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„Ohne diese Dienstage fehlt einfach etwas“

Für mich und meinen Sohn war die Volkshochschule geradezu die Rettung“, sagt Andrea Bärwinkel (56) aus Meinefeld. Als junge Frau erlitt die Lehrerin zwei Schlaganfälle, machte eine langwierige Rehabilitation durch und hatte sich doch zugleich noch um ihren damals vierjährigen Sohn Christoph zu kümmern, der aufgrund einer körperlichen Behinderung auf den Rollstuhl angewiesen war. „Ich musste damals meinen Beruf aufgeben, aber ich wollte nicht vom sozialen Leben, von Bildung und Weiterbildung abgeschnitten sein.“

veröffentlicht am 18.01.2012 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 24.01.2019 um 15:01 Uhr

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Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite

Wenn Andrea Bärwinkel, Marianne Günther, Viktor Frank oder Stefan Tegeler angeregt davon erzählen, wie sehr ihr Leben durch die Angebote der Volkshochschulen in Schaumburg und Hameln-Pyrmont geprägt ist, dann kann man sofort Lust bekommen, sich die neuen Frühjahrsprogramme mal genauer anzusehen. Malerei und Kunsthandwerk, Sprachen und Philosophie, berufliche Weiterbildung und Zweiter Bildungsweg sind für die Teilnehmer ebenso wichtig wie die Freundschaften, die in den Kursen entstanden und oft überhaupt die Möglichkeit, an vertiefter Bildung für persönliche Vorlieben teilzuhaben.

Um wieder Fuß zu fassen, belegte Andrea Bärwinkel in Stadthagen Kurse rund um den Umgang mit dem damals noch ganz neuen PC und entdeckte dann nach und nach die ganze Breite an unterschiedlichsten Kursen und Seminaren. Schon früh nahm sie ihren kleinen Sohn mit, erst in Malkurse, später wählte er selbst Seminare zur Holzbearbeitung, dann nahmen sie zusammen an Sprachkursen teil und in diesem Frühjahr besuchen sie gemeinsam den Plattdeutsch-Kurs von Henning Dormann. „Na, wenn man Italienisch, Spanisch, Französisch und Türkisch gemacht hat, warum dann nicht das Plattdeutsche?“, sagt sie. Daneben werden es noch ein Seminar für Silberschmiedekunst in Rinteln sein und Christoph belegt den Einführungskurs in die Philosophie.

Für beide, Mutter und Sohn, bot die VHS nicht nur privat und später auch beruflich wertvolle Weiterbildung, sondern ebenso die Chance, trotz ihrer jeweiligen Krankheitsbehinderungen auf eine gelassene Weise mit anderen Menschen zu lernen und Freundschaft zu schließen. Christoph Bärwinkel hatte es nämlich als Kind und Jugendlicher im Rollstuhl oft schwer in der Schule, seine Mutter wiederum konnte erst vor wenigen Jahren wieder an die IGS in Stadthagen zurückkehren, um dort unter anderem in der Bibliothek mitzuarbeiten. „Speziell in den VHS-Sprachkursen sind wir eine richtig nette Truppe“, so Andrea Bärwinkel. „Wir kennen uns oft schon seit vielen Jahren und sind uns zum Teil dabei sehr vertraut geworden. Was für ein Gewinn!“

Die erste Volkshochschule wurde vor 110 Jahren in Berlin gegründet. In Hameln gibt es sie seit 1920. Als die erste Volkshochschule Schaumburgs im Nachkriegsjahr 1946 gegründet wurde, bot sie besonders solchen Menschen Zugang zu bürgerlicher Bildung, die, aus anderen Gründen, eher am Rande standen: Zu über 60 Prozent waren es Flüchtlinge aus dem Osten, die sich in die ersten Kurse einschrieben. Oft handelte es sich um junge Leute, die noch in der Berufsausbildung standen und all’ das nachholen wollten, was sie durch Krieg und Flucht versäumt hatten, oft auch waren es ältere Kaufleute, Büroangestellte und Verwaltungsangestellte, die auf diese Weise günstige Weiterbildungsmöglichkeiten nutzten.

Viktor Frank (49), Mitarbeiter in der Abfallwirtschaft Schaumburg, gehört zur jüngeren Generation und hat die Volkshochschule in den 1980er Jahren ebenfalls als eine Lehranstalt genutzt, die mit ihren Kursen seinem privaten Interesse am PC genau so entgegenkam, wie sie ihm die firmenbedingte Umstellung auf die EDV erleichterte. „Die Kurse waren hochaktuell, die Dozenten kannten sich perfekt aus und konnten uns alle Fragen beantworten – eine echte Weiterbildung, die ich sofort praktisch umsetzen konnte.“

Dieser Erfolg veranlasste ihn dazu, später eine weitere Zusatzausbildung zu starten, drei Jahre lang, im Bereich Wirtschaft/Informatik, die mit einer Prüfung an der Industrie- und Handelskammer abgeschlossen wurde und nützliches Wissen zur Webseitenprogrammierung und firmeninternen PC-Programmen einbrachte. Zudem belegte er auch die Themen „Stressbewältigung“ und „Rhetorik“. „Ich habe mir eigentlich vorgenommen, erst mal Schluss mit Bildungsmaßnahmen zu machen“, meint er. „Aber, wer weiß…“

Schluss machen mit Kursen an der VHS, das wird Marianne Günther (58) aus Bösingfeld ganz bestimmt nicht tun. Sie ist von jeher Malerin, wollt einst auch gerne Kunst studieren, und als das doch nichts wurde, belegte sie bereits vor über 25 Jahren Zeichen- und Malkurse an der VHS Hameln, auch an der VHS Lippe-Ost und jetzt für das Frühjahr wieder die Aquarellmalerei bei der Rintelner Künstlerin Martina Grandhomme. „Wir Extertaler wohnen ja weit ab vom Schuss“, sagt sie, „aber zum Glück braucht man nicht weit zu fahren, um die umliegenden Volkshochschulen zu erreichen. Ich suche mir überall das heraus, was mir entgegenkommt.“

Anfangs waren es eher die abstrakte Kunst und Acrylfarben, die sie interessierten, doch nach dem Tod ihres Lebensgefährten, von dem sie eine große Aquarellmaler-Ausrüstung erbte, schloss sie sich vor zwei Jahren der VHS-Gruppe um Martina Grandhomme an und ist einfach nur glücklich mit dieser Neuentdeckung. „Wir sind Anfänger und Fortgeschrittene, junge und ältere Leute, manche kennen sich schon über Jahre und trotzdem ist man neugierig auf Neulinge“, sagt sie. „Ohne diese Dienstage an der VHS würde mir wirklich was fehlen, es ist meine feste Verabredung.“ Ganz besonders freut sie sich auf das kommende Wochenendseminar, wo es zusätzlich ums Zeichnen gehen wird. „Da experimentieren wir herum wie Kinder!“

Auch das Philosophieangebot hat es ihr angetan, die Kompaktseminare von Prof. Peter Moritz aus Hannover, der in Rinteln höchst lebhafte Veranstaltungen abhält, über die Philosophie der Antike oder, im kommenden Juni, über den Liebesbegriff bei David Precht. „Der Kurs dauert von 13 Uhr bis abends gegen acht Uhr – aber ich weiß schon aus Erfahrung, dass die Zeit wie im Fluge vergehen wird“, so Marianne Günther. „Das sind ja keine Vorträge, sondern intensive Diskurse, so spannend und lehrreich.“

Während die einen also an der VHS ihren persönlichen Vorlieben und Hobbys nachgehen, nutzen andere die Chancen des Zweiten Bildungswesens, wie es von Beginn an ein Anliegen der Volkshochschulen war. Stefan Tegeler (42), heute Wirtschaftsförderer im Landkreis Schaumburg, machte gleich nach seiner Finanzamtslehre und parallel zu seiner Arbeit im Finanzamt das Abitur in Abendschulkursen an der VHS Stadthagen. „Ich war damals noch jung – ich wollte mehr!“, sagt er, und tatsächlich entschloss er sich dann zu einem Politik-Studium, angeregt von entsprechenden Vorträgen, die er an der VHS besucht hatte. Auch später blieb er der Volkshochschule treu, belegte Wirtschaftsenglisch und Französisch. Tegeler hat außerdem in seiner Funktion als Wirtschaftsförderer weiterhin mit der Bildungsinstitution zu tun: Die Wirtschaftsakademie sitzt im selben Haus wie die VHS.

Seit den 1970er Jahren werden die Volkshochschulen nicht mehr wie zuvor von Städten, Gemeinden oder gemeinnützigen Vereinen, sondern von den Landkreisen getragen. 1978 wurde in Rinteln die „Kreisvolkshochschule“ Schaumburg gegründet, nach der Kreisreform verlegte man die Hauptstelle nach Stadthagen, mit Geschäftsstellen in Rinteln und Bückeburg und Außenstellen im gesamten Landkreis, vom Auetal über Obernkirchen bis hin nach Sachsenhagen. In Hameln schlossen sich im Jahr 2005 die VHS der Stadt mit derjenigen des Landkreises Hameln-Pyrmont zusammen, sie bezogen 2006 ein gemeinsames Haus in der Rattenfängerstadt.

„Wenn ich unsere ,Kunden‘ beschreiben soll, so würde ich sagen, es sind überwiegend Leute, die sich zunächst zielgerichtet fragen: ,Was brauche ich für meine nächste Zukunft?‘“, meint Fred Gorkow, in Hameln Fachsbereichsleiter für Politik, Gesellschaft und Umwelt. „Oft entdecken sie dann noch anderes im Angebot und wollen dann auch etwas, dass das Leben schöner macht.“ So finden sich immer wieder Menschen für die Steinbildhauerei zusammen oder für heimatkundliche Seminare, für philosophische Fragen rund um Glück und Liebe oder für den neben der beruflichen Fortbildung zweitgrößten Bereich, die Sprachbildung. „Das sind oft ältere Menschen, die endlich Zeit haben, ganz neue Welten zu betreten.“

Was die jungen Leute betrifft, so besteht an der VHS Schaumburg, in Rinteln, seit dem Jahr 2005 die auch überregional bekannte und beliebte „Sommeruniversität“, wo angehende Studenten eine Woche lang das Studieren probieren können und dabei von Universitätsdozenten in fast alle möglichen Studienrichtungen eingeführt werden. „Unser VHS-Motto ist: ,Lebenslang Lernen‘“, sagt Dunja Cordes, Geschäftstellenleiterin in Rinteln. „Je früher man damit beginnt, herauszufinden, was man eigentlich lernen will, desto besser.“

Seit über 100 Jahren sind die Volkshochschulen in Deutschland feste Bestandteile der Erwachsenenbildung. Viele Teilnehmer nutzen die Angebote zur beruflichen Weiterbildung – für manche bedeuten die Kurse auch Lernen im ganz vertrauten Kreis; in Einzelfällen ist die VHS geradezu „die Rettung“.



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