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Patienten werden deutlich schneller entlassen als früher

Nur kurz in die Klinik – doch wie geht es danach weiter?

Krankenhäuser müssen wirtschaftlich arbeiten. Dazu gehört, Patienten nicht unnötig lange dazubehalten. Was aber, wenn der Verdacht besteht, Kranke würden aus Kostengründen zu früh entlassen? In einer zweiteiligen Serie sehen wir uns die Situation in Notaufnahme und bei stationären Aufnahmen an. Im zweiten Teil geht es um das „Entlassungsmanagement“ der Kliniken.

veröffentlicht am 12.06.2018 um 12:12 Uhr
aktualisiert am 12.06.2018 um 15:40 Uhr

Blick aufs Röntgenbild: Jeder Krankheit wird eine durchschnittliche Verweildauer in der Klinik zugesprochen und die Behandlung auch nur für diesen Zeitraum bezahlt. Foto: dpa
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Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite
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Krankenhäuser müssen wirtschaftlich arbeiten. Dazu gehört, Patienten nicht unnötig lange dazubehalten. Was aber, wenn der Verdacht besteht, Kranke würden aus Kostengründen zu früh entlassen? In einer zweiteiligen Serie sehen wir uns die Situation in Notaufnahme und bei stationären Aufnahmen an.

Vor etwa fünfzehn Jahren blieb ein Patient, der eine Knieprothese erhielt, an die drei Wochen im Krankenhaus. Heute sind es nur noch acht bis zehn Tage, bis er entlassen wird. Ähnlich sieht es insgesamt mit der Dauer von Klinikaufenthalten aus, die sich seit dem Jahr 2003 von durchschnittlich 8,9 Tagen pro Patient auf nun 7,3 Tage reduziert hat. Was im ersten Moment nur positiv klingt, rief unter dem Stichwort „Blutige Entlassung“ auch viel Kritik hervor. Der Vorwurf: Oftmals würden Patienten aus rein wirtschaftlichen Gründen so früh entlassen, dass Reha-Kliniken, Hausärzte und Pflegedienste mit nicht ausreichend verheilten Wunden zu tun bekommen.

„Ja, vor etwa zehn Jahren und auch noch später kamen solche ‚blutigen Entlassungen‘ durchaus vor“, sagt dazu Jan Kiemele, kaufmännischer Direktor der Deister-Weser-Kliniken in Bad Münder, die Rehabilitationsbehandlungen unter anderem für Krebs-Patienten anbietet. Seit 2004 nämlich gilt ein neues Abrechnungssystem zwischen Kliniken und Krankenkassen. Wo bis dahin die Behandlungen mit Tagessätzen abgerechnet wurden und Kliniken umso mehr Geld erhielten, je länger ein Patient bei ihnen verblieb, ist es nun genau umgekehrt. Man rechnet per „Fallpauschale“ ab. Dabei wird jeder Krankheit eine „durchschnittliche Verweildauer“ zugesprochen und die Behandlung auch (nur) für diese „durchschnittliche Verweildauer“ bezahlt. Je schneller Patienten entlassen werden, desto günstiger ist es für das Krankenhaus.

Die durchschnittliche Verweildauer eines Patienten in der Klinik hat deutlich abgenommen. Foto: dpa
  • Die durchschnittliche Verweildauer eines Patienten in der Klinik hat deutlich abgenommen. Foto: dpa

„Anfangs meinten geschäftstüchtige Leute, es wäre wohl ein guter Weg, Kosten zu sparen, indem man Patienten auch dann entlässt, wenn sie eigentlich noch hätten weiterbehandelt werden müssen“, sagt er. So etwas gehe natürlich auch zulasten von Reha-Kliniken, die sich dann um Wundbehandlungen kümmern müssten, obwohl eigentlich mit einem Rehabilitationsprogramm begonnen werden sollte. Die entsprechenden Patienten verloren dabei wertvolle Therapiezeit. „Allerdings“, so Jan Kiemele, „heute kann sich kein Krankenhaus mehr ‚blutige Entlassungen‘ leisten.“

Die Patienten seien insgesamt mündig und gut beraten und würden so eine Klinik nicht weiterempfehlen; auch die Rettungsdienste steuern diese Entwicklung, sagt er, weil sie möglichst diejenigen Kliniken anfahren, wo sie die Patienten gut aufgehoben wissen. Sicher gäbe es auch schwarze Schafe. „Aber auf Dauer kann man mit solchen Praktiken nicht am Markt existieren.“ In den sechs Jahren, die er bisher in den Deister-Weser-Kliniken arbeite, seien es vielleicht zehn Patienten gewesen, die zu früh in der Rehabilitation ankamen.

Doch nicht nur der Wettbewerb konnte die Lage entspannen, sondern auch eine neue gesetzliche Regelung von 2017, die allen Krankenhäusern ein sogenanntes „Entlassmanagement“ verbindlich vorschreibt. Es soll vorzeitige Entlassungen verhindern, und vor allem dafür sorgen, dass ein Netzwerk von medizinischen und sozialen Hilfen die Anschluss-Behandlungen in gute Bahnen lenkt. Natalie Arnold, Sprecherin des Sana-Klinikums Hameln, erläutert, was es damit auf sich hat. Dass Patienten so viel schneller als vor der Einführung des Fallpauschalensystems entlassen werden können, habe in erster Linie mit verbesserten Operationsmethoden, einem guten Schmerzmanagement und dem Bemühen um eine frühzeitig eingeleitete Mobilisierung der Betroffenen zu tun, sagt sie. „Dadurch sind die Patienten schneller wieder fit und können in die ambulante Weiterversorgung übergeben werden.“ Weil die kürzeren Liegedauern, die ja im Sinne der Patienten seien, trotzdem viele Fragen aufwerfen und manchmal zu Verunsicherungen führen, müsste das Entlassmanagement eine Reihe von organisatorischen Aufgaben schon vor der Entlassung durchführen.

Nicht anders ist das im Klinikum Schaumburg in Vehlen. Hier fasst Kliniksprecherin Nina Bernhard zusammen, wie das Entlassungsmanagement funktioniert. Voraussetzung ist, dass die Patienten gleich bei der stationären Aufnahme ein bundesweit einheitliches Formular ausfüllen und die Einwilligung geben, dass ihre Daten an die „Nachversorger“ wie Pflegeheim oder Reha-Kliniken und an die Krankenkassen weitergegeben werden dürfen. Dann wird von ärztlicher und pflegerischer Seite her abgeklärt, ob nach dem Klinikaufenthalt weiterer Unterstützungsbedarf zu erwarten ist. „Wenn das der Fall ist, schalten wir das Entlassmanagement in Form des Sozialdienstes ein“, führt die Kliniksprecherin aus. „Die Mitarbeiter übernehmen die weitere Koordination und Organisation für einen geordneten und für jeden Patienten individuellen, ‚passenden‘ Übergang nach der Entlassung.“

Nicht immer allerdings verläuft das Entlassmanagement reibungslos – das weiß Sandra Szabo, Juristin in der „Unabhängigen Patientenberatung Deutschland“. Die UPD berät nicht nur in allen Fragen rund um Erkrankungen und wie man mit deren Folgen am besten umgehen kann, sie steht auch solchen Patienten zur Seite, die den Eindruck haben, dass sie Opfer von ärztlichen Fehlentscheidungen wurden. Allein im Monat Mai 2018 wendeten sich bundesweit 1075 Menschen an die juristische Abteilung der UPD mit Problemen rund um Patientenrechte, Leistungsansprüche und einem fehlgeschlagenen Entlassungsmanagement.

„Die häufigste Klage besteht darin, dass die nötige Anschlussbehandlung nach einem Krankenhausaufenthalt nicht umgesetzt wurde, obwohl das zeitnah hätte geschehen müssen“, so Sandra Szabo. „Oftmals wird das einfach vergessen.“ Natürlich müsste die Anschlussbehandlung mit dem Patienten abgesprochen und dann von der Klinik aus in die Wege geleitet werden. „Aber oft heißt es einfach: Ab ins Taxi, ab nach Hause.“ Ob sich die Anzahl solcher Fälle seit der Einführung des Entlassmanagements verringert habe, das kann sie aus ihren Statistiken nicht ablesen. „Von Hurra-Erlebnissen wüsste ich nichts“, sagt einer ihrer Kollegen. „Aber bei uns laufen ja auch nur die Problemfälle ein.“

Direkt eingreifen tut die Unabhängige Patientenberatung nicht. „Wir haben eine Lotsenfunktion und weisen auf Möglichkeiten hin, wie man seine Patientenrechte einklagen kann“, erklärt Sandra Szabo. Dazu gehöre, sich noch einmal an die Klinik zu wenden und das Entlassmanagement entschieden einzufordern, auf das jeder stationär aufgenommene Patient ein verbrieftes Recht hat.

Fragt man beim Senioren- und Pflegestützpunkt des Landkreises Schaumburg nach, so scheint die Zusammenarbeit zwischen den Klinik-Sozialarbeitern und Stützpunkt erfreulich gut zu funktionieren. „Ich hatte noch niemals die Situation, dass es Probleme gab, weil jemand zu früh und unvorbereitet aus der Klinik entlassen worden wäre“, sagt die verwaltungsrechtliche Leiterin Claudia Kuhlmann. „Wir werden immer vorab über Entlassungen in die Kurzzeitpflege oder auch Pflegeheime informiert und besprechen und organisieren das dann mit den Betroffenen.“

Voraussetzung dafür sei, dass die Patienten dem Entlassungsmanagement zustimmen und es dann auch in Anspruch nehmen. „Nicht alle Patienten wissen, eine wie große Hilfe unsere Netzwerke zu bieten haben“, meint Klaus Heimann, Pressesprecher des Landkreises. „Diese Informationen müssen wohl noch mehr verbreitet werden, damit das Zusammenspiel in möglichst jedem Fall gelingt.“

Die häufigste Klage besteht darin, dass die nötige Anschlussbehandlung nach einem Krankenhausaufenthalt nicht umgesetzt wurde.

Sandra Szabo, Juristin bei der UPD

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