weather-image
24°
Michael L. will per Kleinanzeige ein Zuhause finden

Obdachloser sucht auf Ebay-Kleinanzeigen eine Wohnung

Ganz Stadthagen spricht über den Mann. Michael L. muss bei eisigen Temperaturen bibbernd draußen übernachten – und viele Menschen scheinen mit dem Obdachlosen zu leiden. Um nicht mehr frieren zu müssen, kam dem 47-Jährigen eine pfiffige Idee: Er inserierte sein Wohnungsgesuch auf Ebay-Kleinanzeigen. Wir haben mit ihm gesprochen.

veröffentlicht am 08.02.2018 um 09:00 Uhr
aktualisiert am 08.02.2018 um 16:58 Uhr

Michael L. und Hündin Nelly wollen nicht mehr frieren. Das Buswartehäuschen bietet kaum Schutz gegen die Kälte. Er hofft, dass sich jemand auf die Annonce (kleines Bild) meldet. Foto: tbh

Autor:

Tina Bonfert
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Wohnraum ist mancherorts Mangelware, das bekommen auch Wohnungssuchende hierzulande zu spüren. Besonders bitter trifft das Michael L. Im Gegensatz zu den meisten Wohnungssuchenden muss er seine Nächte bei eisigen Minusgraden bibbernd auf der Straße verbringen. Der 47-Jährige ist obdachlos. Sein größter Wunsch: Endlich ein Dach über dem Kopf, nicht mehr frieren müssen. Dabei bediente sich der gebürtige Hamburger einer ungewöhnlichen Idee: Er inserierte sein Wohnungsgesuch auf Ebay.

„Hallo, ich bin der Obdachlose aus Stadthagen“, schreibt er. „Leider kann uns die Stadt Stadthagen durch ein Hundeverbot nicht unterbringen.“ Und genau das sei das Problem, schreibt er. Seine Hündin Nelly. Mit ihr schlägt Michael sich seit dem 22. Dezember vergangenen Jahres auf der Straße durch. Zunächst bekam er einen Übernachtungsplatz in der Obdachlosenunterkunft in Stadthagen in Aussicht gestellt. „Daraus wurde aber nichts, weil dort angeblich keine Hunde erlaubt sind“, sagt Michael. Nachdem sich die „Schaumburger Nachrichten“ an die Stadt gewandt hatte, wurde kurzfristig eine Lösung gefunden. Michael darf in einer städtischen Unterkunft übernachten – Hündin Nelly muss aber im Tierheim schlafen. Stadthagens Bürgermeister Oliver Theiß hatte persönlich mit dem 47-jährigen Michael L. Kontakt aufgenommen und versichert, auch weiterhin bei der Suche nach einer dauerhaften Unterkunft für ihn zu helfen. Währenddessen überschlagen sich die Ereignisse. Als die Stadtverwaltung ihn abholen will, die überraschende Nachricht: Michael hat laut Verwaltung vorübergehend privat eine Übernachtungsmöglichkeit gefunden. Bleibt abzuwarten, ob sich daraus eine dauerhafte Wohnmöglichkeit ergibt.

Dass man sich nicht waschen, keine frischen Sachen anziehen kann und immer auffällt, wenn man mit Sack und Pack durch die Gegend zieht.

Michael L., Obdachloser auf die Frage, was das Schlimmste für ihn sei

Michael hat keine großen Ansprüche: „Ich wünsche mir einfach nur eine Bleibe, wo wir alt werden können.“ Die sieben Jahre alte Hündin ist sein einziger Weggefährte. „Sie ist mein seelischer Beistand und mein Schutz.“ Direkt Angst habe er zwar nicht, aber er sei schon froh, dass Nelly auf ihn aufpasse, während er draußen schläft.

270_0900_80611_S_Obdachloser_Stadthagen1.jpg

Alles, was er besitzt, hat er in Koffern und Taschen auf einem kleinen Handwagen verstaut. Bis vor wenigen Tagen hat er Abend für Abend in einem Buswartehäuschen Unterschlupf gesucht. Das Schlimmste für ihn: „Dass man sich nicht waschen, keine frischen Sachen anziehen kann und immer auffällt, wenn man mit Sack und Pack durch die Gegend zieht.“

Michael ist Ordnung und Sauberkeit ganz wichtig. Auch seinen improvisierten Schlafplatz verlässt er immer akkurat. Er räumt auf, wenn Nelly beim Toben ein Stöckchen zu Sägemehl verarbeitet hat. Auch wenn er an seiner Situation derzeit nicht viel ändern könne, versuche er mit beschränkten Mitteln, dennoch einen guten Eindruck zu hinterlassen, sagt er. Michael steht nicht gerne im Mittelpunkt. „Ich war schon immer ein Einzelgänger.“

Zwei Tage vor Weihnachten musste er aus seiner Wohnung in einem kleinen Ort bei Ratzeburg in Schleswig-Holstein ausziehen. Vier Jahre hatte er dort gelebt, nachdem er 2013 Stadthagen verlassen hatte. Der Mieter hatte erst Eigenbedarf angemeldet und den 47-Jährigen nach eigenen Worten dann nach und nach „rausgemobbt“. Erst fiel die Heizung aus, dann gab es kein Wasser mehr. Da er von 2010 bis 2013 in der Stadthäger Obdachlosenunterkunft untergebracht worden war, war er nun erneut dorthin gekommen.

Der 47-Jährige ist seit 1998 immer mal wieder obdachlos gewesen. „Mit 18 habe ich entdeckt, wie man Versandhäuser betrügen kann.“ Er bestellte, zahlte aber nicht. So türmten sich Schulden auf. Heute bereut er seine Taten, lebt von Hartz IV, zahlt Strafgebühren mit einem Monatsbeitrag ab. Wie hoch seine Schulden insgesamt sind, weiß er nicht. Die Hoffnung, dass er noch einmal in ein normales Leben zurückfinden kann, hat er mittlerweile aufgegeben. Er ist an Rheuma erkrankt, kann keine körperlich schweren Arbeiten annehmen. „Man verdrängt vieles, denkt von Tag zu Tag“, sagt er auf seine Zukunftsperspektiven angesprochen. Im Moment will er einfach nur wieder ein dauerhaftes Dach über dem Kopf, einen Ort wo er nicht mehr frieren muss, wo er sich mit Hündin Nelly zurückziehen kann, um nicht mehr auf der Straße leben und auffallen zu müssen.

Information

860000 Obdachlose in Deutschland

Die Zahl der Obdachlosen in Deutschland ist nach Einschätzung der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe in den letzten Jahren stark gestiegen. Als einen Grund nennt die Organisation den Mangel an günstigem Wohnraum. Demnach gibt es heute 60 Prozent weniger Sozialwohnungen als noch vor 20 Jahren. Den Schätzungen zufolge haben bundesweit rund 860 000 Menschen in Deutschland keine Wohnung.

Anerkannte Flüchtlinge werden seit dem vergangenen Jahr in der Statistik erfasst. Das hat die Zahl sprunghaft ansteigen lassen: So sind den Angaben der Arbeitsgemeinschaft zufolge gut die Hälfte der Obdachlosen Flüchtlinge.

In Hameln gibt es verschiedene Stellen, die Obdachlose zählen. Die Obdachlosenhilfe Senior-Schläger-Haus betreut aktuell 31 Obdachlose, die eine Wohnung suchen, wie Sozialpädagogin Luise Beel-Zimmer auf Nachfrage sagt. Die Stadtverwaltung Hameln hat zudem in ihrer städtischen Obdachlosenunterkunft in Tündern 8 Personen untergebracht. Die Stadt hält dort 15 Plätze vor.

Die Reaktionen auf seine Annonce waren bislang jedoch nicht erfolgversprechend. So manche unseriöse Nachricht war auch dabei. „Es gibt schon Männer, die aus Hannover kommen und mich abholen wollten. Da müsste ich auch keine Miete zahlen, mich aber anders erkenntlich zeigen“, deutet er Details unmoralischer Angebote mancher Herren an.

Auch wenn es bislang kein konkretes Angebot gab – eine Welle der Sympathie gibt es. Viele Menschen halten an, wenn sie Michael tagsüber in seinem Behelfsquartier, einem Buswartehäuschen – sehen. Sein freundliches Auftreten lässt die Menschen schnell mit ihm ins Gespräch kommen. Viele geben ihm ein paar Euro oder fragen, ob sie ihm etwas zu essen kaufen können. Vor allem für Nelly wird viel gespendet. „Ich habe manchmal 20 Kilogramm in der Woche“, sagt er. Auch Anakin Szabo gibt ihm ein paar Euro, fragt, ob er ihm etwas zu essen kaufen kann. Der 32-Jährige hat auf seinem Heimweg von der Arbeit angehalten. Auch ihm tut Michael leid. Aus seiner Sicht seien Städte und Kommunen in der Pflicht, dafür zu sorgen, dass Menschen nicht auf der Straße schlafen und frieren müssen.

Über Facebook haben ebenfalls viele auf die Wohnungssuche aufmerksam gemacht. Doch Hilfe ist nicht so einfach. Das Jobcenter würde zwar eine Wohnung bis zu 50 Quadratmetern bezahlen, aber dafür müsste jemand bereit sein, Michael und Nelly bei sich einziehen zu lassen …

Copyright © Deister- und Weserzeitung 2018
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Mehr Artikel zum Thema
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare