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Eine Familiengeschichte, die sich wie ein Thriller liest – aufgeschrieben von einem Bückeburger

Nur Erwin überlebte

Fünf „Stolpersteine“ sind vor dem Haus Schulstraße 21 in Bückeburg verlegt. Kleine Messingtafeln, gewidmet den Opfern des Naziterrors, die hier gelebt haben. Von der Familie hat nur Sohn Erwin Rautenberg überlebt. Die Familiengeschichte hat der Bückeburger Klaus Maiwald aufgeschrieben – sie liest sich wie ein Thriller.

veröffentlicht am 12.05.2016 um 18:16 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 13:16 Uhr

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Die pflastersteingroßen Platten nennen ihre Namen: Leo Rautenberg, gefoltert im KZ Buchenwald, gestorben an den Folgen der KZ-Haft 1940 in Bückeburg; Selma Rautenberg, deportiert 1941, ermordet im Getto Riga; Ruth Rautenberg, deportiert 1941, ermordet im Getto Riga; Manfred Rautenberg, deportiert 1941, gestorben im Getto Riga 1945 kurz nach der Befreiung; Erwin Rautenberg, geflohen 1937 nach Argentinien. Vater, Stiefmutter, Sohn und Tochter verschleppt aus der Heimat, gestorben als Opfer des Rassenwahns der Nationalsozialisten. Nur Sohn Erwin überlebte die Shoah, den Holocaust.

Nur Sohn Erwin überlebte die Shoah“ – genau so hat Klaus Maiwald auch sein Buch genannt. Mehrere Jahre hat der pensionierte Lehrer und ehemalige Leiter der Geschichtswerkstatt der Bückeburger Herderschule recherchiert, bevor er vor Kurzem die 300-seitige Biografie der jüdischen Kaufmannsfamilie Rautenberg vorlegte. Schon allein die spannende Entstehungsgeschichte des Buches, die Maiwald unter anderem nach Riga und Los Angeles führte, wäre eine eigene Hintergrundseite wert. Und natürlich auch das Schicksal jedes einzelnen Familienmitglieds, das stellvertretend für die Lebens- und Leidensgeschichte mehrerer Generationen deutscher Juden steht. Doch hier nur so viel dazu: Klaus Maiwald gibt den Opfern des Terrors wieder ein Gesicht, indem er ihre Biografien lebendig werden lässt. Doch an dieser Stelle gilt unser Interesse Erwin Rautenberg, einem Mann, dessen Biografie sich stellenweise wie ein Thriller liest und der, wie am Schluss deutlich wird, Maiwalds Arbeit erst ermöglichte.

Im Oktober 1920 erscheint in der Schaumburg-Lippischen Landes-Zeitung eine Geburtsanzeige: „Die glückliche Geburt eines gesunden kräftigen Knaben zeigen hocherfreut an Leo Rautenberg und Frau Rosa, geb. Düring. Bückeburg, am Sonntag, den 17. Oktober 1920.“ Erwin wird der Knabe genannt. Die Mutter stirbt früh. Erwin lebt einige Zeit bei Verwandten in Dresden, kehrt aber nach Bückeburg zurück, als Leo Rautenberg seine zweite Frau Selma heiratet. Der Junge verbringt eine weitgehend unbeschwerte Kindheit. Die Eltern sind gut situiert, bringen auch das Schulgeld für den Besuch des Gymnasiums Adolfinum auf. Erwin dankt es mit Spitzenleistungen. Als 1933 die Nationalsozialisten die Macht übernehmen, geht es den Rautenbergs wie vielen anderen jüdischen Familien.

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Erwin Rautenberg mit Thora, 1990er Jahre. Foto: Gross

Er will Deutschland so schnell wie möglich verlassen Hautnah verspüren sie den zunehmenden Druck, erleiden täglich neue kleine und große Repressalien. Das städtische Freibad ist bald tabu, Konzert- und Theaterbesuch sind verpönt, später verboten. Selbst als Erwin 1935 das Adolfinum verlassen muss – stolz verkündet die Schule, sie sei jetzt „judenfrei“ – ist man sich an der Schulstraße 21 der drohenden Gefahr nicht bewusst. Vater Leo sieht die Nationalsozialisten bald wieder verschwinden, wie so viele andere Parteien der Weimarer Republik auch. Er fühlt sich als Weltkriegssoldat geschützt vor Übergriffen. Sein Zögern, Deutschland zu verlassen, bedeutet im Endeffekt den Tod seiner Familie.

Lediglich Sohn Erwin kann im Alter von 16 Jahren nach Argentinien emigrieren. Vater Leo hat ihn an der landwirtschaftlichen Schule des „Hilfsvereins deutschsprechender Juden in Bueno-Aires“ untergebracht. Möglicherweise ist es nur Erwin gewesen, der die nahende Gefahr klar erkannt hat: Er will Deutschland so schnell wie möglich verlassen, während der Vater es lieber gesehen hätte, wenn sein Sohn erst einmal ordentlich Spanisch gelernt hätte. Doch Erwin setzt sich durch: Am 19. März 1937 schifft er sich in Hamburg auf der „General San Martin“ ein. Der Dampfer verkehrt im Liniendienst nach Südamerika.

Wochen vor der Abreise geht Erwin bei Freunden und Verwandten auf Abschiedstour. Viele Jahre später wird er berichten, dass er schon damals sicher war, die meisten von ihnen nie wiederzusehen. Doch zunächst fährt noch die Hoffnung mit, die Familie bald nach Südamerika nachholen zu können. Eine trügerische Hoffnung, deren Scheitern dem damals 16-Jährigen zeit seines Lebens zu schaffen machen wird.

Nach einem Monat erreicht der Dampfer Buenos Aires. Von hier geht die beschwerliche Reise 1000 Kilometer weiter ins Landesinnere in die Provinz Rio Negro. Ein Gaucho-Hut soll gegen die Sonne schützen, bunte Schuhe gegen Schlangen. Was sich zunächst noch nach dem großen Abenteuer anhört, erweist sich bald als Knochenarbeit. 30 jüdische Männer sollen Ödland urbar machen, damit ihren Lebensunterhalt verdienen und gleichzeitig eine landwirtschaftliche Ausbildung erhalten. Doch sie fühlen sich eher wie in einem Straflager.

Mit der Pogromnacht 1938 reißen die postalischen Verbindungen in die Heimat fast ab. Einen Hoffnungsschimmer gibt es noch einmal 1939, als Erwin bolivianische Visa für seine Familie auftreibt – zur Ausreise soll es nicht mehr kommen.

Nach eineinhalb Jahren schmeißt Erwin Rautenberg die Landwirtschaftsschule. Bis 1946 wird er sich mit Gelegenheitsjobs in der Landwirtschaft, als Tellerwäscher in einem Hotel oder auf dem Bau durchschlagen. Und er wird im Rahmen seiner Möglichkeiten gegen den Nationalsozialismus kämpfen: Er schließt sich Antinazigruppen wie „The other Germany“ an, spioniert den Schiffsverkehr auf dem Rio de la Plata aus, hört Funkbotschaften deutscher U-Boote ab.

Geheime Aktivitäten ermöglichen Einreise in USA All dies muss sehr zurückhaltend erfolgen. Argentinien ist im Weltkrieg offiziell neutral, sympathisiert aber mit Nazi-Deutschland. Seinen Wunsch, sich den US-amerikanischen Streitkräften anzuschließen, lehnen diese ab, bieten aber an, weiter für sie zu spionieren.

Es sind nicht zuletzt diese geheimen Aktivitäten, die Erwin 1946 die Einreise in die USA ermöglichen. 1947 fängt er in Los Angeles bei einer Spedition an, die offiziell Verschiffungen nach Hawaii durchführt. Er arbeitet sich vom Hilfsarbeiter zur rechten Hand des Chefs hoch, wird 1951 eingebürgert. Wie eine Szene aus einem Thriller liest sich eine Episode, von der Rautenberg später berichtet: Mit seinem Boss ist er in einem zweimotorigen Flugzeug auf Geschäftsreise in Mittelamerika unterwegs, als der Pilot über dem kolumbianischen Dschungel Alarm gibt. Ein Motor ist ausgefallen, die Maschine droht abzustürzen. Zwischen Leben und Tod erzählt sein Chef Paul Williams dem jungen Erwin, dass die Spedition auch Geheimaufträge für die OSS, den Vorläufer der CIA, abwickelt.

Der dramatische Flug endet glücklich, dem Piloten gelingt es, heil in Panama City zu landen. Auch geschäftlich läuft für Erwin alles nach Plan: Nach Williams Ausscheiden übernimmt er die Firma – und mit ihr die lukrative Zusammenarbeit mit dem Geheimdienst. Hochsensibles Material wird über einen Ableger der Spedition nach Burma, Indonesien und Laos gebracht, das Geschäft floriert nicht nur zu Hochzeiten des Vietnamkrieges.

Eigentlich ist Rautenberg zum Stillschweigen über diese Aktivitäten verpflichtet. Daran hält er sich als guter US-Staatsbürger auch – bis der CIA 1981 die Geschäftsbeziehungen vertragswidrig aufkündigt. Doch der Geheimdienst hat seine Rechnung ohne den gebürtigen Bückeburger gemacht: Rautenberg klagt gegen die Regierung – und gewinnt. Mit diesem Kampf David gegen Goliath schafft er es in die New York Times und in die Washington Post. Die renommierten Zeitungen nutzen den Fall Rautenberg, um groß aufgemacht über die Aktivitäten der CIA zu berichten. Am Ende fließt Schadenersatz in Millionenhöhe: Rautenberg streicht 5,8 Millionen Dollar ein. Er ist ein gemachter Mann – auch als Geschäftsmann hat er vorher schließlich schon gut verdient.

Doch ist Erwin Rautenberg auch ein glücklicher und zufriedener Mann? Wohl kaum: Die Prozesse haben an seiner Gesundheit gezehrt, seine Ehe ist zerbrochen. Und dann trägt er schwer am Schicksal seiner in Deutschland zurückgebliebenen Familie. Sein Kampf um materielle Wiedergutmachung in den 1950er Jahren war nervenaufreibend und frustrierend: Deutsche Behörden legten bürokratische Fallstricke, wo immer sie konnten.

Und die menschliche Wiedergutmachung? Mit Interesse verfolgt Rautenberg die Initiativen zur Aufarbeitung der NS-Vergangenheit in Bückeburg und Schaumburg, zu denen auch Klaus Maiwalds Geschichts-AG einiges beigetragen hat. Rautenberg reist mehrfach in seine Geburtsstadt, sucht den Kontakt zu ehemaligen Freunden und Mitschülern. Noch wichtiger erscheint ihm aber ein Austausch mit der jungen Generation über die Gräuel der Vergangenheit. Als Zeitzeuge und Opfer steht er Schulklassen und anderen Foren Rede und Antwort. In vielen Gesprächen in Bückeburg und in den USA berichtet er Klaus Maiwald über Leben und Leiden seiner Familienangehörigen, erzählt seine spannende Geschichte. „Was kann ich für Sie tun?“, habe Rautenberg ihn häufig gefragt, erinnert sich Maiwald – und mit dieser Frage auch etwas beschämt zurückgelassen. Denn schließlich seien wir es doch, die den Opfern des Holocaust ein bleibendes und lebendiges Andenken bewahren müssten.

Sein Vermächtnis lebt in Form einer Stiftung weiter Erwin Rautenberg stirbt am 23. Januar 2011 im Alter von 90 Jahren. Doch sein Vermächtnis lebt in Form einer Stiftung, in die der kinderlose Geschäftsmann sein Vermögen eingebracht hat, weiter. Die Erwin Rautenberg Foundation förderte und fördert auch Projekte in Schaumburg wie den Wiederaufbau der Alten Synagoge in Stadthagen und nicht zuletzt Klaus Maiwalds Buch.

„Nur Sohn Erwin überlebte die Shoah“ – Das Schicksal der jüdischen Kaufmannsfamilie Rautenberg aus Bückeburg. Autor: Klaus Maiwald, Herausgeber Erwin Rautenberg Foundation. Erhältlich ist das Buch zum Preis von 15 Euro bei den Buchhandlungen in Bückeburg, Stadthagen und Rinteln.



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