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Wie sich der Beruf des Bestatters im Laufe der Jahre verändert hat

Nur der Tod bleibt beständig

veröffentlicht am 10.10.2016 um 08:12 Uhr

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Als Friedrich Nerge einst vor der Frage stand, welchen Beruf er erlernen möchte, musste er nicht lange überlegen: Automechaniker. Doch in Vehlen gab es keine Lehrstelle, und so wurde er Tischler. Er legte seine Gesellenprüfung in Bückeburg ab, ließ 1950 den Meisterbrief folgen und wagte ein Jahr später den Sprung in die Selbstständigkeit. Das Bestattungswesen wurde eine zusätzliche Aufgabe: An der Vehlener Straße 72 gab es Möbel und Särge. Seit 1971 gab es bei ihm nur noch Bestattungen, erzählt der heute 94-jährige Nerge.

Den Beruf des Bestatters gibt es erst seit etwa zwei Jahrhunderten. Davor wurden die meisten Verstorbenen von Familienangehörigen bestattet. Auch Mitarbeiter einer Kirchengemeinschaft oder von Schreinereien führten Bestattungen durch, allerdings war dies eher eine Nebentätigkeit. Erst zum Anfang des 19. Jahrhunderts haben sich die ersten Betriebe auf die gewerbliche Durchführung von Bestattungen spezialisiert. Und wenn es etwas gibt, was in der Bestattungsbranche beständig ist, dann ist es dies: der Wandel.

Vor ungefähr 20 Jahren, um ein willkürliches Beispiel zu nehmen, war die Erdbestattung in einem Wahlgrab die dominante Bestattungsform. Zu einer Beerdigung sprach meist ein Pfarrer tröstende Worte und das Grab erhielt ein von einem Steinmetz gefertigtes Grabmal. Doch in den vergangenen Jahren haben die Bestattungskultur und der Umgang mit der Trauer erhebliche Veränderungen erfahren. Oliver Wirthmann, Geschäftsführer des Kuratoriums Deutsche Bestattungskultur, nennt das einen „Wandlungsschub“. Eine gewachsene Vielfalt unterschiedlicher Angebote von Bestattungsformen eröffnet heute Wahlmöglichkeiten, die nicht selten von den überlieferten Traditionen abweichen. QR-Codes auf Grabsteinen Getrauert wird heute auch im Internet. QR-Codes auf Grabsteinen können auf die Lebensgeschichte des Verstorbenen im virtuellen Raum verweisen und erhalten zugleich einen konkreten Ort der Trauer an einem Grab. Wer den QR-Code mit einer App auf seinem Smartphone einliest, erhält aus dem Internet mehr Infos über den Toten, als auf einen Grabstein passen. „Hier gehen neue Trends und gewachsene Formen der Trauer am Grab eine gute Verbindung ein“, so Wirthmann.

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Friedrich Nerge (94) zeigt seinen Meisterbrief.

Deutlich ist eine Sinnentleerung von Riten und Bräuchen im Umfeld von Bestattung und Trauer festzustellen. Die schnellere Lebenspraxis ist es, die sich auf die Bestattungskultur auswirkt. Eine größere Mobilität der Familienangehörigen, die oft weit verstreut leben, verändert weiterhin die Präferenzen und Wünsche. Die Menschen suchen nach Grabformen, die ihnen entsprechen.

Das erklärt den Trend zur Feuerbestattung, die inzwischen 60 Prozent der ungefähr 870 000 Verstorbenen in einem Jahr in Deutschland ausmacht. Die Urne bietet verschiedene Beisetzungsformen, die das Erdgrab nicht ermöglicht. Doch: „Verstorbene sollen nicht in diese Mobilität einbezogen werden“, fordert der Bundesverband Deutscher Bestatter. Längst stehen Friedhöfe in einer Mitbewerberschaft mit anderen Formen: „Gerade das Verstreuen birgt jedoch große Probleme“, sagt Wirth-mann: „Es gibt keinen speziellen Ort, an dem Angehörige trauern können. Es ist ein Aufgehen im Nichts, was der Hochschätzung der Individualität eines Menschen widerspricht.“

Respekt, Wert- und Hochschätzung sind Begriffe, die in einem Gespräch in Vehlen oft fallen. Im Bestattungsinstitut Nerge haben sich drei Generation eingefunden, um über die Bestattungskultur zu sprechen: Friedrich Nerge, der 1987 in den Ruhestand ging, Andreas Vogt, der 1996 in den Betrieb einstieg, den sein Vater Horst 1987 von Nerge übernommen hatte, Ulrike Vogt, die 2011 ins Unternehmen eingetreten ist und sich ein Jahr später zur Bestatterin ausbilden ließ, sowie Natascha Bruns-Barth, die 23-jährige Auszubildende. Ulrike Vogt hat sich ein Jahr Bedenkzeit erbeten, bevor sie sich entschied, ins Unternehmen ihres Mannes Andreas einzutreten, danach ging es recht schnell: Nach der Ausbildung wurde die Gaststätte „Zur Linde“ gekauft und umgebaut, 2014 folgte der Umzug in die Räumlichkeiten an der Vehlener Straße 84 und die Zertifizierung durch den Bundesverband der Deutschen Bestatter und den TÜV Rheinland. Seit August ist das Bestattungshaus Nerge zudem das erste durch die Verbraucherinitiative Aeternitas geprüfte und empfohlene Bestattungshaus im Landkreis Schaumburg. Die unabhängigen, freie und bundesweit tätige Verbraucherberatung für den Bereich Friedhof und Bestattung stellt bei ihren Auszeichnungen die Qualität, Transparenz und Verbraucherfreundlichkeit in den Vordergrund, damit dem Kunden eine ausgezeichnete Dienstleistung garantiert wird. „Sie stellen dabei im Betrieb alles auf den Prüfstand“, sagt Ulrike Vogt, die mit einem gewissen Stolz auf die Zertifizierung des Betriebes als „Qualifizierte Bestatter“ blickt, denn Qualität, offene Preisauszeichnungen und schriftliche Kostenvoranschläge unterscheiden im Trauerfall die seriösen Bestatter von den schwarzen Branchenschafen.

Ulrike Vogt und Natascha Bruns-Barth gehören, wenn man so möchte, einer neuen Generation von Bestattern an. Jahrzehntelang kam der Nachwuchs mehr oder weniger aus den eigenen Reihen, erzählt Ulrike Vogt, so wurden die Kinder von Bestattungsunternehmern häufig selbst zu Bestattern und begründeten so nebenbei oft eine lange Familientradition.

Seit August 2003 steht der Beruf der Bestattungsfachkraft erst einmal jedermann offen. Mit der neuen Ausbildungsordnung zur Bestattungsfachkraft „ist eine neue Zeitrechnung angebrochen“, sagt sie. Es ist eine neue Zeitrechnung, die von ihr ohne Wenn und Aber begrüßt wird, denn die moderne Ausbildungsordnung beendet eine Entwicklung, die den Berufsnachwuchs gezielt fördern und vor allem Qualität als oberste Maxime in der Aus- und Fortbildung definieren sollte.

Stephan Neuser ist Generalsekretär des Bundesverbandes Deutscher Bestatter. In Deutschland gibt es rund 4000 Bestattungsunternehmen, wobei der Bundesverband rund 80 Prozent von ihnen repräsentiert. Neuser nennt Nachwuchs-Zahlen: „Bei uns sind derzeit 545 Auszubildende registriert; pro Jahr beginnen zwischen 150 und 180 junge Leute eine Ausbildung zur Bestattungsfachkraft.“

Die Zahlen sind seit Jahren stabil, sagt Neuser, aber die Zahl der Ausbildungsbetriebe sei schlecht abzuschätzen, da in der Regel in den Unternehmen dem Mitarbeiterbedarf entsprechend ausgebildet werde. Bisher hätten mehr als 1500 junge Menschen erfolgreich die Ausbildung zur Bestattungsfachkraft absolviert. So Neuser. „Interessant ist hierbei, dass etwa die Hälfte der Auszubildenden junge Frauen sind.“

Frauen wie Natascha Bruns-Barth. Sie ist seit diesem Jahr Auszubildende und verfügt mit 23 Jahren über eine gewisse Reife, um mit den vielen besonderen Situationen umgehen zu können, die der Beruf mit sich bringt. Ansonsten, sagen Andreas und Ulrike Vogt, „ist es wichtig, dass der Bewerber einfach passt. Schulnoten sind hierbei erst einmal zweitrangig.“ Die Auszubildende hat über ein Praktikum zum Beruf gefunden, in der Berufsschule lernt sie die Theorie, etwa, welche Beisetzungsformen es gibt, was alles organisiert werden muss, was mit dem Umweltschutz ist und welche Gesetze in der Bestattungsbranche relevant sind. Im Betrieb bekommt sie beigebracht, wie der Arbeitsalltag abläuft und wie man mit den Verstorbenen und Hinterbliebenen umgeht. „Es ist schön“, sagt sie, „wenn ich in schweren Zeiten Menschen helfen kann. Das ist ein tolles Gefühl.“ Eine Bestattungsfachkraft ist aber nicht nur für Organisation und Beratung zuständig, sondern auch für die Verstorbenen selbst. Es gehört zu ihren Aufgaben, den Toten abzuholen, etwa aus dem Seniorenheim. Im Bestattungsinstitut wird er dann hygienisch versorgt, eingekleidet und in den Sarg gelegt, der zuvor ausgesucht wurde. Mit den Hinterbliebenen werden organisatorische Gespräche geführt, in denen die Formalitäten geklärt werden: Wer bezahlt die Beerdigung und wo findet sie statt? Wollte der Verstorbene verbrannt werden oder hat er sonstige Wünsche geäußert? Welche Blumenarrangements, welchen Sarg oder welche Urne wählen die Hinterbliebenen aus? Elementarer Bestandteil einer würdigen und guten Bestattung ist neben einer qualifizierten und einfühlsamen Beratung der Umgang mit dem Verstorbenen. Eine sogenannte „hygienische Versorgung“, also das Waschen und Ankleiden eines Verstorbenen, gehört ebenso dazu wie das Arrangement der Trauerfeier, die Möglichkeit einer individuellen Abschiednahme sowie die Erledigung vielfältiger formaler und bürokratischer Vorschriften.

In einem zentralen Punkt sind sich Altmeister Nerge, Andreas und Ulrike Vogt und Azubi Bruns-Bart einig: Menschen brauchen äußere Zeichen einer inneren Verbundenheit. Denn ein Ort, der es Angehörigen ermöglicht, ihre Verstorbenen zu betrauern und das Leben mit ihnen zu reflektieren, sei eminent wichtig. Es habe sich gezeigt, dass bei anonymen Bestattungen die Angehörigen oft über lange Zeit darunter leiden, wenn sie nicht wissen, wo ihre Angehörigen bestattet wurden. Man kann es so formulieren: Der Friedhof bietet die Möglichkeit einer Begegnung mit den Verstorbenen und den Lebenden sowie einer Auseinandersetzung mit den Fragen von Leben und Tod.



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