von jungen Leuten. Die Anzahl sei aber durchaus seit Jahren rückläufig. Kürzlich war die Verkehrsgesellschaft Hameln-Pyrmont auf der Ausbildungsmesse in der Rattenfänger-Halle präsent. „Schon am Montag hatten wir die ersten Bewerbungen im Postfach“, berichtet eine Sprecherin. Das Unternehmen gewähre eine übertarifliche Ausbildungsvergütung sowie Sonderzahlungen. „Aber noch wichtiger sind die Zukunftsperspektiven für die Auszubildenden. In der Vergangenheit haben wir alle in eine Festanstellung übernehmen können.“ Auf zwei Bussen wird großflächig unter anderem für die Ausbildung zur Fachkraft im Fahrbetrieb geworben. mafi

Um seine rund 30 Fahrer zu halten, bemüht sich der Hamelner Spediteur Gerhard Purrmann, insbesondere auf den Wunsch einzugehen, Arbeit und Familie miteinander zu verbinden. Michael Helmer von der Spedition Schäfer in Bodenwerder führt den Personalengpass auch darauf zurück, dass nach Aussetzung der Wehrpflicht kaum noch junge Leute mit einem Lkw-Führerschein bei der Bundeswehr ausscheiden. Die Bundeswehr hatte pro Jahr rund 15 000 Fahrer ausgebildet. Auch die Quereinsteiger aus dem Handwerk, die es früher häufig gegeben habe, suchen sich jetzt etwas anderes, sagt Helmer. „Es gibt ja überall genügend freie Stellen.“ Selbst aus dem Ausland ließen sich derzeit keine geeigneten Fahrer anlocken. Vermittlungsangebote aus Osteuropa habe er zwar oft im E-Mail-Postfach, doch er traue diesen Agenturen nicht, die erst einmal Geld sehen wollen.

Weil sein Unternehmen im Weserbergland kaum noch fündig wird, geht Reinhard Bierwirth von Translogistik (Hameln) einen neuen Weg. „Wir suchen nun auch Fahrer in unseren häufigen Zielgebieten.“ Die Touren starten dann montags am Wohnort des Mitarbeiters etwa im Rheinland – und enden dort freitags. So vergrößere sich die Gruppe der potenziellen Bewerber. Bierwirth hofft, dass dies „eine Teillösung“ darstellt.

Das Abwerben ist in der Branche üblich

Das Abwerben ist in der Branche durchaus üblich – im Vorteil ist, wer es sich leisten kann. „Edeka saugt uns die Fahrer ab“, sagen die Spediteure zwischen Deister und Weser. Der Einzelhändler mit dem Logistikzentrum bei Lauenau müsste ohne seine dort 268 Fahrer dichtmachen – dementsprechend wird die Zielgruppe mit allerlei Bonbons gelockt. Dazu gehören eine betriebliche Altersvorsorge, Weiterbildungen, Zuschüsse für Arztkosten, preisgünstiges Essen in der Kantine, Gratisgetränke sowie Bank- und Versicherungsleistungen. Saftproduzent Riha Wesergold beschäftigt 142 Kraftfahrer, davon 78 in Rinteln. Die Stellenbesetzung sei schwieriger geworden, bestätigt Personalchef Frank Puderbach.

Die Geiz-ist-geil-Mentalität zieht nicht mehr, die noch immer billige Konkurrenz aus Osteuropa ist im Nahgüterverkehr kein Maßstab. Der Spediteursverband mahnt: „Zur Bereinigung der dramatischen Situation und Vermeidung von Lieferengpässen muss ein gesellschaftliches Umdenken erfolgen mit dem Ziel, trotz fortschreitender Digitalisierung und Automatisierung des Verkehrs allen Lieferempfängern bewusst zu machen, dass Warentransporte immer noch von Menschen durchgeführt werden und Logistik und Transportdienstleistungen nicht zum Spottpreis eingekauft werden können.“ Der Kraftfahrerkreis Hannover-Hameln hatte zur Messe IAA Nutzfahrzeuge eine Diskussionsrunde zusammengestellt, zu der der hiesige SPD-Bundestagsabgeordnete Johannes Schraps gehörte. Schraps pocht auf familienfreundliche Regelungen und eine am Einsatzort einheitliche Bezahlung – auch wenn der Fahrer aus Osteuropa kommt. Andreas Kernke aus Emmerthal, Mitorganisator des Podiums, fordert ebenfalls, europaweite Regelungen – „was extrem schwer zu realisieren ist. Wir können zum Beispiel Rumänien nicht unser Lohn- und Sozialsystem aufzwingen.“

Die Branchen haben es versäumt, rechtzeitig gegenzusteuern.

Dr. Dorothea Schulz, Industrie- und Handelskammer

Kernke hält die Ausbildungsquote für zu gering. Tatsächlich kommen auf jährlich 50 000 altersbedingt Ausscheidende nur 10 000 Anfänger. Oelker jedoch bildet bereits „jeden und alles“ aus – auch Schüler, die man früher angesichts der Noten nicht genommen hätte. „Sie werden mit Schulungen und Nachhilfe durch die Prüfungen geboxt.“ 17 Azubis hat Schnelle – bei bis zu 70 Fahrern insgesamt. Am Ende erhalten die Jugendlichen auf Firmenkosten den Pkw- und Lkw-Führerschein – und damit quasi ein Freiticket für das weitere Berufsleben.

Es gibt Vorschläge, den Job auch für Frauen attraktiv zu machen. Und generell müssten die Verhältnisse auf den Strecken verbessert werden, meint Bierwirth, der Mitglied im Prüfungsausschuss der Industrie- und Handelskammer (IHK) ist: Parkplatznot, Baustellen, Termindruck sind Stichworte, die er aufzählt.

Die IHK-Leiterin in Hameln, Dr. Dorothea Schulz, hebt hervor, dass die Eugen-Reintjes-Schule in der Rattenfängerstadt die nahe duale Ausbildung für Berufskraftfahrer ermögliche. 13 bis 15 Schüler seien es im Jahr – genügend für eine Klasse, aber doch zu wenig, um den Bedarf der Region zu decken. Die Ausbildungsvergütung steigt immerhin. Wurden 2014 tariflich 636 Euro im ersten und 733 im dritten Lehrjahr gezahlt, sind es jetzt 710 und 750 Euro, ab 2019 sogar 720 und 800. Doch in der Metallindustrie sind im letzten Lehrjahr 1000 Euro üblich. Schulz beklagt eine „fatale Abwanderung in die Industrie“ – nicht nur bei potenziellen Kraftfahrern, sondern etwa auch im Gastronomiebereich. „Die Branchen haben es versäumt, rechtzeitig gegenzusteuern.“

Viel zu transportieren

Der Güterverkehr in Deutschland hat 2017 einen Rekord beim Transportaufkommen erreicht: Die Menge stieg im Vergleich zu 2016 um 1,9 Prozent auf 4,6 Milliarden Tonnen. Bezogen auf die zurückgelegte Strecke war es eine Steigerung um 1,8 Prozent auf 669 Milliarden Tonnenkilometer. Das haben Statistiker von Destatis, Kraftfahrtbundesamt und SSP Consult ermittelt. Während es auf der Schiene leichte Einbußen gab, wurden auf der Straße 2,3 Prozent mehr transportiert, insgesamt 3,6 Milliarden Tonnen; die Verkehrsleistung erhöhte sich um 2,6 Prozent auf 478,5 Milliarden Tonnenkilometer.

In der Speditions- und Logistikbranche stieg der Umsatz um knapp sechs Prozent auf etwa 110 Milliarden Euro. Die Beschäftigtenzahl wuchs um 4,2 Prozent auf 578 564 Mitarbeiter – und damit das achte Jahr in Folge.



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